Klingers Grab - die Hermen

Max Klingers Grabstätte

Auf eigenen Wunsch wurde Max Klinger am 8. Juli 1920 auf seinem Weinberg beerdigt. Die Gestaltung der Grabstätte erfolgte durch Johannes Hartmann, einen Freund Klingers. Über dem Grab wurde Wunsch des Verstorbenen die Bronze-Figur "Athlet" aufgestellt, die ursprünglich für die Figurengruppe "Genie und Leidenschaft" vorgesehen war. Den Zugang zur Grabstätte säumen zwei Marmor-Hermen von der Hand Hartmanns, die Max Klinger und seine Frau Gertrud zeigen.

Klingers Grab - der AthletKlingers Grab - der Athlet

Am 16. Juli 1920 berichtete das Naumburger Tageblatt ausführlich über die feierliche Beerdigung Max Klingers auf dem Gelände seines Weinberges. Umfang und Stil des Berichtes veranschaulichen, welche Verehrung Klinger von vielen seiner Zeitgenossen entgegengebracht wurde:

"Eine Wettersymphonie ohnegleichen brach los am Nachmittage, da Klinger bestattet werden sollte. Blitze zuckten ohne Zahl und langrollender Donner, schwere schmetternde Schläge machten die ganz Natur erbeben und bei jedem Schlage stürzten Wassermassen herab und der dunkle Himmel mochte sich nicht aufhellen. Erst als die Stunde nahte, die zur Totenfeier festgesetzt war, hatten sich ringsum die Gewitter einigermaßen beruhigt und das Unwetter ließ nach. Da sich nun die Teilnehmer auf der Höhe versammelten, standen ringsum dunkle Rauchwolken von den Bränden, die der Blitzschlag verursacht hatte. Noch während der Feier rollte dumpf der Donner. Die großen italienischen Weinamphoren, die Klinger als Regenwasserfässer dienten, waren übergelaufen. Seine gemauerte Gruft mußte von großen Wassermassen befreit werden. Tannen und dunkle Kiefern umsäumen diese Stätte, wo er zu ruhen gewünscht hat und der Ausblick auf das Unstrut- und Saaletal ist herrlich.

Klingers Sarg steht in wundervoller Schmucklosigkeit in dem Arbeitszimmer, dessen grüner, mit weißen Figürchen gezierter Kachelofen ein eigenes, einzigartiges Werk des Künstlers ist. Hier hält der Geistliche von Großjena, Konsistorialrat Superintendent Pickert die Trauerrede, in der er Gemüt und Geist aufs schönste nahe brachte, was uns Gott an dem großen Künstler gegeben, und was nicht nur die ihm Nahestehenden, sondern wir alle in ihm verloren haben. - Vor der geschlossenen Glasveranda, in der Klinger auf der Chaiselongue lagernd vom Tode ereilt wurde, sind die wundervollen Kränze und Palmenzweige, auf dem Wege nach der Gruft ausgebreitet. Vielfach bemerkte man dabei die Leipziger Stadtfarben, blau und gelb.

Klingers SargMax Klingers Sarg unmittelbar vor der Beisetzung 1920

Unter den kostbaren Spenden (die von Verwandten, vielen künstlerischen Vereinigungen, der Münchener „Jugend“, dem Nietzsche-Archiv u. v. a. gestiftet, die schon vorhandene Blumenpracht des Gartens vermehrten) befand sich auch die Kranzspende der Stadt Naumburg mit Schleife in den Stadtfarben (gleich einer Anzahl der schon genannten von Georg Mattes in Naumburg hergestellt.) Erhebende Musik, in der denkbar wundervollsten Ausführung durch Künstler des Leipziger Gewandhauses (an ihrer Spitze Klingers Freund Professor Julius Klengel) weihte die Feierlichkeit und erklang noch, als nun der Sarg aus dem Hause zur Gruft auf die weitschauende Bergeshöhe hinaufgetragen wurde, ein schwerer dunkelgebeizter Bohlensarg, der als einzigen Schmuck einen großen goldenen Eichenkranz trägt, um das Kopfende gelegt und mit heliotropfarbenem Stoff umschlungen. Dem Sarge vorangetragen wird die Fahne des Militärvereins 107 aus Leipzig, dessen Mitglied und Jubilar der Verstorbene war.

Klingers Gattin schreitet hinter dem Sarge, geleitet vom Maler Haferkorn, Klingers liebem Freunde. Auf dem Sarge sieht man die vornehmsten Auszeichnungen des Künstlers. Geheimer Hofrat Professor Dr. med. h. c. et phil. h. c. Max Klinger war Ritter des Ordens pour le mérite, des Bayerischen Maximiliansordens f. W. u. Kunst, Komthur des sächsischen Albrechtsordens und eines hohen Sachsen-Weimarischen Ordens, Ehrenmitglied auswärtiger Akademien und Künstlervereinigungen. Das waren die hohen äußeren Ehren des Mannes, der als einer unserer größten Geister im Umgange mit andern die Einfachheit selbst war und sich am liebsten unter seinem Namen angeredet hörte.

