Haushaltsauflösung

Da der zu schildernde Fall recht kompliziert ist und um einen Apparat zu vermeiden, der in einem eher unangemessenen Verhältnis zum inhaltlichen Gewicht dieses Berichts steht, haben wir darauf verzichtet, Einzelheiten durch Fußnoten nachzuweisen. Eine vollständige Dokumentation des Falles kann im Stadtarchiv Naumburg eingesehen werden.

Klingers Weinberghaus als Volkseigentum

Westbesuch

Es muss eigentlich ein freundlicher Tag gewesen sein, der 12. August 1959, die Sonne schien und es war angenehm warm. Der Naumburger Stadtrat Reinicke machte einen Besuch auf Max Klingers Weinberg. Er traf sich dort mit Waltraute K., einer Frau mittleren Alters, die aus Westdeutschland angereist war und einige Tage in Klingers ehemaligem Wohnhaus nächtigte. Frau K. hatte Reinicke eingeladen – oder besser: vorgeladen – um sich zu beschweren. Sie führte den Vertreter der Stadt ins Untergeschoss des Gebäudes, ins ehemalige Atelier Max Klingers, wo auf dem steinernen Fußboden zahlreiche Gemälde und gerahmte Radierungen standen. Der Raum war staubig und muffig-feucht. „Dort wird nicht sauber gemacht", notierte Reinicke später, „die Gemälde sind stark verschmutzt bzw. verstaubt und einige zeigen Stockflecke auf, die der Erhaltung dieser Kunstgegenstände absolut abträglich sind. Darunter befinden sich Original-Gemälde von Adolph Menzel und von Professor Klinger." Teilweise waren die Rahmen der Grafiken beschädigt. „Verschiedene Büsten und Porträts," so Reinicke weiter, „sind ebenfalls in dem alten Atelier abgestellt, befinden sich ebenfalls auf dem Erdboden und sind von ihr [W. K.] wenigstens auf erhöhte Podeste gestellt worden." Zwei „Studien" (wahrscheinlich Zeichnungen) von Adolph Menzel nahm Reinicke schließlich mit nach Naumburg, um die Verglasung erneuern zu lassen.

Frau K. zeigte sich wohl sehr ungehalten ob dieser schändlichen Behandlung der Kunstwerke und sie hatte allen Grund dazu. Es war gerade einmal vier Jahre her, dass sie mit der Stadt Naumburg einen Vertrag geschlossen hatte, dessen Einhaltung sie nun einforderte. Die 1926 geborene Waltraute K., geschiedene Borkowsky, war die Tochter Johannes Hartmanns und seiner zweiten Frau Gertrud (1893-1932), der Witwe Max Klingers. Nach dem Tode Hartmanns und seiner dritten Ehefrau Ella, Gertruds Schwester, hatte Waltraute K. als Erbin des gesamten verbliebenen Inventars des Klingerschen Anwesens dieses per Vertrag vom 23. Mai 1955 zum großen Teil leihweise der Stadt überlassen „zur Errichtung der bereits 1946 vertraglich geplanten Klinger-Gedächtnisstätte auf dem Weinberg". Nun sah sie sich in diesem Ansinnen enttäuscht, da sich zeigte, dass das Vorhaben keinerlei Fortschritte gemacht hatte. Im Gegenteil: seit einer Renovierung der Wohnräume standen die Leihgaben nun schon mehr als ein halbes Jahr im verschmutzten Atelier-Raum, teilweise noch mit Wandfarbe bespritzt und offensichtlich weitgehend vergessen. Zwar sprach Stadtrat Reinicke in seiner Aktennotiz, der wir die Kenntnis über diese Begebenheit verdanken, davon, dass dafür zu sorgen sei, dass „unbedingt und zwar möglichst bald, eine bessere Betreuung des Klinger-Museums und der in ihm befindlichen Gegenstände" zu sichern sei, tatsächlich kann aber von einem „Museum" weder zu jener Zeit noch in den Jahren darauf die Rede sein. Es scheint, dass man in der Folge immerhin die Bilder wieder an ihren angestammten Platz im Haus hing – das allerdings gleichzeitig verschiedenen städtischen Weinberg-Bediensteten als Wohnung diente.

