Kllingerhaus um 1930Kllingerhaus um 1930

Max Klingers Weinberg

Ein landschaftliches Kleinod

Es ist vor allem die einmalig schöne landschaftliche Lage, die Klingers Weinberg in Großjena zu einem herausragenden Ausflugsziel macht. Das Ensemble aus Wohnhaus, "Radierhäuschen" und Grabstätte ist eingebettet in die malerische Weinbergslandschaft am Zusammenfluss von Saale und Unstrut, in Sichtweite der Domstadt Naumburg. Das Gelände ist frei zugänglich, im Wohnhaus ist eine sehenswerte Ausstellung untergebracht, die Klingers Leben und Werk gewidmet ist.

Zeittafel

1903

Klinger kauft auf Empfehlung seines Freundes und Hausarztes Dr. Rudolf Schenkel den Weinberg mit einem historischen Weinberghaus in Großjena. Das Grundstück mit dem oberen Haus (ein Mitte des 19. Jahrhunderts erweiterter Schafstall) pachtet er hinzu. Klinger nutzt das untere Haus zum Arbeiten und Wohnen, während seine Lebensgefährtin Elsa Asenijeff zunächst das obere Gebäude für sich in Anspruch nimmt.

Max Klinger mit FreundMax Klinger mit einem Gast vor dem unteren Weinberghaus

1909

Klinger erwirbt auch das obere Grundstück und beginnt damit, den »Schafstall« durch den Naumburger Baumeister Gustav Menzel beträchtlich vergrößern zu lassen, um für sich und Elsa Asenijeff ein standesgemäßes Wochenendhaus zu schaffen.
An Alfred Lichtwark, den Direktor der Kunsthalle Hamburg, schreibt Klinger : »... die Aussicht, ein paar Stunden und Tage mit Ihnen zubringen zu können, ist ein ganz reizender Gedanke. Und ich mache Ihnen einen Vorschlag. Morgen o. übermorgen siedle ich nach Gross-Jena bei Naumburg um, teils noch einige diesjährige Kartoffeln zu retten, teils zu radieren, hauptsächlich aber um einmal ein paar Wochen ganz nach Gusto zu leben. Es wäre nun wundervoll, wenn Sie da hinüber kämen (1 Stunde Eisenbahn 1/2 Stunde Wagen oder Spaziergang) und wenn wir beim Schlendern durch die Felder über die Sache reden würden. Frau Asenijeff würde sich riesig freuen und ich lasse Ihnen zu Ehren erst nochmal den Weinberg spritzen. Sie können ganz gut bei mir übernachten. Schiffscabine zwischen Weinstöcken. Blechwaschtisch. Kein Naumburgerwein-Zwang. Nur bitte 24 Stunden vorher Anzeige an die unterfertigte Direction...«

Der SchafstallKlinger vor dem Schafstall, um 1909

1910

Klinger lernt auf seinem Weinberg die Schwestern Gertrud und Ella Bock kennen, die mit ihrer Mutter in der »Sommerfrische« sind und den bekannten Leipziger Künstler voller Neugier besuchen. Beide stehen Modell, Gertrud wird zum ständigen Gast in Großjena. Die Beziehung Klingers zu der schwierigen und eifersüchtigen Asenijeff kühlen zunehmend ab.
Klinger beginnt mit den Arbeiten am ersten Kachelofen, dessen figürliche Kacheln er selbst formt.

1914

Der größte Teil der Um- und Ausbaumaßnahmen ist im April abgeschlossen. Aus dem oberen Weinbergshaus ist ein stattliches Wohnhaus mit Veranda geworden. Unterhalb des Radierhäuschens lässt sich Klinger ein Wagenhaus für sein Automobil errichten.
Klinger bezieht das neue Haus. So oft es ihm möglich ist, verlässt er Villa und Atelier in Leipzig, um die Ruhe in Großjena - immer öfter in Gesellschaft Gertrud Bocks - zu genießen.
Das untere Weinbergshaus wird nun als »Radierstübchen« genutzt. In den Jahren 1903-1920 entstehen zahlreiche Radierungen auf dem »Klingerberg«, darunter die gesamte Folge »Das Zelt«, und viele Exlibris. Daneben gibt es aber auch eine große Anzahl von Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern, die im »Naumburger Weinberg« ihren Anfang genommen haben.
Den Weinberg bestellt Klinger mit Hilfe eines einheimischen Winzers.
»Im Sept. habe ich meinen 'Großjenaer' (Gewächs Klinger), Rot und Weiß. Wenn da alles klappt, bin ich für ein Jahr versorgt.
Ich habe ihn im Mai im Keller in Freyburg mit Trude probiert. Die wollte es gar nicht glauben, daß ich sowas fertig kriegte. Weiß und Rot. Und wir kamen bei schönstem Sonnenwetter mit einem zarten Schwips in Großjena an. Sehr zufrieden, nach einstündigem Marsch.« [Sept. 1919 an Hirzel]

