Da sich bald die mangelnde Kapitaldecke des jungen Unternehmens - keiner der persönlich haftenden Gesellschafter verfügt über ein nennenswertes Vermögen - entwicklungshemmend bemerkbar macht, wird die Firma zur Aktiengesellschaft umgewandelt, die OHG erlischt am 15.2.1921. Aufsichtsratsvorsitzender der AG wird der Zeitzer Kaufmann Oswald Kunisch. C. W. Gehring wird technischer Leiter und im Januar 1921 Prokurist. Als im Herbst des Jahres eine Kapitalerhöhung durchgeführt wird, geht die Mehrheit der Anteile an einen Berliner Investor. In dieser Zeit zeichnet sich ab, daß das Reichsvermögensamt auch das 1899 gemietete Gelände Weißenfelser Str. 57 mit den beiden dort befindlichen Wagenhäusern und einem Arbeitsschuppen, das Munitionsmagazin hinter der Stadtgärtnerei und das Friedenspulvermagazin des Artillerie-Depots an die Stadt zurückgeben wird. Wie auch für andere ziviler Nutzung zugeführte ehemalige Kasernengebäude sucht die Stadt auch für diese einen gewerblichen Mieter. Noch bevor das Gelände öffentlich ausgeschrieben wird, meldet die Firma Peter & Moritz, Eisenberg, ihr Interesse an. In den zuversichtlichsten Tönen schildert sie ihre gegenwärtige finanzielle Situation, ihre hervorragende Auftragslage und vor allem die rosige Zukunft des Automobilbaus in Naumburg.

pm plan

Das Kasernen-Gelände in der Weißenfelser Straße.

bismarck-kaserne02
bismarck-kaserne
Der Magistrat - nicht sehr erfahren im Umgang mit Industriebetrieben - läßt Solvenz und Leumund des Unternehmens prüfen, insbesondere aber läßt er sich versichern, daß von dem Betrieb weder Lärm- noch andere Belästigungen ausgehen, zumal die mit beeindruckenden Beamtentiteln versehenen Leiter der in unmittelbarer Nachbarschaft untergebrachten "Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft" solche Bedenken angemeldet haben. Am 30.11.21, zwei Wochen nach dem ersten Kontakt, wird der Mietvertrag auf 20 Jahre "zum Zwecke der Erzeugung von Kraftwagen" geschlossen. "Der Mietzins beträgt 40.000 M jährlich und ist in vierteljährlichen Vorauszahlungen zu entrichten." Naumburg ist damit auf dem Weg zur Autostadt.
PM1919_Eisenberg_36

Drei fast fertiggestellte Fahrzeuge des ersten Modells in der Eisenberger Werkstatt. Der Expansionsdrang der Firmengründer ließ sie nach einer größeren Fabrikationsstätte suchen...

15.11.21: P&M an OB
"Wir beabsichtigen wegen Platzmangel unsere Fabrik, in der wir zur Zeit etwa 120 Leute beschäftigen, von Eisenberg nach irgend einer Stadt, in der wir geeignete Gebäude erhalten können, zu verlegen. Zu ihrer Aufklärung diene Ihnen, dass wir bereits seit 2 Jahren fabrizieren und zwar handelt es sich um die Fabrikation des bereits im In- und Ausland glänzend bewähreten Peter-Moritz-Wagen, über welchen wir Prospekt und Referenzenliste beifügen und von welchem bereits über 100 Stück laufen. Unsere Firma ist kapitalkräftig genug, um jede gewünschte Garantie zur Sicherstellung der Miete, die verlangt werden könnte, zu leisten und da wir ungefähr die 5-6 fache Menge Wagen auf der Berliner Ausstellung und daran angschliessend verkauft haben, als wir in Eisenberg im Laufe des kommenden Jahres produzieren könnten und andererseits es volkswirtschaftlich ein grober Unfug wäre, industrielle Neubauten zu errichten, wenn in anderen Städten geeignete Räume zur Verfügung stehen, so est es unsere Absicht, nachdem Vergrösserungsmöglichkeiten in Eisenberg nicht besteht und an Neubauten infolge des inzwichen eingetretenen Frostes auch nicht zu denken ist, andererseits die Platzfrage einer beschleunigten Lösung, zwecks Ausführung der vorliegenden Bestellungen, bedarf, die vorangeführten Wagenhäuser und Schuppen von der Stadt Naumburg mietsweise zu übernehmen, einschliesslich dem dazugehörigen Gelände bei einer Mietsdauer von möglichst 10 Jahren. Es wird voraussichtlich notwendig sein, zur Durchführung unseres Bauprogramms, welches sich auf eine Herstellung von mindestens 60-80 Wagen des gleichen Typs monatlich beläuft, ca 200-250 Arbeiter einzustellen. Diese Anzahl Arbeiter ist in Naumburg ohne weiteres zu erhalten und viele Arbeiter, die zur Zeit arbeitslos oder aber in Naumburg ansässige Arbeiter, die auswärts in Kohlengruben etc. vielleicht ganz ausserhalb ihres Berufes tätig sind, zu beschäftigen. Es läge also auch die Verlegung unseres Werkes nach Naumburg in volkswirtschaftlichem Interesse, ganz abgesehen davon, dass die Stadt Naumburg selbst ihre Vorteile durch beträchtliche Vergrösserung des Fremdenverkehrs, Abführung von Steuern und eine neu emporblühende Industrie hätte. Wir möchten als Beispiel anführen, dass mit Ausnahme der Wagen, die nach Uebersee und nach dem Balkan, sowie Schweden und Dänemark, verladen, die Fahrzeuge meistens per Achse an den Bestimmungsort überführt werden. Die Käufer bleiben dabei mehrere Tage hier und machen in den meisten Fällen beträchtliche Einkäufe."

24.11.21: Auskünfte
"Stadtkämmerer Kramer (persönlich mit Peters bekannt) hält die pekuniären Verhältnisse für geordnet. Er bezeichnet die Inhaber als tätige Leute die große Aufträge haben (etwa 100 Arbeiter). Auf der Hamburger Ausstellung sind die Kleinwagen mehrfach ausgezeichnet worden und haben große Aufträge erhalten. [...] Bankdirektor der Thüringer Landesbank Rätzel gibt vertraulich die beste Auskunft über die Firma. Das ursprüngliche Aktienkapital von 900.000 M ist kürzlich auf 2½ Millionen erhöht. Die jungen Akten werden jetzt ausgegeben, befinden sich aber schon jetzt nahezu vollständig im Besitz eines Berliner Finanzmannes. Vorsitzender des Aufsichtsrats Herr Ernst Kunisch in Zeitz, der sicherlich da der Berliner Herr die Stimmenmehrheit schon jetzt besitzt, am längsten Vorsitzender gewesen ist. Die junge Firma hat schwierige Zeiten hinter sich, aber durch Fleiß u. Tüchtigkeit der Inhaber ist sie jetzt über den Rubikon. Die Bank hat stets volles Zutrauen in die Firma gesetzt, deren Inhaber äußerst fleißig und tüchtig sind und die Unterstützung der Bank voll rechtfertigen. Herr Direktor Rätzel bezeichnet es als einen Verlust für Eisenberg wenn ein solches, tüchtig geleitetes und mit reichlichen Aufträgen versehenes Werk der Stadt verloren ginge."

25.11.21:
Beschluß des Magistrats "Von einer Ausschreibung wird abgesehen. Die Vermietung der Wagenhäuser 1 und 2 an die Autowerke Peter & Moritz wird beschlossen."