Vom Kammmacher-Handwerk zur Kamm-Industrie

Die Kammherstellung hat in Naumburg eine lange Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht.
Im 17. Jahrhundert lassen sich die ersten spezialisierten Kammacher nachweisen.

Die Kammacher verarbeiteten vornehmlich Horn (und lange Zeit auch Bein) zu Kämmen aller Art. Aber auch Buchsbaumholz, Elfenbein und Schildpatt fanden Verwendung. Die Produktpalette reichte von den einfachen Staub- und Nissenkämmen bis hin zu modischen Steckkämmen.
Die traditionelle handwerkliche Organisation der Kammherstellung fand Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Ende. Es waren die aus Ödenburg in Ungarn eingewanderten Meister Johann Mahr und Andreas Brunhuber, die als erste begannen, manufakturähnliche Betriebe einzurichten. In diesen “Fabriken” arbeiteten gelernte und ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen, die Kämme und verwandte Artikel in großer Menge herstellten.
Um die Jahrhundertwende waren in Naumburg 2-300 Personen in der Kammacherei beschäftigt. Zunehmend wurden nun künstliche Massen - Hartgummi, Zelluloid usw. - anstelle der teureren und aufwendiger zu verarbeitenden Naturmaterialien verwandt. Auch Maschinen - Sägen, Poliermaschinen, Formpressen, später dann Spritzgußmaschinen - kamen nun zum Einsatz.
Nach dem ersten Weltkrieg geriet die Kammindustrie in ein anhaltende Krise. Die vorherrschende Kurzhaarmode einerseits, die fortschreitende Rationalisierung der Produktion andererseits führten in ihrer Konsequenz zu einem nachhaltigen Rückgang der Arbeitsplätze. Dennoch bestanden einige Betriebe fort. Noch 1972 bestanden vier Firmen, die damals im VEB Kamm- und Haarschmuck aufgingen. Aus diesem ist schließlich im Wege der Reprivatisierung die letzte noch produzierende Firma Meißner Kamm GmbH hervorgegangen.


Pierer's Universal-Lexikon 4. Aufl. 1857ff: Stichwort Kammmacher: Kammmacher, zünftige Handwerker, welche allerlei Kämme aus Horn, Schildkrot u. Elfenbein, seltener aus Buchsbaum- u. Ebenholz od. aus Metallen verfertigen. Sie lernen 4 bis 6 Jahre u. erhalten Geschenke auf der Wanderschaft. Bei den Hornkämmen bereiten sie sich zunächst aus dem hohlen Theile des Hornes, nach Entfernung der knochigen Ausfüllung desselben, Schrote, indem sie das Horn auf der Schrotsäge in röhrenförmige Stücke zersägen; diese Schrote der Länge nach aufgeschnitten, mittelst Wasser, Wärme u. Druck aufgebogen u. eben ausgebreitet, liefern so die Kammplatten, welche zu ganz dünnen Platten zersägt (geörtert) od. mittels Meißel gespaltet werden. Platten, welche nach der Länge od. spiral um das Horn heraus geschnitten werden, liefern zwar längere, aber minder haltbare Kämme. Alsdann werden die dünnen Platten an der Seite, wo die Zähne hinkommen sollen, mit dem Behaumesser keilförmig zugeschärft (behauen), dann mit dem Bockmesser glatt geschabt (Bock geschabt) u. wenn die Zähne runde Spitzen bekommen sollen, an dieser Seite gerundet u. mit der Bestoßfeile geebnet (bestoßen). Sodann wird mit dem Riß (s.d.) auf der Platte eine Linie gezogen, bis zu welcher die Zähne eingeschnitten werden. Bei groben Kämmen geschieht das Einschneiden der Zähne mit dem Schneideeisen, einer Art Stichsäge, wobei die Entfernung der Zähne nach dem Augenmaße bestimmt wird; das gröbste Schneideeisen ist die Baßgeige, dann folgt das Pferdekammeisen u. das Frisireisen. Bei feineren Kämmen geschieht das Einschneiden (Rumpeln) mit dem Rumpel, bei den feinsten endlich mit dem Frisirzeug, dem Gemeinzeug u. dem Staubzeug. Diese Werkzeuge bestehen aus zwei dünnen Sägeblättern, welche in einem hölzernen Gestelle so nahe neben einander eingespannt sind, als die Kammzähne stark werden sollen; doch steht das andere Sägeblatt etwas zurück, so daß es nur einen kleinen Einschnitt macht, während das erste den Zahn bis zur gehörigen Tiefe durchschneidet; dieser Einschnitt dient zum Zeichen, wo der Rumpel wieder angesetzt werden muß. Der Engländer William Bundy erfand eine Maschine, mit welcher alle Zähne eines Kammes auf einmal eingeschnitten werden (Kammschneidemaschine). Nachher werden die Zähne spitzig gefeilt (angespitzt) u. gerundet. Die so weit fertigen Kämme werden nun noch geglättet u. polirt, d.h. mit einem Messer beschabt, mit Schachthalmen od. klarem Bimsstein u. dann mit klarem Tripel od. Kreide, mittelst eines Stückes Filz abgerieben. Zuletzt werden die Kämme mit Öl bestrichen, dieses mit Hornspänen abgerieben u. mit einem leinenen Tuche abgewischt. Durch diese Behandlung kann auch alten Kämmen wieder ein gutes Ansehen gegeben werden. Verzierungen auf Kämmen werden mit einer Laubsäge eingeschnitten od. mit Formen auf den erwärmten Kamm gepreßt. Um dem Horn braune Flecken zu geben u. es dadurch dem Schildpatt ähnlich zu machen, trägt der K. eine Masse von Mennig, Pottasche, Kalk u. Wasser da auf, wo die Flecken werden sollen. Die Fabrikation der Kämme bildet in einzelnen Fabrikorten Deutschlands einen wichtigen Erwerbzweig, sehr große Etablissements befinden sich in England; in Aberdeen (Schottland) verarbeitet eine einzige Fabrik jährlich ungefähr 730,000 Ochsenhörner u. 4,000,000 Pferdehufe zu Kämmen Die Verfertigung der Schildkrot- u. Elfenbeinkämme geschieht auf ähnliche Weise; doch kauft der K. die Schildkrotplatten fertig. Die K. verfertigen auch andere Gegenstände von Horn, wozu keine Drehbank nöthig ist, z.B. Pulverhörner, Nachtwächterhörner, Löffel, Gabeln, Wagschalen etc. Vgl. Pätz, Handbuch für K., Quedlinb. 1834; H. Kühn, Handbuch für K. etc., Weimar 1841.