Das fertiggestellte Wohnhaus, nach 1914Das fertiggestellte Wohnhaus, nach 1914

1917

Ein zweiter Kachelofen wird in Angriff genommen. Wie die Kacheln des ersten Ofens werden auch diese in Saalfeld gebrannt.
»... Eine Freude hatte ich: meinen Wein in Naumburg. Das waren Stöcke, waren Trauben, eine freude über die andre. Blos so die Bischen Treppe lang gehen und die blauen Gehänge ansehn und über die schöne Landschaft fühlen, das war schon ein Genuß. Nur leider konnte man ihn sich immer so kurz verschaffen. Den die liebe Verpflegung! Aber bildschön das Frühstück unterm Birnbaum, der das Zeug, was dran hing kaum halten konnte. Und Du – dazu wirkliche Rehe und Böcke, unten in der Gerste...« [2.9.1917 an Leopold v. Kalckreuth]

Die beiden KachelöfenDie beiden KachelöfenDie beiden Kachelöfen

1919

Einem Unfall in Leipzig folgt am 12. Oktober in Großjena ein Schlaganfall mit rechtsseitiger Lähmung. Klinger verlegt seinen Hauptwohnsitz nach Großjena, heiratet am 22. November Gertrud Bock und setzt sie als Alleinerbin ein. Seine Verwandten - Brüder und Schwester, Nichten und Neffen - lässt er leer ausgehen. Lediglich seine (und Elsa Asenijeffs) Tochter Desirée bedenkt er mit dem Zinsertrag einer größeren Summe, die er für sie anlegen lässt.

1920

Trotz der schweren Behinderung arbeitet Klinger weiter an den Ofenkacheln - er kann nur noch die linke Hand nutzen. Am 1. Juli 1920 fährt er zum letzen Mal nach Saalfeld, am 4. Juli stirbt er im Weinberghaus in Großjena. Am 8. Juli wird er hier beerdigt.

Das Wohnhaus um 1920.Das Wohnhaus um 1920.

1921

Klingers Grab wird im Auftrag der Witwe durch den Leipziger Bildhauer und Freund Klingers Johannes Hartmann gestaltet, der auch den künstlerischen Nachlass verwaltet. Auf Wunsch des Toten wird die Bronze »Der Athlet« hinter dem Grabmal aufgestellt. Zwei von Hartmann geschaffene Hermen mit den Porträts von Max und Gertrud Bock wachen am Eingang zur Grabanlage.

1922

Gertrud Klinger heiratet im Mai Johannes Hartmann.

1931

Gertrud und Johannes Hartmann verkaufen den Weinberg und die darauf befindlichen Gebäude an die Stadt Naumburg, ließen sich aber ein Wohnrecht bis zum 1.10.1946 zusichern. Getrud äußert den Wunsch »in den vorhandenen Räumen ein Klingermuseum« einzurichten.

1932

Die schwerkranke Gertrud Hartmann fährt Anfang des Jahres zur Kur nach Davos und kehrt im April zurück. Ihre Schwester Ella, die sich von ihrem Ehemann getrennt hat, zieht zu den Hartmanns, pflegt die Kranke und kümmert sich um das Kind. Gertrud stirbt im Mai. Ihre Urne wird in Klingers Grab beigesetzt. Im Dezember heiraten Johannes Hartmann und Ella von Wunsch, geb. Bock.

1945

Da das Wohnhaus der Hartmanns in Leipzig ausgebombt wird, handelt Johannes Hartmann mit der Stadt Naumburg eine Vertragsverlängerung aus: Die Eheleute erhalten das Wohnrecht bis zu ihrem Tod, dafür vermachen sie der Stadt einen Teil des noch vorhandenen Klinger- Nachlasses.

1952

Johannes Hartmann (*6.12.1869) stirbt am 29.3.1952, am 25.4.1955 folgt ihm seine Frau Ella. Beide Urnen werden in Klingers Grab beigesetzt.
Gelände und Gebäude werden nun von der Stadt Naumburg übernommen. Waltraute Hartmann kann das Erbe - der Großteil des Inventars, also Möbel und eine große Anzahl von Kunstwerken, darunter Gemälde und eine Vielzahl von Zeichnungen und Drucken – antreten. Da sie in der Bundesrepublik lebt, kann das Erbe aber nicht legal ausgeführt werden.

1960

Die Stadt stellt sowohl Teile des Wohnhauses als auch das »Radierstübchen« Weinbergsarbeitern als Wohnraum zur Verfügung. Jeweils ein Raum in beiden Gebäuden ist der Öffentlichkeit zugänglich. Am Fuß der Weinbergstreppe wird ein überdimensioniertes Eingangstor errichtet.

1964

Es gibt Pläne, eine »Gedenkstätte« zu errichten, die am chronischen Geldmangel scheitert, wohl aber auch an der DDR-typischen Unsicherheit, wie mit einem bürgerlichen Künstler wie Klinger umzugehen ist.

