1923: Kleinwagenproduktion im Inflationsjahr

Die Betriebsverlegung nach Naumburg und der Aufbau der Produktion hier fällt in die schlimmsten Monate der Nachkriegsinflation. Die Inflationszeit aber hat paradoxe Auswirkungen auf die Automobilindustrie. Die allenthalben stattfindende Flucht in die Sachwerte führt dazu, daß eine erhöhte Nachfrage nach Automobilen entsteht. In der Folge schießen "Autofabriken" aus dem Boden. Auf dem Höhepunkt dieser Gründunswelle produzieren in Deutschland etwa 80 Firme Automobile, die meisten davon sogenannte "Volkswagen". Noch können die Autobauer hoffen, zu den Inflationsgewinnern zu gehören. Auch die Peter-Moritz-Wagen scheinen sich gut zu verkaufen. Probleme mit der rasenden Geldentwertung führen zur Änderungen des Mietvertrages zwischen Stadt und Peter & Moritz. Die Stadt verzichtet vorerst auf die Hinterlegung einer Jahresmiete. Unterdessen verhandelt Peter & Moritz weiterhin über den Ankauf des Werksgeländes. Angebote und Forderungen laufen aber einander davon: hatte man sich Anfang 1922 fast bei etwa einer Million Mark geeinigt, so liegt das letzte Angebot des Jahres schon bei "4 bis 5 Millionen", worauf die Stadt sich aber nicht mehr einläßt. Wie dringend der Grundstückserwerb für den Automobilhersteller aber erscheint, wird aus dem Nachdruck deutlich, mit dem Dr. Bölling die Stadt zum Vertragsabschluß zu drängen versucht. Der Magistrat aber lehnt wohlweislich jedes "Papiergeldgeschäft" ab und strebt allenfalls ein Geschäft auf Goldmark-Basis an.

PM1923_35Die neue Fabrikhalle eröffnet die Möglichkeit rationellerer Serienfertigung.

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Durch kontinuierliche Modellpflege wird der unscheinbare "Peter-Moritz-Wagen" langsam zum attraktiven Kleinwagen.

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Gleichzeitig beginnt die Firma, andere Modellreichen zu entwickeln, wie etwa den abgebildeten Kleinlastwagen.

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1.12.22: Mietvertragsänderung auf Wunsch der Firma
"Von der Hinterlegung einer Jahresmiete als Sicherheit für die Vertragserfüllung wird abgesehen, wenn Mieterin die Miete für das folgende Kalenderjahr schon am 15. Oktober des vorhergehenden Kalenderjahres zahlt."

1.12.22: Dr. Bölling an Magistrat
"Die Gesellschaft hat ein Aktienkapital von 5,1 Millionen und hat infolge ihres kurzen Bestehens keine Reserven. Sie bedarf einer Erhöhung ihres Kapitals und der Aufnahme einer Obligationsanleihe, um ihr Programm durchführen zu können. Die Mittel hierfür sind der Gesellschaft in Höhe von 20 Millionen zur Verfügung gestellt worden unter der Bedingung, dass die Gesellschaft Eigenthümerin des Grundstückes wird. Im anderen Falle ist das nötige Kapital nicht heranzuschaffen, weil der Geldmarkt ausserordentlich angespannt ist. Mangels obiger Summe ist die Gesellschaftverdammt die Fabrikation in Naumburg aufzugeben und lediglich die Zusammensetzung der an anderem Orte vorgenommenen Fabrikation in Naumburg mit einer kleinen Arbeiterzahl vorzunehmen. Einnahmen aus der Fabrikation fliessen dann mit den Steuererträgen an die Gesellschaft ausserhalb. Die weitere Folge ist dass das Unternehmen in Naumburg nur eine untergeordnete Bedeutung erhält, seine Selbständigkeit verliert. Das schlimmste Ergebnis einer solchen Politik der Stadt ist das, dass das Grundstück, das sich an sich dazu eignet ein grosses Werk entstehen zu lassen, unwirtschaftlich daliegt und dadurch weder der Stadt noch der Gesellschaft den entsprechenden Nutzen bringt.
Der Gesellschaft stehen [nach der Kapitalerhöhung] 20 Millionen zur Verfügung, wie oben gesagt. Von dieser Summe müssen 5 bis 8 Millionen in die Gebäude gesteckt werden. Von dem Rest müssen Rohstoffe gekauft werden, um die andauernde Fabrikation zu sichern. Wenn wir also von der Kapitalserhöhung 4 bis 5 Millionen für das Grundstück ausgeben, so bedeutet das für die Gesellschaft sehr viel. Würde sie mehr für das Grundstück zahlen, so kann sie entweder die Gebäude nicht umbauen oder keine Materialien kaufen, dann ist der Grundbesitz wieder unwirtschaftlich..."


20.7.23: Magistratsbeschluß
"1. Die von der kaufenden Firma Peter & Moritz vorgeschlagene Zahlungsart mit 10.000 Goldmark sofort und je 5.000 Goldmark in 8 Jahresraten, wird als unannehmbar abgelehnt.
2. Es soll jedoch weiter verhandelt und mindestens erreicht werden: 20.000 Goldmark sofort, 15.000 Goldmark nach einem Jahre, die restlichen 15.000 Goldmark nach 2 Jahren; die gestundeten Beträge sollen auf Goldbasis mit mindestens 5% verzinst werden."