C-A-F-F-E-E, trink nicht soviel Caffee.

Aus der Frühzeit der Naumburger Kaffee-Häuser
[Siegfried Wagner und Ursula Dittrich-Wagner]

Wie viele andere Lebensmittel, die von unserem Speiseplan nicht mehr wegzudenken sind, gehört auch der Kaffee zu jenen exotischen Köstlichkeiten, die erst im 17. und 18. Jahrhundert in Europa populär wurden. Wie Kartoffel und Tomate, Mais und Paprika, aber auch Tee und Kakao, bereichert der ursprünglich nur in Ostafrika wachsende Kaffee seitdem auch das kulinarische Spektrum der traditionell eher schlichten mitteleuropäischen Küche. Dabei setzte sich keine dieser Speisen ohne weiteres durch, sie alle begegneten zuerst Vorbehalten und Vorurteilen und insbesondere dem als Droge verdächtigten Kaffee wurde lange Zeit ein erhebliches Maß an Mißtrauen entgegengebracht. Seltsamerweise unterstellte man dem fremdländischen Getränk lange Zeit genauso vorwurfsvoll wie falsch jene Folgen, die den herkömmlichen alkoholhaltigen Durstlöschern Bier, Most, Wein und Schnaps ganz offensichtlich eigen waren: er mache süchtig, sei moralgefährdend, mache krank. Und nicht nur das: war der Kaffee nicht dazu noch das Lieblingsgetränk der Türken, die den falschen Gott anbeteten und sich anschickten, Europa Stück für Stück zu erobern? Andererseits, können wir uns heute noch vorstellen, was die Wohlgerüche Arabiens, zu denen der Kaffee gehört, für eine Zeit bedeuteten, die so sehr unter ihrem eigenen Gestank litt wie keine davor oder danach? Geschichten und Mutmaßungen ranken sich um die Einführung der geheimnisvollen “Bohne” auf allen Ebenen der Geschichtsschreibung. Die frühe Geschichte des Kaffees in Europa enthält “so viel Anekdotisches, Pittoreskes und Ungesichertes”, schrieb der große französische Historiker Fernand Braudel, “daß wir Gefahr laufen, uns ganz darin zu verlieren”. Ein Blick in die Akten des Naumburger Stadtarchivs zeigt, daß sich dies auch auf lokaler Ebene nicht anders verhält.

Obwohl schon um 1590 vereinzelt abendländische Reisende von dem im Orient seit etwa einem Jahrhundert gebräuchlichen Getränk Cahué berichteten, dauerte es doch noch Jahrzehnte, bis der “Türkentrank” in Europa allgemeiner bekannt wurde. In den Handelszentren Italiens, Englands, Frankreichs und der Niederlande scheint dies in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts allmählich geschehen zu sein, während wir für die durch den Dreißigjährigen Krieg wirtschaftlich und kulturell weiter in Rückstand geratenen deutschen Staaten mit einigen Jahren Verzögerung rechnen müssen. Zuerst erreichte der Kaffee auch hier natürlich die weltoffenen Seehäfen, dann die großen binnenländischen Messe- und Handelsstädte und von dort in den 80er und 90er Jahren des 17. Jahrhunderts in konzentrischer Ausstrahlung die nicht direkt an den internationalen Fernhandel angebundenen Marktorte wie Naumburg.

Wann genau die ersten Kaffeebohnen hierher gebracht wurden, läßt sich nicht mehr sagen. Wenn man annimmt, daß der Kaffeekonsum zunächst vorwiegend im privaten Raum stattfand, wird verständlich, daß sich in öffentlichen Archiven darüber nur in Ausnahmefällen Nachrichten finden. Auch für Naumburg wurde dementsprechend bisher noch kein Beleg privaten Kaffeekonsums vor 1700 entdeckt. Daß wir aber dennoch annehmen, das Kaffeetrinken sei hier wohl schon Ende der 1680er Jahren gebräuchlich gewesen, liegt an der Selbstverständlichkeit, mit der in wenig späteren Ratsakten von dieser Ware schon die Rede ist. So trank 1694, im gleichen Jahr, als in Leipzig das erste Kaffeehaus eröffnet wurde , auch der Naumburger Rat nachweislich Kaffee. Die Zutaten lieferte der aus Schwaben eingewanderte Kaufmann Lorenz Schweitzer, der seit 1691 gegenüber dem Rathaus im Haus Markt 10 einen blühenden Kramladen betrieb . Er stellte dem Rat u. a. “ 4 Loth coffee gebrant”, in Rechnung, das Lot zu 3 Groschen, dazu ½ Pfund “fein Carnary Zucker” (Rohrzucker) für 3 Groschen und später “2 Loth fein Coffee” zum gleichen Preis. Zeigt diese Abrechnung, daß zu jener Zeit der Kaffee im “offiziellen” Leben - bei den Zusammenkünften der Ratsherren - bereits üblich war, so kann man daraus gewiß schließen, daß dies wohl auch für den privaten Gebrauch zumindest des wohlsituierten Bürgertums gilt.