Max Klingers BeerdigungMax Klingers Beerdigung

Nun ward der Sarg mit dem Meister in die Gruft hinabgesenkt, Tropfen fallen, dumpfes Donnerrollen ertönt. Der Geistliche spricht den Segen und das Vaterunser, und dann folgte eine lange Reihe von längeren und kürzeren Worten derer, die Kränze niederlegten. Als erster trat Geheimrat Prof. Dr. Studniczka heran als Vertreter der Universität Leipzig, die Klinger das herrliche Riesengemälde ihrer Aula verdankt. Er gab in längerer gewählter Ansprache ein Bild nicht nur des Menschen und Freundes, sondern als Kunstgelehrter eine höchst fesselnde Darlegung der künstlerischen Größe und der Arbeitsfreudigkeit des Verstorbenen. Nur zu rasch hat sich die gewaltige Persönlichkeit und mächtige Arbeitskraft verzehrt gehabt. Nun aber müssen wir ihm danken, so schloß die feinsinnige Rede, für das Große, was er uns geschenkt hat. Nun möge er ruhen auf diesem schönen Fleckchen Erde, das er selbst gewählt hat, wo herübergrüßen die Türme des ehrwürdigen alten Domes, in dem die wundervollsten Meisterwerke mittelalterlicher Kunst enthalten sind. Sein Geist soll bei uns bleiben als einer von den Schutzgeistern unseres Volkes, daß er uns helfe aus dunkler Nacht zu besseren Tagen.

Max Klingers BeerdigungDie Trauergemeinde am Grab, links die Witwe Gertrud Klinger . Oberbürgermeister Dr. Rothe aus Leipzig sagte: Die Stadt Leipzig steht tieftrauernd am Sarge eines ihrer größten Söhne. Leipzig ist stolz darauf, daß es der Mittelpunkt seines Schaffens war, und von dort aus seine Meisterwerke sich über die ganz Welt verbreiten. Krankheit und Tod haben verhindert mehr zu leisten. Lipsia neigt trauernd ihr Haupt am Grabe des Meisters. Sie legt ihm den Lorbeer zu Füßen in Bewunderung, Dankbarkeit, in Stolz und Treue. Requiescat in pace. Professor Dr. Julius Vogel legt namens des Museums für bildende Künste in Leipzig den Lorbeer nieder an dem Grabe des Künstlers, mit der er 33 Jahre lang befreundet war, als Huldigung des unsterblichen Genius, der sich in seinen Werken offenbart. Dank für alles was er geschaffen, entbietet ihm den letzten Gruß aus dieser Welt, in der sein Name, so lange ein deutsches Wort erklingt, nie verlöschen wird.

Max Klingers BeerdigungMax Klingers Beerdigung

Ferner sprechen noch Geheimrat Professor Licht-Leipzig für die Akademie der Künste in Berlin; während der vorige für die Berliner Sezession einen Kranz niedergelegt hat. Die große Künstlerin Käthe Kollwitz aus Berlin, die erste Frau, die Professorin wurde, sagte dem toten Meister Lebewohl und Dank. Für den Akademischen Rat in Dresden spricht Professor Sterl, für die von Max Klinger gegründete Villa Romanastiftung Dr. Hirzel-Leipzig, für den Deutschen Künstlerbund Graf Kalckreuth, für die Akademie für graphische Künste in Leipzig Dr. Zeuler, für die Leipziger Jahresausstellung Professor Johannes Hartmann-Leipzig, für den Kunstgewerbeverein Hofrat Drechsler, für die Münchener „Jugend“ der Münchener Künstler Langheinrich, als Wortführer eines Jungmännerbundes hält ein junger Mann einen frischgrünen Zweig empor und entbietet dem Meister mit diesem Eichenwipfel einen letzten Gruß.

Im Namen des heranwachsenden Volkes spricht noch ein letzter Redner zu dem toten Meister. Ich spüre deinen Geist. Als er starb, da brach es wie Naturgewalt über diese Gegend her und der Titanenkampf setzte heute wieder ein. Es ist das ein Zurückverwandeln deiner Kräfte. Aber du lebst, ich spüre es. Diese Stätte, sagt er prophetisch, wird der Anlaß sein, daß unser Volk wieder zur Ruhe kommt. Diese Kraft wird unser Volk wieder bekommen aus deinen Werken, durch deine Kunst wird das Volk wieder sich besinnen - Außer den Genannten waren unter der zahlreichen Trauergemeinde u. a. noch zu bemerken: Dr. Stettenheim, Prof. Graul, Direktor des Kunstgewerbemuseums, Verlagsbuchhändler Seemann, Professoren der Akademie für Buchgewerbe und graphische Künste, Professor Horst-Schulze, Kreishauptmann Lange, Baurat Bühring, sämtlich aus Leipzig. Der dortige Oberbürgermeister war im Kraftwagen gekommen. Naumburger waren zahlreich vertreten, insbesondere Oberbürgermeister Dietrich, Konsistorialpräsident D. Glasewald usw., und eine Anzahl Naumburger und Kösener Damen. Von Großjena waren der Gemeindevorsteher und die Schöffen erschienen. - Beileidstelegramme sind u. a. eingegangen von den Oberbürgermeistern aus Berlin, Dresden, Wien, von der Akademie in Wien usw. Kinematographische Aufnahmen zur Berichterstattung für die Meßterwoche Berlin wurden besorgt von der Signalfilmgesellschaft Leipzig, und unser Naumburger Meister Wolleschack hielt Bilder für die Erinnerung fest. Viele Pressevertreter aus Leipzig und Berlin waren erschienen.

Als Denkmal für die Gruft wird ein vom Meister selbstgeschaffenes Werk 'Der Athlet' überlebensgroß, in schwarzem Marmor, Aufstellung finden. Er ist noch in der Leipziger Werkstätte des Künstlers."

Den Film von der Beerdigung können sie in der Ausstellung sehen!