Wurde der Weihnachtsstollen in Naumburg erfunden?

In der Werbung und in den Medien wird oft davon gesprochen, dass der "erste Weihnachtsstollen" aus Naumburg gekommen sei. Was hat es damit auf sich?

Im Jahre 1329 verlieh der Naumburger Bischof den städtischen Bäckern das Innungsprivileg, d.h. das Recht, sich in einer Innung zu organisieren. In diesem Privileg wurde auch festgelegt, dass die Naumburger Bäcker als Gegenleistung jährliche Geldabgaben zu leisten hatten und darüber hinaus am Christabend dem Bischof zwei große Weizenbrote abliefern sollten: "in vigilia nativitatis Christi duos panes triticeos longos, qui stollen dicuntur, factos ex dimidio scephile tritici" – am Heiligen Abend zwei lange Weizenbrote, die man Stollen nennt, aus einem halben Scheffel Weizen hergestellt. In "Grimms Wörterbuch" ist dies als ältester Beleg für das Wort in dieser Bedeutung zitiert, weil der Wortbeleg von einem eifrigen Naumburger Archivar der Grimm-Redaktion zugesandt wurde. Ob es in anderen Archiven ältere Wortbelege gibt, hat bisher niemand systematisch überprüft.
Das Wort "Stolle" war jedoch im Mittelhochdeutschen für "Stütze, Gestell, Pfosten" (in der Bergmannssprache aber auch als "waagerechter Gang") sehr geläufig, aber auch die Wortbedeutung "großes Stück" ist belegt. Dass dieser Begriff aufgrund der Form auch auf längliche, rundliche Gegenstände und eben auch Brote übertragen wurde, kann nicht verwundern. Wie man sich solche Brote vorstellen muss, zeiget z. B. das Brotmaß am Freiburger Münster von 1270. Auch das nordostdeutsche Wort "Stulle" für "Butterbrot" leitet sich davon ab.

Ende des Spätmittelalters und in der frühen Neuzeit wurden dann mit "Stolle" oder "Stollen" außer Stuhl- und Tischbeinen auch längliche, mit Butter und Gewürzen gebackene Weizenbrote bezeichnet, die für Festzeiten hergestellt wurden. [Nach den Anregungen für die Verwendung von getrockneten Südfrüchten im Hefeteig wird man wohl besser im mittelalterlichen Italien (Panettone) als in der sächsischen Provinz suchen ...]

Wer sich die Abschrift des Bäckerprivilegs ansieht (siehe unten), wird leicht feststellen, dass es sich dabei keinesfalls um ein "Originalrezept" oder eine "Rezeptur" des "Naumburger Stollens" von 1329 handelt, auch wenn diese Behauptung noch so beständig jahrein jahraus als untotes Hirngespinst durch die Presse-, Radio- und Fernsehbeiträge geistern mag (vom Internet ganz zu schweigen).

Obwohl die Naumburger Quelle also eher dürr ist, so widerlegt ihr knapper Wortlaut doch zumindest die immer wieder kolportierte Darstellung, der Weihnachtsstollen sei ursprünglich eine schlichte Fastenspeise, "gemacht aus Wasser, Hafer und Rübenöl" gewesen. Die Naumburger Bäcker waren ausdrücklich angewiesen, nicht das geringste, sondern das kostbarste Brotgetreide, also Weizen, zu verwenden, noch dazu eine erstaunliche Menge davon. Hätten die vom Bischof geforderten Brote noch wertvollere Zutaten enthalten müssen als Weizen (also etwa Honig, kandierte Früchte oder exotische Gewürze), so wären diese zweifellos in der Urkunde erwähnt worden.

Die "Naumburger Stollen" von 1329, so könnte man zusammenfassen, waren sehr wahrscheinlich zwei walzenförmige, für die meisten Zeitgenossen unerschwinglich luxuriöse Weißbrote von beeindruckender Größe, die wohl ausgereicht haben, dass der Bischof auch noch seine höfischen Kostgänger mit Weißbrot versorgen konnte. (Der Konsum von Weißbrot war übrigens auch noch zu Zeiten der Französischen Revolution der herrschenden Klasse vorbehalten und in erzprotestantischen Zirkeln der nördlichen Hälfte Deutschlands gilt er noch heute als Inbegriff luxuriöser und daher - besonders in frischem Zustand - ungesunder Verschwendungssucht).

Neuerdings begegnet in den Medien eine Müsli-Version des Stollen-Mythos'. Weil Weizen in den einschlägigen Kreisen ein gewisses Image-Problem hat, wird kurzerhand drauflos doziert, dass es sich im "Rezept" des "original Naumburger Stollens" von 1329 nur um echten Bio-Dinkel handeln konnte, weil man "damals" Weizen in dieser Gegend noch gar nicht gekannt habe. Solche Behauptungen gehen natürlich deutlich über die Schmerzgrenze. Die Menschen an Saale und Unstrut haben im Mittelalter durchaus nicht mehr auf den Bäumen gelebt und auch Weizen kannten sie schon etwas länger. Eher exotisch wäre ihnen die Vorstellung vorgekommen, dem Bischof ein spelziges Dinkelbrot vorzusetzen, also ein Getreide zu verwenden, das hauptsächlich in höheren Lagen Südwestdeutschlands und der Schweiz (teilweise auch in Thüringen) angebaut wurde und auch nur, weil es unter schwierigeren klimatischen Verhältnissen besser gedieh als der kapriziösere Weizen. Das typische Getreide Mitteldeutschlands war der Roggen, weswegen der Naumburger Bischof für das Weihnachtsfest eben Stollenbrote aus dem weit höher bewerteten weißen Weizenmehl (eigentlich eine Tautologie) verlangte.