Im Gegensatz zum privaten hinterließ der öffentliche Kaffeekonsum deutlichere Spuren in den Archiven. Dies verdanken wir einzig dem schlechten Ruf der frühen “Kaffeehäuser”, denen europaweit der übelste Leumund attestiert wurde: “Verbotene Spiele, Üppigkeit und andere Laster, gött- und weltlichen Gesetzen zuwider”, wie sie die Stadt Leipzig schon 1697 mit ihrer ersten Kaffeehaus-Ordnung zu unterbinden suchte , prägten anfangs das Milieu der Kaffeestuben, deren juristisches Nachspiel auch in den Naumburger Polizeiakten überliefert ist. So soll sich im Jahre 1690 - dies ist wohl der früheste einschlägige Beleg für Naumburg - der Kaffeeschenk Johann Jünger beim Rat über einen Christoph Koch beschwert haben, weil dieser “sein Weib betrunken gemacht” habe. Zwei weitere Vorfälle zur Peter-Pauls-Messe verzeichnen die Ratsprotokolle von 1695: Am 27. Juni jenen Jahres zeigte der Ratsknecht Körbitz den Studenten Johann Krantz aus Großglogau an, weil er im Etablissement eines Kaffeeschenken “bei zwei Mädchen im Bette” gelegen habe. Der Student verteidigte sich damit, er habe vom Wirt Hans Caspar Handrock lediglich ein Bett verlangt und da keines frei gewesen sei, hätten ihm die Mädchen eben ihres angeboten. Er habe wohl in dem Bett geschlafen, aber keines der Mädchen berührt. Die Mädchen behaupteten andererseits, überhaupt nicht im Bett gewesen zu sein, worauf der Ratsknecht Körbitz ihnen aber ins Gesicht sagte, sie hätten sogar entblößt dort gelegen. Die beiden Übeltäterinnen, Anna Dorothea und Marie Elisabeth Nixe, waren Kaffeehausmädchen aus Leipzig und eigens zur Messezeit nach Naumburg gekommen, um hier den einheimischen und fremden Messebesuchern großstädtische Unterhaltung zu bieten. Im selben Jahr wurden übrigens noch zwei weitere Mädchen der Unzucht in Kaffeehäusern bezichtigt, und wir können daraus wohl entnehmen, daß in jener Zeit die Grenze zwischen “Kaffeehaus” und Bordell fließend erschien.

Den ordentlichen Bürgern waren solche Verhältnisse - soweit sie die gebotenen Dienste nicht selbst in Anspruch nahmen - schon bald ein großes Ärgernis. Bereits 1698 verband die Bürgerschaft in ihren beim Rat eingereichten “Gravamina” (Beschwerden) ihre ebenso besorgte wie eigennützige Feststellung, daß die Tee- und Kaffeeschenken in der Peter-Pauls-Messe eine “ärgerliche Nahrung” seien, mit der rigiden Forderung, “solche Leute von unserer Stadt abzuweisen”. Hinter der Angst vor dem Sittenverfall stand hier gewiß auch die Sorge, die neuen Getränke Tee und Kaffee würden den für die Stadt so wichtigen Bierhandel beeinträchtigen. Der Rat reagierte darauf mit verschärften Polizeikontrollen und der Einführung einer Konzessionspflicht. Viel half dies jedoch nicht. 1699, wiederum zur Messezeit, mußte der “Coffée-Schenk Neidhard ernstlich verwarnt werden, sich vor unziemender Gesellschaft und leichtfertigem Gesinde zu hüten”.

