Ernst Borkowsky: Die Löwenapotheke in Naumburg an der Saale. Eine Geschichte des städtischen Medizinalwesens nach den Akten des Ratsarchivs. Herausgegeben von der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Mittenwald (Nemayer) 1935.

Die allererste Urkunde unserer Poesie ist ein Rezept – jener Merseburger Zauberspruch, der in Wodans Namen die zerbrochenen Glieder an Mensch und Tier zusammenfügen soll. Es ist ein geheimnisvoller Klang der Worte weither aus dem Mythos der arischen Urzeit. In den dumpfen Stunden seines Seelenlebens mochte später der mittelalterliche Mensch seine Leibesnot als eine Fügung des Himmels hinnehmen und jeden Versuch, sie zu heilen, als einen Eingriff in den Willen Gottes schauen; aber überzeugender sprach doch bald die mönchische Dialektik, daß die Krankheiten eine Rache Satans und seiner bösen Geister wären. Aus diesem Glauben ergab sich dann als ein Gebot des rechten Gottes: die Pflicht, die unholden Mächte aus dem besessenen Körper zu treiben. Und dazu waren die Diener der Kirche ausersehen. Ihr praktischer Sinn beschränkte sich nicht auf das Kampfmittel der Gebete und Beschwörungen, sondern zog auch die weltliche Kirnst des Heilens heran. Sie hatten ja auch in ihren Büchereien das wissenschaftliche Rüstzeug, die medizinische Literatur der großen Heiden, der Griechen und Römer. Und sie konnten sich zudem auf Sankt Lukas berufen, der ein Evangelist und ein Arzt zugleich gewesen war.

Lange Zeit blieb so die Kenntnis der Arzneibereitung ein heiliges Geheimnis, den frommen Männern und den frommen Frauen in den stillen Klöstern anvertraut. Und wie einst die Vorväter den Wodan und die Sindgund und die Frija in der Not angerufen hatten, so banden nun die Heilenden ihre irdische Kunst auch an die himmlische Gnade und riefen zu der Wirksamkeit ihrer Rezepte die seligen Märtyrer als Nothelfer in jedweder Krankheit heran – den hl. Sebastian, den hl. Rochus, den hl. Dionysius, den hl. Quirinus, den hl. Veit, den hl. Antonius. Wie nun alle Zeit von dem Block der Gelehrsamkeit etwas abbröckelt und auf die Straße gerät, so spielte der Zufall auch den Verlorenen und Gemiedenen der menschlichen Gesellschaft ein Stück der Heilkunde zu – und kein kleines: das Volk liebte es von jeher, seine Gebresten den Kuren der Scharfrichter anzuvertrauen, der alten Weiber und umgetriebenen Landfahrer.

Als eine akademisch bewertete Wissenschaft sicherte sich die Medizin zuerst auf italienischen und französischen Hochschulen einen Platz, längst ehe es in Deutschland überhaupt Universitäten gab – in Bologna, Padua, Salerno, in Montpellier und Paris. Im fünfzehnten Jahrhundert begannen auch bei uns die Professoren Arzneimittellehre und ärztliche Praxis zu lehren und den Abschluß des medizinischen Studiums mit der Doktorwürde der Fakultät zu krönen. Die klassischen Autoritäten aller Hochschulen waren und blieben der alte Hippokrates und Claudius Galenus, und dann traten die Hüter arabischer Weisheit hinzu, Ibn Sina Avicenna und Mesue.

Die Kunst des Arzneibereiters war von vornherein mit der Kunst des Arztes selbst verbunden. In dem Plane des Klosters St. Gallen, der wohl im Jahre 820 gezeichnet wurde, sieht man neben dem Siechenhause eine Wohnung der Arzte und ein armarium pigmentorum – die erste Apotheke.Die griechische Vokabel Apotheke bedeutet einen Speicher, mittelhochdeutsch Gadem, eine Niederlage von Waren.

Die Verengung des Begriffs zur Bezeichnung einer Heilmittelhandlung geschah im dreizehnten Jahrhundert. In den Nürnberger, Konstanzer, Regensburger Statuten des vierzehnten Jahrhunderts und in einer Verordnung des Kaisers Sigismund vom Jahre 1426 (1436) ist das Fremdwort schon mundartlich zurecht gemacht und heißt Appentek und Appantek. Bereits im Jahre 1232 hatte der überall vorschauende Kaiser, der Staufer Friedrich II., in die Konstitution seiner sizilischen Monarchie ein Statut über die Ausbildung und die Prüfung der Apotheker und Ärzte eingefügt, und ein Jahrhundert später gingen dann auch hie und da im Deutschen Reiche die Landesherren daran, das Medizinalwesen obrigkeitlich zu formen. Die Städte folgten ihnen von dem Moment an, da die Bürger mit ihrer wirtschaftlichen Kraft die Führer der Nation wurden und ihre Bürgermeister und Ratsherren in den Umfang ihrer Befugnisse auch die Wohlfahrts- und Krankenpflege hineinholten.

Basel kann die älteste städtische Apothekenordnung aufweisen, aber die Ratsgeschichte der Reichsstadt Nürnberg bietet seit 1350 die reichste Ausbeute zur Geschichte der alten städtischen Medizinal- und Apothekenordnungen. Es haben sich aber jetzt auch im Archive der Stadt Naumburg Urkunden und Aktenstücke gefunden, die dies bedeutsame Kapitel der Bürgerkultur illustrieren. In den Nürnberger Ratsberichten wird 1377 ein Magister Petrus medicus noster genannt und darauf ein Magister Karolus medicus und Johannes, "der Stadt Arzt". In dem ältesten Bande der Naumburger Kämmereirechnungen, die bis auf 1348 zurückgehen, ist in diesem Jahre in das Ausgabenkonto ein Honorar von zwei Schock Groschen und einem Leibrock für einen Arzt Jacob eingestellt, der die in einer Fehde verwundeten Bürger geheilt hatte. Er war ein Jude. Jüdische Ärzte und jüdische Ärztinnen kennen die mittelalterlichen Dokumente überall. Ihre Heilkunde war mit der Tradition der orientalischen Weisheit verbunden, und als unentbehrliche Helfer waren sie unter den Schutz der Landesherren und der Stadtregierungen gestellt.

Nun steht jedoch die Naumburger Notiz zunächst ganz isoliert da; erst nach anderthalb Jahrhunderten deckt man in den Rechnungsbüchern neue Spuren der öffentlichen Sanitätspflege auf. Und dann verlieren sie sich nicht mehr.

Damals, in der Wende des Mittelalters zur Neuzeit, war Naumburg ein eigenartiges Städtewesen. Das grundherrliche Gefüge war von Sonderheiten durchsetzt. Ein Mauerring kreiste die alte Bürgerstadt ein, und an diesen Kern schob sich im Westen eine Außensiedlung, die Vorstadt, heran, die sich bis an die Michaeliskapelle des Moritzklosters angebaut hatte. Stadt und Vorstadt zählten fünftausend Einwohner, und beide bildeten die Hoheitssphäre des Rates. Nordwestlich fügte sich am Herrentore die Bischofsstadt an, unter der Regierung des Domkapitels, hinter eigenen Mauern gelagert und flankiert von dem Gelände des Georgenklosters. Diese Anteile mochten noch zweitausend Einwohner fassen. Ihre Bürger hießen die Nachbarn auf der Freiheit. Die Stadtgemeinde des Rates war sorgsam organisiert. Sie war in sechs Verwaltungsbezirke gegliedert, die sogenannten Stadtviertel, und deren Gassenmeister und Rechenherren waren gesetzt, die Einnahmen und Ausgaben des Rates zu überwachen. Der Rat bestand nach einer auch in anderen Städten üblichen Weise aus zwei Bürgermeistern und zwei Kämmerern und sechs Ratsfreunden. Dazu kam der Stadtschreiber, der einzige festbesoldete und technisch vorgebildete Beamte, der einzige auch, der im Wechsel der Jahre auf seinem Posten verharrte. Denn alljährlich, am Tage Purificationis Mariae, übergab der Rat in St. Wenzel seine Würde dem neugewählten Kollegium. Er trat damit in den sitzenden Rat über und ein Jahr später in den Rat der Alten, und noch ein Jahr später nahm er wieder die Plätze des regierenden Rates ein. Es war also ein Kreislauf in drei Etappen. Die Gesamtheit dieser drei Räte bildete in politisch bedeutsamen Entscheidungen die höchste Instanz. Der Bischof als Stadtherr hielt nur noch einen unwesentlichen Rest seiner alten Hoheitsrechte in der Hand. Die Bürgerschaft respektierte sie aus Höflichkeit, aber die Stadtgemeinde war doch im wesentlichen eine Republik, die zwar keine Reichspolitik trieb, aber in ihrem Weichbilde selbstherrlich die Verwaltung und Regierung, die obere und die niedere Gerichtsbarkeit, die Polizei, die Wehrmacht und die öffentliche Gesundheitspflege übte. Demgemäß hatte der Apparat des Rates hundert greifende Arme. Die Stadt, bei ihrer Gründung durch die Ekkehardiner von vornherein als kaufmännische Siedlung mit kaiserlichem Marktrecht angelegt, war bald durch den Vertrieb mitteldeutscher Kulturgüter nach den slavischen Kolonialgebieten zur maßgebenden Handelsstätte Ostthüringens geworden. Die Peter-Paulsmesse gab ihr ein Ansehen, das weithin im Reiche Geltung hatte.

Um das Jahr 1500 stand die Stadt im Mittagssonnenschein. Damals wagte sie es, dem Bischof das Tor vor der Nase zuzuschlagen, und damals ließ sie auch ein neues Siegel prägen, das nicht mehr die beiden Namensheiligen des Bistums, die Apostel Petrus und Paulus, wies, sondern den Sankt Wenzel zum selbstherrlichen Patron erhob. Und eben zu der Zeit holte sie sich auch vom Kaiser Maximilian das Pergament des bestätigten uralten Meßprivilegiums.

Im zweiten Jahrzehnt des sechzehnten Jahrhunderts fuhr eine Feuerbrunst über die alten Fachwerkhäuser der Stadt daher, daß man vom Markt zu allen Toren hinausschauen konnte, aber das Bürgertum war noch so voller Kraft, daß es die Wohnstätten im massiven Steinbau der Renaissance von gediegener Stattlichkeit erstehen lassen konnte, daß es das neue Rathaus mit der Krone der schweren spätgotischen Giebelerker schuf und das steile Massiv der bürgerlich-geistlichen Trutzfeste von St. Wenzel. Kleider-, Hochzeits-, Luxusordnungen mußten auf den Kanzeln verlesen werden, daß Männer und Frauen aus der fieberhaften Tollheit des Schlemmens und Demmens und aus dem grotesken Putz- und Prachtaufwand zur maßvollen Lebenszucht sich zurückfänden. Ein übles Sprichwort lief um:"Naumburg ist der Spitzbuben und Diebe Großmutter", und der Annalist, der es notierte, fügte die Anmerkung hinzu, daß im Jahre 1588 neun Diebe auf einmal gehenkt wurden.

Nun, in dieser außerordentlich buntbewegten Zeit geschah es, daß der Rat das Sanitätswesen der Stadtgemeinde reformierte, man darf sagen – modernisierte. Weil die allgemeine Kranken- und Armenpflege immer als ein schönes Gebot der kirchlichen Liebestätigkeit in Geltung gewesen war, hatten sich ihrer auch bei uns zuerst die Klöster St. Georg und St. Moritz angenommen. Seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, zu der Zeit, da Kaiser Karl IV, seine sorgsame Medizinalordnung für das Fürstentum Breslau begründet hatte, begriff dann die Stadtregierung die Notwendigkeit einer öffentlichen Gesundheitspflege. Sie zog die Beaufsichtigung und Verwaltung der Hospitale und Siechenhäuser in ihren Pflichtenkreis, die im Stadtraume von christlicher Barmherzigkeit gestiftet waren und von frommen Vermächtnissen immerdar bedacht wurden. Das waren vor allem das Hospital zum Heiligen Geist und das Jakobshospital. Die Insassen wurden genährt, gekleidet, gebadet und mit Hausmitteln kuriert, aber eine wirklich ärztliche Pflege und Medizin mußten sie zunächst ebenso wie die anderen Stadtgenossen entbehren – das ganze Mittelalter hindurch. Doch im Jahre 1494 erscheint in der Besoldungstabelle der Ratsbediensteten ein Barbierermeister Hans. Er war ein Chirurgus, ein Wundheilkünstler. Ein Jahr darauf wird er "Meister Hans der Ratsbarbierer" genannt. Auch eine Ratsbadstube wird in den Kämmereirechnungen erwähnt. Und bald stellte nun der Rat auch einen von der medizinischen Fakultät approbierten Arzt an, einen Stadtphysikus. Der hieß Dr. Johenries Gebstädt. Seit dem Jahre 1507 steht sein Name in den Rechnungen. Als ein Gelehrter im Talar erhob er sich ständisch weit über den handwerksmäßigen Chirurgus. Die Medizin, die er verschrieb, bereitete er noch eigenhändig; er war also auch der erste Apotheker Naumburgs. Im Jahre 1510 brachten ihm die Räte fünfundzwanzig Goldgulden am Sonntage nach Johannis Baptistä in sein Haus "zur Erhaltung der Apotheke". Fünf Jahre später wird er "Stadtapotheker" genannt, und der Rat gab ihm damals am Jahrmarkte als besondere Verehrung eine Kanne Rheinwein. Seine Apotheke war in dem Hause an der Ecke des Marktes und der Jakobstraße. Die großen Reichsstädte waren damals schon in der amtlichen Regelung des Heilwesens weit vorausgegangen. Als Kaiser Sigismund zu Basel Hof hielt, im Jahre 1426, hatte er ein Mandat ausgehen lassen: "Item es soll in jeder Reichsstadt ein Meister-Arzt sein, der soll haben hundert Gulden Geldes. Die mag er genießen als Pfründe von einer Kirchen . . . Und dieser Arzt soll zugleich Apotheker sein . . . Und was man köstlich Ding aus der Appentek haben muß, soll man bezahlen, aber von den Armen soll er nichts nehmen, darum daß er seine Pfründe genießet". Allmählich geschah es dann, daß der Beruf des "Arztes", der die Medizin verschrieb, sich löste von dem Sonderberuf des "Appotegers", der die Medizin bereitete. Auf einem hübschen Holzschnitt in Schylhans' Arzneikunst, die 1517 zu Straßburg erschien, steht der Arzt, der das Uringlas gegen das Licht hebt, dem Apotheker gegenüber, der einen Arzneibecher und einen langgestielten Löffel hält. Auch ihre Schutzheiligen zeigen sich mit diesen Symbolen – der Heilige Cosmas und der Heilige Damian.

Doch es blieb der Brauch, daß der Arzt seine Sprechstunde in der Apotheke hielt. Hier traten die Kranken oder deren Boten zu ihm, hier untersuchte er, ordinierte er. Er schrieb keine Rezepte, sondern, zum Apotheker gewandt, zeigte er mit seinem Stabe auf die Regale und auf die bemalten Arzneigefäße, aus denen der Heiltrank zusammengesetzt werden sollte. Aus dieser Zeit, dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, haben wir die ältesten Abbildungen einer Apotheke. Ein Holzschnitt vom Jahre 1486 zeigt ein Konsilium von Meistern der Arzneikunst in einer gelehrten Disputation. Dahinter bereitet an einem Tische der Apothekergssell in einem Mörser die Medizin. Eine Waage steht neben ihm, und an den Wänden bauen sich hohe Regale auf, in denen wohlgeordnet die Kräuterschachteln und Krüge paradieren und vor allem jene hübschen Steingutbüchsen, Gläser und Becher, die mit ihren bunt gemalten Wappen und Symbolen den Inhalt andeuten. In dem System der alten Chemie waren die Elemente, Metalle, Metalloide, Steine, Salze, Gifte symbolisch mit Hieroglyphen bezeichnet, die sich aus Linien, Kreisen, Kreuzen vielfach zusammensetzten: die mußte der Apotheker verstehen; das war ein wichtiger Teil seiner Kunst. Seit die munteren Handelsschiffe über die Ozeane zu neuen, märchenhaften Küsten fuhren, hängten die Apotheker gerne ein getrocknetes glotzäugiges Meeresungetüm, einen Hai oder auch ein Krokodil an der Decke des Ladens auf, daß es den Schauer des Geheimnisvollen stärkte, der von all dem Heilgerät ringsum ausging.

Zur Apotheke gehörte ein Gewölbe mit einem Destillierapparat und auch ein Kräutergarten. "Der Herr lasset die Arznei aus der Erde wachsen", las man im Buche Jesus Sirach, "und ein Vernünftiger verachtet sie nicht". Der Herbularius des alten St. Gallener Klosterplanes trug sechzehn Arzneikräuterbeete, und die Pflanzen, die man hier zog, hießen: Lilie, Salbei, Gartenraute, Rose, Krauseminze, Kümmel, Liebesstock, Fenchel, Pfefferminze, Rosmarin, Bockshorn, Costo, Bohne, Satureja, Polei, Gladiolus. Das Lehrgedicht desReichenauer Abtes Walafried Strabo zählte etwas später schon dreiundzwanzig heilkräftige Gewächse auf. Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zeigten sich unter den alten Drucken gerne botanische Werke, Herbarien oder Kräuterbücher genannt, mit eindringlichen Abbildungen geziert. Da war der Hortus Sanitatis, 1536 in Straßburg gedruckt, oder das Kräuterbuch des Hieronymus Bock von 1551, oder das Kontrafayt Kräuterbuch des Otto Brunfels von 1532. Sie galten als unentbehrliches Rüstzeug des Apothekers. In seiner Bibliothek mußten auch noch andere Bücher stehen, deren Lehrhaftigkeit immer noch aus dem Weisheitsschatze des Altertums sich speiste. Galens Schriften De compositione pharmacorum localium, De sanitate tuenda, Ars medicalis wurden im sechzehnten Jahrhundert immer wieder aufgelegt. Und nahm der Apotheker einen ganz abgegriffenen Band heraus, dann war das "Das Buch von Arznei und Apotheken, das Nicolaus Myrepsus Alexandrinus in griechischer Sprache geschrieben, aber Doctor Lienhard Fuchs, Ordinarius in Medicina auf der Universität zu Tübingen, in das Lateinische transferiert und 1549 einem ehrbaren Rate von Nürnberg dediciert hatte", oder das Antidotarium magnum seu Dispensatorium ad aromatorios, oder das Dispensatorium des Dr. Nicolaus aus Salerno, oder Valerius Cordus' Pharmacorum conficiendorum ratio, quam vulgo vocant Dispensatorium, oder Dr. Ottos Augsburger Pharmacopoea vom Jahre 1564. Man sieht, die Kenntnis der lateinschien Sprache war dem Apotheker unentbehrlich. In der Praxis unterschied seine Kunst die einfachen Mittel, die simplicia, und die zusammengesetzten, die composita. Jene, die er auch Spezereien nannte, bestanden aus Pflanzen und Früchten, einheimischen und ausländischen; diese, auch als Konfekt bezeichnet, stellte er aus einer Mixtur verschiedener Kräuter her, sauer, bitter oder mit Sirup gesüßt. Konfekte, gewürzt und kandiert, gab es auch als köstliche Leckerbissen, und sie wurden in jenen reizvoll bemalten Schachteln verkauft, die noch heute in kunstgewerblichen Sammlungen gezeigt werden. Neben Ambra, neben Rosenöl und anderen köstlichen Dingen wies das Inventar aber auch, bis weit ins siebzehnte Jahrhundert hinein, Präparate abergläubischer Art und wenig appetitlichen Ursprungs auf, getrocknete Kröten und Vipern, Fuchslunge, Lerchenblut, Krebsaugen, Wolfsleber, Katzenkot. Dem kranken Löwen verordnete der alte Reinecke Fuchs, der in Salerno die Medizin studiert hatte:

"Wenn Ihr Gesundheit verlangt, entschließt Euch ohne Versäumnis, / Eines Wolfes Leber zu speisen, doch sollte derselbe / Sieben Jahre zum wenigsten haben; die müßt Ihr verzehren."

Um das Jahr 1540 fing man an, von den merkwürdigen Kuren des Theophrastus Bombastus Paracelsus zu erzählen. Ärzte und Apotheker studierten seine "Archidoxa, darinnen alle Geheimnis der Natur eröffnet". Und sein Verdienst wurde es dann, daß er den Schatz der Pharmazie durch die chemischen Mittel, die er in seinem Laboratorium durch Tinkturen und Extrakte und Quintessenzen gewann, unendlich bereicherte. Man nannte sie die Spezifica oder Arcana, und sie setzten sich nur mühsam nach Jahrzehnten gegen allerhand Anfeindungen der Anhänger des Hippokrates und des Galenus durch. Der Giftschrank trug den Totenkopf und drei Kreuze. Und der Naumburger Rat verpflichtete die Apotheker auf ihren Eid, daß "so sie hinfüro jemandem Arsenik oder ein anderes Gift verkauften, dies nur mit Wissen des Bürgermeisters geschähe, und daß sie in ihren Registern anschrieben, wem, wann und wieviel Gift sie gegeben hätten." Ein Heilmittel, dessen Name sich volkstümlich durch alle Gassen und über alle Märkte zog, immer von einer geheimnisvollen Zauberkraft umwittert, hieß Theriak. Es war eine Latwerge aus zwölf, ja, man sagte sogar aus siebzig Bestandteilen zusammengesetzt und schien gegen alle ansteckenden Krankheiten, vor allem gegen die Pestilenz schon seit Kaiser Neros Zeiten bewährt. Als sein wesentlichster Zusatz galt das Fleisch einer phönizischen Viper. "Die Apotheker sollen", so heißt es in einer Wormser Ordnung, "die Pastilli de viperis aut trochisci de Tyro in Venedig bestellen, weil man sie in unserem Teutschland aus Mangel der Viperschlange nicht machen kann; und weil darin ein großer Betrug befunden wird, sollen sie ein Zeugnis der Medicorum, die zu der Bereitung derselben allwegen verordnet sind, herbeibringen, damit man gewiß sei, daß sie recht, wie sich gebühret, bereitet sind." Es war ein Ausspruch Martin Luthers: "Der Teufel gibt Gift, den Menschen zu töten, der Arzt aber gibt Theriak oder andere Arznei, hilft also der Kreatur durch Kreatur, die ihre Herkunft hat nicht aus den Büchern, sondern Gott hat sie gecffenbaret." Es ist nicht zu verwundern, daß das Theriak auf mannigfache Art gefälscht und als billiges Hausmittel, das schließlich nur noch aus dem schon von Galenus empfohlenen Knoblauch bestand, von wandernden Krämern verkauft wurde. Auf allen Jahrmärkten trieben sich diese Hausierer herum, und sie wurden von den Behörden geduldet. "Die Thryackerskrämer, Zahnbrecher, Landstreicher, Teufelsbeschwörer und alten Weiber, welche nie keinen Buchstaben auf die Arznei gestudiert hatten", lockten die Kranken mit großem Geschrei an, sodaß es ein Sprichwort wurde: "Er hat ein Geschrei wie ein Thryackerskrämer." Auf den Holzschnitten und Kupferstichen haben die Zeichner gern diese im Volkstreiben immer wiederkehrenden Scharlatane festgehalten. Da stehen diese inmitten des Marktgewühls auf ihrer Tribüne, die mit allerhand Quacksalbereien und Heilungsattesten ausgestattet ist, und ein bunter Hanswurst lockt mit Trompetenlärm und handgreiflichen Späßen die Kundschaft heran. Und der Meister selbst, orientalisch-phantastisch gewandet, mit der großen Gelehrtenbrille auf der Nase, holt aus der Schachtel eine lebendige Natter hervor, hält die ringelnde hoch am Schwanze und demonstriert die Wirkung seines Theriaks. Das Schimpfwort "Du dummer Toffeltheriak" ist in Naumburg noch immer volkstümlich.

Der Apotheker, Apothecarius, Spezionarius, Mercator unguentorum, war nicht in die akademisch graduierten Magister und Doktoren eingereiht, aber wegen seiner Lateinkenntnisse galt er als ihr Nachbar. Eine Lehrlingszeit und eine Gesellenzeit, die ihn in die Praxis vieler Städte führte, gab ihm die Ausbildung, und dann mußte er, wenn er als verantwortlicher Provisor oder Besitzer einer Offizin leben wollte, vor die medizinische Fakultät einer Universität treten und sich nach den geltenden Statuten seine Approbation holen. Das landesfürstliche Apothekenprivilegium, oft schwer errungen, war sein wirksamer wirtschaftlicher Schutz; und da es ihm zumeist zum sicheren Wohlstande verhalf, fanden sich die Namen der Apothekerfamilien bald überall in der engen Gruppe der ratsgesessenen Geschlechter.

"Ein Apotheker haben sol trüwe und kunst, das zimt im wol, von des arzetes kunst vil an im stat", heißt es in dem Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhusen.

