Newsflash

Geschafft! Seit Juni 2021 sind Stadtmuseum Hohe Lilie, Romanisches Haus Bad Kösen (mit Käthe-Kruse-Sammlung) und Max-Klinger-Haus in Großjena wieder geöffnet. Seit September gilt dies auch mit Einschränkungen für den Wenzelsturm.
Die Hygieneregeln gelten weiterhin (med. Masken, AHA-Regeln).

Julie Peukert-Spindler, Biebergemünd (um 1938)

Das Kirschfest meiner Kindheit

Wenn ich an meine Naumburger Kinder- und Jugendjahre denke kommen mir als erstes Düfte, Klänge und Geräusche in Erinnerung. Vor allem die Domglocken mit ihren herrlichen senoren Geläut. Wohnten wir doch fast am Fuße des Doms in der Kösener Straße wo meine Familie mit etlichen Zweigen über 50 Jahre ihr Domizil hatte. Die Kösener Straße war eine ruhige, schöne breite Ausfallstraße, fast einer Allee gleich, bestanden mit Platanen und vereinzelten Linden.

In frühester Kindheit gehörten zu ihr Reiter und Pferdefuhrwerke, das Knarren der Saum- und Sattelzeuge, das Schnauben der Pferde das Rattern der Fuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster. Wie oft standen wir Ängste aus, die Pferde könnten bei Schnee und Frost ausrutschen und fallen z.B. nach Almrich runter oder in der Michaelisstraße. Wir hatten selbst Pferde, die im Betrieb gebraucht wurden und lebten mit ihren Bedürfnissen. Unser Großvater und Vater hatten ein Baugeschäft in der Kösener Straße 10. Wunderbar waren die Winter bei uns draußen Rodelbahnen an der “Großen und Kleinen Kadette” mit halsbrecherischen Abfahrten. Aber da kaum Autos verkehrten blieben die Gefahren in Grenzen. Dennoch gab es jedes Jahr Knochenbrüche bei den Jungen. Und dann die Eisbahn! zwischen Almrich und Schulpforte. Immer waren die Wiesen überflutet, ob durch die kleine Saale von Natur aus oder künstlich angelegt von den Pfortensern weiß ich nicht. Jedenfalls rodelten wir dorthin mit umgehängten Schlittschuhen und hatten ein herrliches weitflächiges Areal von ca 2 km vor uns. Eintritt 10 Pf. und Kakao und Kreppel gabs auch in einer Bude. Ein Kinderparadies !
Aber erst im Mai dann wenn der Flieder blühte. Über jeden Gartenzaun hingen große alte Büsche mit einer Überfülle an Blüten, die großzügig ihre wunderbaren Düfte abgaben und uns damit einhüllten. Im Juni steigerte sich das noch mit Beginn der Lindenblüte. Naumburg war ja eine Stadt der Lindenbäume. Vom Jakobsring bis zu uns raus duftete es allüberall nach Linde. Die Bienen summten, ungehindert durch Verkehr, so dass ihr leises Brausen um die Bäume gut zu hören war. Die Sommersonne stand im blauen Himmel und sorgte dafür, daß wir oft genug hitzefrei bekamen. Dann radelten wir zum Schwimmen zu Kaiser-Ede oder in die Fischhäuser ein herrliches Gemeinschaftsvergnügen. [Bild]

Inzwischen war schon Kirschfestzeit und in den Schulen liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Oberstufenschüler beteiligten sich an den Kostümumzügen Prokop, Eckehard und Uta hoch zu Roß mit ihren Vasallen und Kriegern, dazu Bürgerfrauen. Jeder Jahrgang hoffte bald mitmachen zu können. In den Schulen gab es einen reichen Kostümfundus. Als wir 1940 soweit waren war Krieg und das Kirschfest fiel aus, der Jammer war groß. Soviel ich mich erinnere war es ein Privileg der Schüler den Kostümumzug zu gestalten, schließlich war es ein Fest der Jugend! In den Moritzwiesen übten derweil die Domschüler auf ihrem Sportplatz mit ihrem Trommler und Pfeiferchor 3 x die Woche abends zwischen 6-7 Uhr und wenn es auf Ende Juni zuging dann marschierten sie auch schon mal zur Generalprobe in voller Montur - d.h. dunkelblaue Hosen, weiße Hemden und die blauen feschen Schülermützen auf den Köpfen - durch die Wiesenwege. Oft saßen wir im Garten beim Abendbrot und waren bei diesen Klängen nicht mehr zu halten. Unsre Gärten auf der rechten Seite der Straße gingen terrassenförmig bis in die Moritzwiesen hinunter. Und so sammelte sich die große Kinderschar der Kösener Straße unten, um Applaus zu spenden und zu gucken. Als wir älter waren hatten wir schon unsre Favoriten unter den Musikanten, zumal dann wenn wir sie durch die “Domtanzstunde” [Bild] kannten. Wie bewunderten wir Huschi Trummler (jüngsten Sohn des Doktors) den Tambourmajor der Jahre 1938 + 39, wenn er mit Bravour seinen Stab wirbelte und drehte, in die Luft warf und elegant wieder auffing !

