Ein Bild / Ein Turm / Eine Tafel

Nietzsches Schwierige Heimkehr

Ein Bild

Im Juni 1916 fand der Naumburger Oberbürgermeister einen Brief auf seinem Schreibtisch vor, der ihn etwas befremdet haben wird. Absender war der Geschäftsführer der großen Berliner Kunstausstellung, Ernst Wiest. Er erlaube sich, schrieb Wiest, darauf aufmerksam zu machen, dass im Ehrensaal der "Großen Berliner Kunstausstellung" eine Abteilung "Große Männer aus großer Zeit" untergebracht sei, zu deren Zusammenstellung der Gedanke maßgebend geführt habe, Träger der deutschen Kultur aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts im Bilde zu zeigen. In dieser Abteilung befände sich auch ein Bild "Nietzsche in Naumburg" von Professor Kurt Stoeving, Berlin, das dieser noch zu Lebzeiten Nietzsches in Naumburg gemalt habe. Man erlaube sich weiter, so Wiest, dem Naumburger Magistrat die Anregung zu unterbreiten, dieses Gemälde, "dessen Entstehung mit dem Aufenthalt des berühmten Philosophen in der Stadt Naumburg verknüpft ist", für die Stadt zu erwerben. Das Gemälde mit den stolzen Maßen von 2,48 m auf 1,88 m solle 4800 Mark kosten, wobei man aber im Hinblick auf den Preis noch Verhandlungsspielraum sehe.

Gemälde Curt Stoeving: Nietzsche in Naumburg

Dem Naumburger Oberbürgermeister musste das Ansinnen des Kunsthändlers in mehrfacher Hinsicht seltsam erscheinen. Wohl war die Saalestadt nicht direkt von Kriegseinwirkungen betroffen, doch waren auch hier die wirtschaftlichen Folgen des seit zwei Jahren andauernden Krieges deutlich spürbar. Das Stadtsäckel war noch leerer als sonst, Luxusausgaben wie der Ankauf eines Gemäldes lagen weder im Bereich des Möglichen noch des Angestrebten. Wäre es ein Bild des Kaisers gewesen, mit dem man in schwerer Zeit seine patriotische Gesinnung hätte unter Beweis stellen können, man hätte es sich vielleicht sogar überlegt und Geld gesammelt, irgendwie. Aber ein Porträt von Friedrich Nietzsche? So ganz ließ sich aus der Naumburger Perspektive nicht nachvollziehen, wie dieser unter die "Großen Männer aus großer Zeit" gelangen konnte. Es war ja kaum mehr als zwanzig Jahre her, dass die Pastorenwitwe Nietzsche ihren irren Sohn durch die Naumburger Straßen geführt hatte, wobei er sich oft genug so benahm, dass sich die anständigen Bürger diskret abwenden mussten, nicht ohne die arme Frau für das harte Los, das sie zu tragen hatte, aufrichtig zu bedauern. Als er noch gesund war, hatte sich der Sohn der in recht bescheidenen Verhältnissen lebenden Witwe Nietzsche kaum jemals zu einem guten Wort über die Stadt herabgelassen, wie man erzählte. Kam er zu seiner Mutter zu Besuch, der Herr Professor, klagte er über das angeblich schlechte Naumburger Klima, das ihn am Arbeiten und überhaupt am Überleben hindere. Und seine umtriebige Schwester Elisabeth, die schon zu Lebzeiten der Mutter damit begonnen hatte, sich den kompletten Nachlass des dahinvegetierenden Bruders anzueignen, um ihn, nachdem ihr der Naumburger Boden nicht olympisch genug erscheinen wollte, nach Weimar zu verbringen und den Bruder, sobald die ungeliebte Mutter im Jahr 1897 gestorben war, gleich mit, was dieser dann im finalen Stadium seiner Krankheit nur noch knappe drei Jahre überstand, die liebe Schwester also, zwischenzeitlich als Nachlass-Verwalterin selbst zu Ruhm und Ansehen gekommen, weil sie alles an sich gebracht hatte, was an Nietzsche erinnerte und nicht niet- und nagelfest war, hatte das Naumburger Haus einfach verkauft und der Vergessenheit anheim gegeben.