Im Jahre 1531 starb in Naumburg der Stadtarzt und Stadtapotheker Dr. Gebstädt. Er war auch im öffentlichen Leben ein Mann von Bedeutung gewesen, und der Rat hatte ihn wiederholt zum Bürgermeister gewählt. Dazu galt er als rühriger Humanist, und seinem Gelehrteneifer verdankten die Bürger die Begründung ihrer Lateinschule, der Schola senatoria. Im Jahre 1526 hatte er, nach der Notiz des Annalisten Sixtus Braun, "als des Rates bestallter Medikus fünf Gulden – ein Fünftel seiner Besoldung – nachgelassen, sich auch erboten, künftig abermals fünf Gulden und fürder fünf Gulden schwinden zu lassen, damit solche zu der Kirche und Schule gebraucht würden, und also hinfürder nicht mehr als zehn Gulden zu nehmen." Immerhin mochte das Einkommen, das er aus seiner Apotheke und seiner Praxis bezogen hatte, begehrenswert erscheinen, denn nach seinem Tode schrieb der kurprinzliche Stallmeister in Wittenberg den Räten einen Brief und empfahl ihnen als neuen Stadtphysikus seinen Bruder, den Dr. Stephan. Die Räte wichen aus. "Gebstädts Witwe und ihre Töchter Dorothea und Sabine" – so antworteten sie – "haben in den Tagen der Peter-Paulsmesse die Apotheke bereits an einen Mann aus Chemnitz verkauft, und dieser will sich zum Doctor promovieren lassen und das Stadtarztamt umsonst übernehmen, sodaß man jetzunder keines Doctors oder Leibarztes mehr bedarf."

Dieser Mann, Arzt und zugleich Apotheker, war der Magister und Lizentiat Johannes Steinhöfer, ein Lübecker. Die Annalen seiner Heimatstadt kennen ihn als einen festen Streiter für das Luthertum. Sein Name findet sich in der Leipziger Universitätsmatrikel zum Jahre 1522, und in Leipzig hat er sich dann später auch den Doktortitel geholt. Gleich im Jahre 1531 erwarb er in Naumburg das Haus seines Vorgängers mit der Apotheke an der Marktecke, der Stätte lebendigen Verkehrs. Der Rat nahm ihn mit überraschendem Wohlwollen auf und machte ihn alsbald – entgegen seiner früheren Äußerung – zum besoldeten Ratsphysikus. Ja, er sicherte ihm das Apothekenprivilegium zu, obgleich er damit den Bezirk der städtischen Hoheitsrechte überschritt und in die Regalien des Bischofs eingriff. Steinhöfer war gewiß ein tüchtiger Medicus, doch immer voller Respekt vor den wunderhaften Launen der Schöpfung und voller Einsicht in die Ohnmacht menschlichen Könnens. Im Jahre 1537 wurde "im Gäßlein gegen die Roßmühle ein Kind ohne Waidloch geboren und hat sonst seine vollkommenen Gliedmassen gehabt. Und obwohl der Physikus Johannes Steinhöfer auf des Predigers Dr. Medler und des Rats Anregen, dem Kinde ein Waidloch schneiden und untersuchen sollte, ob vielleicht ein Häutlein darüber gewachsen, so hat er sich doch dessen geweigert und angegeben, daß er Gott in seinen Werken nicht meistern wollte." Das Kind hat nur drei Tage gelebt.

In Naumburgs notvollsten Tagen, als um Kopf und Kragen der Bürgerschaft gewürfelt wurde, als die Glaubensrevolution das politische Gefüge und die staatsrechtliche Position durcheinander warf und auch die freie Eigenart zu einer landesherrlichen Untertanenschaft verschob, gehörte Steinhöfer zu den Männern, die welterfahren und verantwortungsbereit inmitten aller Irrungen und Wirrungen auf dem Ratsstuhle saßen. Er war 1542 der erste vom katholischen Bischof nicht beglaubigte Bürgermeister, und er leistete als erster dem evangelischen Bischof Amsdorf den Huldigungseid. Und er war es auch, der dann in Weimar von dem Kurfürsten Johann Friedrich die Grundstücke und Gebäude des säkularisierten Klosters St. Moritz erwarb. Es war der Beginn einer neuen Naumburger Stadtrandsiedlung. Nach fünf Jahren aber zog Kaiser Karl V. von seinem Siegesfelde bei Mühlberg ungnädig gegen die ketzerische Stadt heran. Da eilte Steinhöfer mit seinem Ratsgenossen Georg Kreutziger ins Lager vor Wittenberg, seine Mitbürger der Barmherzigkeit des Feindes zu empfehlen; und es gelang dem Geschickten, eine Salvaguardia des Herzogs Alba heimzubringen. Bald ritt der Kaiser selbst in Naumburg ein. Am Jakobstore ging ihm der Rat entgegen und beugte das Knie, und Dr. Steinhöfer erbat die Huld der Majestät. Nach der Mittagstafel befahl Karl V., der in Veit Leubes Hause an der Ecke des Marktes und der Mariengasse im Quartier lag, den Rat zu einer Audienz. Steinhöfer führte die Deputation. Sie trafen den Kaiser, wie er in einem Kittel von Barchent am Tische saß, und sie empfanden, daß hochtrefflicher Verstand und hochadlig Gemüt in seinen Gesichtszügen gewirkt waren. In Steinhöfers eigenem Hause, erzählte später ein Chronist, lag der arme gefangene Kurfürst Johann Friedrich und blickte wehmütig auf das Fensterglas, in das er vor langen Jahren, in seiner raschen Jugend, geritzt hatte: "Mein Glück gehet auf Stelzen." Die Bürgermeister trugen schwer an ihrem Amte in der Zeit des verlorenen Feldzuges. Steinhöfer hatte die letzten tausend Gulden aus den Kassen zusammengeschüttelt, und er versuchte es, mit dieser Summe seine Bürger von der Kontribution, die zwanzigmal soviel verlangte, loszukaufen. Doch er vermochte es nicht, mit seinem gewandten Humanistenlatein den kaiserlichen Kanzler, zu dem er nach Jena geeilt war, zu erweichen. "Ihr Naumburger", erwiderte der, "wollt über Armut klagen und seid doch so stolze Buben, daß ihr allezeit den Kaiser und sein Gebot verachtet habt und des Krieges Ursache geworden seid!"

Als Apotheker, Arzt und Ratsherr waltete Steinhöfer dann noch zwanzig Jahre. Er sah auf dem Rathause 1561 den großen Glaubenskonvent der protestantischen Fürsten und Stände tagen, und er stand aufrecht allezeit inmitten des theologischen Haders, des Schmähens und Lästerns, der Landfriedensbrüche und des Buschkleppertums und der trostlosen Verarmung und tollen Weltlust, da seine Vaterstadt "ein Raubhaus und ein Sodiom" schien. Er verkaufte sein Haus an der Marktecke, erwarb ein anderes in der Jakobstraße, das heute die Nummer acht trägt, und im Jahre 1549 ist im Gerichtsbuche aufgezeichnet, daß er auch dies wieder verkaufte an Hans Gartmann. Wo er schließlich seßhaft war, wissen wir nicht. Er ist am 4. Januar 1567 gestorben.

Sein Freund, der Diaconus Bürger, dichtete zu seinen Ehren einen Nachruf mit jener lateinischen Sprachgewandtheit, die der humanistischen Konversation ihre Eleganz verlieh:

Tu, Neoburgiacis clarus qui consul in oris rexisti cives dexteritate tuos, Steinhoefere, potens AVusis et Apollinis arte, es meritus nostra semper in urbe cani. Änxia cum Carolus Caesar sub tecta cohortes duceret iratus, qua, Neopyrga jaces, tu, consul, magno fudisti pectore verbapro muris populi proque salute tui. Namque truci cum jam dixisset Episcopus ore, agmine se muros perdere velle suo, tu suplex Jenae factus tua moenia servas et cives, alias qui periere, tuos. Semper honos nomenque tuum virtusque manebit, grata tuas laudes posteritasque canet.

Die Apotheke Steinhöfers ist wohl in dem alten Hause an der Marktecke unter seiner Leitung geblieben. Sein Nachfolger als Apotheker und Ratsphysikus wurde sein Schwiegersohn, Dr. Kaspar Ratzenberger, ein Saalfelder. Der wurde auch zum Amtsphysikus des Domkapitels bestellt. Er stammte aus einer alten Arztfamilie. Luthers herzlicher Freund und Hausmedicus Dr. Matthäus Ratzenberger in Wittenberg war ihm nahe verwandt gewesen. Kaspar Ratzenberger hatte sich seit seiner Jugend, wie er selbst sagte, in der Erkenntnis nicht allein der Pflanzen, sondern auch der Tiere und Mineralien geübt und große Mühe, Fleiß und Kosten daran gewandt. Auch in der weiten Welt hatte er sich umgesehen. Im Jahre 1559 war er nach Italien gewandert, hatte zu Padua und Venedig "viel und allerlei Gewächs gesehen, selbsten gefunden und mit allem Fleiße eingeleget und in sein patriam Saalfeld geführet." Im folgenden Jahre hatte er die Flora in Südfrankreich und in der Schweiz studiert und eine Beute, die drei Zentner wog, heimgebracht.

Nach Naumburg kam er im Jahre 1564. Er wohnte in der Jakobsstraße acht, und er richtete sich gleich vor dem Tore, wahrscheinlich in der Michelsgasse, und am Wege nach Grochlitz ein paar botanische Gärten ein und zog hier selbst seine Heilkräuter, heimatliche und fremde Pflanzen. Da blühten indischer Jasmin und Granatäpfel, grünte Lorbeer und türkischer Hopfen, duftete eine Fülle seltsamer Blumen. Der Leibarzt des brandenburgischen Kurfürsten, der bekannte Dr. Leonhard Thürneisser, besuchte ihn hier und kaufte "allerlei animalia maritima, conchilia und sechshundert ein- und ausländische Simplicia". Ratzenberger war einer der ersten deutschen Gelehrten, der ein Herbarium vivum zusammengestellt hat. Sein vierbändiges Werk, das noch in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf der Bibliothek in Gotha zu sehen war, ist heute vermodert. Aber in Kassel ist noch der dreibändige "Lebendige Herbarius", den er 1592 dem Landgrafen Moritz von Hessen gewidmet hat, mit siebenhundertsechsundvierzig eingeklebten Pflanzen. Er hat dafür einen vergoldeten Becher und dreihundert Goldgulden erhalten. Auch als geschickter Arzt war er begehrt und konnte seine Kunst an den Höfen der thüringischen Herzöge und hessischen Landgrafen bewähren. Als 1588 in Naumburg ein Dieb gehenkt wurde, bat er sich dessen Schädel für seine Apotheke als Anschauungsmittel aus, doch die Räte erhoben dagegen rechtliche Bedenken.

Der rührige Mann wurde nicht müde, sich um die Gesundheitspflege seiner Mitbürger zu sorgen. Im Jahre 1577 entdeckte er an der Schweinsbrücke eine gute Quelle. Da bildete er sogleich ein Konsortium, und das wollte nun auf eigene Kosten das Wasser nach der Stadt leiten, die bisher lediglich auf das Röhrenwasser der Buchholzquelle angewiesen war. Der Rat unterstützte das Werk, aber die Eifersucht der Domherren ließ es scheitern. "Als das Domcapitel solches vermerkte", schrieb sein Freund, der Bürgermeister Sixtus Braun, "haben sie der Frau den Acker, darauf die Quelle entspringt, abgekauft". Dr. Ratzenberger ist 1603 gestorben.

Parallel seiner Zeitspanne lief das Leben eines anderen Naumburger Arztes, für den allerdings die Stadt nicht viel mehr als die Stätte seiner Geburt bezeichnete. Es war Salomon Albertus (1540 – 1600), der Professor der Medizin und der Physik an der Universität Wittenberg und kurfürstlicher Leibarzt in Dresden war.

Inzwischen vollzog sich ein Zwischenspiel, dem die Beleuchtung fehlt. Aber am Ausgange steht die Tatsache, daß nun Arzt und Apotheker in ihren Berufen getrennt sind. Und jetzt sammelt sich auch ein Aktenbestand, der den Wandel der öffentlichen Sanitätspflege erkennen läßt: der Rat hat das Apothekenwesen ganz und gar unter seine Aufsicht genommen.

Auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1548 hatte Kaiser Karl V. eine "Reformation guter Polizeiordnung" aufgerichtet, die eine behördliche Kontrolle der Apotheken befahl. Und die Reichsstände hatten dies Gesetz für die Hoheitssphäre übernommen. Auch die erste Naumburgische Apothekerordnung greift auf den Erlaß des Kaisers hochlöblichsten seligen Gedächtnisses und auf die daraus abgeleitete kurfürstlich sächsische Landesordnung zurück. Das Naumburgische Dokument ist 1584 von Dr. Ratzenberger entworfen, dann endgültig 1588 von dem ehrbaren wohlweisen Rat "mit vorhergehenden Bedenken und Rat des verordneten Medici und Stadtphysici Doctoris Kaspari Ratzenberger sowohl als auch anderer Doctorum und Medicorum zum Besten der gemeinen Stadt und Bürgerschaft und zu Nutz der Gesundheit eines jeden und somit Verleihung göttlichen Segens durch die Arznei verfaßt worden". Und der Rat will, daß die drei Artikel, in die sich die Ordnung gliedert, "steif und unnachlässig gehalten werden, wie er denn auch gegen die Übertreter und Verbrecher mit gebührlicher Strafe nach Gelegenheit und Befindung verfahren will." In einer Abschrift des Jahres 1598 ist als Randkorrektur stets der Autorität des Rates die des Wohl-Ehrwürdigen Domkapitels vorangestellt. Die alte Apothekerordnung ist nun die Gesetztafel für das städtische Medizinalwesen geblieben. Die Einzelheiten sind daher wichtig genug. "Erstlich will ein Ehrbar Wohlweiser Rat, damit jedermänniglich mit Arznei und sonsten versehen sei, jährlich einen medicum physicum allhier auf seine und der Gemeinde Unkosten halten, dann auch und fürs andere den Apotheker auf nachfolgende Artikel privilegieren und befreien lassen, also daß hinfüro niemand inner- und außerhalb der Stadt noch auf der Freiheit und in den Vorstädten einige Apotheken aufrichten und halten, keine Arznei praeparieren noch zubereiten noch die dazu gehörigen Dinge führen, insonderheit aber die giftigen und gefährlichen Stücke, als Coloquint, Nieswurz, Quecksilber, Sadenbaum, Hüttenrauch, Sublimat und Praecipitat und dergleichen Materialien und Spezereien, so zur Apotheke eigentlich gehörig, feil haben oder auch heimlich noch öffentlich zu verkaufen ihm verstattet werden soll – es sei denn in den naumburgischen Jahrmärkten, als Petri-Pauli und Grünen Donnerstags. Zum andern: soll außerhalb des allhier verordneten Doctoris Physici niemand anders zu practicieren noch urinas zu judicieren zugelassen werden, er sei denn promotus Doctor medicinae oder der sonsten von einer löblichen Universitaet ein gut Zeugnis habe, daß er dazu tauglich und genugsam qualificieret sei, wie denn auch gleichfalls Arznei zu praeparieren und zu verkaufen niemand anders verstattet werden soll, als dem privilegierten und verordneten Apotheker; und wenn solches trotzdem geschähe und erfahren würde, soll es soviel möglich abgeschafft werden. Doch soll iedermänniglich frei stehen, allhier oder anderswo der Medicorum und Ärzte Rat und Hülf sich zu holen und zu gebrauchen, auch dieselben Mittel und angeordneten Arzneien folgends alhier oder anderenorts zurichten zu lassen unbenommen sein. Dagegen aber soll keinen fremden Materialisten, Kramern, Landfahrern, Zahnbrechern, Thyriackskrämern und dergleichen außerhalb obenerwähnter zweier Jahrmärkte allhier zu Naumburg feil zu haben noch Materialien zu führen verstattet werden; da aber einer oder mehr von obbemeldeten Landfahrern oder dergleichen, so dieses Orts niemals gewesen, anhero an den Wochenmärkten kommen würden, soll denselben nur einen Markttag feil zu haben vergünstigt werden, mit dieser ausdrücklichen Verwarnung, da er solches überschritten und ferner darüber befunden würde, so oft es geschehe, soll er einem Ehrbaren Rat allhier ein gut Neuschock zur Strafe geben und seiner Waren verlustig sein; also auch, da solche Steinschneider, Oculisten, Zahnbrecher, Thyriackskrämer und dergleichen Gesinde bei dem, was ihnen zuständig, nicht bleiben würden und treiben, was sie gelernt und erfahren hätten, und keine Arznei, wie gut dieselbe von ihnen fürgegeben und geachtet werden mag, zu bereiten und in Leib geben außerhalb derer Dinge, so zu ihrer Kunst gehörig, dabei sie denn geduldet werden sollen, so oft aber denselben zuwider gehandelt wird, soll der Ordinarius Medicus und Stadt-Physicus mit Beistand derer Apothekerherren und Apothekers solche Arznei besichtigen und, so sie betrüglich befunden, hinwegnehmen und in den Kot oder Wasser zu schütten Macht haben. Und soll solcher Arzt mit Darlegung obbenannter Straf alsobalden abgeschafft werden, wie denn ein Ehrbar Wohlweiser Rat hiermit den Barbierern, Badern und Zuckerkrämern verboten haben will, daß sie keine Medicamenta für die Kranken, damit sie bisweilen mit purgierenden Pulveribus laxativis, Morsellen, Latwergen und anderen Mitteln und Arzneien freventlich zu curieren pflegen, zubereiten und ausgeben, sondern, so es vonnöten, allezeit zuvor mit dem verordneten Medico beraten und dessen Rat und Unterricht hierinnen folgen. Gleichergestalt sollen sie auch mit den hart Verwundeten, und wo böse und gefährliche Zufälle zu besorgen, so umgehen, daß niemand an seiner Gesundheit und Wohlfahrt verwahrlost werde bei unnachlässiger ernster Pön und Straf. Zum dritten: soll der Apotheker sowohl als auch seine Gesellen und Discipuli auf diese Artikel einem Ehrbaren und Wohlweisen Rat und Gemeinde beeidet werden; und wenn nun derselbe und seine Gesellen und Discipuli solchen nicht nachkommen und nicht getreulich darob halten würden, will ein Ehrbarer Rat die Straf nach Gelegenheit der Verbrechung gegen sie vorzunehmen und abzufordern sich vorbehalten haben."

Man sieht, die Naumburger Apothekerordnung des Jahres 1588 ist ein von der Gewogenheit des Rats ausgestellter Schutzbrief für den einen privilegierten Apotheker in der Stadt, in den Vorstädten und auf der Freiheit, eine wirksame Handhabe gegen die Konkurrenz jeder anderen Apotheke, ein Monopol für die ausschließliche Bereitung und für den Verkauf aller Medikamente, ein straffes Polizeimittel gegen den freien Heilkräuterhandel und gegen die Arzneipfuscherei der landfahrenden Scharlatane, der Zahnbrecher, Steinschneider, Okulisten, Theriakskrämer.

Das "Jurament des Apothekers" ist dem Statut im Wortlaut beigegeben. Es faßt nur kurz das Gelöbnis, daß der Schwörende nach seinem besten Verstande und Vermögen die Arznei präparieren und auch seine Gesellen und Lehrlinge dazu anhlten will. Ein Schriftstück aus späterer Zeit gibt sich bedeutend eindringlicher dem Pensum und der Praxis des Apothekers hin: "Eines Apothekers und seiner Gesellen Eidespflicht: Ich schwöre zu Gott, daß ich alle Simplicia zu rechter Zeit colligieren, mit allem Fleiß exsiccieren und rein erhalten will, die Composita aber nicht nach eines jeglichen Description dispensieren will, sondern wie es nach der Description Mesuae gemacht werden soll und nicht nach der Description Nicolai oder eines anderen, damit der Doktor nicht betrogen und dem Kranken Schaden zugefügt werde, auch nicht mit Honig machen will, was mit Zucker sein soll, und dergl., und daß ich die Medicin, so Kinder abtreiben oder giftig sein, an niemand verkaufen will um Geldes willen, sonderlich denen Personen, so ich nicht kenne. So aber Personen kommen, die mir bekannt sein und wollen die gebrauchen zur Abtreibung toter Kinder oder wollen schädliche, giftige Tiere vertreiben, denen will ichs nach meiner Gelegenheit und soviel ich zu verantworten weiß, verkaufen und folgen lassen. Alle Medicin will ich mit ganzem Fleiß, sonderlich aber purgantia praeparieren; was alt und verlegen oder verdorben ist, als nichtig hinwegwerfen und solches keinem Menschen verkaufen. Ich will auch einen gleichmäßigen Tax, der von mir selbst geschrieben, dem Rat vorgelegt und mit allen seinen Artikeln verfaßt und geordnet ist, im Verkauf halten und keinen Menschen, er sei reich oder arm, damit übervorteilen. So auch irgend ein Simplex mangelt, will ich nicht quid pro quo nach meinem Gefallen nehmen, sondern zuvor den Medicum befragen, mich nach seinem Bescheide verhalten, dann die Medicin nach seinen Recepten praeparieren und nach meinem Gefallen nichts ändern. Ich will auch gute Achtung geben auf die Medicin, so mit Opio gemacht sein, daß ich solcher nicht zuviel gebe – ob sie auch gleich von einem Ungelehrten geschrieben worden – sie auch nicht eher, sie sei denn wohl fermentiert, verkaufe. In summa will ich mich in allem nach der Kunst Mesuae und meines höchstens Gewissens, den armen Kranken zu Frommen und Nutz, allzeit zu Tage und Nacht ohne Weigerung, unnachlässig und unbeschwert, den Armen als den Reichen fleißig und unverdrossen verhalten, als mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium!" Die Apotheker-Articul, die der alten Ordnung angeheftet sind, bemühten sich auch um die sittliche Persönlichkeit. Der Apotheker sollte auf einen aufrichtigen, ehrbaren guten Namen bedacht sein und darauf achten, daß seine Gesellen eifrig zur Predigt und zum Sakrament gingen und sich des nächtlichen Herumtreibens, des Saufens und der Unzucht enthielten.

Mit der gleichen Sorgsamkeit wie der Pflichtenkreis des Apothekers wurde von Rats wegen auch die Funktion des Arztes gezirkelt. Ein Bündel von Archivpapieren hat die Bezeichnung "Stadtphysici und ihre Bestellung betreffend". Obenauf liegt der Kontrakt, den der Bürgermeister Sixtus Braun vor den drei Räten mit dem Dr. Wilhelm Romanus aufgesetzt und eigenhändig geschrieben hat am 18. März 1595. Romanus, der aus Köthen gekommen war, wurde neben dem alten Medicus bestellt und erhielt ein bedeutend höheres Honorar – hundert Gulden jährlich und dazu eine Wohnung so lange, "bis er Selbsten mit einem eigenen Hause sich versehen möge". Er war dafür verpflichtet, jedem Bürger, arm und reich, in der Krankheit bei Tag und Nacht unverzüglich Hilfe zu leisten und niemand mit übermäßigen Forderungen zu beschweren, sondern mit dem zufrieden zu sein, was ein jeder ihm "nach Gelegenheit" verehren würde. Und wenn sich zutrüge, daß jemand beide Medici zugleich zu sich begehrte, so sollten sie in gütlicher Unterredung den Fall erörtern und dem Kranken Hilfe bringen. Auch zu unentgeltlichen Krankenbesuchen in den städtischen Hospitalen mußte der Arzt bereit sein. Ganz besonders sauber wurden die Berührungspunkte zwischen Arzt und Apotheker umschrieben. Der Medicus sollte jeden Tag aufs wenigste etliche Stunden in der Apotheke zu finden sein. Hier hatte er für jedermann Sprechstunde zu halten und dabei zugleich darauf zu achten, daß seine Recepte sorgfältig präpariert und die Arzneien mit tüchtigen Materialien zugerichtet wurden. Kam der Fall, daß ihn die Praxis über Land führte, so durfte er nur mit Erlaubnis des Bürgermeisters über Nacht ausbleiben, und seine auswärtige Adresse mußte er in der Apotheke hinterlassen, damit man ihn jederzeit im erheischenden Notfalle zu erreichen vermöchte. Zu einem wichtigen Kapitel wurde die Apothekenvisitation gemacht. Sie sollte, "so oft es die Gelegenheit erforderte", geschehen und war dem Medicus zusamt einer städtischen Deputation übertragen, "dagegen ein ehrbarer Rat nach gehabter Müh ihnen etwas zum Honorario gutwillig reichen und verehren lassen wollte".

Die Apothekenvisitationen hatten nach dem Augsburger Befehle Kaiser Karls V. das Inventar zu besichtigen und die Tauglichkeit der Materialien, die Beschaffenheit der Simplicia und Komposita, den Vorrat der Gifte, die Zuverlässigkeit der Unzengewichte und die Preistaxe der Arzneien zu prüfen. Das galt dann in der Zeit, die den gravitätischen Förmlichkeiten verschrieben war, immer als ein Repräsentationsakt. Auch die Maler fanden daran ihre Freude und zeichneten gern auf ihren Stichen die gemessene Bewegung der wichtigen Herren, die im steifen Ornat an den sauberen Regalen des Gewölbes prüfend und diskutierend entlang schritten, indes auf einem Tischchen abseits unter leuchtenden Wachskerzen die Weinflaschen und Gläser sowie Kuchen und Backwerk auf den Abschluß des Programms warteten. Arzt und Apotheker standen in einer entente cordiale.