Nun wäre der ganze Vorfall nicht sonderlich bemerkenswert, wenn er uns nicht die letzte Nachricht geben würde vom vollständigen Nachlass der Hartmanns, der wiederum größtenteils aus den Resten von Klingers Hinterlassenschaften bestand. Wir müssen an dieser Stelle etwas ausholen. Klinger hatte seiner Frau und Alleinerbin Gertrud wohl eine ansehnliche Sammlung von Kunstwerken hinterlassen, sowohl von eigener als auch von fremder Hand, die nach Gertruds rascher Heirat mit dem ebenfalls verwitweten Leipziger Bildhauer Johannes Hartmann in dessen Verfügungsgewalt übergegangen war. Wohl versuchten die Hartmanns in jenem langwierigen Erbschaftsprozess, den Klingers Tochter Desirée gegen sie führte, nachzuweisen, dass der Nachlass so gut wie wertlos sei, weil Klingers Kunst nach dem Krieg rasch und radikal aus der Mode gekommen war. Doch gibt es durchaus Hinweise darauf, dass die Hartmanns einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebensunterhalts in den 1920er und 1930er Jahren durch den Verkauf (und den Nachdruck) von Klingers Werken bestritten, so dass die Nachlassmasse schon zu dieser Zeit beständig schrumpfte. 1931 verkaufte Hartmann den Großjenaer Weinberg samt Grabstätte Max Klingers und Gebäuden an die Stadt Naumburg, einerseits im Hinblick auf den Wunsch seiner Ehefrau Gertrud, für Max Klinger eine Gedenkstätte einzurichten, andererseits sicher auch aus einer gewissen Geldnot heraus. Dass sich Johannes Hartmann schon damals ein Wohnrecht auf dem Weinberg vertraglich sichern konnte (Gertrud starb schon 1932), verdeutlicht, dass die Stadt es mit den Museums-Plänen nicht allzu eilig hatte, und es bewahrte Hartmann und seine zweite Frau Ella im Alter vor der Obdachlosigkeit, denn nachdem sie in Leipzig gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ausgebombt worden waren, holten sie ihren verbliebenen Hausstand nach Großjena, wo sie schließlich ihren Lebensabend verbrachten. Johannes Hartmann starb 1952, Ella folgte ihm 1955.

Als Waltraute K. dann 1955 das Erbe antrat, löste sie den Haushalt auf. Die Bibliothek Klingers, oder das, was davon noch verblieben war, hatte Hartmann schon 1946 der Stadt übereignet, ebenso ein umfangreiches Konvolut von Briefen von und an Klinger. Da Frau K. nach ihrer zweiten Heirat schon 1951 nach Schleswig-Holstein verzogen war, konnte sie nur einen Teil des Erbes an sich nehmen, hatte sie doch keine Ausfuhrgenehmigung erhalten und die Möglichkeiten der inoffiziellen Ausfuhr waren bekanntlich begrenzt. Mündlichen Berichten zufolge verkaufte sie in den folgenden Jahren in nicht geringem Umfang vor allem Klinger-Grafiken vor Ort, von einer größeren Menge „Handschuh"-Mappen, die sehr günstig abgegeben wurden, war die Rede. Einen Teil des Nachlasses hatte sie, wie oben bereits erwähnt, für die Einrichtung der „Gedächtnisstätte" offiziell an die Stadt übergeben. Eine Aufstellung dieser Objekte war dem Vertrag beigelegt, allerdings in einer Kurzform, die zur Identifizierung einzelner Werke nur bedingt tauglich ist. Da diese Liste Raum für Raum Kunstwerke und Möbelstücke aufzählt, dokumentiert sie wohl die ursprüngliche Ausstattung des Hauses, wie sie von den Hartmanns hinterlassen wurde. Unter den aufgezählten Kunstwerken befinden sich – neben Arbeiten Hartmanns – zahlreiche Klinger-Werke (Radierungen, Zeichnungen, Ölbilder, Plaketten, Plastiken: die Totenmasken von Nietzsche und Brahms, eine Nietzsche-Bronze, Exemplare der Kassandra und der Salomé), Werke von Klinger-Freunden wie Otto Greiner und Paul Horst-Schulze und schließlich fünf Zeichnungen von Adolph Menzel. Nicht gelistet sind große Mengen von Radierungen, Zeichnungen, Drucken, Fotografien etc., die in Schränken aufbewahrt wurden. Ebenfalls nicht gelistet ist z.B. ein Gemälde von Alfred Sisley, das Frau K. beim Besichtigungstermin 1959 als abgängig bemängelte. Da sie aber sonst nichts vermisste, können wir davon ausgehen, dass 1959 das aufgelistete Inventar noch vorhanden war. Das ist deswegen wichtig, weil es sich um die einzige erhaltene Aufstellung wenigstens eines Teils des verbliebenen klinger-hartmannschen Hausinventars handelt.


