1924: Und läuft und läuft und - läuft?

Obwohl sich die gesamtwirtschaftliche Lage nach der Einführung der Rentenmark im November 1923 wieder bessert, gilt dies nicht für die Automobilindustrie. Für die Arbeiterschaft lagen selbst die Preise für die technisch schlichtesten "Volksautos" weit außer Reichweite, aber auch der Mittelstand, das eigentliche Kundenreservoir für den Massenabsatz von Automobilen, ist durch die Inflationskatastrophe des Jahres 1923 schwer geschädigt worden: wer sein Geldvermögen nicht in Sachwerte anlegen konnte, ist verarmt. Die Branche gerät in eine massive Überproduktionskrise. Ein großer Teil der nach dem Krieg gegründeten Automobilwerke verschwindet nach der Währungsstabilisierung rasch vom Markt.
Immer noch in der Hoffnung, der Erwerb des Firmengeländes könnte bei der Kapitalaufstockung helfen, erreicht Dr. Bölling am 19.4.1924 endlich den Abschluß eines Kaufvertrages, auf Wunsch der Stadt auf Goldbasis. "Der Kaufpreis beträgt 57.348 kg ... Feingold als festen Wert von 160.000 ... Goldmark." Die festgesetzte Tilgungszeit reicht bis ins Jahr 1951!
Doch die Firma ist offensichtlich bereits in erheblichen Zahlungsschwierigkeiten. Weder ist sie in der Lage, die Tilgungsraten wie vereinbart abzutragen, noch vermag sie die noch ausstehenden Mietschulden zu begleichen. Man ist gezwungen, Forderungen der Bank (Randebrock, Naumburg) und Lieferanten (Continental, Hannover) durch Sicherungsübereignungen noch unfertiger Kraftwagen zu befriedigen.

Die Modellreihe wird durch Modifikationen des "Volkswagens" ergänzt: Das Grundmodell wird ständig überarbeitet, die "Torpedoform" ist mittlerweile einer konventionelleren Karosseriegestaltung gewichen. Die Motorleistung wird auf 22 PS gesteigert. Der Zweizylinder erhält ein neues Allwetterverdeck, eine viersitzige Variante entsteht, an weiteren Prototypen für eine Limousine wird gearbeitet. Ein 1-t-Lastwagen und ein 3/4-t-Lieferwagen runden das Programm ab. Wohl hauptsächlich aus Werbegründen, vielleicht aber auch aus sportlichem und technischem Ehrgeiz baut Peter & Moritz einige Rennwagen, die u. a. in Berlin auf der Radrennbahn eingesetzt werden.
Aber in diesem Jahr wird mit dem Opel "Laubfrosch" das erste deutsche Großserienauto am Fließband gefertigt.

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"Herr Kreilmeyer, Sieger seiner Klasse im Naumburger Bergrennen 1924 auf Peter & Moritz mit Continental-Reifen" Das neue Modell ist deutlich größer als sein Vorgänger - und es hat keine "Torpedoform" mehr. Dr. Bölling ist der Vertreter der Kapitalgeber und spielt eine etwas undurchsichtige Rolle.

11.2.24 PM an Stadt
"Sie wollen ferner bedenken, Herr Oberbürgermeister, daß wir 150 Arbeiter und Angestellte vorläufig beschäftigen und daß wir durch eine Verpflichtung, den Sitz der Gesellschaft in Naumburg zu belassen, den ganzen Steuerbetrag der Stadt zuwenden. [...]
Nachdem schon für November und Dezember eine für die jetzigen Zeiten und Verdienstmöglichkeiten der Autoindustrie zu hohe Miete einseitig festgesetzt war, wurde sie für Januar wiederum einseitig erhöht [...] Wir [...] erkennen die einseitige Festsetzung der Miete nicht an, weil sie für die Gesellschaft unter den jetzigen wirtschaftlichen Verhältnissen im allgemeinen und im besonderen für die im laufenden Jahre um ihre Existenz kämpfende Automobilindustrie unerträglich ist. [...]"


24.4.24: Magistrat an PM
"Nachdem nunmehr der Kaufvertrag über die Ihnen mietweise überlassenen Gebäulichkeiten des ehemaligen Artilleriedepots zustandegekommen ist, bitten wir unter Bezugnahme auf die Zusage im Schlusssatz obigen Schreibens, die noch restliche Miete und Abgaben nunmehr zu begleichen. Es waren zu zahlen: [...] 2.276,65 GM. Auf diesen Betrag zahlten Sie am 16.1.1924: 300 GM, so dass noch ein Betrag von 1.976,65 GM zu zahlen ist."

26.5.24 PM an Magistrat
"Unter Berücksichtigung der allgemeinen Barmittelknappheit und des Umstandes, der bereits seit Wochen sehr schwer ist irgend welche Barmittel zu beschaffen, sprechen wir hiermit die Bitte aus, die auf den Kauf des Grundstücks erbetenen Stempel und Steuergebühren uns bis auf weiteres zu stunden..."

26.6.24 PM an OB
"... bitten wir höflichst unter Berücksichtigung der zur Zeit ausserordentlich schlechten Wirtschaftslage den unseren Grundstückskauf betreffenden auf den 1. Juli festgesetzten Termin zunächst auf den 1. Oktober dieses Jahres zu verschieben, da infolge der überaus angesprannten Lage auf dem Geldmarkt es uns entgegen unserem Programme im Augenblick nicht möglich ist, die entsprechende Summe flüssig zu machen..."

Juli 24 Magistrat an PM
"Mit Rüchsicht darauf, dass Ihre Mietrückstände bei uns immer grösser werden und der in dem Kaufvertrage vorgesehene Termin längst überschritten ist, können wir es nicht länger verantworten, das Rechtsverhältnis in der Schwebe zu lassen.
Zunächst müssen wir mit aller Entschiedenheit verlangen, dass die rückständige Miete umgehend gezahlt und wir mit unseren Forderungen nicht ständig hinter Ihren anderen Verpflichtungen zurückgestellt werden..."


2.12.24 Magistrat an PM
"[...] Wir wollen den nchsten Zahlungstermin, den 13. Dezember, noch abwarten, bevor wir zur Erlangeung unserer Miete pp. weitere Schritte unternehmen. Sollte bis zu diesem Tage jedoch die versprochene Abschlagszahlung in Höhe von 2.000 M nicht eingegangen sein, dann werden wir gezwungen sein, die fruchtlosen Verhandlungen zur Erlangung unserer Miete abzubrechen und die Hilfe des Gerichts in Anspruch zu nehmen. Wir sind Ihnen weitgehend entgegengekommen und haben es bisher nicht zur Verhandlung vor dem Amtsgericht kommen lassen. Für die Folge ist uns jedoch ein weiteres Entgegenkommen nicht möglich, denn es steht ausser Zweifel, dass die Mietschuld um so weniger von Ihnen getilgt werden kann, je höher sie anwächst."