Die Reichsstadt Nürnberg hatte schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts regelmäßige Apothekenbesichtigungen angeordnet; das Protokoll der ersten Naumburger Visitation ist im Beschließblich des Jahres 1586 am 25. Mai zu lesen. Die Visitatoren waren der Stadtmedikus Dr. Ratzenberger und zwei Ratsherren, und man hatte außerdem, vielleicht um strenge Unparteilichkeit zu wahren – denn Ratzenberger war zugleich der Besitzer der durch einen Provisor verwalteten Apotheke – , einen fremden Physicus herangezogen, den Doctor Georgius Heilandt aus Zeitz, und den Apotheker Laurentius Korich aus Weimar. Das Ergebnis wurde auf dem Rathause festgestellt. Die Apotheke hatte sich "dermaßen erwiesen, daß darüber nicht zu klagen war". Aber einige Punkte mußten doch im Protokoll besonders bewertet werden. Die Apotheker sollten, so hieß es, sich die Unzengewichte statt der alten Krämergewichte anschaffen. Sie sollten die Composita mit. einem Zettel bekleben, der das Datum ihrer Herstellung angäbe, und außerdem sollten sie darüber ein genaues Buch führen. Wenn große Composita gefeitigt würden, sollte der Apotheker ein sonderliches Brett dazu nehmen und die Simplicia dem Medicus zeigen, bevor er sie in die Pfanne täte. Vor allem aber sollte es nicht wieder vorkommen, daß er den Leuten das Wasser besähe und ihnen daraufhin eine Arznei gäbe. Die Gefäße sollten stets reinlich gehalten, und die aufgestellte Taxe sollte gebührlich beachtet werden. Dann waren da noch manche andere Dinge zu schlichten. Der Apotheker hatte noch keinen Eid geschworen; er mußte das nachholen, und auch seine Gesellen sollten das tun, wenn sie bei ihm vier Wochen gedient und sich verständig erwiesen hätten. Von den Lehrbuben wurde verlangt, daß sie Lateinisch verständen, damit durch ihre Unwissenheit kein Bürger betrogen würde. Der Apotheker sollte, was er an Materialen von Markt zu Markt einkaufte, genau in ein Buch eintragen und alle neuen Waren dem Medicus vorzeigen. Er sollte schließlich einen gesonderten Raum in der Apotheke dem Medicus für seine Sprechstunden bereit halten . . . "Darauf ist den Visitatoribus abgedanket, und beneben den Zehrungen und freien Fuhren sind dem Dr. Heilandt zehn Taler, dem Apotheker aber von Weimar zehn Gulden zur Verehrung gegeben worden". Dies für die Zeit auffällig stattliche Honorar zeugt von einer liebenswürdigen Verbeugung des Bürgertums vor der Gelehrsamkeit.

Die Apotheke an der Marktecke war 1593 in den Besitz des Apothekers Johannes Paltz gekommen, dessen Name sich schon drei Jahre vorher in der Bürgerliste findet. Er war nicht zugleich Medikus, aber als gelehrter Herr schrieb er sich Palsius. Nach seinem Tode wurde für die Witwe und die Kinder eine Vormundschaft bestellt. Und da – unter der Verwaltung des Apothekergesellen Nicol Schmidt – kam der Niedergang. Im Jahre 1600 wurde protokolliert: "Über die Apotheke und diejenigen, so dieselbe itzo verwalten, kommt täglich und fast alle Stunden große Klage: die Rezepte würden nachlässig präpariert und die Composita taugten nichts; der Geselle müßte in Strafe genommen werden." Der Stadtarzt Dr. Romanus griff ein. "Alldieweil", heißt es weiterhin, "in der Apotheke etliche Mängel vorgefallen, ist dem Vormund aufgegeben, dem Gesellen zu melden, daß er nach Leipzig ziehe und nach einem Verzeichnis der Doctores das Nötige an frischen und tüchtigen Materialien einkaufe – um bar Geld, auf Kosten der Vormunde". Der Scherereien müde, wollten die Erben endlich die Apotheke verkaufen. Ein Leipziger, Zacharias Strauß, meldete sich als Käufer; aber er ließ dann nichts mehr von sich hören. Man bot sie der Stadt an; der Rat lehnte den Kauf ab. Doch setzte er aus seiner Macht kommissarisch einen Provisor ein. Pankratius Wolff hieß er, und der Rat übergab ihm die Schlüssel, und nachdem er noch einmal eine Inventuraufnahme und eine Visitation angeordnet hatte, "wies er ihm den Tisch an".

Pankratius Wolff brachte im Jahre 1601 die Apotheke durch Kauf an sich, und mit ihm arbeitete sich nun ein Apotheker- und Ratsherrengeschlecht herauf, das seine Männer in leidenschaftlich bewegter Zeit sichtbar in die vorderste Reihe der Bürger stellte.

In der scheinbar übersichtlichen Geschichte des Naumburger Apothekertums liegt ein lästiger Stein am Wege, den man nicht umgehen kann. In einem Rats-Kopialbuche des sechzehnten Jahrhunderts, das zumeist Gerichtsverträge und Ordnungen des letzten Bischofs Julius von Pflug bewahrt, ist am Ende eingeheftet ein "Privilegium, Magister Schorckells Apotheke anlangend, gegeben durch Bischof Julius anno 1561". Hier liegt ohne Zweifel ein landesfürstlicher Akt vor, wie ihn Karls V. Mandat auf dem Augsburger Reichstag von den Fürsten und Ständen gefordert hatte. Und der mußte für Rat und Bürgerschaft unantastbares Gesetz sein. Das Privilegium ist so bedeutsam, daß es in seinem Wortlaut wiedergegeben werden muß:

"Von Gots Gnaden wir Julius, Bestelligter zum Bischof zu Naumburgk, bekennen und tuen kund für uns und unsere Nachkommen, daß uns der Achtbare, unser lieber getreuer Sigißmundt Schorckell, Bürger zu Naumburgk, untertänig ersucht hat, daß wir ihm in unserer Stadt Naumburgk eine neue Apotheken neben der vorigen Apotheken aufzurichten gnädig nachhängen und erlauben wollten, ihn auch samt seinen Erben zu begnaden, zu befreien und zu privilegieren, daß in XII Jahren, nach dato an zu rechnen, keine neue Apotheke desorts in der Stadt, auf der Freiheit noch in den naumburgischen Vorstädten aufgerichtet werde.

Wann wir dann diese Bitte für ziemlich, auch unserer Stadt Naumburgk und derselbigen Unterthanen und Einwohnern für nützlich, ehrlich und zuträglich erachteten, also begnaden, betreuen und privilegieren wir aus Kraft und Macht unserer uns zu Naumburgk zustehenden fürstlichen Obrigkeit gedachten Sigißmunde Schorckell und seine Erben in Kraft dieses Briefs auf XII Jahre lang nach dato, nämlich dergestalt, daß sie neben der vorigen Apotheken, der wir hiermit nichts wollen derogiert haben, eine freie Apotheke desorts aufrichten mögen, alle Materialia und Species, Simplicia & Composita darin zu feilem Kauff zu haben, welche in eine Apotheke gehörig, auch dergleichen nach der Doctoren description und Recepte darinne zu verfertigen und zu präparieren, welche den Leuten zu ihrer Gesundheit zuträglich und nutz sein werden. Falls sie aber spüren werden, daß medicamenta bei ihnen gefordert würden, welche dem Menschen oder dem Viehe an ihrem Leben und Gesundheit Schaden bringen möchten, die sollen sie von sich nicht reichen, es seif denn, daß sie die Leute, welche dieselbigen fordern, wohl kennen und sich dermaßen versichern, daß solche medicamenta zu keiner Gefahr, Schaden und Nachtheil für Menschen oder Tier gebraucht werden. Sie sollen auch zu jeder Zeit, wenn sie solche verdächtige medicamenta reichen, in der Apotheke in die Receptbücher namhaftig und zum fleißigsten verzeichnen.

Und dann soll gedachter Magister und seine Erben die Apotheke zu jeder Zeit mit guten, frischen materialien und medicamenten versehen, dieselbigen den Leuten in gebührlicher Tax lassen zukommen und niemand über Billigkeit übersetzen und überhöhen, und da solches geschähe und Klage derohalben entstehen würde, wollen wir uns und unseren Nachkommen hiermit vorbehalten haben, die Apotheke durch den Rat zu jeder Zeit visitieren zu lassen, die Mängel der Apotheke zu erkunden und dieselbigen, auch die Erhöhung und ungebührliche Übersetzung der Leute abzuschauen und die Tax auf billige Wege zu ermäßigen und zu moderieren. Dorwider der neue Apotheker sich keiner Wege behelfen oder setzen soll, und damit dem also desto fleißiger nachgesetzt werde, so soll gedachter Magister Sigemundt Schorckell und ein jeder seiner Erben, der die Apotheke die XII Jahre über vorwalten wird, duch den Rat zu Naumburgk, obberührte Artikel stet und fest zu halten, vereidet werden.

Und soll hierüber keinem nachgelassen werden, in- und außerhalb der Stadt Naumburgk als auf der Freiheit oder in Vorstädten innerhalb XII Jahren, solange unser Privilegium und Befreiung währet und gedachter Magister Schorckell und seine Erben die Apotheke dermaßen wie obstehet treulich und wohl versorgen werden, eine Apotheke aufzurichten, und ob sich des jemand unterstehen würde, so soll unser Gericht des Orts zu jeder Zeit solche abschaffen.

Es soll auch kein fremder Materialist oder Thiriackermann außerhalb der Jahrmärkte desorts feil haben, änderst denn da er das erstemal kommt und feil hat, daß. ihm solches einen Tag gestattet und ihm untersagt werde, fürder nicht wiederzukommen bei Straf eines Gulden, halb dem Gericht, halb dem Rat, so oft er wiederkommt, von ihm einzubringen.

So aber auch gemeldeter Magister oder seine Erben in der Zeit der Befreiung die Apotheke nicht dermaßen, wie obstehet, versehen, sondern sich dieser Beschreibung ungemäß halten oder die Leute übersetzen werden, und da wir oder unsere Nachkommen durch die unsere neben dem Rate billige Verschaffung hierin täten, nicht gehorsamen oder verfolgen wollten – auf den Fall behalten wir uns hiermit vor, diese Befreiung zu kassieren, aufzuheben und gänzlich abzutun."

Es ist das einzige Mal, daß der Bischof Julius ein Apothekenprivilegium aus der "Kraft und Macht seiner ihm zu Naumiburg zustehenden fürstlichen Obrigkeit" erteilt hat. Er tastet keineswegs die Freiheit der älteren Ratsapotheke an. Er spricht darin ausdrücklich, daß der alten Ratsapotheke keins ihrer Rechte derogiert werden soll; und den Akt der Vereidigung des neuen Apothekers überweist er, ebenso wie die Pflicht der Visitation, dem Rat.

Wer war nun der Magister Sigismund Schorckell? Das Naumburger Bürgerbuch zeigt seit dem Jahre 1513 zahlreiche Eintragungen der Familie Schorckell, bis das Geschlecht am Ende des Jahrhunderts sich verflüchtigt. Der Magister erwarb 1553 das Bürgerrecht. Er ist also greifbar da. An der Ostseite des Marktes gehörte der Familie das Haus neben der alten Apotheke, jetzt Nummer neun, und es ist anzunehmen, daß er hier seine Offizin eröffnet hat. Aber der Betrieb wurde aus nicht sichtbaren Gründen unterbrochen. Denn die Apothekenordnung des Naumburger Rats vom Jahre 1588 setzt ausdrücklich fest, daß außer der privilegierten Ratsapotheke niemand hinfüro in der Stadt, auf der Freiheit und in den Vorstädten eine Apotheke aufrichten soll. Des bischöflichen Privilegs von 1561 wird mit keiner Silbe gedacht. Zudem war Julius von Pflug im Jahre 1588 schon vierundzwanzig Jahre tot. Dennoch taucht die zweite Apotheke wieder aus dem Schatten auf. Es wird unter den Hausbesitzern an der Ostseite des Marktes neben manchem anderen Namen auch der Apotheker Veit Zeller und später der Apotheker Martin Thieme genannt. Man weiß nicht viel von ihnen. Thieme richtete im Jahre 1601 an den Rat das Gesuch, ihm die Aufrichtung einer zweiten Apotheke in seinem Hause am Markte zu erlauben. Der Rat lehnte die Bitte ab mit dem Bemerken, "es könnten in der Stadt nicht zwei Apotheken sein". Auch ein Gesuch, auf der Freiheit eine neue Apotheke zu eröffnen, schien ihm "nicht leidlich".

Als Pankratius Wolff 1601 von der alten Ratsapotheke Besitz ergriff, fühlte er sich trotz des Sicherheitsparagraphen der Apothekenordnung von 1588 durchaus noch nicht dauerhaft gegen jede Konkurrenz verschanzt. Wirklich, es erschien wieder der Apotheker Thieme auf dem Plane, und der war jetzt im Besitze des prolongierten alten Privilegs des Bischofs Julius von Pflug und hatte daraufhin die Schorckellsche Apotheke am Markte wieder aufgetan. "Im Mai 1611", heißt es in Wolff s Annalen, "hat Herr Martin Thieme, Bürger und Apotheker, den Vogel abgeschossen und den besten Gewinn davon gebracht". Und aus demselben Jahre liegt auch ein Ratsbericht über eine Revision "beider" Apotheken bei den Akten. Erst zu Martini 1617 schlug Pankratius Wolff die unliebsame Nebenbuhlerschaft endgültig nieder. Damals war Martin Thieme gestorben, und Wolff machte mit den Erben einen Kontrakt und kaufte ihnen nicht das Haus, wohl aber "das Korpus" der Apotheke und alle Rechte ab: "Demnach die ehrbare und tugendsame Frau Barbara, Martin Thiemes sei. nachgelassene Witwe, nicht allein ihres weiblichen Einbringens bei weitem nicht contentiert und vergnügt werden kann, also hat sie nach Rat und Gutachten ihrer nächsten Freunde und ihrer lieben Kinder, Agnaten und dero Vormunden ihr Corpus der Apotheke allhier, sonderlich weil ihr und ihren kleinen unerzogenen Kindern dasselbe zu nichts nützen und weil es in solche Abnahme gekommen sei, daß die Spezies und anderes Zugehörige meistenteils verdorben und zu nichte geworden, dahero auch die ganze Apotheke bis anhero wüste gestanden, dem ehrenfesten, wohlweisen Herrn Pankratio Wolffen alhier, des Rates itzigem Apotheker, die Apotheke verkauft – samt den dazu gehörigen Materialien und Spezereien und dem ganzen Corpore und den Instrumenten, also Mörsern, zinnernen und hölzernen Büchsen, Schachteln, Kasseln, Pfannen, Pressen, Kräuter- und Materialkasten, Rezeptbüchern, Giftschrank nach einem sonderlich angefertigten Inventario – um zweihundert und fünfundzwanzig Gulden baren Geldes . . . Und setzt die Frau Verkäuferin den Käufer hiermit in den rechten, nützlichen und geruhigen Posseß der Apotheke und deren Pertinenzien und Zugehörungen. Sie ist verpflichtet, alle und jede Privilegia, Schriften und Documenta, darauf die itzo verkaufte Apotheke fundiert gewesen, herauszugeben."

"Privilegia, Schriften und Documenta" – das war unter allem Kram vielleicht das Kostbarste. Es lag dabei das alte Privileg Julius von Pflugs – wenigstens das Aktenstück, durch das die kurfürstlich sächsische Stiftsadministration in Zeitz, die Rechtsnachfolgerin des Bischofs, im Ablaufsjahre des Privilegiums, 1572, die Urkunde prolongiert hatte – und zwar für Veit Zeller, den Nachfolger Schorckells und Vorgänger des Apothekers Martin Thieme. Denn auf diese Urkunde beriefen sich viel später einmal, 16717 die Söhne Wolff s in einer Eingabe an den Rat: "Unser Apothekenprivileg ist das uralte, das 1572 Veit Zeller erhalten hat." Ob das Privileg im Jahre 1584 noch einmal erneuert war und somit außer dem archivalischen Wert auch noch lebendige Kraft besaß, ist zweifelhaft. Pankratius Wolff war weltklug genug, um nicht lediglich auf die Garantien des Rats zu verlassen, sein Trachten ging von vornherein auf die Erwerbung eines landesherrlichen Schutzbriefes. Gleich am 15. November 1602 hatte er den Rat gebeten, sich bei den Stiftsräten des Administrators, des Herzogs August von Sachsen, in Zeitz zu verwenden wegen der Erneuerung seines Apothekenprivilegii. "Darauf haben die Herren gewilligt, daß ihm solches gegeben werden solle", so heißt es im Beschließbuche. Die Erfüllung ließ noch lange auf sich warten, und sie kam wohl erst 1617, nachdem vermutlich die aus der Hand der Witwe Thieme gekauften Dokumente der kurfürstlichen Regierung Johann Georgs vorgelegt waren. Im Jahre 1645 wies der Sohn Pankraz Wolffs, der Apotheker Christoph, in einer Eingabe an den Rat auf das kurfürstliche Privileg seines Vaters vom Jahre 1617 hin und fügte hinzu: "Da ist die Apotheke privilegiert, daß innerhalb acht Jahren kein de novo-Werk errichtet werden sollte. Und dies Privileg ist 1625 auf eine Eingabe des Rats hin bis 1635 prolongiert." Diese Diplome sind nicht erhalten. Im Jahre 1635 lief die Frist des Privilegiums wieder ab, und da sprechen nun die Urkunden abermals zu uns. Es ist eine Interzession aufbewahrt, ein Schriftstück, das der Bürgermeister Bernhard Behrweit angelegt, geschichtlich begründet und am 10. September 1635 im Namen des Rats zu Gunsten seines geehrten und verehrten Freundes und Gevatters Wolff an den Präsidenten, den Kanzler und die Räte des Stifts in Zeitz gerichtet hat. Er trägt ihnen die Bitte vor, "das alhier zu Naumburg der Stadtapotheke vor sehr vielen Jahren vom weiland Bischof Julio erteilte, folgends von dem Kurfürsten Augusto extendierte und sonderlich von dem Herzog Johann Georg dato Zeitz 24 Martii anno 1617 gnädigst verbesserte und auf den itzigen Apotheker Pancratium Wolffen gerichtete und vom Stiftspräsidium auf Interzession des Rates am 21. Julii 1625 dem bono publico zu Nutz und Besten auf 10 Jahre bestreckte und renovierte Privilegium nunmehr abermals auf 10 oder 12 Jahre zu prolongieren und konfirmieren." Eine uneingeschränkte Lobrede auf die bürgerliche Tugend und auf die ausgezeichnete fachmännische Tüchtigkeit Wolffs macht den Beschluß des Schriftstücks; sie sollte das Gesuch des Freundes umstrahlen.

Die erbetene Urkunde ist am 27. Oktober, am Dienstag vor Simonis Judä, 1635 auf dem Schloß zu Zeitz ausgestellt und mit dem großen Insigel des Stifts bekräftigt. Sie ist ein Akt des Herzogs Johann Georg selbst. Und dies ist der Wortlaut: "Von Gottes Gnaden Wir, Johann Georg, Herzog pp. hiermit tun kund, daß Uns die Hochgelehrten und Ehrbaren Unsere lieben Getreuen, Bürgermeister und Rat der Stadt Naumburg in Schriften zu erkennen gegeben, welchergestalt der Apotheker daselbst Pancratius Wolff nunmehro eine geraume Zeit, in die sechsunddreißig Jahr, seine Apotheke nicht allein mit kostbaren medicinischen und anderen Sachen, auch mannigfaltigen exoticis und fremden Waren, sondern auch mit wohlerfahrenen Apothekergesellen dermaßen versorget, und damit in- und außerhalb der Stadt arm und reich, ja männiglich also gedienet und zustatten kommen, daß sie ihm desselben mit Bestände gutes Zeugnis geben könnten, mit fernerem Anziehen, wieviel daran gelegen, daß bei einer solchen Stadt nur ein wohlbestelltes Corpus geduldet würde, damit, wenn derer mehr, sich nicht einer auf den ändern verlassen, beide einander verderben und endlich der Patient mit großer Gefahr es über sich nehmen müsse, – und dahero untertänigst gebeten, weil obbemeldeter Apotheker sie um gebührige Intercession ersucht, damit ihm das hierbevor zu unterschiedenen Malen gnädigst erlangte Privilegium ferner auf etliche Jahre gnädigst prolongieret werden möchte, Wir wollten, dem bono publico zum Besten, dieser Ihre untertänigste Intercession ihn fruchtbarlich genießen lassen, hiernächst auch obbemeldeter Apotheker nicht allein dieses, sondern auch ferner untertänigst gebeten, daß seyn Apothek mit dero pertinentien, wie bishero geschehen, auch hinfüro mit würklicher Einquartierung – allerhand inconvenientien zuvorzukommen – unbelegt, sondern befreiet bleiben möchte – wann Wir denn solcher Ihrer, des Rats, untertänigsten Intercession, auch seinem, des Apothekers, daneben beschehenen gehorsamsten Gesuchen, dem gemeinen Nutz zum besten gnädigst stattgetan und mehr berührtes Privilegium, von dato an auf zehn Jahre erstrecket, die gesuchte Befreiung auch gestauten Sachen nach gnädigst bewilligt haben. Als begehren Wir inkraft dieses, daß demselben in allen und jeden darinnen begriffenen Punkten fest, und unverbrüchlich nachgelebt werde, und daß der Rat zu Naumburg auch den Apotheker Pancratium Wolffen in Gegenwart der verordneten Stadt-Physicorum vereide oder nach Befindung bei seiner vorigen Eidespflicht ernstlich vermahne und hernach ihn bei diesem Unseren Privilegio und Begnadung gebührlich schütze und handhabe. Es soll aber angeregt Privilegium ferner nicht als auf mehrerwähnten Pancratium Wolffen und seine Leibeserben, auf zwölf Jahre, sich erstrecken und nach derselben Zeit oder auf den Fall ihres Absterbens von unkräften und erloschen sein. Dafern aber ofterwähnter Apotheker bei seinem Leben oder seine Erben nach ihm die Apotheke, wie voriges Privilegium vermag und sonsten die Notdurft erfordert, dermaßen nicht versehen noch versorgen, sondern sich Unserer Befreiung ungemäß verhalten, das Privilegium mißbrauchen oder die Leute mit dem Taxe übersetzen und also ein schädlich, nachteilig monopolium einführen, auch, so Wir derentwegen gebührende Verordnung tun, er oder dieselben dem nicht untertänigst gehorsam würden, auf solche wie auch andere begehende Fälle mehr und der Sachen erheischende Notdurft nach behalten Wir uns gnädigst bevor, dies Privilegium und Begnadung entweder gänzlich zu cassieren und aufzuheben oder ihn in willkürliche Strafe zu nehmen und es sonsten nach Unserm Gefallen zu ändern."

Das ist die Urkunde, die nun in der Familie Wolff als Trophäe und wertvollster Hort in allen Apothekenstreitigkeiten gehütet wurde. Pankratius hatte schon 1614 sein Apotheken-Korpus von der Ostseite des Marktes auf die Westseite gelegt, und da steht sein Haus fest gegründet bis auf den heutigen Tag. Als er es kaufte, war es schon in seiner Front aus zwei Häusern zusammengewachsen, und an dies geschlossene Paar hatten sich vier kleinere Grundstücke dahinter, die nach der Rittergasse schauten, allmählich herangebaut. Das geräumige Anwesen hatte zuvor dem Magister Sixtus Braun gehört, der ein vortrefflicher Jurist, fleißiger Annalist, Stadtschreiber und Bürgermeister gewesen und vom Kaiser seiner sonderlichen Tugend und Geschicklichkeit halber geadelt war. Der Apotheker führte das Besitztum weiter bis zur Engelgasse, indem er dort noch zwrei Häuser ankaufte. Nun war es so stattlich wie kaum ein zweites. Die Einheitlichkeit gewann es erst nach einem Brande im Jahre 1714.

Nun jüngst, in den Jahren 1934 und 1935, ist es durch einen Ausbau großen Zuges zu einem technisch musterhaften Apothekerhause geworden, das zugleich in seinen freien, behaglichen Wohnräurnen die bedeutsame Lebenskunst des alten, guten und sicheren Bürgertums glücklich gewahrt hat.

Pankratius Wolff war 1575 in Sorau geboren und als Vierundzwanzigjähriger nach Naumburg gekommen. Und hier setzte sich der geschickte Mann sogleich in den Sattel. Nach dem Tode seiner ersten Frau und nachdem er rasch seine Wohlhabenheit gesichert und sich im Ratsstuhle heimisch gemacht hatte, heiratete er 1610 "auf vorhergehende reifliche Deliberation und auf beiderseits zuvor getane herzliche Anrufung Göttlicher Majestät" die Tochter des angesehenen Bürgers und Ratskämmerers Raphael Sacer. Sie hieß Justine und war erst sechzehn Jahre alt. Im Elternhause hatte sie fleißig den Katechismus, viele schöne Psalme und trostreiche Gebete gelernt und war auch zu allen jungfräulichen Tugenden, zur Haushaltung und zu allen ihrem sexui wohlanständigen Verrichtungen angehalten. Nun bevölkerte sich rasch das Apothekerhaus, in dem bisher nur zwei Knaben aus der ersten Ehe gelebt hatten, mit acht neuen Kindern. Als sie 1668 starb, waren da einundsechzig Kinder, Kindeskinder und Kindes-Kindeskinder, die um sie trauern konnten.

