Ab 16. Mai 2015 - Ausstellung im Nietzsche-Haus Naumburg

Nietzsche: deutsch?

oder: Was den Deutschen abgeht

Nietzsche gratuliert zu 25 Jahren deutscher EinheitNHPlakat2015 500

Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die Machtverdummt... Die Deutschen — man hiess sie einst das Volk der Denker: denken sie heute überhaupt noch? — Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste ... „Giebt es deutsche Philosophen? giebt es deutsche Dichter? giebt esgutedeutsche Bücher?” fragt man mich im Ausland.  [Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung (1889)]

Nietzsche hat „die Deutschen“ wie kein anderer deutscher Dichter und Denker verdammt – und wurde dennoch von ihnen wie kein zweiter vereinnahmt: als heroischer Denker eines abgründigen Machtwillens, als Verkünder des rassereinen „Übermenschen“ oder abschreckendes Beispiel für die „Zerstörung der Vernunft“. Denn auch die Verdammung eines Denkers ist ja eine Form seiner Vereinnahmung.

Seit 25 Jahren scheint sich dieses Schicksal gewendet zu haben: die lang angekündigte Nietzsche-Renaissance scheint sich zu ereignen. Noch nie wurden so viele Bücher über den Dichter-Philosophen geschrieben, gab es so viele Gedenkstätten und selbst Denkmäler für ihn. Und dennoch sind die Gästebücher eben dieser Gedenkstätten fast nur mit Einträgen ausländischer Besucher gefüllt, erregt Schulterzucken, wer Deutsche im Alltag nach Nietzsche fragt. Woran liegt es, daß der im Ausland meistgelesene deutsche Philosoph unter uns noch immer ein Fremdkörper ist?

Die Ausstellung „Nietzsche: deutsch?“ geht dieser Frage in drei Räumen nach. Sie erinnert daran, wie Nietzsche die verspätete Nationalstaatsgründung mit dem Kaiserreich seit 1871 erlebt hat, zeigt, welche Antworten sein Werk darauf gab, wie es von „den“ Deutschen bis 1989 vereinnahmt oder verdammt wurde und versucht kurz und knapp eine erste Bilanz der vermeintlichen Nietzsche-Renaissance im wiedervereinten Deutschland der vergangenen 25 Jahre.