Mit Nietzsche durch Naumburg

Ein Spaziergang mit Friedrich Nietzsche durch Naumburg im Jahr 1858.

"... kommt, laßt uns ein Wenig die Stadt beschauen. - Wollen einmal zum netten Jakobsthor hineingehen. Wenn wir nun die schöne, breite Straße mit ihren alterthümlichen Häusern herabgehen, so kommen wir auf den Marktplatz.

Sieh da, gleich vor dir steht das Rathhaus. Wie groß es doch ist! Welche Ausdehnung! Seine vier Fronten bilden fast 4 Straßen und mit seinem Thürmchen ragt es düster in die Luft hinein. Dies dunkelfarbene Grau, diese alterthümlichen Erker, lassen es mich immer nur mit Ehrfurcht betrachten.

Wende nun deine Blicke rechts, da in der Mitte, das grüne Haus! Das ist die pindersche Wohnung! Hier wohnt Rath Krugs, hier wohnt die Frau Großmama Pinder, die ehrwürdige Besitzerinn des Hauses. In ihm soll einst Friedrich der Große logirt haben, ebenso Napoleon und ein großer Adler ist noch aus seiner Zeit da. (Nämlich ein Transparent! Bitte nicht an einen Vogel zu denken! Denn Napoleon glich auch so einem papiernen Adler. Wenn man die Lichter hinter ihn wegnahm, war er auch nur elend Papier und wurde in einem Winkel gesteckt!) -

Links vom Rathhaus, siehst du die hohe, ehrwürdige Stadtkirche hervorragen. Vor derselben, sieh welches erbärmliche Gebäude da steht! Ei, wenn es doch weggerissen würde, hemmt es ni[c]ht die ganz Aussicht auf das Gotteshaus?! -

Hinter der Kirche steht das königl[iche] Kreisgericht, daß mit zwei hohen Giebeln auf den Markt ragt. Wollen an der Kirche vorübergehen; ein ander mal haben wir mehr Zeit sie uns genau zu besehen.

Laßt uns durch die Priestergasse spazieren! Gleich am Anfang steht die Knabenbürgerschule. Sie befindet sich jetzt in recht blühenden Zustande, den sie wohl am meisten ihren Direktor, den trefflichen Docktor Neumüller zu danken hat. Dicht daran stößt die Superindentur. [...] An diese Gebäude schliesen sich die übrigen Priesterwohnungen an, bis zu der Lücke, mit der das Besitzthum unsres Wirthes beginnt. Durch einen grosen Thorweg gelangen wir in den Hof mit seinen vielen Nebengebäuden bis wir das Wohnhaus das mit seiner vortern Fronte die Ecke der Neugasse bildet, erreichen.

Gehen wir diese Straße weiter herunter, so erblicken wir alsbald das hohe, schöne Gebäude des Bürgermeister Rasch. Das Ende der Gasse bildet die stattliche Praesidenten Wohnung die jetzt Hr. Pr. Koch innehat. Rechts von diesen steht ein nettes Haus, in das ich so oft gegangen und aus dem ich immer meine Kenntniße um ein wenig bereichert nach Hause brachte. Es ist nämlich das H. Weber Institut.

In der nahen Kirche zu S. Othmar ist der liebe Mann nun als Pastor angestellt, behält aber trotzdem seine Schule bei, die aber nun in sein Amtsgebäude verlegt ist. - Also weiter! Vor diesen Hausen dehnen sich Rasenplätze und Baumgruppen aus, bis zum Salzthore hin. Die Wachen an beiden Seiten sind mit einfachen dorischen Säulen geschmückt und gewähren einen stattlichen Anblick.

Etwas weiter hinauf zeigen sich wieder ein paar sehr nette Häuser. Beide sind erst ganz kürzlich gebaut. Sie bilden den Anfang der Salzstraße. Lassen wir diese bei Seite liegen und gehen unsern frühern Weg fort, so kommen wir zur Lindenstraße, die in ihrer Mitte eine mit Linden bepflanzte Allee bildet. Mitten in der Hälf[t]e erhebt sie sich allmählig und bildet oben die Verbindung von Steinweg und Herrengasse. Letztere mit ihren düstern, alterthümlichen Gebäuden, will [ich] noch erwähnen, da in ihr die Wohnung v[on] Rht. Pinders ist. Auch liegt die Domrichsche Buchhandlung in derselben. Den Theil des Rathhauses der in dieser Straße liegt will ich noch erwähnen weil in denselben häufig Conzerte und Bälle gegeben wurden. -

S[o], nun haben wir uns genug angesehen, ein ander mal mehr."

Auszug: Friedrich Nietzsche: Aus meinem Leben, 1858. Zitiert nach: Friedrich Nietzsche: Frühe Schriften, Bd. I. Hg. von Hans Joachim Mette, München 1994, S. 16-18.