Es hatte sich auch in Naumburg herumgesprochen, dass Nietzsche, gerade durch den unermüdlichen Eifer seiner Schwester, inzwischen eine Berühmtheit geworden war. In den gebildeten Kreisen, unter den Studienprofessoren, Medizinalräten, Rechtsanwälten und Apothekern, die an schönen Sommertagen von dem noch viel berühmteren Max Klinger, der sich, wegen des guten Klimas übrigens, vor den Toren der Stadt einen Weinberg gekauft und wohnlich eingerichtet hatte, empfangen wurden, war es wohl zwingend, Nietzsche gelesen zu haben, wenigstens den Zarathustra, wenigstens ansatzweise, zumal man ja auch davon gehört hatte, dass selbst die Soldaten im Feld zur Erbauung eine Kriegsausgabe der merkwürdigen Schrift im Tornister mit sich führen konnten, wenn sie denn wollten.

Sehen wir aber einmal davon ab, dass vielleicht noch der eine oder andere Brief, das eine oder andere Andenken irgendwo in einer Kommode schlummerte, weil sie Elisabeths Jagdeifer vorerst noch entgangen waren, so erinnerte in Naumburg rein gar nichts mehr an Friedrich Nietzsche. Dennoch - oder gerade deshalb - versuchte der Magistrat der Stadt noch nicht einmal, über den möglichen Ankauf des Stoeving-Gemäldes in Verhandlungen einzutreten, stattdessen entschied er am 20. Juni 1916, nicht nur der Not gehorchend, kurz und bündig: "Der Magistrat hat kein Interesse an der Erwerbung des teuren Bildes."

Es wird wohl auch auf die schlechten Zeiten zurückzuführen sein, dass sich Curt Stoeving von dieser schroffen Ablehung nicht abschrecken ließ, noch einen zweiten Versuch zu unternehmen, sein Bild nach Naumburg zu verkaufen. Diesmal richtete er sich also direkt an den Oberbürgermeister. "Ausser dem Ihnen vielleicht bekannten Werke, das im Nietzsche-Archiv in Weimar ist", schrieb er im September 1916, "hatte ich seinerzeit in Naumburg ein zweites, noch mehr an die Örtlichkeit gebundenes Bildniß Nietzsches gemalt. Es zeigt ihn in jener stark umrankten, grünen Blätterlaube im ersten Stock des Hauses seiner Mutter an der kleinen Strasse still sitzend u. ins weite schauend, wo er oft weilte, als er im Hause seiner Mutter u. Schwester Pflege genoß. Die Wiedergabe u. Erhaltung im Bild einer solchen sonnigen Morgenstunde (ich weiß nicht, ob die Laube noch besteht) war mir damals eine schöne gerngeübte Pflicht der Verehrung." Er wies darauf hin, dass es sich um eine "für späthin culturhistorisch beziehungsreiche Darstellung" handele und dass er es "für beide Teile wünschenswert u. ehrend" hielte, könnte die Stadt sich dazu durchringen, das Bild zu erwerben. Der Oberbürgermeister aber antwortete in gewohnter, abschließender Knappheit: "Wir bedauern von dem in Ihrem gefl. Schreiben vom 21. d. M. enthaltenen Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können."


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Ein Turm

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"Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in Naumburg."[*]FN "Ecce homo", KSA: 6.264 "Damals", das Jahr 1879, war ein Wendepunkt in Nietzsches Leben. Fast wäre er damals nach Naumburg zurückgekehrt. Zehn Jahre hatte er davor in Basel als Professor für Philologie zugebracht. In Bonn und Leipzig hatte er als Student gelebt. In Schulpforte, keine fünf Kilometer vom Haus der Mutter entfernt, hatte er die oberen Gymnasialklassen besucht. Davor war er in Naumburg zur Schule gegangen, aber da hatte die Mutter mit ihren Kindern noch in dunklen und engen Behausungen gelebt, an die man keine guten Erinnerungen knüpfte. Das mütterliche Haus im Weingarten aber, mit seiner hellen und verhältnismäßig geräumigen Wohnung wurde und blieb ein ruhender Pol in Nietzsches Leben, der ihn abstieß und anzog und wieder abstieß. Da waren die unzähligen Briefe an Mutter und Schwester und die Pakete, die aus dem Mutterhaus in die Schweiz und nach Italien gingen, gefüllt mit Schinken und Hemdkragen und wonach der Sohn sonst noch fragte, über die die Verbindung gehalten wurde. Und da waren die vielen Besuche, kürzere und längere Aufenthalte, an den freien Internatswochenenden, in den Schulferien, in den Semesterferien, selbst seine Militärdienstzeit verbrachte er hier, im Haus der Mutter wohnend. Wann immer er in der Nähe zu tun hatte, kam er vorbei, für einen Tag oder für ein paar Wochen, je nachdem, obwohl diese Aufenthalte zunehmend gezeichnet waren durch unheilbare Entfremdung von den pietistisch-engen familiären Verhältnissen.

