Nachdem bißhero von der entsetzlichen und fast nie erhörten Feuers-Brunst/ welche den 29. Jun. 1714. als am ersten Tage der Petri Pauli Messe/ durch Verwahrlosung des Pulvers die gute Stadt Naumburg/ besonders aber die Herren-Freyheit und Vorstädte/ Leider! hart betroffen/ viel Unwahrheiten ausgestreuet worden/ So hat man sich möglichst bemühet / alles genau und richtig zu untersuchen/ und solches dem geneigten Leser in gegenwärtiger Schrift ausführlich zu communiciren/ nebst einer kurtzen Nachricht/ was die Stadt Naumburg von ao. 1336. an biß hieher vor Feuer-Schaden erlidten. Gedruckt Auf Kosten des mit abgebrannten Buchdruckers/ Balth. Boßögels.


san ko vi 013 085Hochgeneigter Leser!

Obwohl sonst jedesmahl der 29. Junii der guten Stadt Naumburg ein Freuden-Tag gewesen / ja ein Tag / an welchem jederzeit so viel tausend frembde / sowohl ausländischweit entfernete / als auch nah herum wohnende Menschen sich darinnen befinden; so ist doch besagter 29. Junii in diesem 1714. Jahre dieser werthen Stiffts-Stadt ein sehr fataler und unglücklicher Tag gewesen / da durch das unvorsichtig-entzündete Pulver so unaussprechlich- und unbeschreiblicher Schaden geschehen / welchen so viele frembde und einheimische Menschen mit Augen gesehen / überdiß auch / wie eingelauffene Brieffe erweisen / an weit entfernten Orten ruchbar und kund worden.

Nachdem man aber sowohl in öffentlichen Gazetten und Zeitungen / ja andern gedruckten Nachrichten befunden / dass gantz ohne Grund und mit vielen Unwahrheiten der unglückliche Casus beschrieben / (denn man hat sich nicht gescheuet zu schreiben / die todten Cörper hätten auff der Mauer gestanden wie Brustbilder / so viel hundert Häuser wären abgebrannt ec.) so hat man sich bemühet / so viel möglich zu erfahren gewesen / und was die Wahrheit ist / zu colligiren / und den geneigten Leser zu communiciren / versichernde / daß nichts / wo man nicht Auctorität genug hat gehabt / hierinnen zu befinden / und alles / was darbey sich begeben / aufgesetzet worden. Und ist hoch zu verwundern / dass von so vielen Leuten / die dabey verunglücket / niemand als eine Weibesperson übrig blieben / der da sagen könne / wie eigentlich die schädliche Entzündung des Pulvers entstanden; und obwol genauere Nachfrage deßwegen geschehen ist / so ist hiervon Biss dato keine andere Nachricht zu erlangen gewesen / als nach der Aussage der nur gedachten u. durch das entzündete Pulver geführlich beschädigten Weibsperson / Namens Marien Dorothee Schwartzin


san ko vi 013 085von Bitterfeld gebürtig / welche bey dem einen Pulverhändler / Christoph Miethen aus Leipzig / gedienet / und bey seinem Stande gesessen. Diese Magd hat das Pulver eine Ecke in die Lufft geschlagen / daß sie aus der Fischgassen / wo sie feil gehabt / biß in die Mühlgasse über 5. und zwar breite Häuser in die Höhe getrieben / da sie denn im herunter-fallen auf einen der gleichen in die Luft gesprengt-verbrannten Mann gefallen. Diese Schwartzin liegt biß dato hier noch auff dem Weingarten bey ihrem Vetter / einem Kürschner / kranck und zumahl an der rechten Seiten / wo sie das Pulver gefasset / sehr übel zugerichtet und zuschlagen darnieder / und ist nicht gestorben / wie man in andern gedruckten Relationen geschrieben / wird auch noch biß dato in der Stadt-Kirche vor sie gebeten. Die rechte Seite am Kopffe hat sehr viel gelidten / so daß sie auch schwer höret; alle Haare seynd ihr vom Kopffe gebrennet / biß auff das umwundene NestAdelung: Das auf einem Frauenzimmerkopfe entstehet, wenn die geflochtenen Haare oben auf dem Kopfe um die Nest- oder Nestelnadel geschlagen werden, welche Art noch unter geringern Personen, besonders auf dem Lande, üblich ist; die Nestel, das Haarnest, Zopfnest.; der rechte Arm ist sehr beschädiget / so gar / daß fast 2 Zoll tieff das Fleisch davon weggeschlagen; das Gesäß an der rechten Seiten ist übel zerschlagen und zerrissen / ingleichen auch das rechte Bein / da sie denn auf dem Fußbrete 6 Löcher hatte / daß man die Flechsen liegen sehen können; an der Wade des rechten Beins war ein grosser Fleck so hart gebrennet / daß nicht durchgeschnitten werden kunte / nachdem es aber mit einer Salben erweichet worden / hat sich ein Loch gefunden / so groß / daß man alle 5 Finger zusammen geschlossen biß an die Hand darinne verbergen können: aus dieser Wunde hat man heraus gezogen Stücken Tuch eines Fingers lang von ihrem Rocke / Kieselsteine und Schrote / welches alles die Hefftigkeit des Pulvers hinein geschlagen. Nunmehro dürffte sie wohl ausser Lebens-Gefahr seyn / indem sie sowohl den sehr beschädigten Arm als Bein wieder regen und in die Höhe heben kan; und ist zu verwundern / daß / da sie so erbärmlich zugerichtet gewesen / doch an keinem Gliede ihres Leibes verstümmelt / oder deren eines verlohren / auch inwendig im Leibe gesund ist / und ein wenig Speise zu sich nimmt. Und diese Schwartzin ist von so vielen Menschen / die das Unglück getroffen / die eintzige / so überblieben / von der nur noch ein wenig Nachricht zu haben / wie etwa das Unglück angegangen. Sie bleibet noch bey ihrer Aussage wie beym Anfange / und ist deßwegen von mir gestern noch gefraget worden / absonderlich: Ob es mit einem Brenn-Glase verursachet sey? welches sie gäntzlich verneinet / und ihre Erzehlung ist / wie folget: Es hätte ein Jäger bey dem Pulverhändler / so den andern Stand gehabt / Pulver kauffen wollen / und da er der Verkäuffer solch Pulver allzunahe an dem Stande probirenprüfen wollen (denn er nicht mit der Pulver-Probe / wie sie sonst zu thun pflegen / hinter die eine Ecke der