Auch im Jahr darauf wiederholten sich die Auseinandersetzungen um den Kaffeeausschank zur Peter-Pauls-Messe. Die Gassenmeister, die über Sicherheit und Ordnung wachten, waren bemüht, schon im Vorfeld der beiden Messe-Wochen Vorkehrungen gegen Brandgefahren, Unordnung und Unzucht zu treffen. Als am 7. Juni 1700 Friedrich Pozzo den Rat ersuchte, seinem Hausgenossen Melchior Schoner zu verbieten, “etliche Coffeé-Leute auf einstehende P.-Pauli-Messe” aufzunehmen, weil das Haus “durch solche Leute ruiniert würde”, nahmen dies die Gassenmeister zum Anlaß, vorzuschlagen, “die Coffeé-Schenken diese Messe abzuschaffen, oder zur Verhütung der großen Üppigkeit, ihre Buden auf dem Markte einzuräumen”. In ihrem Bericht vermerkten sie warnend, “Melchior Schoner [hätte schon] eine Cofféefrau eingenommen, da es doch sehr gefährlich in seinem Hause wäre”, denn ein Bürger habe gemeldet, “wie der Cofféemann in Melchior Schoners Hause mit dem Feuer übel umginge,”man habe “selbigen auf Stroh liegen und Toback trinken sehen”. Schoner mußte schon am Tag darauf gegen Zahlung von einem Taler Strafe den Kaffeewirt entlassen. Alarmiert beschloß der Rat eine Woche später, “daß mehr nicht als 6 Coffeé Schenken diese Messe zugelassen werden, und in Buden, so an verschiedene Orte, wo Platz vorhanden, zu setzen”. Der Kaffeeausschank sollte also nur noch in provisorischen Buden stattfinden, jedoch nicht mehr in angemieteten Stuben von Bürgerhäusern, um von vornherein zu verhindern, daß dunkle Nebenräume und Hinterzimmer ein ungebührliche Rolle spielen konnten.

Trotz dieser Maßnahmen ließen die Klagen nicht nach. Der Hausbesitzer David Ströter und der Kaffeeschenk, an den er sein Haus für die Messezeit vermietet hatte, wurden angezeigt, weil “nicht alleine bei ihnen großer Unfug und Üppigkeit vorginge, sondern es hätte auch gestern eine papierne ausgehängte Laterne gebrennt, daß daraus groß Unglück geschehen können.” Der Schuster Martin Säuberlich, der seinerseits “wegen Wenzel Mausens Coffeé Schenkin” vernommen wurde, sagte aus, “daß es sehr schändlich und ärgerlich zugangen” sei, er “selbst habe wohl 10 u. mehrmahl die Leute beysammen in Bette liegen sehen”. Er wurde vom Rat verwarnt, “daß Er solches nicht zeitlicher vermeldet”, und der besagte Wirt für später vorgeladen.

Die Akten für das Jahr 1701 belegen, daß der Rat weiter versuchte, mit strenger Lizenzierung die fragwürdige Kaffeehauskultur in geordnetere Bahnen zu lenken, wobei die Einnahme der stattlichen Konzessionsgebühren (10-15 Taler) aber auch kein unwichtiges Motiv gewesen sein dürfte. So wurde dem Kaffeewirt Johann Chantain gegen Zahlung von 12 Talern gestattet, Kaffee auszuschenken, “jedoch mit der ausdrücklichen Condition, daß [wenn] über seine und die alte Frau eine andere Weibsperson angetroffen oder sonst was üppiges vorgehen würde, er seine Straffe nicht missen solle.” Einer Kaffeewirtin aus Leipzig wurde die Konzession sogar verweigert, weil “das Coffee Schenken alleine Mannspersonen verrichten müssen”.

Die fortgesetzten Zuwiderhandlungen und die Beschwerden der Bürger gegen diese Ausschweifungen zwangen die Ratsherren schließlich 1703, ein generelles Kaffee-Schankverbot auszusprechen. In einem langen Schreiben teilte der Rat dem Stiftsadministrator Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz am 18. Juni 1703 mit, er habe “concludiret [beschlossen], daß bevorstehende Messe und hinfort nach Befinden die so genannten Theé- und Caffe-Schenken in denen Bürgerhäusern bei uns gänzlich und bei namhafter Strafe abgestellt und verboten sein sollten”. Er begründete dies mit den “vorsätzlichen schweren und großen Sünd- und Üppigkeiten, so bei dergleichen Zusammenkünften und Caffeschenken, wie solches Fama und Exempla durchgehend bezeugen” und mit der Befürchtung, daß “dadurch Gottes strenge Strafgerichte über Stadt und Land gezogen werden”. Zudem seien die Kaffeehäuser “der bürgerlichen Nahrung sehr nachteilig und schädlich”. Der Stiftsadministrator bestätigte zwar persönlich den Rat in seinem Vorgehen, nicht ohne ihn allerdings zu ermahnen, künftig seine Zustimmung vor der Veröffentlichung solcher Beschlüsse einzuholen. Aber schon vom ersten Jahr an erzwang der Herzog selbst Sondergenehmigungen - “aus besonderer Gnade, um dem Publikum eine müsige Stunde zu verschaffen” oder “weil verschiedene Cavaliers und andere honette Leute darum ersucht hatten” - , die zwar nun der Staatskasse die Konzessionsgelder einbrachten, aber den Rat zusätzlich in die Defensive drängten.