Nach den Worten seines Freundes Bernhard Behr war Pankratius Wolff "nicht allein für sich ein fleißiger und in der Apothekerkunst wohlbegabter Mann, sondern auch bei hohen und niedrigen Standespersonen in Ansehen und bei männiglich wegen seiner Güte beliebt. Als Fachmann hatte er seine Apotheke von Jahr zu Jahr mit frischen Waren, mit vielen köstlichen Exoticis, hochbewährten Chymicis und anderen Medicamentis verbessert und sich dabei keine Unkosten dauern lassen, sodaß ein vornehmes Corpus und eine wohlbestellte Apotheke erstand, dahinein auch aus anderen Städten von gerühmten Medicis Rezepte geschickt wurden. Er hielt sich an eine gerechte Taxe und verwandte beim Präparieren der Arzneien niemals ein quid pro quo. Dazu duldete er in seinem Hause nur tüchtige, qualifizierte und in der Apothekerkunst recht erfahrene Gesellen." Außer seiner Apotheke besaß Wolff noch ein anderes Haus, das dort lag, wo später für den Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz das Residenzhaus gebaut wurde.

Wolff hat seine Lebenserinnerungen in ein Diarium eingetragen, das in einer Abschrift noch heute unter dem Titel Notabilia im Archiv liegt. Aus diesem Buche blickt er uns mit dem gleichmütigen Gesicht eines Mannes an, der das Leben nimmt, wie es eben kommt – schlecht und recht. Er lächelt aber auch. Da kennt er die Originale, die über den Markt gehen, den Kantor Stiefel, dessen Onkel den nahen Untergang dieser Welt prophezeite, die Pinselkäte, den Kutschenkaspar, die Buttertischerin. Bei jeder Kurzweil und Gasterei und Volksfestlichkeit ist er dabei. Beim Bürgerschießen gewinnt er nicht nur den ersten Preis: einen zinnernen Teller, ein Glas guten Rheinweins, eine gebratene Lerche und eine weizene Semmel – , sondern auch zwei Trostpreise: zwei hölzerne Teller, zwei alte "Zwörche" und zwei Humpen mit saurem Bier. Er merkt sich, daß er am 7. Februar 1613 in seinem Garten ein vollerblühtes Veilchen gefunden hat, aber er notiert auch, wenn Hagelschlossen über die Felder fahren, wenn zwei Sonnen am Himmel stehen, wenn es Steine regnet, wenn früher Frost den Wein tötet, wenn es Mord und Totschlag in den Gasthäusern gibt, wenn ein armer Sünder decolliert oder gestäupt wird, wenn gar ein Jude an einem besonderen Schnellgalgen gehenkt werden muß, oder wenn der Wirt zu den Drei Schwanen als erster in Naumburg auf einem Leichenwagen zur Gruft geführt wird. Mit gutmütigem Spott gedenkt er eines fürstlichen Kirchganges in Sankt Wenzel, von dem die brandenburgischen Hofdamen, die auf der Empore saßen, viel Läuse heimbrachten, oder er tadelt es mit Empfindlichkeit, daß der Pfarrer über ein vornehmes Ehepaar keine Rüge von der Kanzel sprach, obwohl es sich ante copulationem schon fleischlich zusammengetan hatte, "dahingegen mancher Tropf, der es bei weitem so grob nicht gemacht, durch die Hechel gezogen worden; des Mannes Name hat geheißen wie der zweiunddreißigste Teil eines Pfundes, und die Liebste war des Bürgermeister Braun Mademoiselle Tochter". Wenn aber der Memoirenschreiber von den Fürstentagen berichten kann, von prunkenden Aufzügen, von Kutschen und Pferden, Edelleuten und Lakaien, Pauken und Trompeten, dann dehnt sich seine Brust vor Lust, und am Schluß der Gastereien mit ihrer strotzenden Pracht der Speisen und der Weine stehen dann immer die Worte: "Es mußte jedermann einen tüchtigen Rausch haben". Betrübender Weise bricht das Tagebuch schon mit dem Jahre 1620 ab. Pankratius Wolff wurde 1609 zum ersten Male in den Ratsstuhl gewählt, und 1636 wurde er in loco sacro mit der Bürgermeisterswürde angetan. In den ersten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts war alles das, was draußen im Reiche geschah, nicht die Sache des Bürgertums, und als dann die Wirbel der großen Staatsaktionen heranfuhren, meinten die Arglosen immer noch, der Krieg sein kein Interesse der Fürsten, und sie krochen in ihr friedsames Gehäuse und äugten nur, daß man ihnen die Peter-Paulsmesse nicht störte. Der Kurfürst machte mobil. In Naumburg wurde die Landmiliz gemustert, Heerwagen mit Musketen und allerhand Kriegsgerät fuhren durch die Gassen, große und kleine Feldstücke rollten übers Pflaster, Offiziere ritten an, Kriegsvolk wurde gemustert und schwur auf die Fahne, das Trommeln hörte Tag und Nacht nicht auf. Es war kein geruhsames Sitzen mehr im Ratsstuhle, sondern eine verteufelte Verantwortlichkeit. Immer von neuem herangeblasenes, herrisches Kriegsvolk wollte essen und trinken. Die Häuser lagen bis an das Dach hinauf voll von Musketieren und Dragonern. Und in den Ratsstuben drängten sich die Obersten und Leutnants und Quartiermeister mit Klagen und Drohungen. Der Fürst schrieb eine Kontribution nach der anderen aus, die Kaiserlichen und die Schweden taten das auch, und dann kam es vor, daß, wenn alle Kassen bis auf den Boden geleert waren, der Kämmerer und ein paar Ratsherren von den Feinden in Arrest genommen und als Geiseln mitgeschleppt wurden, bis das Lösegeld bezahlt war. Der Kurfürst Johann Georg hielt mit seiner neutralen Schmiegsamkeit und Devotion die ersten Kriegshändel von seinen Ländern fern, aber Gustav Adolf kam und zwang ihn zur Frontstellung gegen den Kaiser. Nach der Breitenfelder Schlacht setzte der Sieger die Stadt Naumburg als strategischen Punkt mitten in seinen Feldzugsplan hinein. Holke blockierte die Stadt, Gustav Adolf lag hier im Quertier, ehe er seinem Tode entgegenritt, Baner klopfte das Bürgertum aus, Königsmarck warf seine Granaten in die Gassen . . . Vor den Schlachten lagen Feinde oder Freunde, beide gleich brutal, in den Bürgerbetten, nach den Schlachten legten sich die Blessierten hinein und ließen die Seuche zurück. Das Volk nahm das alles stumpf-widerwillig hin wie eine ägyptische Plage. Aber es geschah doch, daß die kleinen Leute gegen die "Partirerei" ihrer Obrigkeit zu murren begannen und auf den Markt liefen und sich über die Boshaftigkeit erregten, die alle Quartierlasten in die Häuslein der Armen drängte, doch die weiträumigen Häuser der privilegierten und graduierten Regiments-, Rechts-, Amts- und geistlichen Personen verschonte. Nach dem Privilegium des Jahres 1635 sollte auch die Apotheke, wie die Häuser der Doktoren, Ratsherren, Pfarrer, "mit wirklicher Einquartierung, um allerhand Inconvenientien zuvorzukommen, unbelegt bleiben". Da, in dem schlimmen Jahre 1637 setzten die Unzufriedenen eine Liste der Reichen auf, die ihnen mit Barschaft und Wechseln in der Not helfen sollten. Sie nannten sechsunddreißig Namen, und ganz obenan stand der Bürgermeister Dr. Romanus und der Apotheker Pankratius Wolff.

Die beiden gehörten zusammen: Bürgermeister und Ratsherr, Stadtarzt und Stadtapotheker–eine Verbrüderung in der Schwüle der Ratsstuben und im Elend der Kriegsdrangsale auf den Gassen. Kein leichtes Dahingleiten des Tagewerks, wenn der grausige Nachtrab der Heereshaufen über das Volk kam – mit Pest, Ruhr und Blattern, jenen Seuchen, die die Chronisten unter dem Namen contagium zusammenfaßten. Der Schlachtentod hat den Naumburgern nichts getan, denn Bürger waren keine Soldaten, traten nur zum Wachtdienst unters Gewehr.

Heereszüge und Einlagerungen schufen auch mannigfachen Erwerb. Die Gewölbe der Marktapotheke, die Keller und Kräuterböden waren gestapelt mit wundersamen und köstlichen Dingen, die sauber verpackt in bunten Büchsen und Gläsern, in Flaschen, Kisten und Schachteln standen. Wir können das ermessen, weil eine gute Laune des Schicksals die Rechnung aufbewahrt hat, die in den Gustav-Adolfs-Tagen Pangratz Wolff – so schreibt er hier seinen Namen – zu Lasten des Rates auf zwei Folioseiten aufgestellt hat: "Verzeichnis der Gewürze usw., so auf Ihrer König!. Majestät in Schweden usw. Ankunft ailhier ins Quartier aus der Apotheke abgeholet worden." Da finden wir der Reihe nach alles, was man heute zumeist in einem Delikatessenladen sucht: Ingwer, Pfeffer, Nelken, Zimmet, Safran, Muskatblumen, Muskatnüsse, Kanarizucker, Mandeln, Rosinen, Nürnberger Grauplein, Reis, Hirse, Prunellen, Spanische Pflaumen, Kapern in Essig und in Salz, Rosenwasser, Baumöl, Limonen in Salz, frische Zitronen, Wacholderbeeren, Kümmel, Nürnberger Pfefferkuchen, Gurken, überzogenen Zimmet und überzogene Mandeln, Rhabarberkuchel, Manus Christi, Wachs, Schafkäse, kandierte oder eingemachte Sachen zum Nachessen, weißes Papier, Pruna Pruniola, Biskuitbrot, weißen Zucher und Korianderzucker, Zitronat, aber auch Wachsfackeln und sogar Hühner.

Noch ehe der große Krieg zu Ende ging, starb Pankraz Wolff, der große Apotheker. Würde man die besten Bürger jener Zeit, die repräsentativsten aufzählen, müßte sein Name an der Spitze stehen.

In der Wenzelskirche, nahe dem Altarraum, steht sein Leichenstein. Die Schrift am Rande weist auf den zehnten Vers des neunzigsten Psalms. Das Mittelfeld läßt sich von einer anmutigen Barockkante umfassen und schmückt sich mit einem Medaillon, das die Symbolik des Todes zeigt–Totenkopf, Schlange, blühenden Mohn. Und man liest: "In Gott ruhet ailhier der weiland Ehrenfeste, Vorachtbare, Wohlgelahrte und Wohlweise Herr Pankratius Wolff, gewesener Bürgermeister und alter wohlverdienter Apotheker ailhier, welcher anno 1575 am Sonntag Lätare zu Sorau in der Unterlausitz von christlichen Eltern geboren und anno 1644 am 23. Februar in Gott gar sanft und selig entschlafen." Dazu sind lateinische Distichen gesetzt, dieses Sinnes: "Wer ruht hier? Ein Mann, ausgezeichnet durch Bürgertugend, treu und unbescholten, machtvoll im Raten und Helfen. Doch nein, er ruht nicht hier; er hat sich aufgerichtet ewig auf seiner Tugend und Treue und freut sich nun im Jenseits des Rats und der Hilfe seines Gottes." Nicht weit von dem Denkmal ist die Gedächtnisstätte seiner Frau Justine, geb. Sacer, die 1668 starb, und auch das Denkmal seines einen Sohnes Justinus, der Doctor beider Rechte, Oberbürgermeister und Scholar der Stadt Naumburg war und 1671 beigesetzt wurde. Hier zeigt die Tafel in der Mitte das Familienwappen – einen springenden Wolf.

Am 26: November 1648 notierte der Ratsschreiber: "Auf Ihrer Kurfürstlichen Durchlaucht gnädigen Befehl ist nach gehaltener Predigt eine sonderliche Danksagung für die zu Osnabrück und Münster getroffenen Friedenstraktate und derselben Subscription und Publicaton beneben einem andächtigen Gebete, so alles abgelesen, gehalten und darauf das Tedeum gesungen worden. Dem Friedensfürsten Jesu Christo sei hierfür Lob, Ehr, Preis und Dank gesagt!" Am Ende des Krieges war die Zahl der Einwohner auf 4000 herabgegangen. Das hatten nicht die Gewalttätigkeiten des ergrimmten Soldatentums verschuldet – es war in den langen Kriegsjahren kaum ein Dutzend Bürger erschlagen oder erschossen –, sondern die Pest hatte die Häuser ausgefegt. Die wurden nun bald wieder voll von Kindergeschrei, aber die Truhen blieben leer. Und die Stuben des Rathauses und die Gewölbe der Krämer und die Werkstätten der Handwerker mußten noch lange harren, bis das fröhliche Getriebe der Arbeit wiederkehrte. Jahrzehntelang währte die Not der Nachkriegszeit mit ihrer Inflation, ihren Bankrotts, ihrer zerlöcherten Bürgerehre, ihrer herausfordernden Sucht nach Gastereien und Leibesputz. In einer Hochzeitspredigt hatte schon vor dem Frieden der Pfarrer Lauterbach von St. Wenzel gegen die Putzsucht der Frauen geeifert: "Rebecca, obgleich sie fürnehmer Leute Kind war und einem reichen Herrn sollte zugeführt werden, wußte sich doch nicht darauf stolz; sie ließ sich dem Bräutigam nicht in einer Sänfte zutratgen, sondern sie ritt daher auf einem groben Kamel. So tut auch Ihr Jungfrauen die ausländische Tracht von Euch ab und lasset Euch an der deutschen Tracht genügen! Wozu dient diese läppische Torheit, Tockenhoffart, Poppenhoffart! Schmuckflecklein, Zärtlinge, Claretlen, die nur zum Fenster hinaussehen, Spazierengehen, die Hände in den Schoß legen, nicht eine Suppe kochen können, sind ihrem Manne wenig nütze." Das Bürgertum war aus seiner kommunalen Selbstverwaltung und Selbstherrlichkeit herausgestoßen und zu einer staatlich bevormundeten Untertanenschaft herabgedrückt und wartete nun auf den Sonnenschein, der am kursächsischen Himmel hing. Und wie immer in den Katastrophenzeiten rannte das Volk auf Gassen und Plätzen dem Wunderhaften, Verstandeswidrigen nach. Es trug seine Körpergebresten nicht zum Arzt und zum Apotheker, sondern vertraute sich dem Hokuspokus der Marktschreier und Quacksalber an, die ihm Steine und Ohrwürmer und Spinnen aus dem kranken Gehirn zogen, oder gar dem Hexenkram der alten Weiber, die Liebes- und Todestränke brauten oder alte Sargnägel und Stücke von Henkerstricken verordneten. "Man findet", so predigte der Augustinermönch Abraham a Santa Clara, "auf allen Märkten und Kirchweihen solche liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die den Leuten das Geld aus den Taschen locken. Da zieht so einer etliche Wurzeln aus dem Sack hervor und beteuert, daß er sie selbst dreizehn Meilen hinter Syrakus am Meeresgestade ausgegraben habe und daß sie das beste Mittel gegen Taubheit seien: Die Könige von Paphlagonien pflegten solche Wurzeln hinter das Ohr zu stecken und konnten dann hören, wenn ein altes Weib über dreißig Meilen weit entfernt hustete". Apotheker und Ärzte begannen auch in Naumburg bald Klage über Medizinpfuscher zu erheben, die in der Salzgasse Schwefelbalsam mit unverschämter Schreierei anpriesen.

Und doch ergibt sich, daß inmitten dieser Finsternis und Trübsal der menschlichen Ordnungen gerade die exakten Wissenschaften ihre lichtvollen Systeme aufbauten und ein Zeitalter der Weltgelehrsamkeit einleiteten. Der Leipziger Leibniz wurde 1646 geboren. Eine aufklärende Frische fuhr vor allem durch das Medizinalwesen. Die Universitäten schufen mikroskopische und chemische Laboratorien und anatomische Theater. Und es war auch etwas ganz Neues, als Rembrandt damals eine Obduktion vor dem Auditorium der Ärzte malte – "Die Anatomie des Dr. Tulp". Drüben in Jena pflegte der Professor Werner Rollfinck in den Wintersemestern Sezierungen menschlicher Leichname, und die Studenten liefen ihm in Haufen zu. Der schnell Berühmte konnte als Naumburger gelten, so verschwägert war er hier.

Noch in dem Jammer des Krieges hatte der Naumburger Rat sich der Elenden erbarmt, und er hatte 1630 das Aussätzigenhospital zum Heiligen Geist, das ganz verfallen war, wieder aufgebaut, und der Kurfürst hatte fünfzig Taler dazugesteuert. Auch die Naumburger Ärzte hatten einen guten Ruf. Da wirkte neben Dr. Romanus, der an dem Bette des treuen Pagen Augustus von Leubelfing stand, auch der Dr. Petrus Krause, ein Magdeburger, Stadtphysikus und Kurfürstlich sächsischer wohlbekannter Medicus in Schulpforte. Seine Besoldung war 1624 auf fünfzig Gulden festgesetzt, aber im Jahre 1637 mußte er sich beim Kurfürsten beklagen, daß der Rat ihm schon seit sieben Jahren das Gehalt schuldig geblieben war. Und doch hatte auch dieser Mann, gleich dem Dr. Romanus und dem Apotheker Pankraz Wolff, in bestürzten Tagen im Ratsregiment gesessen und das Oberbürgermeisteramt getragen. "Er war ein Nagel", so rühmte seine Leichenpredigt 1657, "daran ein jeder Bürger seine Last anhängte, obwohl mancher Meister Klug und Hans Haberecht an seinen Taten nörgeln wollte". Und besonders 1642 bei der schwedischen Belagerung, was hatte er da für Sorge, Angst, Mühe und Verantwortung getragen, als die Kartaunen und Feuermörser hereinspielten. In einer Anwandlung ärztlicher Lebensgeringschätzung dichtete er auf den Tod einer befreundeten Frau:

Vita, quid? heu, brevis et multorum plena laborum; Quid torus? heu, totus nil nisi morbus erat.

Um diese Zeit ergänzte sich in der Apotheke oder Offizin, wie es nun der Sprachgebrauch wollte, der Vorrat der alten Arzneien durch den Gewinn amerikanischer und ostindischer Drogen. Galen und Hippokrates, die ewigen Autoritäten, wurden schattenhaft. Die Buchdruckerkunst brachte neue sorgsame Pflanzenbücher, mit anschaulichen Kupfern illustriert. Und jetzt kam auch den Chirurgen das Bewußtsein, daß sie aus der Barbiererzunft sich herausreißen müßten, um die Ehre ihrer bedeutsamen und doch bisher verächtlich geschätzten Kunst zu schützen und sich ebenbürtig neben dem Physikus als graduierte Akademiker sehen zu lassen. In der Schlachtengeschichte war ihre Geschicklichkeit wertvoll genug erprobt. Doch blieb es auch fortan noch so, daß in Naumburg auf Messen und Märkten die Landfahrer, Theriakkrämer, Steinschneider und Okulisten ihr lautes Wesen treiben durften. Sie galten den Doctores gegenüber als Empirici und Medicastri.

In der um sich greifenden Autorität der absoluten Monarchie lag es nun, daß sich der Staat immer stärker seiner Obrigkeitspflichten gegenüber dem öffentlichen Gesundheitswesen bewußt wurde. Im Kurfürstentum Brandenburg gehen die Medizinäledikte auf 1563, 1685 und 1725 zurück. In Sachsen hatte man eine Medizinälordnung von 1681. Sie bestimmte eine Tax-Ordnung für die Ärzte: für den ersten Besuch beim Kranken galten vier Batzen, für jeden folgenden zwei Batzen, für ein Rezept zwei Groschen, für die Öffnung eines Cadaveri humani fünfviertel Taler, für die Besichtigung eines Entleibten einen halben Taler. In den Akten des Naumburger Rats kehren die Hinweise auf die kurfürstlichen Mandate zur Verbesserung des Medizinalwesens und zur Errichtung eines Sanitätskollegiums wieder, die als gedruckte Bogen 1750 und 1768 übers Land gesandt wurden. Da findet sich auch ein Paragraph von den Pflichten des Apothekers: "Die Apotheker sollen, bevor sie zu Acquisition oder Verwaltung einer Offizin zugelassen werden, zuvörderst bei dem Sanitätscollegio oder respektive bei der medizinischen Fakultät zu Leipzig oder Wittenberg sich deshalben gebührend melden und sollen beibringen, daß sie in einer privilegierten Apotheke gelernet und nach beendigten Lehrjahren zum wenigstens fünf Jahre als Gesellen gestanden, sich auch dabei fleißig und wohl verhalten haben; auch nach erfolgtem Examine ihrer Geschicklichkeit halben sich durch ein Testimonium legitimieren; sodann aber ihren Offizinen mit gebührendem Fleiße und Behutsamkeit vorstehen, solche mit den erforderlichen Simplicibus und Compositis hinlänglich versehen und diejenigen Mittel, so der Korruption unterworfen, von Zeit zu Zeit erneuern; auch wenn ein solches geschehen, alljährlich mittelst eines richtigen, vom Stadt- oder Amtsphysiko pflichtmäßig attestierten, respektive bei dem Sanitätscollegio oder denen medizinischen Fakultäten einzureichenden Catalogi dozieren; außerdem aber gewärtig sein, daß bei der von ihnen oder ihren Provisoribus, Gesellen oder Lehrburschen – als deren Facta und Neglecta sie in proprio zu vertreten haben–verschuldeten Fahrlässigkeit oder bei sonstigem üblen Verhalten die Obrigkeit ohne alle Nachsicht gegen sie verfahren und nach Befinden die Offizin sequestieren lassen, sie selbst removieren, auch sie sonst als ihre Untergebenen mit nachdrücklicher Strafe ansehen werde . . ."

Und so werden denn nun auch in die Personalakten die Prüfungszeugnisse eingeheftet, die hier zumeist der Dekan der medizinischen Fakultät an der Universität Leipzig ausgestellt hat. "Der Kandidat", heißt es, "hat in dem mit ihm angestellten Examen sehr gut bestanden und eine hinlängliche Kenntnis sowohl der einfachen Arzneimittel als auch der Bereitungsart der zusammengesetzten durch seine Antworten an den Tag gelegt und ist diesem nach zu der von ihm angegebenen Apothekerstelle für tüchtig erkannt und erklärt worden, jedoch unter der Andeutung, daß er sich alles Kurierens ganz enthalte . . ." Die Eidesformeln, die der Rat der Stadt Naumburg vorschrieb, waren für die Herren Apotheker, für die Provisores und für die Apothekergesellen im Wortlaut verschieden, doch alle hielten sie sich in ihrem Inhalt noch fest an das alte Jurament von 1588. Der Hinweis auf die jetzt längst veralteten Descriptionen Mesuä und Nicolai wurde gestrichen, aber nachdrücklicher klingt jetzt die Verpflichtung zur äußersten Vorsicht im Gebrauch der Gifte.

"Anker01">Als Pankratius Wolff, "der vornehme Apotheker", 1644 in seinem Ruhekämmerlein zu St. Wenzel beigesetzt war, regierte seine Witwe, Frau Justina. Sie rief ihren Sohn Christoph aus der Fremde zu sich und übergab ihm die Schlüssel, damit er die Apotheke "dirigiere und providiere". Aber sofort erhoben sich Thronfolgestreitigkeiten mit den beiden älteren Brüdern, Söhnen des Vaters aus seiner ersten Ehe; die hießen Jacob und Wolfgang. Sie verlangten ihr Erbrecht an Apotheke und Haus, auch die Schlüssel zu der Materialienkammer und zum Gewölbe und schließlich eine Rechnungsablegung des Provisors. Wie die meisten Erbschaftsprozesse verspann sich auch dieser in stachlige Unerquicklichkeiten. Die Witwe nutzte den Vorteil aus, daß ihre ganze Vetternschaft in den Ratsstühlen saß. Und doch entschieden die Stiftsräte in Zeitz, an die die beiden älteren Söhne appellierten, daß sie bei ihren Erbrechten zu schützen seien, solange noch Haus und Apotheke in communione beständen. Dann geschah die Erbteilung. Am 3. Februar 1645 wurde vor dem Stadtgericht der Kaufvertrag zwischen der Witwe und ihren Kindern aus erster und zweiter Ehe aufgesetzt und zwölffach gesiegelt. Danach wurde aus der Erbmasse "das hinterlassene Corpus pharmaceuticum oder Apotheke mit allen darin befindlichen Spezereien und Materialien, auch allen dazu gehörigen messingenen, kupfernen, zinnernen, ehernen, hölzernen und tönernen Instrumentis und Gefäßen, zusamt des Wohnhauses am Markte, darinnen die Apotheke sich befindet, mit allem, was darinnen erd-, niet- und nagelfest ist", dem Herrn Christoph Wolff für die Summe von fünftausend Talern erblich und eigentümlich zugesprochen.