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Exkurs zum Kochelsee

Am 5. Dezember 2003 wurde Herr H. im malerischen Kochel in Oberbayern aufgegriffen. Er hatte auf eine Annonce reagiert, die ein Münchner Rechtsanwalt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgegeben hatte. Dieser suche Werke der klassischen Moderne, konnte man dort lesen, und erbitte Angebote. H. war im Besitz eines Bildes, das er gerne verkaufen wollte, denn er brauchte dringend Geld. Fast ein Jahrzehnt zuvor hatte er seine Stelle bei der Stadt Naumburg verloren wegen einiger Unregelmäßigkeiten und weil er viele Jahre lang als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet hatte und seither war er de facto arbeitslos, obwohl er sich gerne als „Kunsthändler" bezeichnete. So hatte er sich also auf die Anzeige gemeldet und ein Angebot gemacht. Es gab telefonische und briefliche Kontakte, doch erschien dem potenziellen Käufer der Umstand etwas seltsam, dass der Anbieter seinen Namen und seine Anschrift nicht preisgeben wollte, obwohl er für das fragliche Gemälde, das er unter dem Titel „Doppelakt" als Werk Max Klingers anbot, doch immerhin 100.000 Euro haben wollte. Man verabredete sich schließlich zu einem Übergabetermin im vornehmen Seehotel „Grauer Bär" im oberbayerischen Kochel. Statt des Käufers nahm jedoch die Kripo das Bild in Empfang und Herrn H. gleich mit, der vorübergehend festgenommen wurde. Dem Münchner Rechtsanwalt war das konspirative Getue des Anbieters so verdächtig vorgekommen, dass er befürchtete, es mit einem Kunstfälscher zu tun zu haben und Anzeige erstattete.

Die Kripo ermittelte nun in Leipzig und Naumburg sowohl in der Frage, ob das Bild echt sei, als auch um zu klären, ob sich H. rechtmäßig in dessen Besitz gebracht hatte. Was die Echtheit angeht, so sah keiner der befragten Experten einen Grund daran zu zweifeln, und was die Provenienz des Bildes betrifft, so fand sich niemand, der dazu eine Aussage machen konnte. Wohl hatten sich im Lauf der Zeit zahlreiche Indizien gefunden, die darauf hinwiesen, dass H. bei seinem Ausscheiden aus dem Dienst das eine oder andere mitgenommen hatte (er hatte das Naumburger Stadtarchiv geleitet). Vielleicht wäre die Geschichte dennoch im Sande verlaufen, hätte sie sich nicht wiederholt.

Am 22. Dezember 2003 wurde H. ein zweites Mal festgenommen, dieses Mal in Donauwörth, wo er versuchte, ein Konvolut von 1.400 Käthe-Kruse-Briefen an das dortige Käthe-Kruse-Museum zu verkaufen, wiederum ohne plausiblen Provenienz-Nachweis und unter verdächtigen Bedingungen. Da der Übergabetermin angekündigt war, arrangierten die Ermittlungsbehörden zeitgleich in Naumburg eine Hausdurchsuchung, der eine Woche später eine zweite folgte. Was von der Polizei, unterstützt durch die Naumburger Archiv- und Museumsleitung, sichergestellt werden konnte, übertraf alle Befürchtungen. Insgesamt verzeichnete die Polizei etwas über 1000 laufende Nummern beschlagnahmten Archivgutes, wobei unter einzelnen Nummern mal einzelne Grafiken, mal ein Dutzend Bücher, mal einige hundert Fotografien subsumiert waren, insgesamt einige tausend Objekte, darunter das, was ohne Mühe als der traurige Rest des Klinger-Hartmann-Nachlasses erkennbar war: u. a. etwa 120 Radierungen, zwei Ölskizzen, eine kleine Zeichnung von der Hand Klingers, zahlreiche Arbeiten Hartmanns (Aquarelle, Zeichnungen, eine Gips-Büste) und einige Werke (Aquarelle, Radierungen, ein Gips-Porträt) aus dem Bekanntenkreis Max Klingers.