Obwohl die Naumburger die Auflagen für die Schankkonzessionen so streng wie möglich zu gestalten suchten, blieben die Verstöße an der Tagesordnung. Weiterhin durften Kaffeeschenken nur in Buden betrieben werden, wobei als Bedienung allenfalls eine Magd zugelassen war. Man gestattete nur noch Öffnungszeiten bis 22 Uhr und verbot alle Spiele bis auf Billard. Und doch gibt es genügend Hinweise, daß auch die strengste Überwachung und durchaus harte Strafen (für die Kaffeemädchen und Wirte, nicht für die honetten Kunden) vorerst nicht wirklich zum Ziel führten. 1702 wurden sogar elf Mädchen gleichzeitig wegen “liederlichen Lebenswandels” in Kaffeeschenken auf der Peter-Pauls-Messe aufgegriffen, inhaftiert, mit 12 Groschen bestraft und der Stadt verwiesen und noch 1713 wandte der Rat “22 Groschen für Brot für die in Arrest sitzenden Kaffeemenscher” auf.

Teilweise scheinen die Ratsknechte im Kampf gegen die Unmoral wohl auch etwas übereifrig vorgegangen zu sein. So etwa im Falle der Magd des Obrist-Wachtmeisters Pflug, die mit anderen “verdächtigen” Frauen verhaftet wurde. Nachdem ihr Dienstherr sich aber massiv für sie eingesetzt hatte, mußte der hohe städtische Rat der beleidigten Magd einen Ehrenbrief ausstellen.

Aber auch bei den weniger unschuldig Beschuldigten hielt sich das Verständnis für die Naumburger Tugendwächter in Grenzen. Dies mag die Stellungnahme einer Berliner Wirtin erweisen, die sich 1702 in der Salzgasse eingemietet hatte und den Rat um die Freilassung ihrer beiden festgenommenen Mädchen bat: die eine sei ihre Tochter, führte sie an, die andere ihre Magd. Beide seien höchst anständig und - so beteuerte sie - hätte sie gewußt, daß sie hier “keine Mädchen für honette Leute halten dürfe”, so wäre sie gar nicht erst nach Naumburg gekommen!

Das Geld, das man mit dem Ausschank von Kaffee und Tee, aber ebenso mit dem zunächst immer gleichzeitig angebotenen Brantwein verdienen konnte, reizte im übrigen auch den einen oder anderen Einheimischen, sich dieser Erwerbsquelle zuzuwenden. Um die strikten städtischen Polizeivorschriften zu umgehen, machten diese ihre Geschäfte einfach dort auf, wo die Gewalt des Naumburger Rates nicht hinreichte, nämlich im Bereich der Vorstädte oder der Herrenfreiheit.

