Bismarck Plakat 8009.09.2015: Vortrag im Nietzsche-Dokumentationszentrum

Vortrag im Nietzsche-Dokumentationszentrum Naumburg,
9. September, 19:00 Uhr, Eintritt frei.

Justus H. Ulbricht (Dresden):
Der "Eiserne Kanzler" und "seine Deutschen".

Bismarck-Mythos und nationale Identität 1871-1945

Im Jahre 1945 erinnern wir uns nicht allein an das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern etwa auch an die 200 Jahre zurückliegende Geburt Otto von Bismarcks - und den 1815 stattfindenden Wiener Kongress.

Auf den ersten Blick haben diese drei Ereignisse nichts miteinander zu tun. Doch sie sind dann einem Zusammenhang zu sehen, wenn man sich daran erinnert, dass der Traum einer politischen Nation der Deutschen im Umfeld der Napoleonischen Kriege entstand, doch sich erst 1871 unter Wilhelm I. und Bismarck als kleindeutsch-preußisches Reich verwirklichte. 1945 ging das Großdeutsche Reich und mit ihm Preußen endgültig unter - und zugleich ein auftrumpfendes, selbstgewisses wie selbstgerechtes deutsches Nationalgefühl.

Weniger die reale Politik Bismarcks als vielmehr der nach dessen Abdankung 1890 entstehende Mythos des "Reichsschmiedes" und des "Eisernen Kanzlers" wurde zum Spiegel deutscher Befindlichkeiten zwischen Sedan und Auschwitz. Bismarck war - wie man heute sagen würde - "Kult". Man feierte ihn, setzte ihm zahlreiche Denkmäler und benutzte ihn als Projektionsfläche eigener Selbstwert- und Größenphantasien. Mit Bismarck im Herzen konnte man Wilhelm II. kritisieren, Hindenburg als Nachfolger des Reichsgründers verehren und später gar Hitler als Vollender bismarckianischer Politik verklären. Sozialdemokraten gehörten lange zu den Bismarck-Gegnern, Konservative rieben sich an seiner ausgeglichen Außenpolitik und Völkische verkannten ihn als Patron ihrer rassistischen Idee deutscher Nation.

Mit dem kaisertreuen Protestanten und preußischen Adeligen, dem begabten Politiker eines europäischen Mächtegleichgewichts und dem nüchternen Strategen deutscher Interessen hatte all dies wenig zu tun.

So erkennen wir im Bismarck-Mythos viel eher dessen Verehrer, deren Wünsche, Sehnsüchte und Visionen - angesichts derer wir uns heute fragen können, was uns Bismarck eigentlich noch zu sagen hat oder was er uns weiterhin bedeuten sollte. - Für derartige Überlegungen möchte der Vortrag als Denkanstoß sein.

Nietzsche trifft Bismarck:
Eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung "Nietzsche - deutsch?" im Nietzsche-Haus Naumburg im Rahmen des Kooperationsprojekts "Bismarck trifft ..." der Otto-von-Bismarck-Stiftung Schönhausen und des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt.


Dr. phil. Justus H. Ulbricht (* 1954). Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik in Tübingen, zwischen 1980 und 1995 freie Wissenschaftler und Publizist. Danach bis 2009 in Weimar-Jena, zumeist als wiss. Angestellter der Klassik Stiftung Weimar. 2011 bis 2013 Geschäftsführer der Forschungsstelle moderne Regionalgeschichte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Nun wieder freiberuflich tätig als Wissenschaftler, Erwachsenenbildner und Kurator/Mitarbeiter an historischen Ausstellungen.

Zahlreiche Forschungen, Publikationen und Vorträge zur Geschichte des deutschen Bildungsbürgertums, zum kulturellen Erbe seit 1800, zur Religionsgeschichte der Moderne, zur Kulturgeschichte Mitteldeutschlands und zu Fragen der Erinnerungskultur. - Lebt seit 2009 mit zweiter Frau und drittem Sohn in Dresden.