Man hatte vergessen, durch eine Klausel das alte Privileg zu isolieren. So kam es, daß schon nach vier Wochen die Bürgerschaft einen neuen Akt des Schauspiels der feindlichen Brüder erlebte. Jakob Wolff ging darauf aus, ein eigenes Privileg für die Errichtung einer neuen Apotheke zu erstreiten. Dabei stellte es sich heraus, daß er deshalb schon im Jahre vorher ein Supplik an den Kurfürsten geschrieben hatte. Damals war sein Vater Pankratius noch am Leben gewesen; und der hatte also wohl aus dem Gefühl, den Sohn erster Ehe nicht gegen den Sohn zweiter Ehe zurückstellen zu dürfen, geduldet, daß das so schwer erkämpfte und so zähe verteidigte Monopol von 1635 in zwei Stücke zerbrochen wurde, noch ehe die zwölf Jahre der unbedingten Schutzfrist abgelaufen waren. Der Kurfürst Johann Georg entschied am 3. März 1645 in einer Ordre an seine Stiftsräte zu Zeitz ganz überraschend: "Da soviel befunden, daß bei der Stadt Naumburg wohl zwei corpora pharmaceutica anzurichten seien und dem Jakob Wolffen, als einem in dieser Kunst Erfahrenen, ein neues corpus wohl auch anvertraut werden könne–und zwar fürnehmlich zur Abwendung des schädlichen monopolii und damit man nicht an eine Apotheke allein, so die Leute öfters übervorteilt, gebunden sein müsse – inmaßen Ihr auch um eben dieser Ursachen willen zu Zeitz neben der alten Apotheke ein neues corpus zu errichten vor etlichen Jahren gleichergestalt verstattet habt – so können wir dannenhero nunmehr gnädigst geschehen lassen, daß erwähntem Jacob Wolffen ein neu corpus anzurichten verstattet und er auf gewisse Jahre neben der alten Apotheke darauf privilegieret werde, hiermit begehrend, ihr wollet Euch danach achten und dergleichen Privilegium vorgeschlagenermaßen ausfertigen." Der Präsident der Stiftsregierung, Stephan von Friesen, stellte den Privilegienbrief aus und ordnete zugleich am 17. April 1645 an, daß der Rat in Naumburg den Jakob Wolffen daraufhin in Pflicht nehmen und bei seinem Rechte schützen sollte, und daß er ihn in Zukunft als bestallten Apotheker mit allen Personalbeschwerungen, Wachen und Einquartierungen, durch die er in seiner Verrichtung behindert werden könnte, verschonen sollte. Da setzte sich der Bruder Christoph zur Wehr. In einer Eingabe an den Kurfürsten hielt er das Privileg seines Vaters vom Jahre 1617, 1625 und 1635 vor sich. Das sei von ihm, so schrieb er, mit der Apotheke rechtmäßig erworben, und es müsse mindestens noch bis zum Jahre 1647 seine alte Kraft behaupten und jedes de novo-Werk ausschließen. Eine Apotheke würde die andere totmachen, schloß er, und er wies darauf hin, daß auch die Städte Wittenberg, Torgau, Görlitz, Halberstadt, Braunschweig, Lüneburg und andere je nur eine einzige Apotheke hätten. Er fügte auch ein empfehlendes Attest der Naumburger Physici bei. Der Rat stellte sich neben ihn, um den Bruder Jakob "in seinem Prozeß zu turbieren". Das Stiftspräsidium wurde nachdenklich und zitierte die streitenden Parteien vor sein Tribunal. Jakob Wolff schützte die Reisegefahren der Kriegswirren vor und bat dann wiederholt, den Termin hinauszuschieben. Und inzwischen schaffte er die notwendigen Materialia und Instrumenta zur Hand und öffnete am 8. August 1645 die neue Offizin. "Ein Attentatum!", rief Christoph Wolff und wandte sich an den Rat, dessen Favorit er nach der Behauptung des Gegners war, damit der durch den Gerichtsfron den Laden schließen lasse. Und doch, wie immer auch Recht und Unrecht verteilt sein mochten – Jakob Wolff hatte das neue kurfürstliche Privilegium in original in der Hand, und das konnte weder der Rat noch die Stiftsregierung auslöschen. Mit dieser Tatsache mußte man sich versöhnen.

Nach dem Tode Jakob Wolffs im Jahre 1670 wurde am 29. August seinem Sohne Justinus das Privileg von 1645 durch den Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz, der damals Stiftsgebieter war, auf zehn Jahre erneuert, und dieselbe Gunst erhielt zur selben Zeit auch der Alte Christoff Wolff für seine "sogenannte alte Offizin". Die Texte beider Urkunden sind im wesentlichen Wort für Wort gleich. Der Herzog bestätigt: "Es soll niemandem, wer der auch sei, in solcher Zeit in der Stadt Naumburg oder auch auf der Freiheit daselbst, über und neben den beiden itzigen Apotheken daselbst eine oder mehr andere Offizinen, außer erheblichen, wichtigen und von Uns und Unseren Nachkommen am Stifte für notwendig ermessenen Ursachen, zu errichten verstattet oder nachgesehen werden." Die Diplome sind umfangreicher als die früheren, und sie nehmen den Leitfaden des Reichstagserlasses Karls V. und auch der alten Apothekerordnung vom Jahre 1588 wieder auf. Sie geben dem Beuchenen eine Schutzwehr gegen den unlauteren Wettbewerb der seit alters unbequemen wilden Medizinmänner, aber auch gegen die Handelsfreiheit der Materialisten und Gewürzkrämer. Hier werden die Pflanzen, Früchte, Säfte, Öle, Spirituosen, chemischen und mineralischen Drogen aufgezählt, deren Verkauf den Krämern, abgesehen von der Zeit der beiden Märkte, verboten sein soll – es sind über einhundertfünfzig Namen. Auch eine Schankgerechügkeit wurde den Apothekern zugestanden: "Dieweil auch die süßen und andere fremde Weine in der Arznei nicht stets abgehen, jedoch fäßleinweise zur stündlichen Handhabung in der Apotheke notwendig eingelegt werden müsssen, dabei aber oft umschlagen und verderben können, so soll der Apotheker zur Abwendung dieses Schadens berechtigt sein, davon etwas maßweise um Geld und billigen Wert anderen abzulassen, aber nur in dem Falle, daß dergleichen tüchtige und gute Weine im Ratskeller nicht zu finden sind." Da war nun ein gefährlicher Boden bereitet, aus dem Klagen und Gegenklagen des Mißvergnügens hervorzüngelten und in dicke Aktenstöße gepreßt wurden.

Die Kramer hatten sich 1628 zu einer Innung zusammengetan, und in der Solidarität ihrer Genossenschaft warfen sie sich jetzt auf, um die Zangen des Apothekermonopols abzubrechen. Sie legten beim Rat eine Protestation und Suspensivforderung ein, und der gab die Entscheidung an die Stiftsregierung weiter, und die setzte Termin über Termin an. Jeder der Streitenden berief sich auf sein verbrieftes Recht. Nach Reichs- und Landesgewohnheit und nach ihren vom Rate bestätigten Statuten verlangten die Krämer freies Kommerzium der in ihren Läden von altersher geführten Materialien und Spezereien und erboten sich, aus ihren Krambüchern darzutun, daß bisher selbst die Apotheker aus Zeitz, Neustadt an der Orla, Freyburg, Buttstädt, Eckartberga, Weimar, Eisenberg, Laucha, ja sogar hier aus Naumburg gekommen wären, um ihre Materialien in den Kramergewölben einzukaufen. Nun standen in der gemeinsamen Bedrängnis die beiden Apotheker, der alte Christoph Wolff und sein Neffe Justinus Wolff, Schulter an Schulter. Stützten sich die Kramer auf ihre Gerechtigkeiten von 1628, die allerdings älter waren als das Apothekenprivileg von 1635, so datierten nun die beiden Wolffs das Monopol ihrer Familie auf 1561 zurück. Und sie führten dazu ihre gelehrte und fachmännische Überlegenheit an die Front, ihre kontrollierte Verantwortlichkeit, ihre genauen Instrumente, ihre gesetzliche Taxe – dies alles gegenüber der nachlässigen Gepflogenheit der Kramer, die sogar venena, starke purgantia, menses promoventia durch Weiber und Lehrlings verkaufen ließen. Übrigens griffen sie aus der Zahl der genannten Städte Eckartsberga und Freyburg heraus und erwiderten bissig: "Dort gibt es gar keine Apotheken, man wolle denn diejenigen, die mit Bücklingen, Tobak, Salz, Lichten und dergleichen handelten, zu Apothekern machen. Da rückten nun die Kramer den Apothekern vor, daß diese ja selbst in Naumburg den Tabak rollenweise, dazu ganze Kästen voll Tabakspfeifen und sogar Spielkarten in Vorrat hätten"; und auf den Vorwurf ihrer mangelhaften geistigen Ausbildung antworteten sie: "Wir wissen, daß wir nicht fundamentaler studiert, auch nicht die orthographiam ex professo gelernt haben, halten aber auch im Gegenteil dafür, daß kaum unter neunundachtzig oder gar neunundneunzig Apothekern einer gefunden wird, der auch recht orthographice schreiben könnte." Die herzogliche Regierung versuchte es, einen Kompromiß zu stiften. Sie ließ 1687 unter Hinzuziehung der Medici einen Katalog schreiben und umständlich die Materialien und Spezereien aufzählen, die von den Apothekern allein oder von den Kramern allein oder von beiden gemeinsam verkauft werden sollten. Dabei fällt es auf, daß Südfrüchte, Gewürze, Papier, Tabak in allen Sorten und Tabakpfeifen auch fernerhin in begrenzten Mengen den Apotheken zum Handel zugewiesen wurden. Der Großhandel in diesen Dingen blieb allerdings den Kramern vorbehalten. Die Hoffnung, auf solcher Grundlage die Streitenden "in gutes Verständnis und in friedlich Harmonie zu setzen", erwies sich als irrig. Die Eifersüchteleien fraßen sich weiter und wurden vorerst noch lange nicht satt.

Auch die Herstellung des Branntweins beanspruchte der Apothekerberuf. Es liegt da ein Zettel bei den Akten, ein Bittgesuch der Frau Magdalene Hämmerin vom Jahre 1671 an die Frau Herzogin: "Ich armes altes Weib habe bishero allerhand Wasser gebrannt, und damit habe ich auch meinen gebrechlichen Mann, gottlob, noch ernähren können, weil ich im Kriege alles das Meine verloren habe, auch manchem ehrlichen Weibe arm und reich in ihren großen Kindesnöten damit gedient; jetzo aber hat mir solch Wasserbrennen der Ehrenfeste Rat verboten, es wollten mich die Apotheker solches nicht mehr brennen lassen; bitte derowegen die gnädigste Landesfürstin, daß sie bei ihrem großen Fürsten aus Barmherzigkeit für mich bitten wolle, daß ich alte Frau, solange ich lebe, fernerhin Wasser brennen darf. Ich will die gnädigste Frau dafür benebst ihrem Fürsten und Landesvater, auch die jungen Herrlein und Fräulein in mein demütiges tägliches Gebet einschließen, daß Gott es ihnen tausendfältig vergelten soll." Der Rat wurde angewiesen, die Sache zu untersuchen; wir denken, daß er sich gütig des armen Weibleins angenommen hat.

Immer war auch für die Apotheker und für die Physici die Verlockung nahe, da, wo die Kreislinien ihrer Praxis sich schnitten, die Neutralität zu verletzen. Indes jene nach Erfahrung und Urteil ärztliche Mittel ohne ärztliche Rezepte den Kranken in die Hand gaben, mischten diese aus ihrem häuslichen Medizinschrank Heiltrank und Heilpulver ohne apothekerliche Hilfe. Das Privileg stand den Apothekern bei: "Es soll keinem Medico und Practico verstattet sein, sich eine Winkelapotheke aufzurichten und heimlich oder öffentlich zu halten, noch Medicamenta selbst zu dispensieren. Sofern sich einer derselben, in der Chymia und der Wissenschaft des Laborierens erfahren, einiges Secretum oder Spezificum selbst präpariert hat und das Geheimnis nicht gern offenbaren will, so soll er verbunden sein, es um einen billigen Preis den Apotheken zu überlassen und von da aus nachmals nach Befinden zu verschreiben." Sofort fanden die Doktoren Anlaß, sich gegen die Apotheker zur Wehr zu setzen. Der Stadtphysikus Dr. Peter Krause und ebenso der Stiftsphysikus Dr. Konrad Winckelmann meldeten der Stiftsregierung in Zeitz, daß der Apotheker Jakob Wolff unter dem Namen eines chymici heimlich und öffentlich unter Mißachtung der hohen medizinischen Fakultät kurierte. "Er nennt sich", fügten sie hinzu, "Kandidat der Medizin, obwohl er keine linguas kennt, während wir selbst beide Doctores legitime promoti sind." Darauf verlangten sie aber und abermals, daß dem Apotheker "die eingerissenen Exorbitantien" mit gebührendem Ernst untersagt würden, und sie zitierten das Dispensatorium des Renodäus: "Officium pharmacopoei est medicamenta sollum tractare et ad usum salubrem jussu medici exhibere; si ulterius progreditur, non pharmacopoeus sed veneficus et circulator est ... In nullo alio periculosius mendaciurn est quam in eo qui se falso medicum profitetur." Von einer Bestrafung Jakob Wolffs findet sich in den Akten kein Wort. Aber noch fünfzig Jahre später heißt es in einem Berichte des Rates an das Stiftspräsidium, daß die hiesigen Medici gar wenig Rezepte mehr in den Apotheken bereiten lassen, sondern daß sie zumeist aus den simplicibus ihre medicamenta composita selbst herstellen; und dann ist merkwürdig hinzugefügt: "was an und für sich der Bürgerschaft und insonderheit der Armut gar zuträglich ist."

Seit dem Jahre 1645 nannten die Naumburger die alte Offizin des Pankratius Wolff die Marktapotheke, und die andere, von Jakob Wolff begründete, hieß die Apotheke in der Herrengasse. Christoph Wolff also saß nun auf dem väterlichen Erbe am Markte. Seine Apotheke offenbarte sich den Besuchern mit stattlicher Repräsentation und wies an eindringlicher Stelle das Wappen des fürstlichen Protektors. Die ernsten Gewölbbogen überzogen sich mit ornamentalem Schmuck, und an den Wänden standen auf blumenbemaltem Unterbau die Kästen und darüber Regal an Regal, die Büchsen und Flaschen und allerhand Gefäße, die launisch geformt und mit geheimnisvollen Lettern beschrieben waren. Überall das dekorative Behagen des Barock. An der Waage hinter dem Ladentisch und seitwärts am blanken Mörser hantierte der Provisor mit den Gesellen, alle in wichtiger Grandezza, Sie trugen die gelockte, gepuderte Stutzperücke, den roten, gestickten Kavaliersrock, Kniehose und Schnallenschuhe, und um die Hüften hatten sie sich ein niedliches Schürzchen gebunden. Und das alles, so sauber anzusehen, war umwittert von dem fremden, seltsamen Duft der köstlichen Spezereien einer ganzen Welt. Daneben hielt der gravitätische Medicus seine Sprechstunde im Ordinationszimmer. Aber nicht nur allerhand Leibesgebrechen meldeten sich, die Herren vom Rate, die Magistri traten ein und tranken ein Gläschen Aquavit. Man tauschte die Zeitungen von den Staatsaktionen draußen im Reich, von den Kriegslasten in Franken, und man diskutierte über alles, was der Tag auf den Gassen Neues schuf. Man konnte auch Pfeifen und Tabak hier aussuchen. Die Geistlichen verdammten zwar von der Kanzel herab das Teufelskraut, aber es gab doch Ärzte genug, die es für Leben und Gesundheit ersprießlich hielten. Schon seit 1630 sah man in Sachsen die Tabakpflanzen auf den Feldern. Und wer drüben in Leipzig zur Messe gewesen war, konnte von dem Reiz der Kaffeestuben erzählen und von jenem neuen Getränk, das seinen Lauf nach Naumburg noch nicht gefunden hatte. Nun hielt wohl draußen auf dem Platze ein umständlicher Reisewagen. Fremde Standespersonen stiegen aus, Konfekte und Spezereien zu kaufen. Abseits in seinem Kontor war Herr Christoph Wolff ein Vertrauensmann der repräsentablen Kranken. Da wies er lächelnd auf seine Ehrenzeugnisse hin: "Attestate, so mir nicht allein von Privatpersonen, sondern auch von fürnehmen Herren und fürstlieben Ämtern wegen meiner mit Gottes Hilfe verrichteten Kuren erteilt worden." Schöne Namen prunkten hier, Herzöge, Fürsten und Junker, dazu Ratsherren von' Saatfeld, Buttstädt, Wiehe, Sulza, Apolda, Weißenfels und endlich würdige Gottesgelehrte in Menge.

Christoph Wolff hat die Memorabilien seines Vaters Pankraz nicht weitergeführt. Wir bedauern das. Er war gewiß berufen, von der Sicht eines viel umgetriebenen Mannes aus eine Aufnahme der kleinen Welt zu geben, in die eine große Welt von allen Seiten hereingebrochen war. Seine Leichenpredigt indes erzählt uns in einem zwar akademisch verschnörkelten, aber doch liebevoll eindringlichen Ton von dem Erleben dieses wohlehrenfesten, vorachtbaren, wohlgelahrten und wohlweisen berühmten Apothekers. Christoph war ein jüngerer Sohn des alten Pankraz und der Justina Sacer, ein Zwillingskind. Als er zehn Jahre alt war, 1629, schickte ihn sein Vater auf die Thomasschule nach Leipzig. Er kehrte 1631 zurück, um nun in Naumburg auf der Schola Senatoria seine Fundamenta in der lateinischen und griechischen Sprache vollends zu legen. Mit Ruhm wurde er in primam classem versetzt. Den älteren Söhnen hatte der Vater den Dra:ng zum gelehrten Studium freigegeben, seinen Christoph bestimmte er für die Apothekerkunst. Er nahm ihn aus den Bedrängnissen des Naumburger Notjahres 1635 vorsichtig heraus und führte ihn mit sich wieder nach Leipzig, als er dort auf der Ostermesse seine Waren einkaufte. In der Apotheke zum Schwarzen Mohren stand dann der Jüngling vier Jahre lang, und was ihm die Lernzeit an freien Stunden übrig ließ, verwandte er auf das Studium der Chemie und der Medizin. Es waren Drangsalszeiten. Seuchen und Schwedenpressuren setzten den Leipzigern zu. Er überstand die Pest und kam auch heil aus der Kriegsgefahr, obwohl er als ein kouragierter Kerl sich mit seiner Waffe auf die Schanze gestellt und um sein Leben gekämpft hatte. Für einen Bürgerssohn war das immerhin ein denkwürdiges Abenteuer. Dann kam er heim, aber in dem sanften Naumburg mochte er nun doch nicht in Züchten stehen und gehen. So wanderte er rüstig ins Reich hinaus. In Nürnberg schaute er dem bunten Kaufmannstreiben einer fixen, freien Bürgerschaft zu, in Regensburg geriet er in das tönende Schauspiel des Reichstages, und dann trieb es ihn nach Augsburg und München und aus dem Bayernlande nach der Schweiz, an den Rhein und flußabwärts von Basel nach Frankfurt und nach den goldenen Bischofsstädten und weiterhin nach Holland und Friesland. Das war schon eine grandiose Weltfahrt für einen Thüringer. In der Herzogsstadt Celle blieb er zwei Jahre lang in Langermanns Hofapotheke, und darauf wollte er sich in Lübeck seßhaft machen. Aber in dem Augenblicke rief ihn, nach dem Tode des Vaters 1644, die Mutter zurück. Ein Stammbuch mit den Einzeichnungen und den Wappenbildern vieler bedeutsamen Männer trug er mit sich.

Die unerquicklichen Erbstreitigkeiten mit seinem Stiefbruder Jakob waren ein übler Anfang in Naumburg. Aber er machte sich über Erwarten schnell heimisch. Im Jahre 1646 heiratete er die Justine Wacke, die, ebenso wie seine Mutter, aus ratsgesessenem Geschlechte stammte. Sechs Söhne und sieben Töchter wurden geboren. Und er wurde, gleich seinem Vater, in das Ratskollegium gewählt. Im Jahre 1671 war er Ratskämmerer. 1678 starb er. Leichensermone staffieren ihre Toten gern als eifrige Christen und edle Menschen aus, doch hier darf man wohl der Begeisterung des Oberpfarrers Bertram trauen, wenn er seinen Freund einen rechten Mann nennt, in dem kein Falsch gewesen; einen Mann, der seinem Nächsten unter die Augen trat und das, was sein Herz gemeint, mit seinen Worten zu erkennen gab; der rasch mit Rat und Tat zugriff, wenn es um das Wohl der Mitbürger ging . . . "O, wertes Naumburg, die kräftige Anwesenheit eines sotanen Mannes ist dir weit zuträglicher, als wenn dir eine große Menge güldenen Sandes aus den Flüssen Hermo und Pactolo überschicket würde .... Er war des Blinden Auge, des Lahmen Fuß, des Armen Vater . . . Nun hat ihn Gott in das Haus des ewigen Lebens genommen, gegen das alle Wohnungen dieser Welt als lauter Schwalbennester, ja als Schweinekoben zu achten sind." Christoph Wolff fand seine Gruft draußen auf dem Friedhofe, an der Südseite, unweit des Tores. "Hier schlafen", liest man auf dem Grabsteine, "die Leichname zweier exemplarischen Personen." Denn neben Christoph Wolff liegt seine Frau Justine. Der Pfarrer Pretten hat sie "das Muster der preiswürdigsten Tugenden" genannt, und seine Rhetorik schwelgt: "Der griechische Kanzler Kassiodorus rühmt Amalasvinta, eine Königin der Goten, mit diesen Worten: Suchst du ein vernünftiges und kluges Weib, so findest du es an der Amalasvinta, begehrst du ein großmütiges, so weicht sie in dieser Tugend nicht einem einzigen; sie war fürtrefflich in Ratschlägen, berühmt wegen ihrer Gottesfurcht und daher von jedermann geliebt und hochwert geschätzt . . . Würde ich wohl fehlen, wenn ich dies der Amalasvinta hochberühmte Lob der wohlseligen Frau Wolffin unverändert und nach allen seinen so schönen Teilen zuteilte? Nein!"

Von Christophs Söhnen war der eine, Dr. Pankratius Wolff, praktischer Arzt in Naumburg und zugleich Professor publicus an der Königlich preußischen Akademie zu Halle, zwei Söhne waren Apotheker. Und von diesen ging der eine, Valerius, nach Weida und mit seiner Wanderlust, dem Erbe des Vaters, später nach Dänemark; der andere, der Christoph Friedrich hieß, übernahm die Apotheke am Markt. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, als er sie 1681 durch einen Kaufvertrag an sich brachte, den er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern schloß – "Das corpus mit allem Vorrat, Instrumenten, Gefäßen und sämtlichen Zubehörungen auch Privilegien alles in allem für zweitausend Gulden, jedoch daß hiermit daneben und zugleich auch der vor dem Jakobstore an dem Armenhospitale gelegenen Wolffsche Wein- und Kräutergarten bezahlt sein soll, dessen der Käufer bei der Apotheke nicht wohl entraten kann. Das am Markt belegene Wolffsche Haus zugleich zu kaufen, ist der Käufer für jetzo nicht alleine nicht capabel, sondern es ist auch die Frau Witwe zur Zeit nicht gesonnen, das herauszugeben. Wenn der Käufer es später kaufen will, dann ist der Preis auf 3000 Gulden angesetzt. Inzwischen soll der Käufer bis dahin beim Gebrauche derer seither der Apothekerei gewidmeten Gewölbe und Kammern auch notdürftigen Logiaments in dem Hause geruhiglich gelassen und dafür von ihm jährlich nicht mehr denn fünfundzwanzig Gulden Mietgeld gefordert werden." Dies Haus, das also von dem sogenannten Apothekenkorpus durchaus getrennt wird, hat Christoph Friedrich Wolff später, nach dem Tode der Mutter, an sich gebracht. Sein Privilegium wurde 1688 vom Herzog erneuert. Es finden sich in den Akten zei Atteste seiner ehrlichen Praxis. Da bezeugen ihm Dr. phil. et med. Michael Jakobi, Scholae Portensis et reverendi Capituli Naumburgensis bestallter Medicus und auch der Dr. Andreas Buxbaum, daß er den verschriebenen Medicamentis stets ex asse nachgekommen ist, nicht quid pro quo heimlich substituiert hat und daß er die Medicamenta allezeit in guter Qualität und insonderheit zu billiger Taxe gegeben hat.

