Dezember 2014: Nach fast 60 Jahren wieder in Bad Kösen.

Hallo Heidi!

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- Ein vorweihnachtliches Präsent überließ uns vergangene Woche Sigrid Kutsche aus Jena, als sie uns für die Käthe-Kruse-Sammlung ihre Puppe übergab. Nach fast 68 Jahren trennte sich die ehemalige Bibliothekarin mit leichtem Wehmut, aber gutem Gewissen von „Heidi“, die sie im Alter von sechs Jahren von ihrer Mutter erhalten hatte.

Es sind insbesondere die Erinnerungen der Spenderin, die für uns die übergebene Puppe so besonders wertvoll machen. Die geben einen Einblick in eine schwere aber behütete Kindheit und zeigen ganz nebenbei die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen auch die Käthe-Kruse-Werkstatt in der Nachkriegszeit konfrontiert war:

„Meine Mutter bekam mit 12 Jahren ihre erste Puppe. Sie wurde 1905 geboren. In dieser Zeit - vor allem während des 1. Weltkrieges – gab es wichtigeres als eine Puppe. Ihr Vater war im Krieg und ihre Mutter musste sich mit ihren beiden Töchtern allein durchschlagen. Die Mädchen mussten beizeiten im elterlichen Papierwarengeschäft mithelfen. So war sie glücklich, als sie endlich die Puppe bekam, die sich so sehnlich gewünscht hatte. Ihr eigenes kleines Mädchen sollte dann später eine ganz besondere Puppe haben.

Wieder war eine schlimme Zeit. Der 2. Weltkrieg war gerade vorüber, das Haus zerstört, die Spielsachen unter Trümmerbergen. Es gab kaum etwas zu essen und die Kleidung für meinen Bruder und mich nähte meine Mutter aus Sachen der Familienangehörigen. Eigentlich gab es wieder wichtigeres als eine Puppe. Aber meine Mutter schrieb an Käthe Kruse und bestellte eine Puppe für mich. Sie musste dafür sogar ihre Haare opfern.

Ich erinnere mich noch daran, dass eines Tages ein geheimnisvoller, länglicher Karton ankam. Es war 1947 und ich war sechs Jahre alt. Im Begleitschreiben von Käthe Kruse war zu lesen, dass sie uns ein ‚echtes deutsches Kind‘ schickt. Nun hatte ich meine Käthe-Kruse-Puppe. Sie wurde ‚Heidi‘ genannt. Ich wurde angehalten, sie nur mit sauberen Händen anzufassen und ich durfte auch nur in der Wohnung mit ihr spielen. Zur Sicherheit nähte meine Mutter der Puppe Kleider mit langem Arm, langen Strümpfen, Mantel und Hütchen aus Stoffresten. Damit diese Sachen auch gut sitzen, verpasste sie der Puppe Schulterpolster.

sigrid-kutsche-1947-300Ich war eine echte Puppenmutter und habe meine „Heidi“ geliebt. Für meine Mutter war sie immer eine ganz besondere Puppe und für mich dadurch auch. Deshalb habe ich mich auch nicht von ihr getrennt. Sie war für mich die schönste Erinnerung an die Liebe meiner Eltern und an eine behütete Kindheit, wofür ich unendlich dankbar bin. Hin und wieder strickte oder häkelte ich ein neues Kleid. Auch Mützchen bekam sie, damit das Haar nicht einstaubte oder verblich. Mein Haar ist jetzt weiß, ihres ist noch dunkelblond. Ich habe nun meinen letzten Lebensabschnitt erreicht. Da ich keine Kinder und Enkelkinder habe, möchte ich meine Puppe an den Ort ihrer Entstehung zurückgeben.

Übrigens, die Tochter meines Bruders bekam auch eine Käthe-Kruse-Puppe, allerdings dann schon mit dem VEB-Stempel auf der Fußsohle und jetzt ist sie in Virginia/USA.“

Diese Aufzeichnungen vermitteln nur einen kleinen Eindruck davon, welchen Wert die Puppe für Frau Kutsche hat und wie durch sie ein beständiges emotionales Band zu ihren Eltern, besonders zu ihrer Mutter geknüpft wurde. In einem langen Gespräch konnten Erinnerungen an viele glückliche Kindertage ans Tageslicht befördert werden, die trotz der Kriegs- und Nachkriegswirren mit zerstörtem Heim und großer wirtschaftlicher Not als harmonisch und liebevoll beschrieben wurden.

So ist die Käthe-Kruse-Puppe nicht die einzige Puppe, die sich im Besitz von Frau Kutsche befand, denn den Eltern war viel daran gelegen, ihrer Tochter eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Dass sich die Mutter für eine Puppe aus den Käthe-Kruse-Werkstätten entschied, erklärt sich Frau Kutsche mit deren Qualitätsbewusstsein und dem Wunsch nach einem langlebigen und hochwertigen Spielzeug. Jedoch war der Erwerb eben dieser Qualitätsarbeit während der Nachkriegsjahre, in denen viele Firmen von akuten Materialsorgen betroffen waren, nicht ganz einfach. Auch die Käthe-Kruse-Werkstätten sahen sich mit einer prekären Versorgungslage konfrontiert. Oft konnten Puppen nur fertiggestellt werden, wenn die Besteller selbst die benötigten Materialien (u.a. Stoff-und Lederreste) bereitstellten. Mutter Kutsche musste deswegen einen Teil ihrer Haare opfern und nach Bad Kösen schicken, damit daraus eine Puppenperücke geknüpft werden konnte. Als die Puppe per Päckchen in Jena schließlich ankam, war die Aufregung groß.  Leider ist das Begleitschreiben bzw. die Korrespondenz zwischen Käthe Kruse und Frau Kutsches Mutter nicht mehr erhalten, sodass keine konkreten Informationen über den Preis der Puppe und über die Voraussetzungen für ihren Erwerb vorhanden sind. Denn als Frau Kutsche viele Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, dieser Briefwechsel wieder in die Hand fiel, war sie irritiert und gleichzeitig besorgt wegen der Typenbezeichnung „deutsches Kind“ (es handelt sich um eine Puppe vom Typ VIII, „das große deutsche Kind“). Sie empfand sie als „zu nationalistisch“ für den realsozialistischen Staat, in dem sie lebte, und sie entschloss sich, den Brief wegzuwerfen. Heute bedauert sie den Briefverlust, da sie Jahrzehnte später während eines Besuchs der Bad Kösener Käthe-Kruse-Puppenausstellung erkannte, dass die Sorge um die Herkunft ihrer „Heidi“ wohl unbegründet war.

Die fast sieben Jahrzehnte alte Puppe ist in einem makellosen Zustand, lediglich die Haarfarbe ist über die vielen Jahre etwas verblichen. Auf ihrer linken Fußsohle ist noch deutlich die Käthe-Kruse-Markung erkennbar und ein Teil ihrer Originalkleidung konnte ebenso bewahrt werden. Der behutsame Umgang mit ihr, auf den die Mutter so viel Wert gelegt hatte, ist aus heutiger Sicht ein sehr glücklicher Umstand. Sicher ist es für das spielende Kind nicht sehr vergnüglich, wenn Verbote das Spielen begleiten. Zurückblickend war jedoch die die Ermahnung der Mutter, mit der Puppe achtsam umzugehen, keine Belastung für die Tochter. Vielmehr blieb die dadurch hervorgerufene Wertschätzung über die ganzen Jahre bestehen. Genauso wie der intensive Dank an die Eltern für eine unbeschwerte, geborgene Kindheit, für welche die Puppe heute steht. [KG]