Da H. zwar bei den ersten Vernehmungen durch die bayerischen Beamten eingeräumt hatte, sich unrechtmäßig in den Besitz des Gemäldes und der Briefe gebracht zu haben, dies aber nach der Rückkehr alsbald widerrief und die Rückgabe der beschlagnahmten Objekte verlangte, sobald die Staatsanwaltschaft die Verjährung der mutmaßlichen Unterschlagung festgestellt hatte, sahen sich die Vertreter der Stadt in die Situation versetzt, die Herkunft der „Streitgegenstände" im Rahmen einer zivilrechtlichen Auseinandersetzung nachzuweisen. Dies erwies sich als überraschend schwierig, da die früheren Archivare offensichtlich mit Vorsatz und System dafür gesorgt hatten, dass ihnen anvertrautes Archivgut spurlos verschwinden konnte. Ganz besonders galt dies für das Klinger-Hartmann-Konvolut. Fanden sich auf den restlichen Archivalien Besitzmerkmale in Form von Stempeln und bekannten Signaturen zuhauf, so waren die Klinger-Blätter entweder auf den ersten Blick ganz frei von solchen Merkmalen oder diese konnten zunächst nicht zugeordnet werden. Dass sie sich in keinem Findbuch oder Katalog verzeichnet fanden, verwunderte indes wenig, da man in diesen Jahren offensichtlich im Naumburger Archiv auf jede Art der Zugangsdokumentation verzichtete. Aber es gab andere Auffälligkeiten, die auf die Herkunft der Blätter verwiesen, wie zum Beispiel eine verblüffende Anzahl von Mehrfach-Exemplaren einzelner Radierungen, die der Beklagte zu DDR-Zeiten auf „Flohmärkten" erworben haben wollte. So zählte man beispielsweise neun Exemplare des Blattes „Sehnsucht" (Beyer 396), vier Exemplare von „Meereszug" (Beyer 424), dreimal war „Mittag" (Singer 23) vertreten, die „Entführung" (Singer 121) gleich neunmal, „Herodes" (Singer 176) gar zehnmal, sogar vom „Menzelfestblatt" (Singer 268) fanden sich sieben Exemplare. Spitzenreiter war das Titelblatt der „Zwanzig Studien", das sich gleich dreißigfach vertreten sah. Ein Teil der Blätter ist mit einem kleinen Pentagramm als Nachlass-Druck gekennzeichnet, was den Zusammenhang mit Johannes Hartmann auf Anhieb deutlich machte, der diese Drucke für eine Mappe mit „dreißig Hauptblättern" 1925 von den Original-Platten abziehen ließ und vermutlich Probe- und Restexemplare in größeren Mengen zusammen mit älteren Original-Drucken in seinem Haus aufbewahrte.

Die schon angesprochenen Markierungen der Blätter gaben zunächst Rätsel auf. Fast alle Radierungen waren sichtbar mit einem „K" und einer darauf folgenden Nummer beschriftet oder diese Beschriftungen waren mit oft wenig subtilen Mitteln beseitigt worden, konnten aber z. B. im Streiflicht noch sichtbar gemacht werden. Die Frage nach dieser Markierung, die sich nach längerem Suchen tatsächlich als systematische Signatur entpuppte, genauso wie die nach der Identität des beschlagnahmten „Doppelakts", dessen versuchter Verkauf ja die ganze Aktion ausgelöst hatte, führt uns noch einmal zurück in die sechziger Jahre.