Die Apotheke in der Herrengasse, die Gründung vom Jahre 1645, ging von Jakob Wolff auf den Sohn Justinus über. Und der starb 1685. Da kam ein Fremder und setzte sich hinein. Heinrich Linck aus Leipzig kaufte das Haus zusamt der Offizin, doch so, daß den unmündigen Wolffschen Erben das Wiederkaufsrecht in einer Frist von fünfzehn Jahren gewahrt blieb. Er richtete sogleich an den Herzog Moritz Wilhelm das Gesuch, ihm das Privileg von 1645 und 1670 weiterhin auf zwanzig Jahre zu bekräftigen. Das Naumburger Bürgerrecht hatte er sich schon 1684 gesichert. Er galt als ein Mann umfassenden Wohlstandes, konnte sechstausend Taler in das Grundstück hineinstecken, baute das hinfällige und feuergefährliche Haus massiv aus, und man sagte, er sei wohl imstande, seinem Konkurrenten "zur pravada" die Arzneien wohlfeiler zu bereiten, als es in den Paragraphen der Taxe geschrieben stand. Es war nichts gegen ihn einzuwenden. Da erschien nicht, wie man hätte erwarten können, der Marktapotheker Christoff Friedrich Wolff auf dem Plan, sondern die Kaufmannschaft. Die bedachte, daß der Eindringling bereits drüben in Leipzig eine große Apotheke hätte und daß dort die Vorräte für den Bezug seiner Materialien lägen. Und sie zogen den Schluß, er würde nun in seiner Filiale alle Materialien, Färbereimittel und Spezereien, sonderlich die Simplicia nicht im Kleinhandel, sondern in halben und ganzen Zentnern verkaufen und vielleicht diesen ganzen Handel mitsamt der Landkundschaft gar nach Leipzig ziehen und so die armen Naumburger Materialisten gänzlich "eintreiben". Sie verlangten, daß ihm daraufhin das Apothekenprivilegium versagt würde. Die Affaire wurde vor den Rat, vor das Stiftspräsidium, vor den Herzog selbst getragen; die Ärzte gaben ihr Gutachten, das Domkapitel auch. Drei dicke Bündel Papier schrieben die Federn voll. Aber im Jahre 1688 beschied der Herzog aus landesfürstlicher Macht und Hoheit, indem er kurzweg alle contradiciones und intercessiones abschnitt: das alte Privileg Jakob Wolffs soll ohne Umstände für Heinrich Linck erneuert werden!

Heinrich Linck ist nie ein rechter Naumburger geworden. Die Apotheke verpachtete er an einen Provisor, indes er selbst in seiner alten Leipziger Apotheke zum Goldenen Löwen in der Grimmaischen Straße residierte. Dort hat er ein Apothekergeschlecht begründet, das bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein, bedeutsam repräsentierend, inmitten der akademischen Aristokratie stand und sich in die Ehrenmitgliedschaft der kaiserlich deutschen, der englischen und der italienischen gelehrten Sozietäten einreihte. Und er hat auch in seinem Hause den Grund eines Museums zoologischer, botanischer, mineralogischer Seltenheiten und Seltsamkeiten geschaffen, das, von seinem Sohne und von seinem Enkel immer breiter und köstlicher ausgestattet, zu einer europäischen Berühmtheit anwuchs. Es ist heute ein Bestandteil des fürstlich Schönburgischen Museums in Waldenburg.

Seiner Naumburger Apotheke in der Herrengasse, die noch heute an ihrem alten Platze steht, gab Linck ein Zeichen "die Einhornapotheke" hieß sie. Der Name findet sich in den Akten zum ersten Male im Jahre 1699.

Nun geschah es bald, daß sich in den schmalen Lebensraum eine dritte Apotheke hineindrängte.Den beiden alten Apotheken zugleich war gewohnheitsmäßig bis 1688 das alte jus prohibendi von neuem garantiert; es sollte neben ihnen weder in der Stadt noch auf der Freiheit sich eine andere Offizin innerhalb von zehn Jahren festsetzen. Als die Frist zu Ende ging, trat ein neuer Mann auf die Bühne: Johannes Lipmann. Er war bisher Pächter der Linckeschen Einhornapotheke gewesen. Schon 1686 hatte er vor dem Rat seinen Provisoreid geschworen, und acht Jahre später war er in die Bürgerliste aufgenommen. Er unterschrieb damals "Hans Liebmann"; man darf vermuten, daß er nicht reinarischen Blutes war. Er stammte aus Hirschberg. Als 1698 die fünfzehnjährige Wiederkaufsfrist der Einhornapotheke für die Wolffschen Erben vor dem Ablauf stand, mochte er fürchten, daß man ihn samt seiner Familie vor die Tür setzte, und da er zugleich wußte, daß jetzt die zehnjährige Schutzfrist für die beiden Apotheken erlosch, reichte er eine Supplikation an den Rat und eine Bitte an den Herzog ein, ihm die Errichtung einer neuen Apotheke zu gewähren. Es scheint, als ob die beiden alten Apotheker diesmal keine gnädige und eifrige Gönnerschaft auf den Ratsbänken sitzen hatten. So stellte der Rat dem neuen ein empfehlendes Zeugnis aus und gab es zu den Akten: "Herr Johann Lipmann hat die ganze Zeit über, da er in hiesiger Stadt gewohnt und Bürger gewesen, sich fromm, ehrlich, getreu, christlich und dergestalt bezeuget, daß wir sattsames Genüge über sotanen Bürgerlichen bezeugen." Als die Regierung dazu ein neues Gutachten forderte, folgte vom Rathaus am 27. September 1698 der Bericht: "Es sind allbereits zwei wohlbestellte Apotheken hier vorhanden, darinnen auch nicht das Geringste zu desiderieren, und können wir nicht wissen, ob solche in gleichem Flore verbleiben würden, dafern eine dritte dazu käme und eine der anderen Abbruch täte. Jedoch ist allenfalls auch dies zu considerieren, daß die drei Offizine Anlaß zu einem wohlfeileren Preise der Medicamente geben und also solches dem Publico nicht schädlich, sondern vielmehr nützlich sein möchte, dahero unsererseits im öffentlichen Interesse nichts hierbei in Untertänigkeit zu erinnern ist." Der Herzog ging diesmal auf keine umständlichen Debatten ein. Schon nach drei Wochen, am 26. Oktober 1698, ließ er auf seiner Moritzburg zu Zeitz beurkunden: "Wir haben dem Johann Lipmann erlaubt und concediert, in unserer Stadt Naumburg für sich eine eigene Apotheken-Officin aufzurichten und allda Medizinalien, auch andere Waren, welche sonst die anderen daselbst befindlichen Apotheken zu führen pflegen, zu verkaufen. Concedieren demnach und verstatten demselben hiermit und in kraft dieses, in unserer Stadt Naumburg ohne einige Hindernis fördersamst eine neue Apotheke zu errichten, darinnen er jederzeit frische, gute und tüchtige Waren halten und um einen billigen Preis verkaufen, auch besonders das Armut dabei beobachten und diesem die Arzneien ohne Profit reichen, sich auch sonst allstets treu, fleißig und behutsam in der Apotheke erweisen und demjenigen, was der Apotheken wegen bereits angeordnet oder annoch angeordnet werden möchte, sich gemäß und gehorsam allezeit bezeugen soll. Wir behalten Uns aber auch hierbei vor, bei verspürtem Mißbrauch dieser unserer Konzession selbige hinwieder zu kassieren oder zu vermindern."

Bürgersinn hat einen steifen Nacken, wenn es um das liebe Geld und Gut geht. Christoph Friedrich Wolff erhob sofort, auch im Namen seines Kollegen Linck, solenniter beim Rat Einspruch gegen die Publikation des herzoglichen Bescheides. In einer Appellation an den Herzog selbst beschwerten sich beide dann darüber, daß der Rat nicht rite verfahren sei. Er habe, so legten sie dar, die Lipmannsche Affaire, obwohl sie gemeiner Stadt Polizei beträfe, nicht in einer Sitzung beider Kollegien vorgetragen und in pleno darüber abstimmen lassen, sondern nur gelegentlich vorgelesen; der Bericht vom 27. September würde gewiß ganz anders ausgefallen sein, wenn alle Ratsmembra davon hätten Kenntnis nehmen können. Das kümmerte den neuen Apotheker nicht. Er machte seinen Laden auf. Die anderen protestierten instanter, instantius, instantissime. Und aus Zeitz kam das Diktat: "Wir lassen es allenthalben bei Unserer dem Lipmann erteilten gnädigsten Resolution bewenden." Auch der Rat winkte ab: "Das Privilegium ist ein privilegium regale und dependiert nicht a consiliis magistratuum inferiorum."

Lipmann besaß zunächst noch kein eigenes Haus. Er stellte seinen Laden mietweise in Herrn Magister Weisens Behausung ein, bis er 1700 das "vormals gewesene Nauckische Brauhaus" dicht neben der Einhornapotheke durch Kauf an sich brachte und seine Offizin dahin transferierte. Er nannte sie die Mohrenapotheke.

Die alte Pankratius-Wolffsche Apotheke hieß auch fernerhin einfach die Marktapotheke. Auf Christoph Friedrich folgte in ihrem Besitze ein anderer Christoph Friedrich, der in einem Auszug der alten Handels- und Lehnsbücher der Jüngere genannt wird. Er kommt nicht recht zur Erscheinung. Am Ende der Linie steht dann, ebenso schattenhaft, Johann Heinrich. Im Jahre 1714 sollte die Apotheke an ein anderes Geschlecht übergehen. Und da also, nachdem der letzte aus der kurzen Nebenlinie schon 1685 gestorben war, erlosch mit den Urenkeln des Stammvaters die Apothekerdynastie der Wölffe, die ursprünglich mit einer Durchschnittsziffer von zehn Kindern Sproß für Sproß so menschenfruchtbar schien, daß sie in ein paar Generationen eine ganze Stadt hätte füllen können.

Das Bild des Apothekertums wird immer unvollendet bleiben, wenn es nicht gelingt, durch den starren Aktenbericht hindurch die ungespannten menschlichen Gesichtszüge zu treffen, die sich so leicht verbergen. Der alte Pankraz bezeugte mit seinen Annalen, wie ein selbstsicherer Bürger in den beiden ersten Jahrzehnten des siebzehnten Jahrhunderts sich mit dem Schicksal abfand und das Leben mit seinen Reizen und Ärgernissen unbefangen hinnahm. Doch dann spielt erst wieder am Ausgang des Jahrhunderts eine Laune der Geschichte die Bruchstücke einer menschlichen Konfession in unsere Hand. Pankraz' Enkel Justinianus, der nun zwar nicht Apotheker, aber Doktor beider Rechte, Oberbürgermeister, Stadtrichter und Kirchenvorsteher von Sankt Wenzel war, hat die Memorabilien der Familie in einem kurzen Anlauf von 1680 bis 1683 weitergeführt. Das Andenken des Mannes ehrt noch heute der virtuos-pompöse dreistöckige Aufbau des Hochaltars in St. Wenzel. Den hat er gemeinsam mit seinen Freunden Bahrt und Lippach gestiftet, und da knien nun die drei auf dem großen Mittelbilde, das ihnen der Dresdener Harms gemalt hat, vor dem Gekreuzigten und blicken gelassen in das Kirchenschiff hinein. Der Lockenkopf in der Mitte, das ist er. Justinianus Wolff war kein amüsanter Plauderer. Es geht ein herber Zug von Rechtgläubigkeit und Bußfertigkeit durch seine Schriftzeilen. Die Bettage der Pestjahre schreibt er auf, er zittert vor den erschrecklichen Kometen und den anderen dräuenden Himmelszeichen, deren Deutung nur Gott kennt. Er ist auch nicht mehr ein Bürger von der alten und festen Art seines Ahnen. Daher scheint ihm nur das von Wert und Würde zu sein, was sich um die Person der Fürsten von Gottes Gnaden begibt – also der Tod des Herzogs Moritz von Naumburg-Zeitz, der 1681 die schwarzen Tücher auf die Adventstimmung deckte und nicht zuließ, daß diesmal der Heilige Christ mit Musik und Schellen umzog, oder die Huldigung vor dem neuen Herzog Moritz Wilhelm im nächsten Jahre. Und da legt der Schreiber mit einem Male in einem Anfall ängstlicher spießbürgerlicher Befangenheit die Feder weg: "Weil meinem Freunde Magister Lippach seine fleißige Schriftstellerei so übel ausgelegt wird, daß man ihn noch im Grabe beschimpft, will ich auch nichts weiter aufzeichnen; sonst ergeht es mir dermaleinst ebenso." Die Memoiren hat aber nach einer Anstandspause doch von 1695 – 1702 ein anderer fortgeführt, dessen Name versteckt bleibt. Es war gewiß der Apotheker Christoph Friedrich Wolff, auch ein Enkel des Pankratius und also der Vetter des Justinianus. Ein rechtes Talent zum Schreiben brachte er auch nicht mit, und die paar geschichtlichen Vorgänge, die er kurz festhält, liest man in anderen Büchern besser. Am Weihnachtsabend 1699 wurde in Naumburg von den Kanzeln verkündigt, daß im ganzen Kurfürstentum nun der Kalender Gregors XIII. an die Stelle des Kalenders Julius Cäsars treten und das Jahr regeln sollte. Das war für den einzelnen ein merkwürdiges Ereignis des Lebens, denn es strich ihm zehn Tage weg. Für das Land aber gewann ein anderes Geschehnis etwas Schicksalhaftes: Der Kurfürst Friedrich August hatte sich im Jahre 1697 zum König von Polen wählen lassen. "Das erweckte", bemerkt der Apotheker Wolff, "bei den Untertanen große Bestürzung und hat der Naumburger Messe einen ziemlichen Schaden getan." Zur selben Zeit, da die Soldaten des 1682 geschaffenen kursächsischen stehenden Heeres unter dem kaiserlichen General Prinz Eugen von Savoyen im spanischen Erbfolgekriege fochten, wurde das Land auch in den polnischen Erbfolgekrieg hineingezogen. Die Naumburger Garnison, ein paar Kompagnien des Regiments Herzog Christian, waren ins Feld gerückt, und nun war wieder ein Reiten und Marschieren auf allen Landstraßen wie einst im Dreißigjährigen Kriege. Sächsische, kaiserliche, dänische Musketiere wurden den Bürgern ins Quartier gelegt. Die Schlachten schlug man in weiter Ferne, aber mit einem Male, 1706, geschah es doch, daß eines Morgens vor den Toren die Schweden unter ihrem jungen König Karl XII. standen, der dem Kurfürsten die polnische Königskrone wieder abjagte. Mit seinen Dragonern und Wallachen galoppierte er durch die Stadt hinter seinen Feinden her auf Kösen zu. Und als dann gleich darauf der Altranstädter Friede eine Waffenruhe brachte, blieben doch grausame Kriegskontributionen lange lastend auf den Schultern der Bürger. Die Kämmereikasse war ganz leer, und die Reichen mußten große Kapitalien vorstrecken, damit die Gemeinde sich ihrer Verpflichtungen entledigte. Nun kamen fünfzig Friedensjahre, denn längeres Friedensträumen war dem Reiche nie gegönnt.

In einem Büchlein von allerhand naumburgischen Merkwürdigkeiten aus dem Jahre 1716 findet man eine "Ordnung von denjenigen, welche von der Medizin Profession machen." Da werden aufgezählt sieben Ärzte, drei Apothekenbesitzer, zwölf Chirurg! mit Barbierstuben und zwei Bader. Und in den Kupferstichsammlungen entdeckt man das prächtige Blatt eines Arztes, der ein Naumburger von Geburt war. Sehr repräsentativ schaut er da unter der langwallenden Lockenfülle im tressen- und spitzenbesetzten Staatsgewand in die Welt: Georg Frank, 1644 – 1704. Er war der Sohn eines kleinen Bürgers, hatte die Arzneiwissenschaft studiert, war Professor der Medizin an den Universitäten in Heidelberg und Leipzig geworden, kaiserlicher Rat, Leibarzt, Archiater des Königs von Dänemark, und Kaiser Leopold I. hatte ihn in den Adelsstand erhoben als Georg Frank von Frankenau.

Noch wuchtig, aber doch mit einer Würde, die schon etwas verspielt war, zieht sich zu dieser Zeit die Stadt auf den Prospekten der Zeichner hinter ihren Mauern zusammen. Die Kupferstiche sind mit den Symbolen der Weinlese und des Bierbrauens und mit dem Stab und Flügelhut Merkurs ausstaffiert. Schwere Fässer werden auf der Landstraße verfrachtet, und mit Flöten und Schalmeien, Becher und Hüte schwenkend, ziehen fröhliche Gesellen feiernd daher. Wie Jahr für Jahr die Reben gediehen, ob sie im Frühling erfroren oder ob sie im Herbst eine köstliche Lese bescherten, das war eine ernste Sache für den Bürger, denn er durfte keinen Wein in den Keller legen, der nicht innerhalb einer Siebenmeilenzone gewachsen war. Der Herzog hatte 1701 da, wo einst die Schweden Bresche geschossen hatten, ein Opernhaus gebaut, und wenn die Messe kam, gab es da seltsame Dichtungen zu hören, in denen die Götter des Olymp mit den schönen galanten Damen dieser Erde verliebtes Spiel trieben. Aber es ging auch ein Gott des Zornes durch die Straßen. Der schickte 1709 die rote Ruhr, und sie fraß die Menschen aus ihren Häusern weg, bis Dr. Jacobi sie mit einem Branntwein vertrieb, der zusammen mit rotem Weine getrunken werden mußte. Seitdem, hieß es, wurde der Rotwein das Leibgetränk der Naumburger. Und dann geschah es am Peter-Pauls-Tage zur großen Messe, daß im Jahre 1714 gleich nach der Nachmittagskirchenfeier mit einem Schlage die Fässer der Pulverhändler entflammten und die Feuerbrunst über zweihundertfünfzig Wohnstätten trugen. Und schon zwei Jahre darauf stand wieder ein anderes Quartier der Stadt in einer unersättlichen Lohe. Auch fremdes Leid zog auf den Straßen vorüber; im Jahre 1732 machten die langen, traurigen Züge der Salzburger Emigranten auf der Wanderschaft nach Preußen Rast. Doch immer blieb der Sinn der Bürger auf die berückenden Tollheiten einer maßlos üppigen Prunkhaftigkeit im äußeren Gebahren des Lebens gerichtet. Die Alamode-Leidenschaft genierte sich vor keinem landespolizeilichen Zuchtgebot und vor keinem Ratsmandat. Es war auch wohl eine seltsame Methode eines Fürsten, wenn der Herzog Moritz Wilhelm den Mißbrauch des Gold- und Silbergewerbes in der kümmerlichen Zeit rügte und doch zugleich in demselben Erlaß dem Markus Hoffmann und dem Friedrich Wilhelm Sonnenkalb gnädigst erlaubte, neue Werkstätten für Gold- und Silberspinnen, Klöppeln und Bortenwirken zu errichten, obgleich schon zwei privilegierte Juweliers ansässig waren – dennn so folgerte er, es wird dadurch der Stadt ein sonderlicher Nutz zuwachsen und vielen Leuten Nahrung bringen. Einen eigenartigen Prospekt bürgerlicher Gepflogenheiten baut man sich auf, wenn man die Polizeiartikel des Jahres 1753 zur Hand nimmt und aus den einzelnen Paragraphen heraus rückwärts schaut. Da kehrte der Hauswirt unbekümmert den Dünger auf die Straße, und da blieb er dann tagelang liegen, und tote Katzen fanden sich dazu sowie Hunde und Hühner und all der Kehricht, Unflat, Schutt und Scherben, die aus den Fenstern geworfen wurden. Es gab da noch andere böse Angewohnheiten im Lebenswandel, die dem Rate Sorgen machten – das liederliche Fluchen, Schwören, Gotteslästern und Sakramentieren, das zur Umgangssprache gehörte, das nächtliche Lärmen und das Absingen frecher Lieder, das Tumultuieren und Degenklirren, das Karten-, Würfel- und Hütchenspielen, das Hochzeitskutschieren und die Ehrengelage, die einander durch die Anfuhr des Essens und Trinkens zu überprotzen suchten. Eine Sensation wurden die neumodischen Kaffeeschänken, die sich vor allem in der Messezeit etablierten und mit hübschen Weibspersonen aufwarteten. Die frommen unter den Bürgern seufzten über das Schwinden der guten alten Zeit, klagten, daß die "Depensen" zum Konkurs und Bankerott der guten Firmen führten. Auch der Apotheker Christoph Friedrich Wolff rang die Hände über "diese verderbten Geldklemmen und das nahtlose Geschäft", indes sein Kollege Lipmann, auf neue Möglichkeiten bedacht, vor dem Tore Salpetergruben anlegte.

Die Polizeiartikel von 1753 bekümmerten sich auch um die Apotheken: "Ob zwar wohl denen Apothekern zum Behuf der Kranken und zu nötiger Dispensierung derer Medicamenten ihre Offizinen an denen Sonn- und Festtagen offen zu haben verstattet ist, so wird ihnen doch inhibiert, nach eingeläuteter Kirche und bis zum geendeten Gottesdienste keinen Aquavit oder andere gebrannte Wasser zu verkaufen, ingleichen auch von Gewürzwaren, Kaffee, Zucker und Materialien vor nachmittags vier Uhr im Winter und fünf Uhr im Sommer wie auch Freitags unter der Predigt nicht das Mindeste zu verkaufen."

Die Seßhaftigkeit alter Bürgerfamilien war bei weitem nicht so zähe, wie man zumeist glaubt. Die Firmen der Handelshäuser fühlten besonders unstete Wanderlust. In der Marktapotheke gelang es immerhin nach dem Hingange der Wölffe einem neuen Geschlechte wieder, nach einer kurzen Zwischenregierung sich durch zwei Generationen zu behaupten. Der letzte Wolff, Johann Heinrich, hinterließ das Erbe 1714 seiner Frau Marie Christine, geborenen Schnorrin, und seiner Tochter. Die Witwe heiratete den Apotheker Johann Friedrich Keul und überbrachte ihm den Anteil, der ihr gebührte. Nach ihrem Tode wurde am 25. Februar 1744 vor dem Rate ein Erbvergleich geschlossen zwischen Johann Friedrich Keul, seiner alten Schwiegermutter und seiner Stieftochter Christiane Dorothea Wolff: Die Apotheke mit Haus und Hof, mit allen Materialien und Medikamenten, mit Instrumenten und Möbeln, mit dem Privilegio in original, auch mit dem an der Moritzkirche gelegenen Garten und dem dazugehörigen Hause in der Michelsgasse – das alles wurde dem Apotheker Keyl zugeschlagen "mit allen Pertinenzien, Rechten und Gerechtigkeiten, Nutz und Beschwerungen, Hypotheken und Schulden." Dafür mußte er an seine Stieftochter 749 Taler auszahlen. Doch schon nach zwei Jahren ließ er das ganze Eigentum in den Besitz Gottfried Wilhelm Schweizers übergehen. Der war kein Apotheker, sondern der Inhaber eines sehr geachteten Kramergeschäftes und eine Zeit lang selbst Oberkramermeister. Sein Name wird auf einer Messingplatte im Altarraume der Wenzelskirche bewahrt, die da kündet, daß er im Jahre 1766 die milde Stiftung des befreundeten Kaufmanns Böhse verwandte, um den Innenbau des Ostchors mit der imposanten Festlichkeit zu erfüllen, in der er sich noch heute präsentiert. Auch am Siechenhospitale in der Weißenfelser Straße liest man seinen Namen – er hat dies Haus anno 1776 neu erstehen lassen. Schweizer war ein vornehmer Mann mit umfassendem Vermögen, "Herr auf Mosen und Reinsdorff."