san ko vi 013 085Fischgassen an die Mauer getreten / sondern sey kaum 4. oder 5. Schritte von seinem Stande weggegangen / um das Pulver zu probiren) es hätte ihn aber der Jäger / wie auch die Schwartzin gewarnet und sehr gebeten / er möchte sich doch in acht nehmen / darauf er habe geantwortet: Er hätte mehr Pulver probiret / wüste schon / wie er damit umgehen müste; habe darauff die Pulver-Probe loß geschnellet / da denn das Feuer das in denen Buden gestandene Pulver / SchwärmerAdelung: Ein schwärmendes Ding, in welchem Verstande es besonders in der Feuerwerkskunst üblich ist, wo ein in Papier gefüllter kleiner Feuerwerkssatz, welcher, wenn er angezündet wird, vor dem Zerplatzen nicht nur ein schwärmendes Getöse macht, sondern auch ohne Ordnung hin und her schwärmet / SchwammAdelung: Der Feuerschwamm,  ein gepolsterter ebener Löcherschwamm, mit sehr zarten Löchern, der auf Birken- und andern Bäumen in Gestalt eines Pferdehufes wächset, und zum Anzünden des Feuers zubereitet wird (dessen gantze Bündel da gelegen) ergriffen / darauff das erschreckliche Unglück erfolget wäre. So viel erzehlet die Schwartzin: nachdem wüste sie weiter nicht / wie ihr geschehen / als daß sie meynet / sie wäre wo an einem Hause hangen blieben / und endlich auf den einen verbrannten Cörper in der Mühlgassen gefallen / da ihr die Kleider fast alle vom Leibe gebrennet gewesen / biß auff ein wenig vom Hemde / ist ihr auch alsofort ein Hembde und ein Rock geschenket worden / daß sie nicht nackend hat dürffen weggeschaffet werden. Es seynd die Schrote auff ihrem Hembde geschmolzen / wie noch welche kleben und zu sehen seyn an dem bißgen Leinewand / so ihr am Leibe von dem Hembde übrig geblieben. GOtt helffe / daß sie bald von ihren grossen Schmertzen möge befreyet werden / und zu ihrer völligen Gesundheit gelangen.

Der Anfang des Unglücks oder vielmehr der hefftige Schlag von dem entzündeten Pulver geschähe am Tage der beyden Apostel Petri und Pauli / als am 29. Junii / Nachmittags um 2. Uhr dieses Jahres / welcher Schlag so hefftig gewesen / daß derselbe 2. biß 4. Meilen1 sächsische Polizei-Meile = 16000 Dresdner Ellen = ca.  9km und noch weiter gehöret worden. In der Fischgassen halten die Pulverhändler 11. Stände / dergleichen Zahl wohl nicht viel wird andere Jahr hier gewesen seyn. Sobalde als der Schlag geschehen / und der Dampff vorbey / war es unten in der Fischgassen / wo sie feil gehabt / so rein alles weggeschlagen und mit in die Lufft genommen / daß nicht zu sehen war / ob eine Bude oder Menschen da gestanden. Das entzündete Pulver thürmete sich in die Höhe und breitete sich das Feuer erschrecklich aus / man sähe alles schwartz in der Lufft und im Feuer herum fliegen / wodurch denn der Brand und Einäscherung so vieler Häuser und ScheurenScheunen in der Stadt / Herren-Freyheit und in denen Vorstädten erfolgete. Die Pulverleute haben ihre Stände unten in der Fischgassen bey dem so genannten Pulverthurm / welcher in der inwendigen Stadt-Mauer stehet / da denn auch von dem erschrecklichen Schlage 4. Häuser / so die nächsten darbey waren / eingefallen und totaliter ruiniret / so gar / dass sich die Leute kaum in denen Kellern darunter anffhalten können; auff der andern Seiten hat es ein neu erbautes Hauß gantz erschüttert / die Werckstücken aus denen Fen-