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Schwund, Schweigen

Waltraute K.'s Besuch im Jahre 1959 und der Einsatz des Stadtrats Reinicke hatten immerhin zur Folge, dass man sowohl im Wohnhaus Max Klingers als auch im Radierhaus je einen Raum der Öffentlichkeit zugänglich machte. Beide Häuser dienten aber weiterhin hauptsächlich als Wohnraum für Weinbergarbeiter und Hausmeister. Da seit Klingers Ableben keine substanziellen Erhaltungsmaßnahmen mehr durchgeführt worden waren, verkamen die Gebäude zusehends. Die Stadt Naumburg, verarmt und unsicher, ob ein bürgerlicher Künstler unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus noch erinnerungswürdig sei, war weder willens noch in der Lage, in die Gebäuderenovierung zu investieren. Gerüchte kamen auf, es gäbe „private" Interessenten für das Gelände, weshalb sich die Naumburger Bildhauerin Grete Tschaplowitz im Juli 1966 an das Ministerium für Kultur in Berlin wandte, um dieses zum Eingreifen zu bewegen. Tatsächlich wurde nun der „Rat des Bezirkes" in Halle sehr rasch aktiv. Man beschloss, im Vorgriff auf eine Übernahme des Klinger-Weinbergs zum 1. Januar des folgenden Jahres, noch im selben Herbst mit einer Sanierung des Wohnhauses zu beginnen. Um Geld zu sparen entschied man kurzerhand, das charakteristische Mansarddach durch ein standardisiertes Satteldach zu ersetzen. Ein zaghafter Versuch des Bad Kösener Museumsleiters G., diesen massiven Eingriff in Frage zu stellen, bügelte der zuständige Vertreter des Bezirks nieder, „weil sie [die Stadt] jahrelang die Möglichkeit und die Gelegenheit gehabt haben, sich um die Max-Klinger-Gedächtnisstätte zu kümmern. Sie haben jahrelang tatenlos zugesehen, wie die Gebäude verrottet sind, wobei ihnen der Gedanke über die Bedeutung der Max-Klinger-Gedächtnisstätte bis zum heutigen Tage nicht gekommen ist."

Die Umbauarbeiten der Jahre 1966/67 erforderten es selbstverständlich, dass das Gebäude vollständig beräumt wurde. In diesem Zusammenhang stellte man etwas überrascht fest, dass keinerlei Inventarverzeichnis vorlag, so dass der Bezirk dem Leiter des Zeitzer Museums Schloss Moritzburg, Joachim Winkler, ebenfalls noch im Oktober 1966 den Auftrag gab, „innerhalb der nächsten vier Wochen eine vollständige Inventur alles vorhandenen staatlichen Eigentums[!] der Klinger-Gedächtnisstätte in Naumburg vorzunehmen..."

Winkler bildete „ein Kollektiv, dem außerdem die Kollegen Joachim G., Bad Kösen, Direktor der Museen des Kreises Naumburg, und Koll. Walter W., Diplomarchivar und Leiter des Stadtarchivs Naumburg" angehörten. Und wirklich hielt das Kollektiv die kurze Frist ein. Am 9. November meldete Winkler den Abschluss der Inventarisierungsarbeit nach Halle. Das beigelegte Inventurprotokoll verzeichnete neben den bereits im Stadtarchiv untergebrachten Büchern und Briefen insgesamt

115 Teile Mobiliar
38 Plastiken (Signaturen. H-1 bis 38)
17 Gemälde (I-1 bis 17)
269 Grafiknummern (K-1 bis 269f).
97 Reproduktionen (L-1 bis 97f)
4 Urkunden an Klinger (M-1 bis 4)