Erst nach dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts verloren die Kaffeehäuser allmählich ihren schlechten Ruf. Der üble Leumund dieser Schankstuben scheint jedoch schon zuvor der Beliebtheit des Kaffees ebensowenig Abbruch getan zu haben wie die häufig vorgetragenen kirchlichen Bedenken gegen den “Türkentrank”. In den Naumburger Ratsrechnungen finden sich etliche Belege dafür, daß die Ratsherren sich bei besonderen Anlässen mit dem Modegetränk erquickten, so etwa 1702, als man für eine Ratskonferenz neben Tabak und Pfeifen auch 5 Lot gebrannten Kaffee bei Lorenz Schweitzer besorgen ließ. 1704 wurde nach einer Tagung in Zeitz für 10 Personen Kaffee abgerechnet und auch 1717, anläßlich der Besichtigung der Ratswiesen, wurde Kaffee ausgeschenkt. Als 1746 Johann Sebastian Bach die Orgel der Wenzelskirche begutachtete, wurde er vom Rat mit Wein, Tabak und Kaffee bewirtet. Selbst in Kirchenkreisen fand das wohlriechende Getränk nun immer mehr Anklang: 1739 wurde anläßlich einer Probepredigt des Magisters Nicolai ein ganzes Pfund Kaffee verbraucht und 1741 erhielten drei Gastprediger neben den Mahlzeiten Kaffee gereicht. Allein der gestrenge Oberpfarrer der Wenzelskirche, Johann Martin Schamel, soll noch Mitte des 18. Jahrhunderts in einer Predigt heftig wider die “Kaffeesucht” gewettert haben. Insgesamt vermochte sich aber der öffentliche Kaffeegenuß im Laufe des 18. Jahrhunderts aus dem dubiosen Umfeld der alten Kaffeeschenken zu lösen und jene seriösere Cafékultur konnte entstehen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Am Anfang dieser Zivilisierung mag jener Kaffeeausschank stehen, welcher um 1732 im Ratskeller als Nebenbetrieb der städtischen Garküche eingerichtet, aber wohl zuerst nur während der Messezeit betrieben wurde. Man wird annehmen dürfen, daß sich hier im Ratskeller eine durchweg gesittete Form des Kaffeegenusses etablierte. Das erste Kaffeehaus im moderneren Wortsinn wird man hingegen eher in der sog. “kleinen Renterei” (Jakobstr. 1) suchen, wo schon vor 1736 Hellwigs Kaffeeschenke konzessioniert worden sein muß, denn in diesem Jahr beklagte sich dieser darüber, daß er die 15 Taler Pacht für sein Lokal nicht mehr aufbringen könne, weil nun jeder fremde Messegast “bei seinem Wirt Kaffee zubereiten läßt”.

Die hohen Konzessionsabgaben, die Kaffeesteuer und die Konkurrenz der illegalen Kaffeebrauer mögen auch ein Grund dafür sein, weshalb 1740 der Italiener Francesco Antonio Brabante, der bereits 1713 auf der Freiheit neben dem Handel mit Tee, Schokolade und Kaffeebohnen auch Kaffee serviert hatte, nun zusätzlich eine Lizenz zum Verkauf von Galanteriewaren, Brantwein, Seifen, Schnupftabak, Knaster, Viktualien, Zervelatwurst und Südfrüchten für einen Laden im Schloßhof oder “Fürstenhause” erwarb.

Ein zweites von der Peter-Pauls-Messe unabhängiges Kaffeehaus öffnete in Naumburg erst im Juni 1755. Gegen eine einmalige Konzessionsgebühr von 2 Talern erlaubte der Rat dem Wirt Johann Joachim Kitz, “forthin in seinem Hause Coffe zu schenken, und zu dessen Bekanntmachung eine Tafel auszuhängen”, wobei “ihm angedeutet ward, keine Unordnung dabey zu permittiren [erlauben], insonderheit auch kein fremdes Bier noch fremden Wein zu schenken, widrigenfalls diese Concession revocirt [widerrufen], und er hierüber in Strafe gezogen werden solle.”

Daß acht Jahre später, 1763, der kurfürstliche Gesandte und seine Offizianten vom Rat mit Kaffee bewirtet wurden, beweist die hohe gesellschaftliche Akzeptanz des Kaffees ebenso wie die Tatsache, daß er sich nun ebenso unter Soldaten als auch unter Handwerksburschen im Gebrauch nachweisen läßt. Und natürlich waren es die Bürger, die in ihren Stammlokalen ganz selbstverständlich zur gegebenen Zeit eine Tasse Kaffee verlangten, weshalb nun auch bald die meisten Wirte - im Jahr 1823 sollen in Naumburg für die 9875 Einwohner neben Gaststätten, Restaurationen und Konditoreien immerhin 69 “gemeine Schankstätten” bestanden haben - ganz selbstverständlich, mit oder ohne Konzession, denselben zubereiteten: für 4 bis 5 Groschen je Portion, mit Zwieback ein Groschen mehr.