Anfang Juli 1879 schrieb er an die "liebe gute Mutter": "Der Turm am Zwinger spukt mir noch immer im Kopfe, ob da nicht eine Stube für mich einzurichten sei: und dann frage ich, ob überhaupt nicht ein Gärtchen in der Nähe wäre, wo wir all unser Gemüse selber bauen könnten." Der "Turm" ist ein Teil der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung, heute (wohl fälschlich) "Landskrone" genannt, in unmittelbarer Nachbarschaft des mütterlichen Anwesens. Diesen Turm wollte Nietzsche, in den frühen Ruhestand versetzter Professor auf dem Weg von der Philologie zur Philosophie, nun pachten und den anschließenden Zwingerbereich dazu, auf sechs Jahre zunächst. Er wollte wohl eine Art Naumburger Epikur werden, wäre vielleicht ein Naumburger Hölderlin geworden, vielleicht aber auch nicht. "Das Thurmzimmer muß ich haben. Der Gemüsebau entspricht ganz meinen Wünschen und ist auch eines zukünftigen ‚Weisen' keineswegs unwürdig. Du weißt, daß ich zu einer einfachen und natürlichen Lebensweise hinneige, ich bestärke mich immer mehr darin, es giebt auch für meine Gesundheit kein anderes Heil. Eine wirkliche Arbeit, welche Zeit kostet und Mühe macht, ohne den Kopf anzustrengen, thut mir noth. Hat nicht mein Vater gemeint, ich würde einst wohl ein Gärtner werden?"[*]FN an Franziska N., 21.7.1879 Seinem Freund Heinrich Köselitz berichtete er nach Venedig: "In einem Thurme der Mauer wird ein langes Zimmer (sehr alterthümlich -) für mich zum Wohnen hergerichtet. Ich habe 10 Obstbäume, Rosen Lilien Nelken Erdbeeren Stachel- und Johannisbeeren. Im Frühjahr geht meine Arbeit an, auf 10 Gemüsebeeten. - Alles ist mein Gedanke, und ich habe Glück dabei gehabt." Aber noch bevor er das altertümliche Stübchen bezogen hatte, war der Traum zu Ende geträumt, auf die Euphorie folgte alsbald die Ernüchterung. Schon im Oktober 1879 schrieb Nietzsche an Franz Overbeck in Basel: "Der Zwinger und der Thurm, beides malerischer und größer als ich vermuthete, ist trotzdem aus meinen Händen wieder bereits in andere übergegangen: ich sah hier ein, daß für die Gärtner-Thätigkeit meine Augen viel zu schwach sind und daß das Bücken für meinen Kopf sehr unzweckmäßig ist - in der nächsten Nähe gesehen ergab sich die Gemüsebauerei als eine Unmöglichkeit, leider, leider!"

Nietzsches Turm

So endete Nietzsches letzter Versuch, im landläufigen Sinne "Heimat" zu gewinnen. Fortan zählte er "Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel" zu den "Unglücks-Orten für meine Physiologie".[*]FN "Ecce homo", KSA: 6.281 Zehn Jahre der rastlosen Suche nach dem Ort, der ihn nicht krank machen sollte, folgten. Aber er fand ihn nicht. "Wer das verlor, was du verlorst," schreibt er 1884 in seinem bekanntesten Gedicht, "macht nirgends Halt."[*]FN "Abschied", KSA 11:329

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Eine Tafel

"Seit 4 Jahren, so lange ich in Naumburg's Mauern weilte, hat es mich ebenso sehr bedrückt wie gewundert, daß man von den großen Beziehungen, die die Stadt zu Nietzsche, einem unser[er] größten Deutschen hatte, so gut wie keine Notiz nach außen hin genommen hat; nicht das kleinste äußere Zeichen weist auf sein Haus am Weingarten hin, und es ist mir wiederholt begegnet, daß ich darüber Klagen von Fremden hörte, und es hat mich jedesmal gepeinigt." Die das im Oktober 1917 schrieb, war Anna Wigger-Gött, die Schwester des badischen Dichters Emil Gött. Wigger-Gött sah sich, in den immer größer werdenden Fußstapfen Elisabeth Förster-Nietzsches wandelnd, als Sachwalterin ihres eigenen verstorbenen Dichter-Bruders, der zeitweise ein glühender Nietzsche-Verehrer gewesen war, und als solche bot sie an, eine "würdige" Gedenktafel für das Haus im Weingarten zu stiften, damit "jeder, der hinfort den großen Denker sucht, das Heim finden kann, wo er so viel gelebt und gelitten."