Ja, die Kirschfestzeit war ohne Zweifel die schönste im Jahresablauf. Die Ferien standen vor der Tür und durch unser Klima begünstigt gab es oft hitzefrei. Ich kann mich kaum an richtige Regentage erinnern, dafür aber an häufige und heftige Gewitter, die manchmal tagelang zurück kehrten. Die alten Leute meinten dann “das Gewitter kommt nicht über den Fluß”. Zu unsrer Zeit war die Kirschfestwoche zweigeteilt: Montag-Dienstag Jungen, Mittwoch Ruhetag, Donnerstag-Freitag Mädchen. Die Umzüge fanden jeweils am Montag und am Donnerstag statt. Das waren große Ereignisse. Sämtliche Jungenschulen erschienen in großer Gala, das heißt mit eignem Trommlerchor und den Schülermützen, die bei jeder Schule eine andre Farbe hatten. Dom blau, Realgymnasium rot, Mittelschule grün und Georgenschule schwarz. Ich hoffe mich nicht zu täuschen. Wir Mädchen trugen Kränze und duftige Sommerkleider und mußten uns die Musikanten ausleihen. Für uns Luisenschülerinnen trommelten die Domschüler. Blaue Kornblumenkränze im Haar passten da gut zu den blauen Mützen. Die Marie-Enke-Schule hatte kleinblütige, rosa Rosen, die Marienschule Nelken. Je nach Geschick der Gärtnerin fielen die Kränze mehr oder weniger gut aus, was vom Publikum genau registriert wurde.

Morgens um 7 Uhr bereits zogen die Trommler durch die Stadt zum Wecken, währenddessen spurteten die Bäckerjungen durch die Straßen, um an jedes Haus Kirschfestgebäck zu hängen, diese begehrten Hefezöpfe - Eierweckähnlich - die jedes Frühstück zum Festmahl machten.
Um 9 Uhr großes Sammeln in den Schulen zur letzten Besprechung und Austeilung der Zöpfe die in großen Körben angeliefert wurden. Danach sausten wir - meist mit Rädern - nach Hause. Unterwegs wurden die Kränze abgeholt, sorgfältig in feuchte Tücher verpackt, damit die Blumen frisch blieben. Um l Uhr mittags wurden dann die Züge zusammengestellt und wir zogen über Marktplatz und Herrenstraße zum Dom zur Andacht. Nach der Hitze draußen war es dort immer zu kalt und so bemühten sich die Pfarrer, die Sache nicht zu sehr in die Länge zu ziehen. Inzwischen hatten sich riesige Menschenmengen versammelt, was uns ganz stolz machte. So zogen wir dann unter dem Geläut aller Glocken über den Marktplatz zur Vogelwiese. Die Trommler gaben ihr Bestes und ich glaube, unserm Tambourmajor taten abends die Hände weh vom vielen Wirbeln und Drehen.
Die Stimmung war fröhlich und erwartungsvoll. Alles freute sich auf den großen Abschluss auf der Vogelwiese, wo wir Schülerinnen und Schüler unterstützt von allen Kapellen von Chören und dem einheimischen Publikum das berühmte Kirschfestlied sangen. Mächtig einem Choral gleich stieg die Melodie in den sommerlichen Himmel und das war es, was uns jedes Jahr wieder in eine so besondere Stimmung versetzte. Es war dieses unersetzliche Zusammengehörigkeits- und Heimatgefühl das man als junger Mensch noch nicht so genau definieren kann. Wir wurden danach zu unseren Familien entlassen, um uns am 2. Tag im Bürgergarten zu sportlichen Spielen wieder zu treffen, wo dann der endgültige Abschluss war und 3 Tage später die Ferien begannen.

Da fällt mir noch ein, dass zu meiner Kinderzeit meine Großeltern auf der Vogelwiese ein Zelt unterhielten wie andere Familien auch. Das war ein beliebter Treffpunkt für Geselligkeiten. Ich sehe noch meine Großmutter mit Helfern jeden Tag große Bleche mit frischem Kirsch-und Streußelkuchen, dazu herrlichen Bienenstich wie er bei uns üblich war, raus auf die Wiese fahren. Familie, Freunde auch Geschäftspartner versammelten sich da zu frohem Zusammensein und ich schätze nebenbei wurde noch so manches geschäftliche Besprochen, ohne dass man sich wie heute groß in Unkosten zu stürzen hatte.

Während all’ der Festtage hatten unsre Fleischermeister, Goldschmidt, Priese und Hennicke Hochkonjunktur. Von mittags an standen sie mit ihren Bratwurstständen auf der Vogelwiese, so dass die Hausfrauen nur zu bestellen hatten. Kartoffelsalate in großen Mengen waren in den Zelten vorhanden und wurden zu Hause täglich frisch hergestellt. Selbstverständlich hatte auch Cafe Furcht und manche Bäckereien ihre Stände und Zelte.
Wann diese Familienzeltkultur aufgegeben wurde, weiß ich nicht mehr genau. Hing es mit dem Regime zusammen oder machte der Krieg dem ein Ende? Noch ein Unterschied zu heute wäre festzustellen. Diese überlaute an allen Ecken quäckende Musik gab es nicht. Entweder spielten zu bestimmten Zeiten die Kapellen oder man hörte Chorgesang, so war es eine Atmosphäre von Ruhe und Gemütlichkeit und man brauchte nicht zu schreien, um sich zu verständigen. Jedenfalls gab es auch keine von auswärts angereisten Händler die ihre Geschäfte machen wollten. Das Kirschfest spielte sich ausschließlich unter Naumburger Bürgern ab und Gäste aus Halle, Leipzig oder sonst woher genossen das familiäre Flair.