nietzsche-haus-plakat-2014-500Ausstellung im Nietzschehaus Naumburg - 10. Mai 2014 bis 31. März 2015

"… ich verspreche ein tragisches Zeitalter"

Nietzsche | Expressionismus | Weltkrieg

"Ich verspreche ein tragisches Zeitalter", schrieb Nietzsche 1888 in "Ecce Homo", seiner letzten Autobiografie: es werde "Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat."
Ein Vierteljahrhundert später zogen auch die Expressionisten mit Nietzsches "Zarathustra" im Gepäck in den Großen Krieg. Sie hatten ihn geradezu herbeigesehnt, wie der junge Johannes R. Becher in seinem Gedicht "Beengung" vor 1914: "Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge. / Der Polizei gelingen unglaubliche Fänge. (...) / Wir horchen auf wilder Trompetdonner Stöße / Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg."
Mehr noch: in ihrer Kunst nahmen die Expressionisten die Zerstörung der überkommenen Welt vorweg, indem sie in der Dichtung, der Malerei und Musik bis dahin gültige Ordnungen sprengten. Und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Italien und Russland, oft unter Berufung auf Nietzsche, der die Schaffenden zum Zerbrechen alter Tafeln ermutigte.
Die Ausstellung zeichnet diese Zusammenhänge in drei Räumen nach. Der erste Raum erinnert an Nietzsches Verklärung des Mannes zum Krieger und seine Visionen kommender Kriege. Halb zeigt er sich als feinfühliger Seismograf künftiger Erschütterungen, halb als derber Ideologie einer sich selbst erfüllenden Prophetie.
Der zweite Raum handelt von der Aufsprung der alten Welt im Spiegel der neuen Kunst: von der Zerlegung des Ganzen in kubische Fragmente über apokalyptische Stadtlandschaften bis zur futuristischen Feier der Geschwindigkeit nimmt die Moderne seit 1905 vorweg, was im Weltkrieg zur Massenerfahrung wird - die Selbstzerstörung der Zivilisation. Wie Franz Marc sie 1915 an der Front auf einer Postkarte mit seinem eigenen Bild "Tierschicksale" wahr-nimmt: "Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe!"
Der dritte Raum sichtet vor dem Hintergrund der realen Kriegserfahrungen nietzscheanische Deutungsmuster des Epochenumbruchs: vom Willen zur Kunst bei Beckmann, Klee und Dix über Marcs Hoffnung auf ein "geheimes Europa" bis zu Jüngers "Arbeiter"-Essay.
Wenn wir Nietzsche und die Kunst der Moderne als Blitze, als Wetterleuchten der "Urkatas-trophe des 20. Jahrhunderts" begreifen, und den Weltkrieg als ihren Donner, so fragt sich, was in diesen drei Phänomenen eigentlich zutage tritt? Welches Gewitter, welche Spannung verbirgt sich dahinter und zieht uns noch immer in ihren Bann?

Die Ausstellung wird am 10. Mai um 14 Uhr mit einem Rundgang eröffnet. Der Kurator, Dr. Jens-Fietje Dwars (Jena), erläutert ihr Konzept.