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Karl Lieback, Fürstenwalde

Tanzstunde 1952

Wie vielleicht auch heute noch wurde das Unternehmen Tanzstunde genannt. Aber es war natürlich ein ganzer Kurs, der über 3 Monate lief und zu dem wir einmal pro Woche abends im Rathaussaal zusammenkamen.

Dieser Kurs war kein gesellschaftliches "Muß". Klassenkameraden, die fernblieben, wurden nicht zu Außenseitern. Doch die meisten waren interessiert, Tanzen zu lernen und nutzten gerne die Gelegenheit, wenn sie sich für ihre Altersgruppe bot.

TanzstundeLieback_400An der Oberschule war es damals Tradition, dass Jungen aus den 11. Klassen und Mädchen aus den 10. Klassen im Herbst bei der Tanzlehrerin Mathilde Döhring erschienen. Deren Tanzstunden waren nicht nur für Pennäler gedacht. Auch andre Jugendliche konnten sie besuchen. Aber die Mehrheit der Teilnehmer kam doch von der Oberschule.

Was wurde 1952 gelehrt? An Foxtrott erinnere ich mich, an Walzer, langsamen Walzer, Tango, Rumba – also Tänze, deren Schritte wir auch auf andern Tanzböden dieser Zeit gebrauchen konnten und genutzt haben. Mein Gefallen fand besonders der schnelle Walzer, der den Tanzsaal und die Umgebung vor dem Auge verschwimmen ließ. Zugute kam mir und meiner Partnerin, dass sie damals rückenlange Zöpfe trug. Beim schnellen Drehen wirbelten die Zöpfe waagerecht, schufen auf diese Weise Abstand zu andern Tanzpaaren und verringerten so die sonst üblichen Zusammenstöße.

A propos Partnerin: Es war nicht Ziel des Tanzstundenbesuches, eine Beziehung zu knüpfen – gar fürs Leben. Aber natürlich ergaben sich schnell Freundschaften, die mehr oder weniger lange hielten. Das Parkett des Rathaussaales erleichterte die Annäherung der Geschlechter. Dass jemand durch die Tanzstunde eine Freundin kennen lernte, mit der er später die Ehe einging - bei mir ist das der Fall – das war sicher die Ausnahme. An den ersten Abenden der Tanzstunde ließ Frau Döhring die "Damen und Herren" getrennt kommen. Neben einigen Grundschritten lehrte sie dabei auch "gutes Benehmen", d.h. sie gab uns ein paar Regeln, wie wir dem andern Geschlecht auf dem Parkett oder in der Gesellschaft begegnen sollten.
Spannender waren dann freilich die gemeinsamen Abende.

Sie begannen mit dem "Hammelsprung". An den Längsseiten des Rathaussaales saßen in Reihe die Damen und Herren einander gegenüber. Nach einer entsprechenden Eröffnung durch Frau Döhring "schritten" die Jungen zum gemeinsamen Tanz auf die andere Seite und machten vor einem der Mädchen ihre Verbeugung. Beim ersten Mal glich dieses "Schreiten" wohl auch noch einer zivilisierten Fortbewegung. Mehr und mehr artete es jedoch zu Schnellstarts mit entsprechenden Kurzstreckenrennen aus - quer durch den Saal. Zusammenstöße der "Herren" waren dabei nicht selten. Wenn die Herren eine bestimmte Partnerin ins Auge gefaßt hatten, sollte die Konkurrenz ja möglichst ausgeschaltet werden.

 Tanzstunde 1952 Tanzstunde 1952In der Halbzeit des Tanzkurses wurde ein sogenanntes "Kränzchen", ein Mittelball, angesetzt. Dazu holten die Herren möglichst schon eine Dame von zu Hause ab und versuchten, sie über den Tanzabend zu begleiten.

Festlicher war jedoch der Abschlußball. Er erforderte bei den Herren einen Anzug und bei den Damen ein langes Ballkleid, eine in dieser Zeit nicht ganz leicht zu lösende Textilfrage. Von meiner Partnerin weiß ich, daß ihr Ballkleid von einer Hausschneiderin gefertigt wurde, die dazu Vorhangstoff nutzte, der in der Familie noch aus Vorkriegszeiten vorhanden war.

Für den Ball waren verabredete Paare die Regel. Der Herr holte die Dame von zu Hause ab und brachte ihr einen Blumenstrauß mit, wobei 1952 meist ein paar gebundene Alpenveilchen genügen mußten. Anders als zum Kränzchen waren zum Ball auch die Eltern der Paare geladen. Sie saßen mit an den Tischen und wurden wechselseitig von den jungen Leuten zu besonderen Tanzeinlagen aufgefordert. Sicher sollte damit auf spätere gesellschaftliche oder familiäre Anlässe vorbereitet werden. Natürlich war auch ein Photograph engagiert, der das Tanzgeschehen bildlich dokumentierte, besonders die Polonaise. Ebenso wurden aber die Ballpaare einzeln abgelichtet und erschienen auf den Fotos dann wie etwas zu jung geratene Brautleute. Zum Ball spielte eine kleine Kapelle (Band) auf, während vorher Klavierspiel oder auch Schallplatte genügen mußten.
In meiner Erinnerung haftet schließlich auch noch ein sogenannter "Katerbummel". Er wurde gleichfalls von Frau Döhring arrangiert und führte uns Tanzstundenteilnehmer in das Gasthaus "Zur Linde" in Almrich. Einen "Kater" im landläufigen Sinne hatten wir sicher nicht zu überwinden. Reichlicher Alkoholgenuß war damals für unsre Altersgruppe noch kein Problem. Aber vielleicht litten nach dem Tanz in Almrich einige von uns unter dem Bedauern, dass das aufregende Unternehmen Tanzstunde damit seinen Abschluß gefunden hatte.