August 2014.

Unendliche Freude, 1945.

- Manchmal erhalten wir kleine Geschenke, unscheinbare Dinge, die anonym an der Museumskasse abgegeben werden oder per Post ins Haus kommen. Wenn keine Informationen mitgeliefert werden, ist es oft schwierig, abzuschätzen, worin der spezielle, oft emotionale Wert der Objekte liegen könnte und es bleibt manches Mal das Gefühl, dass bei der Übergabe der Objekte eine wichtige Dimension verloren ging. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung sprechen die Dinge nämlich nicht für sich selbst, die Geschichten, die an ihnen hängen, müssen mit Ihnen aufbewahrt werden. Deshalb sind wir natürlich froh, wenn die Spender ein paar Worte zur Herkunft der übergebenen Gegenstände mitteilen. So in diesem Fall, über den wir hier berichten wollen: Ende August 2014 erreichte uns der im Folgenden abgedruckte Brief von Frau Keppler aus Halle.


Liebe Mitarbeiter/innen

ich bin gebürtige Naumburgerin, Jahrgang 1939, und bin dabei meinen Haushalt aufzulösen. Beim Sichten der relativ umfangreichen Bücheranzahl, entdeckte ich dann beigefügte Exemplare!
Fragen Sie nicht, WAS mir da alles durch den Kopf ging!
Diese bescheidenen, heute „armselig“ anmutenden Hefte hatten entweder meine Mutter oder (ich weiß nicht mehr, wann mein Vater aus der Internierung kam) besorgt. Sie hatten mir damals un-end-li-che Freude bereitet. Es gab doch reinweg gar nichts!
Ich liebte meinen Purzeplus über alles! Ich muss sie durchgepaust und weiterverschenkt haben!
Die Druckerei Lippert war damals, soweit ich mich erinnere, in der Bahnhofstraße. Von unserem Haus in der Wiesenstraße konnten wir in die „Fabrik“ sehen.
Noch heute habe ich den Klang der Setzmaschinen im Ohr. Wie im ersten Heft erwähnt „kamen dann die ‘Freunde’“ und was sie nicht brauchten wurde durch die riesigen Glasfenster in den Garten geworfen.
Nun tut es mir leid, diese „Zeitzeugen“ so einfach in den Müll zu werfen. Nachkriegszeit: - kein Papier - kein Spielzeug für die Kinder - Aufbruch.
Vielleicht haben Sie eine kleine Ecke für diese eigentlich doch lustigen Arbeiten der Frau Eichstaedt, wo Sie es erhalten?
Danke für’s Zuhören
und frdl. Gruß aus Halle

von E. Keppler.


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Man kann nur ahnen, was die beiden Heftchen mit ihren fantasievollen Scherenschnitt-Illustrationen für ein kleines Mädchen in der unmittelbaren Nachkriegszeit bedeutet haben mögen. Auf den Innenseiten der Umschläge finden sich jeweils in unbeholfener Kinderschrift verfasste, ausführliche Inhaltsverzeichnisse, die zeigen, wie intensiv die kleine Besitzerin sich mit ihren Schätzen beschäftigte. Die Bleistiftkonturen, mit denen die Schattenrisse versehen sind, bestätigen, dass die Bildchen abgepaust wurden, wohl um die Freundinnen am eigenen Glück teilhaben zu lassen.

Der Uta-Verlag, der die Heftchen produzierte, hatte seine Arbeit schon in den ersten Wochen der Nachkriegszeit wieder aufgenommen. Unter seinen ersten Produkten war ein schmales deutsch-englisches Wörterbuch, dem, nachdem die Amerikaner ab- und die Sowjetsoldaten eingezogen waren, ein russisches Wörterbuch folgte. Neben einer ansehnlichen Struwwelpeter-Ausgabe veröffentlichte der Verlag hauptsächlich billige Klassiker-Reprints, immer in Zusammenarbeit mit der Druckerei Lippert & Co. Ende der Vierziger Jahre verlegte der Inhaber Kurt Slenska den Firmensitz nach Essen/Uelzen und produzierte von da an ausschließlich triviale Roman-Heftchen.

Auch die Autorin der "Purzeplus"-Heftchen, Ingeborg Eichstaedt (=Inge Lorck), ging in den Westen und lebt noch heute in Köln. Den Kontakt nach Naumburg ließ sie aber niemals abreißen.