Nicht inventarisiert wurden „große Mengen von Fotografien" und die „gedruckten Zeichnungen Klingers" (d.h. die „20 Studien"), von denen sich große Mengen fanden. Auch die Anzahl der vorgefundenen Grafiken und „Reproduktionen" war wesentlich höher als es die Katalognummern vermuten lassen, da alle Mehrfachexemplare unter einer Nummer zusammengefasst (und mit fortlaufenden Buchstaben gekennzeichnet) wurden.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass diese immer noch stattliche Anzahl von Objekten aus dem Nachlass Klinger-Hartmann nur noch einen Schwundbestand darstellte. Die mündliche Überlieferung berichtet, dass zeitweise in der Veranda, teilweise sogar außerhalb des Wohnhauses, Wind und Wetter ausgesetzt, stapelweise „Papier" gelegen habe, um das sich niemand kümmerte. Ein früherer Mitarbeiter des Museums der bildenden Künste Leipzig erinnerte sich, wie er aus solch einem Stapel drei der Menzel-Zeichnungen gezogen habe, die er dem Leipziger Museum übergab. Wer zu dieser Zeit sonst noch zugegriffen hat oder was der Wind davon trug, das kann heute nicht mehr festgestellt werden, auch wird man kaum noch entscheiden können, unter welchen Umständen, legal oder nicht, andere Nachlassgegenstände den Besitzer wechselten. Es erscheint aber doch irgendwie befremdlich, dass jener Naumburger Stadtarchivar W. im Jahr, das der Inventarisierung vorausging, einen erstaunlichen Posten von insgesamt 126 Klinger-Zeichnungen für nicht wenig Geld an das Museum der bildenden Künste (MdbK) veräußerteVgl. Herwig Guratzsch: Max Klinger. Bestandskatalog der Bildwerke, Gemälde und Zeichnungen im Museum der bildenden Künste Leipzig. Leipzig 1995.. Gut 120 Radierplatten bezog das Leipziger Museum – dem Vernehmen nach – von einem Naumburger Optikermeister.

Sei's drum, wäre wenigstens erhalten geblieben, was das Winkler-Kollektiv 1966 noch zu katalogisieren vermochte, man könnte es halbwegs zufrieden sein. Aber leider ist auch dies nicht der Fall. Die Kartei wurde von Winkler nachweislich zusammen mit dem gesamten Grafik-Bestand an das Stadtarchiv Naumburg übergeben. Die Möbel blieben auf dem Weinberg, während Bilder, Skulpturen, Reproduktionen und Fotografien wohl – es gibt zahlreiche starke Indizien dafür – ebenfalls ins Stadtarchiv verbracht wurden, „vorübergehend", bis zur Einrichtung einer „Gedächtnisstätte".

Was wohl daraus wurde? Das Mobiliar entmaterialisierte sich als erstes. Laut einem vom Naumburger Archivar unterzeichneten Protokoll vom 17. April 1968 wurden insgesamt 64 Objekte „auf Grund von Wurmschäden und durch Verbrauch" vernichtet, darunter Tische, Stühle, Sessel, Lampen und ein großer „Schrank (Barock)". Da dieses Vernichtungsprotokoll auch Gegenstände auflistet, von denen man annehmen kann, dass sie in der Winkler-Kartei nicht enthalten waren (Badeofen, Waschkessel, Leiter etc.) müsste dennoch ein respektabler Teil der Einrichtung überlebt haben, z.B. das in früheren Quellen zitierte „Biedermeierzimmer" oder die von Klinger selbst entworfenen Möbel, die im Vernichtungsprotokoll nicht erwähnt sind. Tatsächlich ist aber dieses Dokument die letzte Nachricht, die wir über das Mobiliar des Wohnhauses besitzen. Außer den heute im Klinger-Haus ausgestellten beiden Leuchtern und einer Figur von einem der Buffets scheint es sich komplett in Luft aufgelöst zu haben.

Waren wenigstens die Grafiken, Bilder, Plastiken und Fotos im Naumburger Stadtarchiv sicher, nachdem man sie einmal katalogisiert hatte? Als man 1970/72 schließlich daran ging, im „Radierhäuschen" auf dem Klingerberg tatsächlich eine „Gedächtnisstätte" einzurichten, bediente man sich aus diesen Beständen, da gab es sie also noch. Die Ausstellung, die man dort unterbringen konnte, war freilich nur sehr bescheiden und mehr als ein halbes Dutzend Grafiken und drei oder vier Plastiken konnte man nicht zeigen. Immerhin wissen wir, dass der Mitarbeiter des MdbK, der Jochen G. bei der Einrichtung des Radierhäuschens behilflich war, als Anerkennung für seine damit verbundenen Bemühungen neben einem kleinen Honorar von Stadtarchivar W. auch noch den überaus wertvollen Bronze-Guss der Nietzsche-Totenmaske aus der verlorenen Form geschenktWie Anm. 5, Kat. Nr. A 21. bekam – und ihn etwas später an das MdbK weiterverkaufte – ein Vorgang, der einen noch heute in ungläubiges Staunen versetzt, in Bezug auf alle beteiligten Personen und Institutionen.

