Neuzugang

Seltenes Gemälde der Bischofskurie

Wenige Städte mit einer vergleichbar langen Geschichte wie Naumburg sie aufweist dürften so arm an historischen Ansichten sein wie die Saalestadt. Aus der vorfotographischen Zeit haben wohl einige Ansichten die Zeitläufte überdauert, zumeist Gesamtansichten von Süden, wie sie schon Wilhelm Dilich gegen die Mitte des 17. Jh. gezeichnet hatte und wie sie nach ihm oft genug produziert und reproduziert wurden. Was jedoch schmerzlich fehlt, sind Detailansichten aus der Stadt. Straßenzüge, Gebäude, Genreszenen, Menschen in ihrem städtischen Umfeld waren nur selten Gegenstand von Malereien oder sie sind – wenn es sie in Naumburg jemals gegeben hat – nicht erhalten geblieben. Mag sein, dass das zum Pietismus neigende Naumburger Luthertum und die diesem inhärente Skepsis gegenüber allem Bildhaften hier seine Spuren hinterlassen (oder besser: nicht hinterlassen) hat, die Bilderarmut der Naumburger Geschichte ist jedenfalls nicht zu übersehen.  Dies fällt um so mehr ins Gewicht,  wenn man in Rechnung stellt, dass die Kriegskatastrophen der zurückliegenden Jahrhunderte in Naumburg wenig direkten Schaden angerichtet haben. Was allerdings noch heute spürbare Folgen hinterlassen zu haben scheint, sind die durch wirtschaftliche und politische Verwerfungen hervorgerufenen Wanderungsbewegungen (Migrationen, Fluchten), die dazu führten, dass es zum Bruch vieler Traditionslinien kam. Es kann also durchaus sein, dass viele bildliche Erinnerungsstücke, die uns heute fehlen, die Stadt in zurückliegenden Jahrzehnten und Jahrhunderten verlassen haben.

Manchmal kommt es allerdings auch vor, dass ein Objekt nach langer Abwesenheit zurückkehrt. So im Falle eines kleinen Gemäldes, mit dem wir erst vor wenigen Wochen bekannt gemacht wurden. Es kommt aus dem niedersächsischen Melle in der Nähe von Osnabrück. Die Vorbesitzerin hatte es auf dem Dachboden gefunden und konnte wenig damit anfangen. Ein etwas unbeholfen gemaltes Bild von einem nicht identifizierbaren Gebäude, im Vordergrund ein Brunnen mit der Rückenansicht einer nicht bestimmbaren Brunnenfigur – von Melle aus hätte man wohl nie erraten können, wo das Bild entstanden ist, wenn nicht der Rahmen den Aufkleber eines Naumburger Rahmenhändlers getragen hätte und die Eigentümerin des Bildes kurzerhand bei uns im Stadtmuseum angefragt hätte, ob wir etwas mit der Ansicht anfangen können. Natürlich war es für einen Naumburger leicht zu erkennen, dass es sich um eine Darstellung der Ostseite des  Domvorplatzes handelt mit der Bischofskurie im Zentrum und dem erst kurz vor der Entstehung des Bildes dorthin versetzten Brunnen (die Brunnenfigur des Ekkehart stammt von 1858) im Vordergrund. Es ist genau diese Art von Bildern, die sehr selten sind – wir haben in unserer städtischen Sammlung kein Dutzend davon – und wir sind als Stadtmuseum deswegen besonders froh, dass wir es aus Spendenmitteln zu einem sehr günstigen Preis ankaufen und nach Naumburg zurückholen konnten.