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Februar 2016. Eine Kalendergeschichte.

Unverhofftes Wiedersehen

- Als das Peterle das Haus verließ, war er ein schöner Knabe. Als er zurückkehrte, nach vielen Jahren, hatte er sich in ein altes, aber immer noch hübsches Mädchen namens Annegret verwandelt. Dazwischen lag eine lange Geschichte, die den größten Teil des 20. und noch einen kleinen Teil des 21. Jahrhunderts umfasste.

Peterle verabschiedete sich aus der Puppenwerkstatt Käthe Kruses in Kösen wohl im Jahr 1925. Seine erste Reise führte ihn weit in den Osten des damaligen Reiches, wo er bei einem Spielzeughändler in Goldap (Ostpreußen) – oder vielleicht war es auch in Königsberg – Zwischenstation machte. Von dort kam er in die Familie eines jungen Physik-Professors aus Lübeck, der seit einigen Jahren mit der Tochter eines Gutsbesitzers in der Nähe von Goldap verheiratet war. 1920 hatte die junge Familie ihre erste Tochter bekommen, die sie Gisela nannten. In deren Obhut wurde Peterle im Jahr 1925 oder 26 –  niemand erinnert sich mehr genau daran – übergeben. Nach allem, was wir wissen, ging es dem Kleinen in dieser Zeit sehr gut, abgesehen von einem unglücklichen Vorfall, der sich gleich zu Beginn des Ostpreußen-Aufenthaltes ereignete. Die kleine Gisela spielte damals mit Nachbarskindern auf dem Heuboden des Gutshofes, als unvermittelt die Frage aufkam, ob das Peterle denn wohl einen Sprung durch die Luke auf die darunter liegende Tenne wagen würde. Mit einem leichten Schubs half einer der Lösung des Rätsels nach: das Peterle stürzte in die Tiefe und die Neugier der Kinder verwandelte sich in Entsetzen; denn als sie den Aufprall auf dem Tennenboden hörten, war ihnen sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Gleich als sie hinabgestiegen waren sahen sie auch schon die Bescherung: das Gesicht des Kleinen war ganz zerschunden und kaum noch zu erkennen. Mutter Hoffmann, die zur Hilfe herbeigeeilt war, sah keine andere Rettungsmöglichkeit, als den Patienten in einem Paket nach Kösen zu schicken, mit der Bitte, den Schaden wieder gut zu machen. Es dauerte geraume Zeit, bis Peterle mit Grüßen und einer Rechnung von Käthe Kruse zurückkehrte: Er erschien wie neu geboren, sein Gesicht war wieder ohne jeden Makel, nur etwas heller als es zuvor gewesen war – man sieht ihm die Operation bis heute an.
Als der Professor 1928 einen Ruf nach Halle (Saale) erhielt, zog die ganze Familie dorthin, natürlich auch Peterle, der allerdings schon zuvor in Annegret umgetauft worden war, weil die Puppenmutter, die gerade erst eine kleine Schwester bekommen hatte, nun lieber mit einem Puppenmädchen spielen wollte (oder hatte sie Angst, dass er noch einmal eine Dummheit machen würde?) Die Geschlechtsumwandlung wurde durch den Austausch der Kleider vollzogen, die von der Hausnäherin extra angefertigt wurden.Gisela 1932 mit Annegret (Mitte)

In Halle verlebten Gisela und ihre Schwester mit Annegret und einer ganzen Reihe anderer Puppen viele glückliche Kinderjahre, bis 1937 ein weiterer Umzug folgte, nun nach Leipzig, weil der Vater dort die Leitung eines Universitätsinstituts übernahm. Gisela war nun 17 und als sie aus der preußischen Provinzstadt Halle in die sächsische Metropole kam, stellte sie peinlich berührt fest, dass Mädchen in ihrem Alter dort anderes im Kopf hatten, als sich mit Puppenkindern abzugeben und so wanderte Annegret zuerst in den Puppenkoffer und dann mit diesem in den Keller. Dort verblieb das Puppenkind wie in einer Zeitkapsel. Unterdessen hatten die Nazis die Macht im Land und besorgte Bürger liefen ihnen nach und erhofften sich Sicherheit und Wohlstand und die Befreiung von allem was ihnen fremd erschien, auch der Professor marschierte ganz vorne mit. Sie überzogen ihren Kontinent und andere Kontinente mit Krieg und Leid und das ganz Land verfiel dem Wahnsinn. Die Städte im Westen des Landes wurden zerstört und dann die im Norden und schließlich auch die östlich gelegenen und so wurde auch die Stadt Leipzig zerbombt und mit ihr die Villa, in der Gisela mit ihrer Schwester und ihren Eltern lebte. Kurz bevor alles zu Ende ging, machte Gisela ihr medizinisches Staatsexamen. Der große Verderber ging dahin und so auch seine Kumpanen. Das Land wurde geteilt und neue Herren kamen. Gisela zog wieder in das Haus der Familie in Halle, promovierte zum Dr. med.,  wurde Frauenärztin und lebte ein langes, ausgefülltes Berufsleben. Fünf Jahre nachdem sie in Rente gegangen war, erlebte sie, wie die Teilung des Landes aufgehoben wurde und wie die Stadt Halle langsam aus ihrem langen Dornröschenschlaf erwachte. Weitere drei ereignisreiche Jahrzehnte später stieg sie eines Tages auf den Dachboden des Professorenhauses, das seit langem ihr und ihrer Schwester gehörte und öffnete nach langer Zeit zum ersten Mal wieder den Puppenkoffer, in dem Annegret die Zeit, die Bombenangriffe, die Umzüge, die Notzeiten, die Berufs- und Rentenjahre unbeschadet überstanden hatte, als sei die Zeit an ihr vorbeigegangen ohne sie zu achten.

gisela und schwester 2016Fast 100 Jahre alt ist Frau Dr. H. heute und weil die beiden Schwestern, die ohne Nachkommen geblieben sind, sich entschlossen haben, das Leben in Zukunft etwas ruhiger angehen zu lassen, steht für sie ein Umzug in eine Seniorenresidenz an und damit die Trennung von vielen liebgewonnen Dingen, die sich im Haus angesammelt haben. So stellte sich auch die Frage, was aus Annegret wohl werden mag. Sie soll in gute Hände kommen, so viel war klar, und wo möchte sie besser aufgehoben sein als dort, wo sie einst hergekommen ist? Also kam es zu einem unverhofften Wiedersehen in Bad Kösen, als Peterle/Annegret nach 90 Jahren jung und frisch wie eh und je zurückkehrte in die Stadt Ihrer Herkunft, wo sie nun zusammen mit anderen Käthe-Kruse-Geschöpfen hoffentlich noch viele Jahrzehnte überdauern.