Vier kleine Gemälde aus dem Stadtarchiv wurden 1970 nach Leipzig ausgeliehen, wodurch sie im Katalog der damaligen AusstellungMax Klinger 1857-1920. Ausstellung zum 50. Todestag. Leipzig 1970, S. 65. erschienen – und blieben wohl deswegen der Stadt Naumburg erhalten. Sie wurden 1994 dem Naumburger Stadtmuseum übergeben, zusammen mit zwei Gipsendie Totenmaske Ernst Abbes, eine Reduktion der Liszt-Büste und einigen anderen, ebenfalls öffentlich bekannten Objekten, insgesamt keine zwei Dutzend Stücke – mit der Versicherung, dies sei alles, was im Archiv jemals vorhanden gewesen sei.

Daran, dass da einmal mehr war, wollte sich niemand mehr erinnern, nicht der eine und nicht der andere der ehemaligen Archivare, nicht der ehemalige Bad Kösener Museumsleiter, nicht der ehemalige ehrenamtlich Denkmalpfleger, nicht die vielen Naumburger und Großjenaer Bürger, die nach der Wende plötzlich entdeckten, dass ihnen Klingers Andenken eigentlich schon immer eine Herzensangelegenheit war. Der Rest war (und ist) Schweigen, Omertà.

Erst die Festnahme des Herrn H. im bayerischen Kochel, die daraus resultierenden Hausdurchsuchungen und die folgenden Nachforschungen lieferten handfeste Beweise dafür, dass der Klinger-Hartmann-Nachlass wenigstens teilweise im Stadtarchiv angekommen und nicht wie bis dahin vermutet schon in den 1960er und 1970er Jahren restlos verschwunden war – und dass sich noch bis Anfang der 1990er Jahre ein erklecklicher Teil davon erhalten hatte.

Es lag beileibe nicht nur an den mit zunehmendem Alter der Beteiligten sich verhärtenden Erinnerungslücken, dass die Auflösung des Nachlasses nicht detailliert rekonstruiert werden konnte. Die Spuren, das zeigte sich nämlich recht bald, waren über Jahrzehnte hin systematisch verwischt worden. Die Kartei des Winkler-Kollektivs, von der die Rede war, sie ist abhanden gekommen. Es gibt im Naumburger Stadtarchiv keinerlei spezifisches Aktenmaterial zum Klinger-Haus, keine Briefe, Anfragen, Notizen, Protokolle. Selbst die Bauakte ist unauffindbar. Was an Dokumenten zutage gefördert werden konnte, stammt aus Parallel-Ablagen oder aus anderen Archiven. Dass es sich bei der Winkler-Kartei nicht nur um ein Akten-Phantom handelte, erwiesen allein die Bleistift-Signaturen auf den sichergestellten Grafiken („K") und Reproduktionen („L"), die beweisen, dass es die damalige Inventarisierung wirklich gab.

Ähnlich verhält es sich mit dem sichergestellten „Doppelakt", einem bis dahin unbekannten Gemälde, nicht signiert, nicht datiert, nicht gerahmt, unvollendet, ohne Signatur. Wir wussten, dass in der Inventarliste von 1955 für das Schlafzimmer der Hartmanns ein „Doppelakt" ausgewiesen war und dass jenes Bild – als einziges – explizit als „ungerahmt" bezeichnet wurde. Und wirklich steckte im Keilrahmen des beschlagnahmten Gemäldes immer noch eine alte, aus derber Schraube und dünner Schnur bestehende Aufhängevorrichtung, die bestätigte, dass das Bild tatsächlich jahrzehntelang ungerahmt gehängt war.