Er ließ die Apotheke durch einen vereideten Provisor verwalten und bewahrte sie auf diesem Umwege für seinen Schwiegersohn auf. Das war Dr. Gotthold Melchior Drechßler. Er stammte aus einer Arztfamilie. Sein Vater, Dr. Johannes Melchior Drechßler, war herzoglich Weißenfelsischer Leibmedicus gewesen, und der Rat der Stadt Naumburg hatte ihn 1721 zum Stadtphysicus berufen mit einem Salario von fünfundzwanzig Gulden. Der junge Dr. Gotthold Melchior Drechßler übernahm die Apotheke 1754 aus der Hand seines Schwiegervaters Schweitzer. Er mußte sie, da er seine ärztliche Praxis nicht verlieren wollte, einem verantwortlichen Provisor unterstellen und eidlich erklären, daß er zwar Besitzer der Marktapotheke sei, aber mit der Dispensation in seiner Offizin nichts zu schaffen habe. Im Jahre 1764 wurde er zum Stadtphysikus gewählt, und er war zugleich Physikus des Schulamts zu Pforte. Im Jahre 1770 wurden an einem Tage in seiner Gegenwart vor dem Rate zugleich seine zwei Provisoren in Pflicht genommen und auf das jüngste landesfürstliche Mandat hingewiesen, das jetzt zu der älteren Medizinalordnung von 1750 hinzutrat. Es verlangte eine Lehrburschenlernzeit in einer privilegierten Apotheke und eine Gesellenzeit von fünf Jahren und darauf ein Testimonium der medizinischen Fakultät in Leipzig oder Wittenberg. Der Provisor war zu einem gewissenhaften und behutsamen Umgang mit den Waren angehalten und zur Aufstellung eines jährlichen Kataloges, der einem Sanitätskollegium oder der medizinischen Fakultät vorgelegt werden mußte. Auf dem Provisor ruhte auch die Verantwortung für die facta et neglecta der Gesellen und Lehrlinge,

Da Dr. Drechßler Arzt und Apotheker zugleich war, lag für ihn kein Grund vor, den alten Kompetenzenstreit zwischen den beiden Berufen weiterzukämpfen. Aber die Waffe gegen die Kramer legte er nicht aus der Hand. Er verband sich mit den Besitzern der beiden anderen Apotheken gegen zwei Repräsentanten des Materialienhandels, die Gebrüder Johann Wilhelm Ratzsch und Johann Gottlieb Ratzsch, und verlangte, daß diesen von der Ratspolizei der Vertrieb der Officinalia simplicia et composita untersagt würde. Er führte weiter aus, daß die Ratzsche einen richtigen Apothekergesellen in ihrem Gewölbe hielten, um aus Wurzeln und Kräutern und Früchten allerhand Medizin komponieren zu lassen, und daß sie unter ihren Material- und Würzwaren auch Vesina Galoppe, Mercuriumdulc: tartar., Vitriolat, rotes antispasmotisches Pulver, Räucherpulver, Brust Species, Pferdepulver, gestoßenen Rhabarber, Magentropfen, mineralischen Spiritus, Arsenicalia führten und das alles im kleinen und großen zum Verkauf stellten. Die Apotheker konnten sich auf den Wortlaut der alten Privilegien und auf das Edikt des Herzogs Moritz vom Jahre 1670 berufen. Aber es wiederholte sich doch das zähe Geplänkel der Advokaten hüben und drüben auf kurfürstlich sächsischen Stempelbogen mit einem ausgiebigen Pfeffer lateinischer Rechtsvokabeln. Am Ende verglichen sich die Parteien. Die inkriminierten Kräuter, Wurzeln und Früchte zu verhandeln, das sollte der Firma Ratzsch weiterhin gestattet bleiben, jedoch mit der Klausel, daß der Verkauf nur in Pfunden und nicht in kleinerem Gewicht geschähe. Aus dem Bestande der praeparata simplicia et composita wurden im einzelnen diejenigen Namen genannt, die den Apotheken vorbehalten blieben; und dahin gehörten "destillierter Spiritus, Elixiere, eingemachte und candierte Sachen, Morsellen". Es schloß sich an den Vertrag die Erklärung an, daß auch die anderen Materialisten an die Paragraphen gebunden sein sollten. Ein Friede auf ewig war das nicht.

Im Jahre 1783 starb Dr. Gotthold Melchior Drechßler. Als Apotheker und auch als Stadtphysikus trat nun sein Sohn an die Stelle, Dr. Friedrich Melchior Drechßler. Die Familie Drechßler, in der der Beiname Melchior durch die Generationen ging, hat ihren Namen in der Literatur der gelehrten Ärzte hinterlassen; die Antiquariatskataloge bieten noch heute medizinische Abhandlungen und Dissertationen der beiden Männer an. Aber auf der Bühne des Bürgertums bewegen sich ihre Gestalten nur schattenhaft. Die Zeit war vorüber, da die Doktoren und Apotheker im Rate saßen und als Bürgermeister und Kämmerer in gemächlichem und in drangsalvollem Erleben jedwedem sichtbar standen, das Wohl und Wehe des Bürgertunis formend. Sie hielten es jetzt also auch nicht mehr für wichtig, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Und man druckte ihnen auch keine stundenlangen Grabsermone mehr und setzte ihnen keine redseligen Friedhofsdenkmäler. Und von ihren Frauen vollends sprach man gar nicht. Das Menschliche in diesen Männern ist für die Geschichte erloschen, und wenn diese eine Spur aufgreift, bleibt es etwas Vertrauliches und Vorüberhuschendes. Dr. Friedrich Melchior Drechßler hatte einmal sein Gutachten über einen Provisor zu äußern, der die Mohrenapotheke kaufen wollte. Da schrieb er dem Rate: "Selbiger hat seit seiner Dienstzeit in unserer Apotheke in seiner Kunst nicht den gehörigen Fleiß angewendet, sondern die Offizin, auch sogar wenn nötige Arbeiten vorhanden gewesen, öfters und fast täglich verlassen; ist auch zu verschiedenen Malen des Nachts außer dem Hause verblieben, ohngeachtet es so wohl an gütlichen als auch an ernstlichen Ermahnungen und Drohungen nicht gefehlt hat. Die übrige Zeit hingegen, wenn er zu Hause verblieben, hat er zur Malerei und zu unablässigem Briefschreiben angewandt und ist also seinem geleisteten Eide keineswegs nachgekommen." Nun fügte es sich, daß den strengen Herrn eine böse Folge eigener Nachlässigkeit traf. Es starb ohne längeres Siechtum eine Dame aus altem, in der Stadt ansässigem Geschlechte, Ernestine Wilhelmine von Wolffersdorf. Die Untersuchung ergab, daß sie eine giftige Medizin aus der Marktapotheke genommen hatte. Der Kurfürst selbst legte sich ein. Auf den Stadtphysicus Drechßler fiel der Vorwurf nieder, daß er seinen Provisor Leberecht Gottfried Gröbels, obschon dieser über zwei Jahre bei ihm im Dienste stand, nicht vorschriftsmäßig hatte vereiden lassen, und daß er auch in der Ausgabe der Gifte in seiner Apotheke die ausdrücklich gebotene Vorsicht außer acht gelassen hatte.

Die Leichenschau und die Sektion der Verunglückten und Erschlagenen, soweit sie unter der Gerichtsbarkeit des Rates standen, gehörte nicht in den Pflichtenkreis des Stadtphysikus, sondern des Ratsbarbiers, der sich jetzt schon Ratschirurgus nannte. Dagegen mußte der Stadtphysikus an der städtischen Weinvisitation teilnehmen, die Haus für Haus die Keller besichtigte und die gelagerten Vorräte nach Zahl und Beschaffenheit feststellte. Dr. Drechßler lehnte 1790 diese Aufgabe ab, da sie bei den ungemein vielen naumburgischen Kellern eine allzugroße Beschwerlichkeit wäre. Er fügte dann verärgert hinzu, daß der Rat ihm nicht einmal den aus seiner Apotheke gelieferten liquorem vini probatorium bezahlt habe und daß auch die Eigentümer verdächtiger und gefälschter Weine, wie z. B. der Wirt zum Grünen Schilde, ihm für die sehr mühsame Untersuchung nie die gebührende Entschädigung geleistet hätten. Es sammelte sich Groll an gegen Drechßler. Nun wurde auch die Beschwerde laut, daß er die Kranken des Waisenhauses und des Hospitals nachlässig behandelte, und es kam das Verlangen, daß der Rat ihm seine Stellung kündigte. Diesem Äußersten entging er; er wußte sich stets geschickt zu verteidigen. Im Herbst 1802 bat er um Urlaub für eine längere Reise, die zur Restauration seiner Gesundheit und zur Stärkung seines Körpers führen sollte. Am 28. Januar 1803 war er tot. Unter den Bewerbern um das Stadtphysikat fanden sich jetzt zum ersten Male Männer, die promovierte Doktoren der Medizin und der Chirurgie waren. Als "hinlänglich qualifiziertes Subjectum" erschien Dr. Elias Dresde. Die Besitzer der beiden Apotheken in der Herrenstraße hatten auf den Tod Drechßlers gewartet, um einen Anlauf gegen die bevorzugte Stellung der Marktapotheke zu nehmen. Und diese wird jetzt 1803 zum ersten Male in den Akten "die Apotheke zum Goldenen Löwen" genannt. "Seit das hiesige Ratsphysikat", so schreiben sie, "in der Drechßlerschen Familie vom Vater auf den Sohn gekommen ist, sind alle Medicamente für die hiesigen Armen, für die Hospitäler und das Waisenhaus, ingleichen für die Arrestanten der Stadtgerichte und überhaupt für solche Personen, deren medizinische Besorgung dem Physikus zusteht, einzig und allein in der Apotheke zum Goldenen Löwen dispensiert worden, deren Eigentümer die seitherigen Herren Physici gewesen sind. In anderen Städten dagegen besteht die Einrichtung, daß die Medicamente, die aus den öffentlichen Kassen bezahlt werden, unter die Apotheken gleichmäßig gegen Zusicherung eines bestimmten Rabatts vergeben werden." Der Rat sollte jetzt, so schlössen sie, seinem neuen Physikus die gerechte Verteilung der Medizinen zur amtlichen Pflicht machen. Der Rat erkannte auch die Begründung der Eingabe an. Der neue Physikus, Dr. Dresde, mußte geloben, die Arzneimittel der öffentlichen Krankenpflege wechselnd auf die drei Naumburger Apotheken zu verschreiben.

Noch behender als die Marktapotheke gingen die beiden Apotheken in der Herrenstraße von einer Hand in die andere über. Der Begründer der Mohrenapotheke, Johann Lipmann, starb 1731, und da seine Witwe das Erbe zu retten gedachte, verpachtete sie die Offizin für fünfzig Taler jährlich an ihren Provisor Johann Georg Gretser aus Wolfenbüttel, der früher in der Löwenapotheke im Dienste gestanden hatte. Der wollte aus der Pachtung einen Erwerb machen, und wenn er gleich das Haus nicht kaufen konnte, strengte er sich doch an, die Lipmannsche Konzession von 1698 durch fürstliche Gnade auf seine Person "extendieren" zu lassen. Er behauptete, daß diese Konzession ein "Personalwerk sei und nicht dem Hause inhäriere". Und er blies das Feuer an, denn er hörte, daß die Witwe das Privilegium einem Fremden verkaufen und ihn selbst dann trotz seiner langen Dienste auf die Straße setzen wollte. Maria Elisabeth Lipmann hatte spitze Waffen: "Ich kann mit den anderen Erben die Apotheke allein aufrecht erhalten. Was fällt denn diesem Gretser ein, daß er uns blamieren will? Meinen Sohn, der nach dem Tode des Vaters die Apotheke übernehmen sollte, haben sie bei der letzten Werbung unter die Miliz gesteckt, und nun kommt jener Mensch und will einer armen, christlichen, elenden, verlassenen Witwe auf unchristliche Art und Weise das Privilegium nehmen, und ich soll mit meinen unversorgten Kindern krepieren, nachdem ich mein ganzes Heiratsgut und mein Erbgut, zusammen dreitausendfünfhundert Taler, in den Besitz hineingesteckt habe!"

Der Rat stellte sich auf ihre Seite, um das überschuldete Grundstück zu sichern, und daraufhin entschied auch der Kurfürst, daß ohne die Einwilligung der Lipmannschen Erben eine Übertragung der Konzession nicht angängig sei. Die Pacht aber erhielt Gretser aufrecht, und er fand auch gleich Gelegenheit, sich in einer anderen Fehde auszutoben. Die galt seinem Nachbar, dem Besitzer der Apotheke zum Güldenen Einhorn. Diese war aus den Händen Heinrich Lincks zuerst an Christian Knoll, dann für 3900 Taler an Christian Moßdorf übergegangen, und endlich war sie 1733 in den Besitz Johann Bernhard Lorbeers gekommen. Er änderte das Wappen und setzte an Stelle des Einhorns einen Lorbeerbaum, den jedoch zwei Mohren flankierten. Der Provisor Gretser von der Mohrenapotheke erhob Klage über unlautere Kokurrenz. Es gäbe, so legte er dar, jetzt dicht nebeneinander zwei Mohrenapotheken; das müßte zu einer Verwirrung der Käufer führen, die nun nicht recht wüßten, welches die eigentliche Mohrenapotheke sei. Erregtheit auf beiden Seiten. Mit stachligen, "ironischen, calumniösen Invectiven" zerrten sie aneinander. Gretser war der zähe Rechthaber, Lorber der gewandte und auf "frivole subterfugia" Bedachte. Der Rat in seiner Weisheit entschied: Lorbeer sollte aus seinen beiden Mohren ein paar Türken oder Tataren machen und dazu fünf Taler Konventionalstrafe zahlen. Der aber beteuerte, daß er eher seine Seligkeit verlieren und lieber noch etliche hundert Taler daranwenden wollte, als. die Mohren wieder weg tun. Darauf schrieb er dem Rat: "Ich habe beiden Figuren die Maske abgezogen und ihnen statt der schwarzen Gesichter weiße anstreichen lassen; aber ich kann ihnen ja auch noch weiße Handschuhe anziehen; doch an der Nase, an den Füßen und anderen Gliedern der hölzernen Körper lasse ich nichts ändern." Der Kurfürst und die Stiftsregierung wurden von beiden Parteien angerufen. Sie entschieden für Gretser. Aber jetzt nahm die Sache eine unerwartete Wendung: Lorbeer kaufte im Jahre 1735 die Mohrenapotheke den Lipmannschen Erben ab. Die erlaubten ihm die Übernahme des Mohrenzeichens, und so blieb dem armen Provisor Gretser kein jus agendi mehr. Die vereinten Apotheken taufte der Besitzer "Neue Mohrenapotheke", und jetzt prunkte triumphierend als Wahrzeichen über seiner Firma ein Lorbeerbaum zwischen zwei Mohren. Aus den Mohren sind später zwei vergoldete Wappenhalter, die sogenannten wilden Männer, geworden. Das steinerne Wahrzeichen, das heute am Erker der alten Apotheke steht, ist 1884 in einem Garten der Rosengasse, der dem Apotheker Klinger einmal gehört hatte, als Pflasterstein im Gartenhause gefunden.

Nun ließ sich aber ein kurfürstliches Apothekenprivilegium nicht so leicht ersticken, wie es Lorbeer geglaubt hatte. Schon 1737 fertigte die Kurfürstliche Regierung ein erneutes Privilegium für die vormals Lipmannsche Offizin, die alte Mohrenapotheke, aus und händigte es dem Apotheker Georg Reinhold Brockmann aus. Dem folgten im Besitze hastig nacheinander Johann Jacob Täuber 1745, Ernst Ludwig Attelmeyer 1750, Gotthelf Grimmer 1776, Friedrich August Günther 1779, Karl Gottlob Rüger 1785, Reißig 1787, Remmler 1804. In demselben Zeitraum lösten sich in der Lorbeerbaumapotheke ab: 1780 Gottlieb Heinrich Lorbeer, der Sohn, dann der Schwiegersohn des alten Lorbeer, Friedemann Theodor Amdorf 1780, dann dessen Witwe Marie Sophie Juliane Amdorf, dann Johann Franz Christian Roßberg 1797 und August Ludwig Kohl 1800.

Der Kampf der beiden alten Apotheken gegen die jüngere dritte kam nie ganz zur Ruhe. So versuchten im Jahre 1787 die Drechßlerschen Erben in der Marktapotheke, vertreten durch Dr. Friedrich Melchior Drechßler, und mit ihnen gemeinsam der Lorbeerbaumapotheker Friedemann Theodor Amdorf, den Apotheker Reißig aus der Bahn herauszustoßen. Sie breiteten vor dem Kurfürsten ihre alten Gerechtsame aus und wiesen auf den Protest hin, den ihre Vorfahren 1698 gegen den Eindringling Lipmann erhoben hatten. Es fruchtete nichts; sie mußten dazu die scharfe Rüge hinnehmen, daß sie beide es vernachlässigt hätten, ihre eigenen Privilegia, die immer nur eine Geltungskraft für zehn Jahre besäßen, rechtzeitig erneuern zu lassen. Sie suchten sich mutig zu verteidigen: "Unsere beiden alten Apotheken bedürfen gar keiner Privilegien-Renovation, denn bei jedem Regierungswechsel verspricht die neue Regierung, alle Rechte, Gerechtigkeiten, Immunitäten und Privilegien zu schützen. Außerdem haben wir eine mehr als hundertjährige Verjährung für uns – das schützt uns nicht nur erga privatum, sondern auch erga principem. Also bitten wir, uns mit weiteren Intimitationen wegen der Erneuerung unserer Privilegien zu verschonen." Auf den durchaus nicht unklaren Wortlaut der Privilegiumsbriefe hinweisend, verfügte die Landesregierung: "Wenn die beiden Apothekenbesitzer nicht binnen zweier Monate die Renovation ihrer Privilegien nachsuchen, wird ihnen die Wirkung sotaner Privilegien weiter nicht zu statten kommen!" Da mußten sie stille sein. Elf Jahre später richtete noch einmal der Apotheker Roßberg von der Lorbeerbaumapotneke ein Gesuch an den Fürsten, er möchte für den Fall, daß der Apotheker Reißig in der dritten Apotheke sterben sollte, dann dieser Apotheke die Konzession nicht weiterhin erteilen, weil zwei Apotheken in der Stadt Naumburg völlig ausreichten und nun auch rings in der Umgegend schon alle kleinen Städtchen ihre eigenen Apotheken hätten. Es findet sich in den Akten keine Antwort.

Im Jahre 1755 feierten die Bürger Naumburgs drei Tage lang solenniter das Andenken an den Augsburger Religionsfrieden. "Wer hätte damals gedacht", schrieb der Oberkramermeister Johann George Weinich, "daß elf Monate später ein neuer Krieg anbrechen und unsere gute Stadt dabei so leiden sollte, daß die Drangsale mit der Feder zu beschreiben kaum möglich ist." Das Kurfürstentum Sachsen lag verwahrlost und wehrlos den preußischen Regimentern offen, und Friedrich II. griff zu und "nahm es in Depot, um es dermaßen zu enervieren, daß er hier nichts mehr zu fürchten brauchte." Die Naumburger Garnison, das Musketierregiment Prinz Xaver, verließ am 26. August aufgescheucht seine Quartiere, und vier Tage darauf ritten preußische Zietenhusaren ein. Die Kommissare des Königs nahmen die Kassen an sich, und die Bürger standen nun immer und überall unter seinem Kommando. Das einsilbige Diktat lautete im nie ermüdenden Gleichmaß der Tage sieben lange Jahre hindurch: Proviant, Fourage, Kontribution, Einquartierung, Requirierung, Rekrutierung! Die Wechselfälle der Schlachten brachten Preußen ins Land sowie Franzosen, Reichsvölker, Österreicher, Warasdiner, Kroaten und immer wieder Preußen. Auch den preußischen König selbst konnten die Naumburger sehen. Er kam kurz vor der Roßbacher Schlacht, stieg auf dem Markte vor dem Hause der Frau Kommissionsrätin Auguste Sophie Schaller ab und ließ sich behaglich Pfirsiche und Weintrauben schmecken, die man ihm von den Saalebergen geholt hatte. Die Kriegssteuern schleppten das letzte bare Geld aus den Häusern, die Lebensmittel waren knapp und teuer, eine Münzentwertung drückte den Kaufpreis des Talers auf zehn Groschen herab, die Werkstätten feierten, das bedeutsamste Handelshaus, die Firma Schweitzer, "das Leben von Naumburg", suchte sich einen günstigeren Platz, und manches andere Kramergewölbe lag verpfändet und versiegelt. Endlich war doch der Friede da. "Ich sprang bei bangem Kriegsgeschrei", stand auf der neugegossenen Schulglocke, die man 1763 oben auf dem Wenzelsturme aufhängte, "am Friedensfest erschien ich neu". Und der Bürger Schotte schrieb über sein Portal in der Herrenstraße die Bitte: "Herr, schütte über dieses Haus die Frucht des edlen Friedens aus!" Bei aller Wehleidigkeit des Bürgergemüts kam es über die erlöste Stadt wie ein toller Rausch–Festaufzüge der Schützen und der Kramer, Pauken und Trompeten tönten durch die Nächte, und überall Tanz, Gastereien und Maskeraden. Man lebte in der galanten Zeit der Reifröcke und Zöpfe, des Haarbeutels und des Puders, und es dauerte lange, bis sich die Nachkriegsgeneration zur Nüchternheit und Gelassenheit zurückfand.

Die Regierung des Rates vermochte es kaum, die Stadt aus der Verschuldung herauszureißen. Die Kramerschaft, die einst Naumburg reich gemacht hatte, zuckte überall vor den neuen Zollschranken zurück, die die alten Handelswege nach Franken, Böhmen, Schlesien, Brandenburg sperrten. Selbst das Naumburger Bier, das früher weithin ins Reich verfrachtet war, konnte seinen alten Ruf nicht wahren. Als die Bürger am 1. Januar 1801 den Antritt des neuen Jahrhunderts feierten, wußten sie, daß ringsum die Völker schon wieder aufeinander losschlugen.

Krieg und Kriegsnot hatten den drei Apotheken die Lebenskraft nicht allzusehr geschmälert, denn die Zahl der Kranken und Blessierten, Freunde und Feinde, die ihre Offizinen begehrten, war größer denn je gewesen. Die Preußen hatten zwei Soldatenlazarette in der Fischgasse und am Holzmarkte errichtet. Immerhin drückte nun die zähe Masse der Bürgerlasten doch auch den Apothekern die bekümmerte Haltung der Klagenden auf. Der Zopf hing jetzt verzagt am Kopfe, der sich einst die anspruchsvolle Allongeperücke aufgesetzt hatte.

Der letzte Dr. Drechßler hatte kurz vor seinem Tode im Jahre 1803 die Löwenapotheke an George August Mößler aus Tennstedt verpachtet. Als der die Verwaltung dem Provisor Friedrich Schneider überließ, setzte Drechßlers Witwe Johanne Christiane sogleich einen Administrator ein, den Paul Wilhelm Rabenhorst aus Altenburg, der am 22. Juni 1803 vereidigt war. Er heiratete die Witwe und erbte später nach ihrem Tode 1809 die Apotheke. In dieser Zeit ließ der Rat ein neues Eidformular für die Apotheker und Provisoren aufsetzen. Darin sind einige neue Paragraphen dem alten Texte hinzugefügt: Die Schwörenden geloben, daß sie mit treuem Fleiß und mit Pünktlichkeit alle Arzneien und Composita, absonderlich die Purgantia und Chymica, solange bis ein kurfürstlich-sächsisches Dispensatorium durch den Druck bekannt gemacht werde, nach der Pharmacia rationalis des Dr. Pickert, 1791, und nach Gottfried Hagens Lehrbuch der Apothekerkunst, 1797, sowie nach der legitimierten Medicorum Vorschrift herstellen wollen; und sie versprechen, daß sie sich nicht mit praxi medica et chirurgica befassen und bis zur neuen publizierten Taxordnung sich der jedesmaligen Leipziger Taxe gemäß bezeigen werden.

Der Umsatz der Medikamente hatte sich im achtzehnten Jahrhundert ganz auffällig gesteigert, und der Kaufwert der Apotheken war überall in Deutschland um ein Drittel gestiegen. Aber bei dem Erliegen des soliden bürgerlichen Wohlstandes ringsum und bei dem umso krampfhafter eingesetzten Ringen des Handels, der sich gegen alle wirtschaftliche Not durchzusetzen suchte, blieben die Apotheken trotz ihrer Privilegien keine gesicherten Zitadellen mehr. Im Jahre 1804 tat sich der Löwenapotheker Rabenhorst mit dem Mohrenapotheker Remmler zusammen; sie richteten eine bewegliche Klage an den Rat über den Rückgang ihrer Geschäfte und stießen zugleich wieder gegen die unlautere Konkurrenz der Kaufleute vor, bei denen sie die Schuld suchten. Es liegt jetzt, so führten sie aus, beim großen Haufen ein Hang zu billigen Universalmitteln; auf den Märkten werden sie in den Buden zum empfindlichen Schaden der Ärzte und der Apotheker verkauft; in jedem Hause sind sie zu finden; ungarische wortgewandte Quacksalber und Balsamsulphursleute gehen damit hausieren; aber das Schlimmste ist, daß solche Pillen und Tropfen auch in den Gewölben der Kramer vertrieben werden, und daß man hier alle die Arzneibestandteile auch in kleinen Portionen holen kann, die nur den Apothekern reserviert sein sollten. Die Klagenden meinen hier: "Senesblätter, Manna, Rhabarber, Tamarinden, Kampfer, Seydschützer Salz, Glaubersalz, gereinigten Salpeter, Cremor Tartari, Wurmsamen, Sternanis, Assa foetida, Salmiak, Süßholz, Benzoe und mehrere Sorten Kräuter, Wurzeln und Blumen, so nur in Krankheiten zu innerem und äußerem Gebrauch benutzet werden". Die Kaufleute wiesen die Herzensklage der beiden Apotheker, die sie als eine Anklage auffaßten, zurück und erhoben von ihnen dazu einen Taler und zweiundzwanzig Groschen Extrajudizialkosten für den Konsulenten, der die Sache der Kramerinnung geführt hatte.

