Das Haus

Direkt am Naumburger Marktplatz – einem der schönsten Marktplätze in Deutschland – findet sich das Haus "zur Hohen Lilie". Eigentlich handelt es sich um einen ein Komplex aus vier zusammengewachsenen Gebäuden, deren Geschichte mit dem marktseitigen Turmhaus bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückreicht. Damit ist die "Hohe Lilie" das älteste Naumburger Bürgerhaus, so alt wie die berühmten Stifterfiguren im Naumburger Dom.
750 Jahre Hausgeschichte haben hier ihre vielfältigen architektonischen Spuren hinterlassen.

Zur Baugeschichte

Das Haus zur "Hohen Lilie" besteht aus vier im Laufe der Jahrhunderte zusammengewachsenen Gebäuden:

Der "Kemenate", ein vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts errichteter Turmbau mit etwa quadratischem Grundriss. Das romanische Mauerwerk ist bis ins zweite Obergeschoß hinein erhalten. Romanische und gotische Details finden sich im Innern des Gebäudes. Die Fassade zeigt einen spätgotischen Staffelgiebel und Renaissance-Fenster, die auf einen Umbau um 1525/26 zurückgehen. Im 1. OG findet sich eine kleine "Prunkstube", die sich durch zwei außerordentlich gut gearbeitete Figurenkonsolen auszeichnet.

Der Küchenbau, der westlich an die "Kemenate" anschließt. Das Erdgeschoß datiert wohl noch aus dem 15. Jh., Obergeschoß und Dachstuhl sind nach 1517 errichtet worden. Im Obergeschoß befand sich eine Küche, die fast 500 Jahre lang benutzt wurde.

Der "Nordbau" schließt nördlich an den Turm an. Er wurde um 1532 errichtet und wies im Obergeschoß einen repräsentativen Saal auf. Im 17./18. Jh. wurden Zwischenwände eingezogen. Eine einfache "Bohlenstube" hat sich erhalten.

Der "Barockbau", nördlich des "Nordbaus", war ursprünglich ein selbständiges Gebäude, das erst nach 1760 mit den übrigen Gebäudeteilen zusammengelegt wurde. Der damalige Besitzer, ein wohlhabender Textilkaufmann namens Adam Friedrich Bretschneider, gab seinem Haus dann den Namen "Hohe Lilie".

FigurenkonsoleSigmund ZewickerDie bemerkenswertesten Ausstattungsstücke der "Prunkstube" sind eindeutig die beiden prächtigen Figurenkonsolen. Art und Qualität der Skulpturen sind außergewöhnlich schön und suchen in vergleichbaren Bürgerhäusern ihresgleichen. Eine männliche und eine weibliche Figur halten je zwei Wappenschilde. Der Mann hält die Wappen des sächsischen Landesherrn und das Kurschild (die gekreuzten Schwerter). Auf der Seite der Frau findet sich das Wappen des Naumburger Domstifts (Schlüssel und Schwert) und das Philipps von der Pfalz (Bischof von Freising 1499-1541, Administrator des Bistums Naumburg 1517-1541).
Ähnliche Wappenkombinationen in schlichterer Ausführung finden sich auch an Portalen der Naumburger Altstadt. Über der männlichen Figur findet sich die Jahreszahl 1526, die nicht nur die Konsolen selbst, sondern die ganzen Umbauarbeiten an der Hausfassade (Fenster, Staffelgiebel) datiert.

FigurenkonsoleCordula ZewickerDas Schild über der rechten Konsole trägt einige rätselhafte Zeichen: Da sind in der oberen Hälfte zwei Buchstaben zu sehen, ein V und ein G, dazwischen ein Trennzeichen. Darunter sieht man groß und deutlich ein Steinmetzzeichen. Man kann vermuten, daß es sich bei den Buchstaben um Initialen handelt, doch wissen wir nicht, für welchen Namen sie stehen. Da es nicht die Initialen des Bauherren sind, muß es sich um die des Steinmetzen handeln, doch ließ sich ein Steinmetz mit diesen Initialen für Naumburg zu jener Zeit bisher nicht nachweisen. Daß der Steinmetz aber seine Zeichen so prominent in der Stube des wohlhabenden Bürgers Siegmund Zewicker verewigt hat, spricht dafür, daß er sich seines Könnens wohl bewußt war - Vielleicht war er zu jener Zeit an einer der großen Baustellen der Stadt (Wenzelskirche, Rathaus, Dom) tätig und nutzte den Auftrag Zewickers als Zusatzeinkommen. Tatsächlich fand sich dieses Zeichen an anderer Stelle wieder - in ähnlich selbstbewußter Größe und Plazierung. Um 1519 hinterließ es der unbekannte Steinmetz an der Tür zur Sakristei zur Annenkirche in Annaberg - damals einer der prominentesten Baustellen in Sachsen. Gut zwanzig Jahre später (1539) brachte er sein Zeichen über einem Fenster der "Försterei" auf dem Schönburger Schloß nahe Naumburg an. Auch dort so groß, daß man meint, es müsste sich um einen bekannten Meister gehandelt haben.