Als Eigentumsnachweis hätte diese Beobachtung aber kaum ausgereicht. Einen sehr viel deutlicheren Hinweis verdankten wir Renate Hartleb. Sie hatte Ende der 1980er Jahre bei der ehemaligen Leiterin der „Klinger-Gedächtnisstätte" (zu jener Zeit eine Einrichtung des Kulturfonds der DDR) Einblick in deren Inventar-Kartei genommen und diese exzerpiert. In dieser Kartei befand sich wiederum die Abschrift eines Verzeichnisses, die der schon erwähnte Mitarbeiter des MdbK in den 1960er Jahren angefertigt hatte, darunter eine Karte mit folgendem Eintrag:

„Weiblicher Doppelakt; die beiden Schwestern Bock (?); Öl auf Leinwand, ungerahmt; 85,3 x 65,5 cm; unsign., uvo.; ehem. Großjena, Gedächtniszimmer; phot. 1, Verz. 51."

Diese Angaben (besonderes Augenmerk verdienen die zutreffenden Maße) stimmen mit dem sichergestellten Bild überein, womit es hinreichend eindeutig identifiziert werden konnte. Bemerkenswert ist allerdings, dass alleine Renate Hartlebs Exzerpte die Zeiten überdauert hatten: Die Aufzeichnungen des Leipziger Forschers – perdu. Seine Fotos – weg. Die Inventarkartei der Gedächnisstätte – als ob die letzte Leiterin sie mit ins Grab genommen hätte.

Gerade weil das Gemälde eines seiner spätesten Werke sein dürfte, weil es nicht vollendet wurde und weil es nach Klingers Tod (an der Zuschreibung dürfte kein Zweifel bestehen) 25 Jahre lang im Schlafzimmer der Hartmanns hing, hat es für die betont auf die Authentizität des Ortes Bezug nehmende gegenwärtige Ausstellung im Großjenaer Klinger-Haus große Bedeutung. Es stellt, unabhängig von der Frage, ob Klingers Versuche einer künstlerischen Neuausrichtung nach dem Ersten Weltkrieg als gelungen gelten mögen oder nicht, zweifellos eine wesentliche Bereicherung der ausgestellten Sammlung dar, wie dies nur wenige andere Stücke aus der beschlagnahmten Masse tun. Der größere Teil jedoch, wo es sich nicht ohnehin um Drucke aus dem Nachlass handelt, hat unter der jahrzehntelangen Vernachlässigung im feuchten, schmutzigen, kaum beheizbaren Naumburger „Archiv" der Vorwendezeit sehr gelitten und es ist kaum ein Blatt darunter, das nicht in die Hände des Restaurators gegeben werden muss, um wenigstens die gröbsten Verschmutzungen und sonstigen Schädigungen zu mildern. Die am besten erhaltenen Blätter scheinen von Herrn H. über die einschlägigen Berliner Auktionshäuser verkauft worden zu sein, teilweise auch über den lokalen Handel. Eine größere Anzahl Radierungen ging – ohne plausiblen Provenienznachweis – für 15.000 Euro an einen Rechtsanwalt, ein Konvolut von Zeichnungen, darunter viele Exlibris-Entwürfe, erwarb – ebenfalls auf Treu und Glauben – für 50.000 Euro ein nicht unbekannter süddeutscher Künstler.

Da weder H. noch sein Amtsvorgänger sich bis zum Abschluss des Verfahrens dazu durchringen konnte, die wirklichen Vorgänge, die zur Auflösung des Klinger-Nachlasses führten, offen zu legen, können wir nur vermuten, dass H. sich durch die widerrechtliche Aneignung Genugtuung für die als ungerecht empfundene Auflösung seines Arbeitsvertrages zu verschaffen suchte – was den ganzen Vorgang, von der Plünderung der „Gedächtnisstätte" über die Vernachlässigung des Volksbesitzes bis zum bitteren Ende bei rechtem Licht besehen zu einer fast parabelhaften Erzählung über die Verhältnisse in der DDR und in der Nachwendezeit werden lässt.

Das gerichtliche Verfahren endete übrigens mit einem symbolischen Vergleich. Man einigte sich darauf, dass H. einige wenige, weitgehend wertlose Blätter zurück erhielt, während der Löwenanteil der Stadt Naumburg zugesprochen wurde. Was durch Versäumnis und Veruntreuung in rund vierzig Jahren alles verloren gegangen ist, wird man wohl nie mehr feststellen können. Neben dem materiellen Schaden ist damit leider auch eine vertane Gelegenheit für die Forschung zu beklagen.


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