Nun hatte die Stadtverwaltung im Winter 1917/18 eigentlich andere Sorgen als diese. Obwohl der Krieg sich weit entfernt abspielte, war doch die Versorgungslage auch in der sächsisch-preußischen Provinz mittlerweile katastrophal. Das Land war ausgezehrt, der zweite Hungerwinter in Folge drohte. Aber, gab Frau Wigger-Gött zu bedenken, "wenn es geht möchte ich bitten, nicht erst das Ende des Krieges abwarten zu wollen, sondern Schwierigkeiten zu überwinden - denn, ich bin der Ansicht, deutsches Eisen ist jetzt heiß und muß geschmiedet werden. Wir können nicht oft genug und nicht eindringlich genug an unsere großen Deutschen erinnert werden, und dazu gehören auch äußere Zeichen."

Dabei mag verwundern, dass der Naumburger Oberbürgermeister den Sachverhalt überhaupt prüfen ließ. Er schickte einen Kundschafter zu dem Haus am Rande der Altstadt, fast vierhundert Meter vom Rathaus entfernt gelegen, und dieser berichtete: "Eine Erinnerungstafel befindet sich weder am noch im Hause. Richtig ist aber, daß zahlreiche Fremde sich das Haus ansehen u. öfter ihre Verwunderung über das Fehlen einer Tafel ausgesprochen haben." (26.11.1917)

Es war ein seltsames Ansinnen, ausgerechnet in diesem letzten und schlimmsten Kriegswinter etwas für den Bildungstourismus zu tun, aber aus unerfindlichen Gründen hatte sich der Oberbürgermeister wohl entschlossen, Wigger-Götts Anregung zu folgen und "deutsches Eisen" zu schmieden, zumal man dafür kein Gold und nur wenig Geld zu geben hatte. Der Initiatorin teilte er mit, dass man ohnehin die Absicht verfolgt habe, zu gegebener Zeit eine Gedenktafel anzubringen und dass man dies nun alsbald tun wolle. Auf das Geschenk verzichtete man, wohl um sich keine Blöße zu geben. Schon im nächsten Monat lag ein Entwurf und ein Kostenvoranschlag vor, und nachdem beides überarbeitet war (Stadtbaurat Friedrich Hossfeld vereinfachte den Entwurf und halbierte die Kosten auf etwas 200 Mark), wurde die Anbringung der Tafel im Mai 1918 förmlich vom Magistrat beschlossen.

Im Juni 1918, an der Ost- und Westfront starben die Menschen wie die Fliegen, schaltete sich die Schwester ein. Elisabeth Förster-Nietzsche hatte aus der Zeitung vom Vorhaben des Magistrats erfahren, wofür sie sich bedankte und zugleich zu bedenken gab, dass die Beschriftung der Tafel "nicht ganz leicht" sei, "weil man nicht im eigentlichen Sinne sagen kann, daß mein Bruder dort gewohnt hat, ich meine, daß er nicht in Naumburg ansässig gewesen ist; sondern immer ist er nur zum Besuch bei unserer lieben Mutter gewesen, wenn er längere Zeit in Naumburg weilte".

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Wohl sah der Entwurf des Stadtbaurats einen ganz unverfänglichen Text vor, wie der Oberbürgermeister meinte: "In diesem Hause wohnte der Philosoph Friedrich Nietzsche in den Jahren ... bis ...", sollte er lauten. "Dass Ihr Herr Bruder in diesem Hause nicht eigentlich seine Wohnung gehabt hat, sondern nur bei seiner Mutter sich aufgehalten hat, darüber glaube ich hinweggehen zu dürfen, da es schliesslich etwas nebensächliches ist", schrieb er nach Weimar.

Elisabeth wollte sich damit aber nicht zufrieden geben. Sie wollte den Text ihrem Vetter, dem Düsseldorfer Oberbürgermeister und Vorsitzenden der Stiftung Nietzsche-Archiv, Dr. Albrecht Oehler, vorlegen und ihn "mit meinen Verwandten" besprechen. Bis September überlegte Sie noch, dann schickte sie Ihre Textvariante nach Naumburg, die sich von der Vorlage nur ganz unwesentlich zu unterscheiden schien: "Hier wohnte der Philosoph Friedrich Nietzsche zum Besuch bei seiner Mutter in den Jahren zwischen 1858-1897." Die sich hier in der Formulierung "zum Besuch wohnen" andeutende Findigkeit muss es wohl auch gewesen sein, die Elisabeth Förster Nietzsche kurze Zeit später die Ehrendoktorwürde der Universität Jena und die Nominierung für den Literaturnobelpreis eingetragen hat.