1967

Auf Druck der Bezirksregierung in Halle wird das Gelände (ohne Inventar) an diese übergeben. Da das Dach des Wohnhauses marode ist, beschließt man, es zu erneuern. Beide Häuser werden komplett geräumt. Der noch vorhandene Nachlass Klinger-Hartmann wird zusammengestellt, die in desolatem Zustand befindlichen Möbel größtenteils vernichtet. Den Restbestand an Kunstwerken übergibt man dem Naumburger Stadtarchiv, wo sie im Lauf der folgenden Jahrzehnte unerfasst lagern und zum größten Teil abhanden kommen.
Etwa zur gleichen Zeit verkauft der damalige Naumburger Stadtarchivar Walter Wirth erhebliche Klinger-Bestände (darunter zahlreiche Zeichnungen) aus seiner Privatsammlung an das Museum der bildenden Künste, Leipzig.
Da die Mittel fehlen, das ursprüngliche Dach wiederherzustellen, erhält das Wohnhaus einen sogenannten »Typendachstuhl« von einem Standard-Einfamililenhaus. Ein Teil der Original-Fenster wird durch (kleinere) Serien-Fenster ersetzt. Diese Maßnahmen verändern die Optik des Gebäudes radikal.

Das Wohnhaus nach dem Umbau 1967Das Wohnhaus nach dem Umbau 1967

1971

Der Rat des Bezirkes ist mit dem Gelände überfordert und bietet es daher der Stadt Naumburg wieder an. Da aber auch ihr keine Mittel zur Verfügung stehen, lehnt diese ab. Das Ministerium für Kultur erklärt sich bereit »die sich aus dieser Gedächtnisstätte ergebenen kulturpolitischen sowie denkmalpflegerischen Aufgaben zu übernehmen«. Das Objekt wird als Zweigstelle dem »Bettina-von-Arnim-Heim« Wiepersdorf, Kreis Jüterbog, angeschlossen.
Im Radierstübchen entsteht eine kleine Klinger-Ausstellung.

1976/77

Trotz des erneuerten Daches gibt es erheblichen Sanierungsbedarf, aber keine Mittel dafür. Der Leiter der Einrichtung berichtet: »Die Feuchtigkeit dringt durch die Erdlöcher in die Räume und hebt die Tapete ab. Quecken dringen durch Mauerritzen und wachsen durch die Tapete des Wohnzimmers der Dienstwohung...«. In einer Beratung »über Gestaltung und Nutzung der Objekte Weinberghaus, Pavillon und Hauptgebäude« wird beschlossen, das ursprüngliche Dach wiederherzustellen - ohne Folgen.

1980

Übernimmt der Kulturfonds der DDR das Gelände als Ferienobjekt für Künstler.

1983

Die Doppel-Bungalows oberhalb der Grabanlage werden errichtet, ebenso das »Grillhäuschen« in unmittelbarer Nähe der Grabanlage. Das Wohnhaus wird zum Klubhaus umgestaltet. Namentlich Willi Sitte, einflussreichster aller Staats-Künstler, setzt sich im Zuge der Umbauplanung vehement für die Rekonstruktion des Daches ein. Aber auch dies hat keinen Erfolg, die Mittel dafür werden nicht bewilligt.

1992

Die »Stiftung Kulturfonds« (seit 1990) übergibt das Gelände in Erbpacht an die Stadt Naumburg »zur kulturellen Nutzung«. Damit ist die Stadt wieder im Besitz dessen, was sie bereits 1931 erworben hat.

1993

Wird das durch Sturmschäden stark in Mitleidenschaft gezogene Dach des Wohnhauses frisch eingedeckt. Im »Radierstübchen« entsteht wieder eine kleine Ausstellung, das Gelände wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Überlegungen, das Objekt als »Künstlerheim« weiterzuführen scheitern nicht nur an den damit verbundenen hohen Kosten, die Stadt Naumburg ist vielmehr bestrebt, das Gelände endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

2004

Das Klinger-Haus wird dem Stadtmuseum Naumburg zugeordnet. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien nimmt die Sanierung des Klingerhauses in das Programm »Kultur in den neuen Ländern« auf und sichert so, zusammen mit dem Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Naumburg, dessen Finanzierung. Endlich ist es möglich, dem Haus wieder jenes Aussehen zu geben, das Max Klinger beabsichtigte.

2006

Die An- und Umbauten der 60er und 80er Jahre sind ebenso beseitigt wie der unpassende Dachstuhl. Das Wohnhaus Max Klingers hat wieder das Erscheinungsbild, das sein Erbauer einst anstrebte. Im Juni wird im Max-Klinger-Haus eine Ausstellung zum Leben und Werk Klingers der Öffentlichkeit übergeben.

Nach der SanierungNach der Sanierung, 2006