Das Bäcker-Privileg von 1329

Das Naumburger Bäckerprivileg von 1329

»In Gotts Namen, Amen. Wir, Heinrich, von Gotts Gnaden Bischoff der Kerchen zu Numburg, zu Gedechteniss zukunftiger Dinge, das icht die Geschichte ader Wergk der Luthe under legen ader vergessen werden, so ist es Noth, das man sie mit Gezugnisse der Briue befestent. Hir umb so wollen wir, das das vffenbar sey allen den, die itzunt sint ader in zu kunfftigenn Gezeiten werden, die dissen [Briff*] sehen, das wir mit unsers Cappittels eyntrechtigem Rathe vnd Willen unsern lieben Getruwen den Becken in unser Stat zu Numburg das Recht ihres Hanttwercks, das man gemeynlich Innunge nennet, in zukunfftigen Gezyten vestiglich zu werne und der selben Recht, fry Vbunge vnd Wirkunge geben vnnd mit Crafft, der wir gebruchen, also das sie von disser Zeit vorbass eynen Meyster, der eyn Burger sey, der vorgn[ann]ten unser Stat, vs yn kyssenn vnd den selbigen zu eynem Vorsteher setzin. Der selbige Meyster vnd Vorstehir ane alle Mittel vnser Macht Vnderthan zu Geziten eynem Tag Gedinge vnnd Gescheffte die Morgensprache heissen, vorstehen vnd vorwesen vnd Sachen des Vnrechten, die da komen von Scheltworttenn ader von Smaheit Wortten vnnd auch Sachen der Schulde, die vnder an vffstunde do selbst ane alle Verwirrunge, Vrdenunge, Haldunge das vffenbarn Gerichte sal scheiden mit Freuntschafft ader mit Rechte nach Bekentenisse ader Lankunge der Partie; auch sollen die selbigen Becker keynen Kauff an der Grosse des Brots vnter yn by unsern hulden nicht setzin, sundern sie sollen nach der selben yres Meisters und Vorstehers Gesetze und Willen den Kauf halden. Der selbe Meyster vnnd Vorstehir alle Jar, wenn er von Nuwem wirt gekorn und verwandelt in der Zeit als der Rath unser Stat zu Numburg gekoren wirt vnd von nuwens uns schweren sal zu ym nemen zwene bedachte[?] Mann sins Handwergs, die mit ym* schweren zu den Heiligen yns* unserm Cappittel, unserm Rate und der Stat zu Numburg, das sie den Brotkauff wollen setzin nach ebner Masse und redlich nach dem als auch der Kauf vnd Macht der Zeit das heischet. Das zu eime gedechtlichen Zeichen das wir dissem Hantwerge den Becken das Recht gegeben haben, das haben sie sich vnd yrn Nachkommlingen alle Jar ewiglichen vff Ostern zwelff Schillinge Pfennige, die genge und gebe sind, vnd vff Sancte Michels Tag zwelff Schillinge und an des heiligen Crist[us] Abende zwey lange weyssene Brothe, die man Stollen nennet, gemacht von eynem halben Scheffel Weysses vns vnd vnsern Nachkommlingen in unsern Hof gelobt haben verbunden zu geben und zu reichen. Hir vmb, so wollen wir, dass nymant anhir das Hantwerg soll wirken, vben oder des Rechtin gebruchen ane alleyne die itzunt in der Innunge sint vnnd sich dar vmb gearbeit gein und haben, es were denn, das yr Meyster vnd Vorstehir, den sie gekorn hetten, mit yrm Willen vmb eyne messliche Wiederstatunge nach yrem Willen das vber gebe doch also bescheidedlich das der, der des Handwerg Innunge Recht will nemen eyn Burger sey zu Numburg und der Recht gebruchen moge als von alder Gewonheit ist gewest, des zu Vrkunde vnnd Gezugniss ist vnser Inges[iegel] mit vnseres Cappittels Ingesigel an dissen Briff gehangen. Das selbe vnser Ingesigel haben wir Benfrid von Gotesgnaden Thumprobst, Vlrich* Techandt vnd das Cappittel zu Numburg. [... vnd das ganze Capittel der Kerchen zu Nuemburg an dissen Briff gehangen, zu eyner Bewissunge, das vnser Wille zu dissen vorgenanten reden vnd geschichte ist gegebin derselbe briff nach Gots geburt dryzen hundert Jar in deme nün vnd zwenzisten Jare am Mantage nach Marie Magdalene. Des sind gezuge Johannes von Gruneberg vnser Bruder, Conrad Schulmeister von Ciz, Alexander vnser Schriber, Nynergold, vnser Cappelan, Herman von Drutzschen, Ludewig von Sellewitz, Ritter, vnd vil ander erbar Luthe.*]«