Um diese Intervention richtig einordnen zu können, muss man daran erinnern, dass Elisabeth seit vielen Jahren daran arbeitete, ihren eigenen Anteil am wachsenden Ruhm ihres Bruders zu Ungunsten ihrer Mutter zu mehren. So war die kleine Veränderung des Tafeltextes nicht ganz ohne Perfidie vorgenommen: Nietzsche sollte also nur noch ab und zu bei seiner Mutter auf Besuch gewesen sein, nie wirklich bei ihr gewohnt haben. Da Elisabeth Förster-Nietzsche immer noch damit beschäftigt war, das Nietzsche-Archiv in Weimar zu etablieren, musste ihr daran gelegen sein, die authentischeren Aufenthaltsorte ihres Bruders in ihrem Erinnerungswert herabzumindern. Die liebe Mutter war spätestens zur Feindin geworden, als sie nur unter massivem Druck überredet werden konnte, die Verfügungsrechte über das Werk des Bruders an Elisabeth abzutreten. In Elisabeths Rechnung kam Franziska Nietzsche nur als einfältig frommes Hausmütterchen vor, die unfähig war, die Genialität des Sohnes zu erkennen, und noch unfähiger, das grandiose Verwertungstalent der Tochter zu würdigen.

Herrn Dietrich, dem Naumburger Oberbürgermeister, erschien das Verhalten der Archivherrin wohl etwas kleinlich. Er fragte seinen für das Archiv zuständigen Beamten, ob denn aus alten Melderegistern festzustellen sei, wann Friedrich Nietzsche bei seiner Mutter tatsächlich gewohnt habe. Der alte Herr Hoppe berichtete darauf - es war inzwischen Oktober 1918 und der Krieg war fast zu Ende, die Novemberrevolution lag schon in der Luft: "Eine genaue Angabe kann von hier aus nicht gemacht werden. Ausweislich der Melderegister ist N. lt. Entlassungsurkunde am 17.4.69 ausgewandert, wohin unbekannt. Später Professor in Leipzig [!]. N. muß in den 80er Jahren [!] wieder nach Naumburg gekommen [sein]. Am 1.7.97 ist er nach Weimar abgemeldet."

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Nach dieser Auskunft muss der Oberbürgermeister wohl zu dem Schluss gekommen sein, dass es angezeigt sei, sich auf die Zeit der dauerhaften Anwesenheit zu beschränken. Er gab daher Anweisung, Förster-Nietzsches Textvorschlag noch einmal zu verändern und ihn auf den Zeitabschnitt 1890-97 zu beschränken, als der umnachtete Kranke "ständig bei der Frau Mutter hier" wohnte. Den Ausdruck "zum Besuch" behielt man skurrilerweise bei.

Im Januar 1919 wurde die Tafel dann ohne sonderlich feierlichen Aufwand angebracht, und der Stadtbaurat berichtete in dürren Worten nach Weimar, man habe nunmehr die "kleine Ehrenpflicht gegen den großen Toten" erfüllt.


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Epilog

Das Stoeving-Gemälde ist heute im Besitz der Nationalgalerie in Berlin. Der Turm der Stadtbefestigung und der sich anschließende Zwingerbereich werden von einem Kindergarten genutzt. Das Haus im Weingarten 18 wurde nach der "Wende" durch die Stadt Naumburg angekauft. Nach einer grundlegenden Sanierung konnte es 1994 als Museum der Öffentlichkeit übergeben werden. Die Räume des Hauses beherbergen seitdem eine Dauerausstellung zu Leben und Werk Friedrich Nietzsches, ergänzt durch jährlich wechselnde Sonderausstellungen. Auf einem unmittelbar angrenzenden Grundstück wird seit August 2008 das Nietzsche-Dokumentationszentrum (NDZ) errichtet, dessen Aufgabe es sein wird, Belege für die internationale Nietzsche-Rezeption systematisch zu sammeln, zu verzeichnen und auszuwerten. Grundstock der Sammlung bildet die Bibliothek des amerikanischen Germanisten Richard Fr. Krummel, dessen mehrbändiges Werk "Nietzsche und der deutsche Geist" das Standardwerk für die Erforschung der Nietzsche-Rezeption im deutschen Sprachraum darstellt. Das NDZ wird seinen Betrieb voraussichtlich noch im Jahr 2010 aufnehmen, in Trägerschaft der 2008 in Naumburg gegründeten Friedrich-Nietzsche-Stiftung.

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n -
Weh dem, der keine Heimat hat!

Nachtrag zum Nachtrag

Das Nietzsche-Dokumentationszentrum ist seit 2010 in Betrieb. Nähere Informationen finden Sie unter folgendem Link:
http://www.nietzsche-dokumentationszentrum-naumburg.de/


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