Zu derselben Zeit arbeitete der Rat eine neue Instruktion für seinen Stadtphysikus aus, in der die alte Verpflichtung zur genauen Aufsicht über die Bestandteile der Offizinen und ihre Verwendung dringlich wiederholt war. Trotzdem glaubt man der Wirkung dieser Visitationen nicht recht, denn die deputierten Ratsherren standen ohne Fachkenntnisse da, und die deputierten Ärzte waren in der Arzneimittelkunde den Apothekern nicht ebenbürtig. Bald darauf, 1806, wurde ein neuer Stadtarzt angestellt, Dr. Heinrich Messerschmidt aus Grimma, nachdem in zwei Jahren schnell aufeinander seine drei Vorgänger, Dr. Dresde, Dr. Werner und Dr. Ortel, gestorben waren. Messerschmidt nannte sich physicus et medicinae practicus, auch accoucheur und chirurgus. Es hatte sich endlich die Einreihung der Wundärzte in die akademische Gliederung vollzogen. Nicht ohne trotzige Abkehr der alten Mediziner. Die Naumburger Ärzte sprachen von ihrem neuen Kollegen: "ein Mann namens Messerschmidt, der vorher gemeiner Feldscher gewesen ist". Es gab damals in der Stadt noch elf andere Ärzte. Sie nahmen die Wahl des Fremden nicht mit Sanftmut hin. In ihrem Protest fochten sie die Gültigkeit des Wahlaktes an und beschuldigten den Oberbürgermeister einer unerlaubten Parteilichkeit. Im Grunde waren sie um ihre Praxis besorgt und wollten keinen Esser mehr an ihrem Tische haben. Es klang nicht liebenswürdig, was sie dabei über Naumburger Bürgerart schrieben: "Die Naumburger sind zum Teil ganz arm, zum Teil nicht wohlhabend, und der gemeine Haufe hält den Arzt für etwas sehr Überflüssiges und sieht ihn als ein zu duldendes Übel an; wenn sie ihn brauchen müssen, denken sie selten oder nie daran, ihn zu bezahlen." In seinem Kontrakt hatte Dr. Messerschmidt vom Rat besondere Anweisungen für seine Pflicht bei ansteckenden Krankheiten erhalten. Er sollte bei den ersten Anzeichen sofort auf dem Rathause Meldung geben und diejenigen Mittel vorschlagen, die eine Ansteckung verhindern könnten; es sollte ihm auch persönlich durchaus gewährt sein, sich aus dem Stadtbezirk bei solch traurigen Zeiten zu entfernen. Die alten Pestkrankheiten waren an Übersättigung gestorben, und die rote Ruhr hatte sich seit 1708 nicht wieder in die Tore eingeschlichen. Doch die Natur ist nie verlegen, aus ihrem Schoße neue Krankheiten in die Welt zu setzen. Jetzt waren es die Blattern, die Pocken, mit denen sie überraschte. Die Plage, die schon seit Jahrhunderten aus der Ferne gedroht hatte, fiel nun übers Land her. Die Menschheit wehrte sich zunächst durch eine Schutzimpfung mit menschlicher Blatternlymphe, dann griff der englische Arzt Jenner am Ende des achtzehnten Jahrhunderts den Feind mit der Waffe der Kuhpockenlymphe an und zerbrach Schritt für Schritt seine Kraft. In Naumburg standen im Jahre 1803 auf der Totenliste 258 Bürger, und von diesen waren dreiunddreißig an den Pocken gestorben. Das schreckte die Sanftmütigen. Im nächsten Jahre entschlossen sich zunächst drei Ärzte, der Stadtphysikus Dr. Rettemeyer und Dr. Werner und der Regimentsfeldscher Menzel, die Bürgerschaft über die Notwendigkeit der Impfung aufzuklären, und sie erboten sich, die Impfung selbst an den Kindern armer Eltern unentgeltlich vorzunehmen. Nach dem unbestreitbaren Siege der menschlichen Heilkunst wurde dann Deutschland das erste Land, das den Impfzwang gesetzlich begründete. Zu derselben Zeit statuierte drüben in Leipzig Samuel Hahnemann entgegen dem Prinzip Galens "contraria contrariis" jetzt den Grundsatz "similia similibus", und er führte damit die Homöopathie als ein seligmachendes Heilmittel in die Krankheitsgeschichte ein. Als einer der kräftigsten Propagandisten dieser neuen Methode galt ein Naumburger, Dr. Stapf, der vor dem Jakobstore in der Grochlitzer Straße wohnte. Er war herzoglich sachsen-meiningenscher Medizinalrat und Ritter des Falkenordens.

Es war eine Epoche großer Ärzte, deren Namen überall durch das Volk gingen. Man nannte den alten Heim, den klugen Berliner Hofrat, von dessen Humor und Schlichtheit hundert Anekdoten erzählten, oder einen anderen ebenso gütigen Berliner, den Leibarzt Friedrich Wilhelms III., Christian Wilhelm Hufeland, dessen Buch "Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern" ein rechtes Hausbuch des deutschen Bürgers wurde. Die Beweglichkeit der ärztlichen Gelehrsamkeit und Praxis griff sofort auf die Wissenschaft des Apothekers über. Und hier wurde es zudem der denkwürdigste Anhieb, daß in Paris Antoine Laurent Lavoisier, der später auf der Guillotine starb, den Sauerstoff entdeckt und damit zugleich eine Erklärung der Verbrennungserscheinungen und der Zusammensetzung des Wassers gefunden hatte. Der ganze Aufbau der neuen Chemie gründete sich darauf. Dann spürte der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner in Hameln das Alkaloid des Opiums, das Morphin, das schmerzeneinschläfernde Salz des Schlummergottes Morpheus. Das alles erwies sich so bedeutsam, daß die Ausbildung der Apotheker, die doch im Grunde bisher vorwiegend auf das Handwerksmäßige beschränkt gewesen war, nun zu dem höheren Stockwerk des Akademisch-Wissenschaftlichen drängte. In Erfurt wurde eine pharmazeutische Fachschule eingerichtet, und dann dauerte es nicht mehr lange, bis im neunzehnten Jahrhundert der Besuch einer Universität für den jungen Apotheker gesetzliche Vorschrift wurde. Aller Aufklärung zum Trotz hockte in einem dunklen Winkel der Volksseele doch immerdar das abergläubische Vertrauen auf die geheimnisvollen sympathetischen Heilkräfte, die sich in der Natur vor aller Gelehrsamkeit verbargen. Noch 1790 wurde ein Buch gedruckt, das Eberhard Heinrich Fischer, ein preußischer Förster, geschrieben hatte: "Albertus Magnus der Andere, aus eigenen Erfahrungen aufgesetzet." Da gibt es eine sympathetische Medizin wider den Schlangenbiß: "Nimm das Herz, die Zunge und, so es dir beliebt, auch den Kopf einer Natter, dörre alles zusammen wohl und pulverisiere es, und so nehme man es ein in Wasser oder Wein; sodann wird dir der Schlangenbiß nicht schaden, solange du kein anderes Gift eingenommen als Theriac; inmaßen man eben solches Gegengiftes gebrauchen muß, von welchem man ist vergiftet worden." Und ein anderes sympathetisches Mittel gegen Blutungen: "Das Blut wird alsobald gestillet, wenn man in ein reines seidenes Tüchlein warmen Schweinekot wickelt und es in die Nase stecket; dies ist ein Kunststück nicht für Vornehme sondern für geringe Personen."

Als August Ludwig Kohl in Naumburg um die Jahrhundertwende die Lorbeerbaumapotheke übernahm, fand er den Arzneimittelbestand und auch den Betrieb selbst vernachlässigt und heruntergekommen. Er war ein tüchtiger Mann und hatte den besten Willen, hier Ordnung zu schaffen. Um der Offizin einen neuen Ruf zu schaffen, wollte er die Firma überkleben. "Bei den niederen Volksklassen", sagte er, "ist bekanntlich oft bloß der Name einer Sache hinreichend, eine vorher herbeigeführte üble Meinung auch ferner aufrecht zu halten." Also gedachte er, die Bezeichnung "Neue Salomonsapotheke" zu wählen. Das Gutachten des Löwenapothekers Rabenhorst und des Mohrenapothekers Remmler, das der Rat forderte, hatte gegen die Umtaufe nichts einzuwenden, nur wollten jene beiden das Adjectivum "neue" streichen, damit das Publikum nicht meinen könnte, "das Neue sei auch das Bessere". Man hört dann aber nicht, daß der neue Salomon den alten Lorbeerbaum verdrängt hat.

Die Norm der einhalbjahrhundertlangen Friedenspause war noch nicht erfüllt, als das Sachsenland, diesmal von Preußen mitgerissen, sich wieder zum Theater eines Krieges fügen mußte, der gnadenloser als die wallensteinschen und schwedischen Heerzüge das Bürgertum vergewaltigte. Der Löwenapotheker sah von der Loge seines Hauses in täglichem Schauspiel freundliche und feindliche Kolonnen über den Marktplatz sich drängen, Preußen, Sachsen, Franzosen, Rheinbundvölker, sah den König Friedrich Wilhelm III. und die Königin Luise, die französischen Generäle und den Kaiser und auch den sächsischen Landesherrn, der nun die Vasallenkönigskrone trug. Die Stadt blieb an der Verknüpfung der Kriegsstraßen eine ruhelose Etappe von der Schlacht bei Auerstedt an bis zur Schlacht bei Leipzig. Drängten die Regimenter aus den kahlen Quartieren weiter, so lagerten sich die Rückstände hier ab, daß oft genug die Domkurien, das Schützenhaus und alle Kirchen mit Tausenden von Blessierten und Typhuskranken belegt werden mußten. Der Rat ließ zur Abwehr der Seuchen auf den Straßen mit salzsauren Dämpfen und mit Teer räuchern. Viel mehr konnte er nicht tun, denn die Apotheker und die Stadtphysici wußten noch nichts von den chemischen Desinfektionsmitteln, von Sublimat, Karbol, Chlorkalk, Kresol. Die Stadt hatte damals eine Reihe tüchtiger Stadtphysici in ihrem Dienste. Da war der Dr. Christian Gottlieb Ortel, ein umsichtiger und eifriger Mann. Er ließ 1806 auf einem großen Doppelfoliobogen eine "Tabellarische allgemeine Anweisung zur Verhütung ansteckender epidemischer Krankheiten, namentlich des so häufig tödlich gewordenen Scharlachfiebers, für jedermanns Gebrauch" drucken. Es waren sachliche, hygienische Vorschriften, Paragraph für Paragraph, die auf Reinlichkeit, zweckmäßige Kleidung, Enthaltsamkeit und Abhärtung drängten, auf Isolierung der Kranken und auf Schutz der Gesunden.

Die von den Kriegswirren betäubten und aus der sicheren Bahn geworfenen Menschen flüchteten sich mehr denn je zu der geheimen Heilkünstelei der Pfuscher, Barbiere, Hebammen, Scharfrichter und Hirten. Die sächsische Landesregierung griff scharf zu, um diesen Arzneitrödlern das Handwerk zu legen, und sie darf überhaupt das Verdienst beanspruchen, daß sie gewissenhaft über die Gesundheitspflege im Stifte Naumburg wachte. Sie drängte auf eine gesunde, von den Ärzten kontrollierte Aufziehung der neugeborenen und der verwaisten Kinder. Und in der Stadt Naumburg fegte sie die Unsitte der Fleischhauer fort, die hier nach eingewurzelter, übler Gewohnheit auf ihren Marktbänken das Fleisch mit dem Munde aufbliesen. Die Ärzte wurden von neuem zur Visitation der Apotheken angehalten. So unternahm der Stadtphysikus Dr. Messerschmidt im Jahre 1809 mit einem Ratsdeputierten und mit einem Registratur eine Besichtigung der drei Apotheken, die für jede zwei Tage lang währte und nicht nur die Einrichtung und den Betrieb, sondern auch die einzelnen Medikamente durch chemisch reine Reagenzien prüfte. Die außerordentlich sorgsamen Protokolle schlossen dann fast gleichmäßig mit der Bezeugung, daß der Zustand nicht allein den Anforderungen der Pideritschen Pharmazie vollkommen entspräche, sondern sie in vieler Hinsicht bei weitern überträfe.

Das Dauernde im Wechsel des bürgerlichen Geschicks blieb die Last der Einquartierungen und der Kontributionen. Die letzten Ausflugversuche der Handelsschaft schlug die Kontinentalsperre zur Erde nieder. Die Meßbuden standen leer, die Handwerker saßen müßig. Es gab in den Kramergewölben keine Baumwolle mehr, nicht mehr Zucker, Kaffee, Tee, Kakao, Pfeffer und Zimt. Und in den Apotheken fragte man vergebens nach all den Spezereien, Gewürzen und Arzneimitteln, die bisher die englischen Schiffe von Übersee gebracht hatten. Alles, was sich an fremden Manufaktur- und Fabrikwaren und Kolonialprodukten in den Läden und Kellern noch verborgen hatte, wurde im Jahre 1810 von den französischen Gendarmen hervorgeholt und mußte auf der Vogelwiese den Flammentod sterben. "Ohne Schmerzenslaut versanken die Dinge in Asche", sagt einer, der zuschaute, "nur das Steingut seufzte ein wenig, ehe es zersprang." Die Salutschüsse und das Glockengeläut dröhnten zu den Geburtstagsfeiern Napoleons und Friedrich Augusts, aber das Volk lag hungernd in den verfallenen Häusern oder bettelnd auf den Straßen. Die Barmherzigkeit vermochte nichts, als die Armen öffentlich mit jener Suppe zu speisen, die den Namen des Philanthropen Rumford hatte und die nach seinem Rezepte aus Fleischabfällen und Erbsen und Graupen gekocht war.

Auf der Moritzburg an der Elster saß damals, 1810, in der Stiftsregierung ein Beamter, der im Überdrang seiner Geschäfte doch noch Sinn für ein merkwürdiges kleines Problem hatte. Er fand, daß unter den Wahnsinnigen, die in den allgemeinen Armen- und Arbeitshäusern der Stiftslande seit 1790 untergebracht wurden, die Naumburger mit einer auffallend großen Anzahl vertreten waren. Der Rat der Stadt wurde aufgefordert, nach der Ursache zu forschen, besonders aber zu untersuchen, ob die Erklärung in der schlechten Ernährung des Volkes oder vielleicht gar in der Beschaffenheit des Stadtbiers zu finden sei. Der städtische Braumeister erklärte, daß sein Gebräu aus purem Malz und Hopfen sowie dem üblichen Zusatz an Hefe bestände und daß nichts von Kräutern und anderen Ingredienzien hinzugetan wäre. Das alte gute Naumburger Bier war also gerechtfertigt. Mit der Liste ihrer irrsinnigen Untertanen in der Hand forschten dann Rat und Stadtphysikus weiter nach den Urgründen der lokalen Blödigkeit, und sie kamen zu dem unmaßgeblichen, alleruntertänigsten Ermessen, daß die betrübende Erscheinung wohl zu den zufälligen Ereignissen gezählt werden müßte. "Sollte aber", so schlössen sie ihren Bericht, "die mangelhafte Ernährung wirklich die Schuld an der üblen Krankheit tragen, so ist hier bei uns, wie jetzt überall im Reiche, das Korn seit 1790 von Jahr zu Jahr teuerer und für die Armen im Volke unerreichbarer geworden, sodaß sie sich statt der alten, reinen und kräftigen Speise mit ungewohnten Nahrungsmitteln behelfen müssen mit Kartoffeln und besonders mit dem schädlichen Branntwein, der die Säfte ausdehnt und das Nervensystem zerrüttet."

Als nach dem Wiener Kongreß die preußischen Beamten an den Stadttoren den sächsischen Rautenschild herabnahmen und an seiner Stelle den schwarzen Adler anschlugen, war die Geschichte Altnaumburgs zu Ende. Die Stiftslande hörten auf, ein Staat im Staate zu sein, und die Bürger sahen, wie die letzten verblaßten Ausstattungsstücke der ratsherrlichen Regierungs- und Gerichtsgewalt zum leb- und wertlosen Kram geworfen wurden. Die Naumburger wurden aus Untertanen nun Bürger. Die mittelalterlichen drei Ratskollegien waren schon 1698 durch landesfürstlichen Rezeß auf zwei herabgesetzt worden, jetzt beschränkte die Steinsche Städteordnung die Tätigkeit des Rates auf die Kommunal- und Polizeiverwaltung. Der neue Landesherr legte das Oberlandesgericht der jungen Provinz Sachsen nach Naumburg. Da überließ der Kaufmannsgeist, der seit acht Jahrhunderten hier gewurzelt hatte, die Stätte, die ihn nicht mehr tränkte, dem Zustrom stadtfremder, stiller Beamten. Und diese waren es, die dem Leben hier fortan Form, Farbe und Rhythmus gaben. Damals zählte man 8697 Einwohner. Fünfunddreißig Laternen mit matten Öllampen hingen über der nächtlichen Dunkelheit. Und es war kein guter Geist, der, allem Romantisch-Geschichtlichen verständnislos abgewandt und besessen von beleidigender Nüchternheit, nun daran ging, die mittelalterliche Wehr der Zwingermauern, der Wachttürme und der Torkastelle niederzulegen und zu zerschlagen. Ein Kupferstich, der um das Jahr 1830 entstand, zeigt den Marktplatz als ein geschlossenes Gefüge reizlos aufgefaßter, aber doch stattlicher Häuser, in deren Mitte auf grobem Pflaster ein einziger machtloser Laternenpfahl steht. Der Turm von St. Wenzel, der herüberschaut, gibt den einzigen wuchtigen Akzent. Die Löwenapotheke ist ein kahler Block – unter dem Walmdach zwei Stockwerke von je sechs rechteckigen Fenstern und dann das Erdgeschoß mit dem Hauseingang und mit jenen eigenartigen Rundbogenöffnungen, die zur Hälfte Tür, zu einem Viertel Auslagefenster und zu einem Viertel Mauerwerk sind. Die Zeichnung ist zu klein, als daß man das Firmenschild der Offizin erkennen könnte. Trotz allen Jammerns über die lastende Bürde des Lebens, gelang jetzt dem Löwenapotheker im Bunde mit dem Lorbeerbaumapotheker endlich der alte Versuch, der bisher stets ein Fehlschlag geblieben war: sie erstickten die Konkurrenz der dritten Apotheke. Der Mohrenapotheker Mennel verkaufte sein Besitztum in der Herrenstraße 1835 dem Nagelschmied Johann Georg Höltz; und das alte Privilegium, das auf dem Hause seit 1698 geruht hatte, erstanden seine beiden Kollegen gemeinsam von ihm. Da niemand da war, um diesen Handel anzufechten, blieben sie in ihrem Rechte. In der Lorbeerbaumapotheke war auf August Ludwig Kohl im Jahre 1806 Johann Gottfried Klinger, dann 1829 Ferdinand Benecke und 1844 Ferdinand Wandel gefolgt; und im Jahre 1863 erwarb sie Louis Broche, der hier eine Apothekererbfolge begründete. Die Offizin ging auf seinen Sohn Dr. Carl Broche und 1933 auf dessen Sohn Dr. Walter Broche über. Als der Löwenapotheker Paul Wilhelm Rabenhorst 1813 starb, wurde zunächst 1814 als Provisor Friedrich Goldhagen aus Gera vereidigt, aber bald darauf, noch in demselben Jahre, erwarb Friedrich Gottlob Erdmann Heynemann aus Leipzig die Offizin. Da geschah es, daß der Betrieb in Konkurs geriet. Aus diesem Zusammenbruch erwarb 1820 Dr. Ludwig Franz Tuchen die Apotheke. Er kam aus Berlin und war siebenundzwanzig Jahre alt. In einem Bericht an den königlichen Landrat Karl Peter Lepsius schrieb er: "Ich habe fünf Jahre hindurch die Stelle eines Administrators der Witwe Lucaschen Apotheke innegehabt und bin 1815, als ich die gedachte Stelle antrat, von dem Herrn Kriegsrat Brandhorst auf dem Berliner Rathause für das Berliner Publikum vereidet worden." Doch auf die Verfügung der Regierung in Merseburg mußte er jetzt noch einmal das Apothekerjurament wiederholen. Das geschah actu corporali am 9. August 1821 vor dem Naumburger Stadtmagistrat. Es gelang ihm dann, nach der Tradition des alten Pankratius Wolff wieder eine Apothekerdynastie zu schaffen, die 1859 in die Offizin den Sohn Dr. Anton Tuchen stellte und 1893 den Enkel Arthur Tuchen. Im Jahre 1903, am 19. März, setzte Dr. phil. Emil Dencks aus Förderstedt seinen Namen unter den Goldenen Löwen, der die Natter, das Sinnbild der tückischen Krankheit, mit seiner Tatze zerdrückt. Der Besitz ging 1934 an die Söhne Hans-Georg und Gerhard Dencks über.

Seit den Tagen des Kaisers Sigismund war das deutsche Apotheker- und Arztwesen der willkürlichen Handhabung der tausend kleinen deutschen Staaten und Städte entzogen und unter die Obhut der Reichs- und Landesgewalt gestellt. Ein seltsames Geschehen – und ein glückliches. Denn diese Ordnung hielt unwandelbar durch die Jahrhunderte und versagte nicht, indes die ungezählten anderen Hoheitsedikte, die Statuten über Münz- und Steuerregale, über Gerichtsgewalt und Rechtsprechung der Wucht einer nachdrücklichen Zentralgewalt ermangelten und an dem Sondersinn heimischer Eigenmächtigkeiten zerbröckelten.

Mit der Lösung Naumburgs vom Königreiche Sachsen begann für diese Stadt naturgemäß die Geltung der preußischen Medizinalgesetzgebung. Späterhin überwies eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV. die gesamte Medizinalverwaltung samt der Sanitätspolizei dem Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten, und heute ist sie in das Ministerium des Innern eingegliedert.

Unter dieser Autorität regelt seitdem die staatliche Apothekerordnung den Bildungsgang des Apothekers von seinem Abiturientenexamen und von seinen Lehrjahren an zum akademischen Studium, zu den pharmazeutischen Prüfungen, zum Praktikum und zur Approbation. Und diese Ordnung begrenzt nun auch die Dienstobliegenheiten und den Gewerbebetrieb, bestimmt die Einrichtung der Offizin, die staatliche und medizinalpolitische Aufsicht und die Visitationen, die Kontrolle der Arzneitaxe und der Arzneibücher, die Maße und Gewichte und hundert andere Einzeldinge. Sie erläutert den Begriff einer privilegierten und einer konzessionierten Apotheke, schützt die Standesvertretung der Pharmazeuten in der "Apothekerkammer", und sie sucht endlich die Grenzstreitigkeiten zum Frieden zu führen, die in alter Zeit unablässig die Apotheker gegen die Ärzte und gegen die Kaufleute und Drogisten in den Harnisch gebracht haben.

Um das Jahr 1890 stieg die Einwohnerzahl der Stadt auf zwanzigtausend. "Wegen der starken Zahl der auf die beiden Apotheken angewiesenen Bevölkerung hielt 1892 der Oberpräsident der Provinz Sachsen die Konzessionierung einer dritten Apotheke für unbedingt geboten." Er verlangte jedoch, daß diese neue Apotheke in angemessener Entfernung von den beiden älteren sich niederließe. Der Oberbürgermeister bezeichnete auf dem Lageplan zuerst den Kaiser-Friedrichs-Platz vor dem Marientore mit dem Hintergrunde der nördlichen und nordöstlichen Straßenguppen, dann aber schien doch nach dem Vorschlage des königlichen Kreisphysikus der Kaiser-Wilhelms-Platz am Salztore mit dem westlichen und nordwestlichen Straßengebiet geeigneter. Auch der Oberpräsident entschied sich für diesen Vorschlag. So eröffnete – vier Jahre waren über die Debatten dahingegangen – an der Westseite des Kaiser-Wilhelms-Platzes im Hause Nr. acht und neun im Jahre 1896 der Apotheker Charles Amató aus Magdeburg die konzessionierte Adlerapotheke. Von dort verlegte sie der neue Besitzer Ernst Grube 1907 nach der Ostseite, wo sie heute steht. Seit 1934 gehört sie den Erben.

Im Jahre 1797 war unter den Honoratioren des Bürgertums die Figur des Apothekers in die Dichtung eingetreten. Goethe hatte ihn in "Herrmann und Dorothea" dem Volke vorgestellt als einen Mann von betonter Würde und sicherer Wesensart. Kriege und Revolutionen schichten die Gesellschaft um und machen so das Relief des Volksganzen für unseren Blick stets flacher an Sondergestaltung und dürftiger an Buntheit der Farben. Auch der einzelne Mensch, will uns dünken, gibt den eigenwilligen Ausdruck seiner Persönlichkeit, die Eigenart seines Willens und seines Gemütes allzuleicht dahin und verliert seine einprägsame Bildhaftigkeit. Der Apotheker und der Arzt, einst so wirksame Porträts von persönlicher Leuchtkraft, sind zu unpatriarchalischen Zivilisten verblaßt. Doch vielleicht liegt das daran, daß der Geschichtsschreiber sie nicht mehr so recht greifen kann: redselige Grabsteine und breit gedruckte Leichensermone predigen nicht mehr von ihrem Menschentum, die Gestalten werden auch nicht durch die Akten der ewigen Prozeßhändel für die Nachwelt präpariert, und sie schreiben auch keine Memorabilien mehr. Selbst die Rezepte, so geheimnisvoll ihre Schrift dem Kranken scheinen mag, sind heute sachlich gefaßt. Es wird kein Extrakt des menschlichen Gehirns mehr gegen Epilepsie gereicht, kein Absud von Hirschgeweihen, Krebsaugen, Fuchslunge, Lerchenblut oder Katzenkot mehr gegen Pest und Leberleiden, Brustschmerzen und Augen- und Ohrenübel. Aber eine Weisheit des sechzehnten Jahrhunderts gilt noch heute und wird immer gelten:

In der Apotheke ist nicht ein Krut, das gegen den Tod kann wesen gut.