Unter den vielen Lokalen gab es freilich nur wenige mit überwiegendem Kaffeeausschank, die wir als Vorläufer heutiger Cafés betrachten können. Hierzu gehörten wohl der “Blaue Hecht” von Eichhoff in der Marienstraße 34, das Bürgergartenlokal (1796) und der “Blaue Stern” vor dem Jakobstor (1805). Zu Cafés im engeren Sinn entwickelten sich aber insbesondere die Konditoreien, wo der Kaffeegenuß in Verbindung mit Kuchen (statt mit Alkohol) endgültig zum Sonntagsvergnügen braver Bürgersleute avancierte: die Ende des 18. Jahrhunderts gegründete Konditorei Sause in der Marienstr. 6, später “Café Prokop”, ab 1844 die Konditorei Risch (Jakobsstr. 35) und die Konditorei Josty in der Herrenstr. 2 (1841), oder auch das 1858 in Grochlitz eröffnete Kuchenhaus, ab 1897 das Café Herfurth in der Jakobsstr. 26, das Café Central am Markt (Nr. 8, ab 1902) und das Konditoreicafé Imroth, Lindenring 40, das heutige Café Kattler.

Fast lehrbuchartig spiegelt sich die Etablierung des modernen Cafés in der Geschichte des vielleicht traditionsreichsten - leider vor wenigen Jahren aufgegebenen - Naumburger Kaffeehauses wider: Friedrich August Furcht hatte jahrelang auf den Jahrmärkten der Gegend Zuckertüten, Makronen und Schaumgebäck feilgeboten, ehe er 1830 seine Konditorei in der Jakobstraße Nr. 1 einrichtete, wo sich knapp hundert Jahre zuvor schon das allererste Naumburger Café befunden hatte. Ab 1826 war er mit seinen Konditorwaren auch auf dem Kirschfest präsent, ab 1843 hatte er dort sein eigenes Zelt. Furcht war bald eine Institution in Naumburg und 1870 konnte er sein Café in jenem prächtigen Bürgerhaus am Markt (Nr. 3), eröffnen, das bereits im 16. Jahrhundert einmal den florierenden Gasthof “zum Christoffel” beherbergt hatte und nun als “Café Furcht” für weit mehr als hundert Jahre eines der beliebtesten Kaffeehäuser der Innenstadt werden sollte.

Was ein Messelied von 1805 über das Café Eichhoff sagte, wird sicher auch für die zahlreichen anderen Cafés gegolten haben, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden und für kürzer oder länger ihre Gäste erfreuten:

“Für feinere Zünglein aus hohen Ständen / Hat Naumburg die sicherste Hilfe in Händen. / In Eichhoffs Kaffeehaus wird alles gereicht, / Was stärkend und lieblich zum Magen schleicht.”

Anmerkungen

Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Alltag. München 1985, S. 270.
Die Ausführungen folgen teilweise einem im Stadtarchiv aufbewahrten Manuskript des ehemaligen Stadtarchivars Ernst Wölfer (Sg 519). Folgende Archivalien des Stadtarchivs Naumburg werden zitiert: Ratsrechnungen 1694, Bel. 77;1702, Bel. 235; 1704, Bel. 467; 1713, Bel. 340; 1717, Bel. 194; 1739, Bel. 402; 1741, Bel. 120. Ratsprotokolle: 1690; 2.6.1699, fol. 19; 7.6.1700, fol. 41r; 14. u. 15.6.1700, fol. 48, 48r; 22.6.1700, fol. 51; 29.6.1700, fol. 29 - 29r; 19.7.1700, fol. 61; 20. 6. 1701, fol. 40r; 22.6.1701, fol. 42; 2.7.1702; 18.6.1755, fol. 444. XXX.19. Gravamina der Bürgerschaft u. die darauf folg. Commission betr. 1698. GA Loc. 52, LXI, 23: Thee- und Coffeé-Schenken, 1703.
Ausführlich vgl. Ulla Heise, Kaffee und Kaffeehaus. Eine Kulturgeschichte. Edition Leipzig 1987.
Süße muß der Coffee sein! Drei Jahrhunderte europäische Kaffeekultur und die Kaffeesachsen. Katalog des Stadtmuseums Leipzig, Leipzig 1995, S. 8.
Karl Schöppe: Zur Naumburger Häusergeschichte, 3. Forts.; In: Naumburger Heimat Nr. 37, 1937.
wie Anm. 3, S. 49.
W [Ernst Wölfer]: Eine Lindengeschichte oder Es ist alles schon dagewesen. In: Naumburger Heimat Nr. 48, 1933.
Naumburger Kreisblatt, Nr. 1 v. Jan. 1824. Zurück
Friedrich Hoppe: F. A. Furcht 1830-1930. Konditorei und Kaffee. Naumburg (H. Sieling) (1930)