Hausmänner

Der Türmer Schunke in den 1950er JahreTürmer Schunke, 1950er JahreTurm der Wenzelskirche wurde in seiner heutigen Gestalt zwischen 1426 und etwa 1520 erbaut - mehrere Brände hatten zwischenzeitlich erhebliche Zerstörungen angerichtet. Der Turm mißt heute bis zur Spitze der 1706 errichteten barocken Haube 72,5m, die Aussichtsplattform liegt in 53m Höhe, die Türmerwohnung auf 45m Höhe.

Seit Anfang des 15. Jahrhunderts gibt es Nachrichten von den "Hausmänner" genannten Türmern der Naumburger Stadtkirche St. Wenzel. Da der Turm schon damals nicht der Kirche, sondern der Stadtgemeinde gehörte, waren die Hausmänner immer im städtischen Dienst. Ihre Aufgabe war es, bei Tag und Nacht nach nahenden Feinden und nach Feuer Ausschau zu halten, das Uhrwerk zu beaufsichtigen und die Glocken zu läuten. Da es einem einzelnen Mann kaum möglich war, Tag und Nacht wachsam zu sein, wurden seit 1527 Beiwächter eingestellt, die den Türmer meistens während der Nacht vertraten.

Schunke04Die Bezahlung der Hausmänner war jedoch immer so schlecht, daß diese auf Nebenerwerb - zumeist als Musikanten - angewiesen waren. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts wurden Türmerordnungen erlassen, die die Aufgaben der Hausmänner näher bestimmten: Der Wächter hatte sich nachts alle Viertelstunden mit dem Horn zu melden, damit man feststellen konnte, ob er wirklich wache. Später wurde diese Kontrolle dahin ausgebaut, daß die Nachtwächter in der Stadt auf den Hornruf des Turmwächters antworten mußten und zwar mit sogenannten Schnurren.

Der Wächter hatte nach dem Markte und nach der Viehgasse täglich drei Choräle abzublasen und zwar früh um 3 Uhr, mittags 11 Uhr und abends bei Torschluß. Der Wächter war verpflichtet, jedes Feuer in der Stadt und außerhalb derselben sofort zu melden durch verschiedenartige Anschläge mit der großen Uhrglocke und Heraushängen der Fahne oder Feuerleuchte. Die Nebenarbeit auf Hochzeiten und Kirmessen wurde untersagt, "gleichwohl aber nachgelassen, von Hochzeiten Essen und Trinken abzuholen". Auch zum neuen Jahr durfte er umgehen, um die Spende einzuholen. So streng die Türmerordnungen auch waren, es kam doch immer wieder dazu, daß die Hausmänner Brände übersahen - bereits den großen Stadtbrand von 1517 hatte man dem Türmer angelastet.

Als eine moderne Wasserversorgung und verbesserte Feuerschutz- und Brandbekämpfungseinrichtungen die Hauptaufgabe des Türmers überflüssig macht, zögerte die Stadt nicht, die Türmerstelle zu streichen. Dies geschah im Jahr 1892. Seither wurde die Türmwohnung zu einem sehr günstigen Tarif vermietet mit der Auflage, daß die Bewohner die Turmuhr warten und die Schulglocke läuten sollten. Von der Kirche erhielten sie die Aufgabe übertragen, die Kirchenglocken zu läuten.