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stern zerschmettert / alle Tühren von unten biß oben augerissen / und so das Hauß nicht so feste und neu erbauet gewesen / wär es / denen andern gleich / über einen Hauffen geschmissen worden; noch andere Häuser hat es ohnweit darvon / als des Hrn. Stadt-Musici seine Wohnung und daran stehende Schul-Collegen Hauß dergestallt erschüttert / daß gantz neu Sparrwerck darauff muß gebauet werden; die neu erbauete Marien Magdalenen-Kirche / welche gantz oben an der Fischgassen stehet / hat den hefftigen Knall auch erfahren / in dem sich die Bogen an denen Fenstern gerücket / und sonsten in der gantzen Fischgassen / Mühlgassen / und kleinen Mariengassen alle Oefen und Fenster eingeschmissen; wie denn auch am Marckte in der so genannten Löwen-Apothecken ein Ofen eingefallen / und ein Fenster aus den Zapffen des Rahmens gerissen. In der Fischgassen / obschon viel Häuser anfiengen zu brennen / so half doch GOtt / daß sie alle zeitig durch gute Anstalt und Löschen gerettet wurden / doch aber hinter der Mauer 5. Scheuren niederbrannten. Ob nun wohl die unglückliche Entzündung des Pulvers in der Stadt geschahe / so wendete sich doch das Feuer durch den Wind alles hinaus auff die Freyheit / so daß es alsofort an 8. biß 10. Orten anfieng zu brennen / nicht allein auf der Herren-Freyheit / welche nur die Stadtmauer von der Stadt scheidet / sondern gantz am Ende der Vorstadt auff dem Gottes-Acker und so genannten Weidgarten heute: Schulstraße fiengen etzliche Häuser an zu brennen / da denn unmöglich war / daß die Leute einander helffen können / indem da und dort alles in völliger Gluth stande / und geschähe die schreckliche Entzündung / zumahl bey sehr heissen Wetter / sowohl durch die brennenden Breter derer Pulver-Stände / von denen Lumpen der Kleider / derer in die Lufft geflogenen Menschen / und durch die brennende Pulver-Säcke / meistens aber durch den vielen Schwamm / welcher in der Lufft brennend herum geflogen / und auff die Schindel und Stroh-Dächer gefallen; wie man denn noch sehen kan in der Stadt auff denen Schindel-Dächern / wie der Schwamm eingebrennet hat. Es kan nicht arg genug beschrieben werden / wird es auch niemand glauben / als wer es mit Augen gesehen / wie das Feuer gewütet / und in so kurtzer Zeit / von Nachmittags 2. Uhr an biß auff den Abend um 10.Uhr / die gantze Herren-Freyheit / Qthmars-Kirchhoff / Michaelis-Gasse und die daran stehende Hospital-Kirche / Moritz Gasse / die so genannte Mausa / Weidgarten / und Gottesacker / so erst neulich repariret worden / biß auff wenig Häuser / eingeäschert und verzehret hat / worunter auch die wohl etablirte Naumburgische Buchdruckerey / welche gäntzlich und mit den neuesten Schrifften / vielem Papier und verfertigter Arbeit ruiniret und im Feuer auffgangen. Ja


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keine Mauer ist so feste gewesen / sie hat müssen zerspringen und sich niederlegen; fest geschloßne Gewölbe haben dasjenige / so hineingeflüchtet worden / müssen lassen zu Aschen werden. Summa / es schiene / als solle nichts Überbleiben / sondern alles zu düstern Brand-Stetten werden. Das Hertz im Leibe möchte einem zerbrechen / wenn man die Stätte / allwo sonst Häuser gestanden / und Menschen gewohnet / ansiehet / ietzo nichts findet als auffgethürmte Aschen-und Schutt-Hauffen / ja am meisten Orten findet man nicht so viel Holtz / daß das Feuer übrig gelassen / daß nur einige Anzeigung dafür / daß Holtz in den Häusern eingebauet gewesen; die Menschen und Kinder haben sich hin und wieder zerstreuet / halten sich auch noch etwa in einem beschädigten Keller auff / damit sie nur von der Sonnen-Hitze befreyet seyn. Die Anzahl der verbrannten Häuser auff der Freiheit und Vorstädte hat man hieher setzen wollen / wie solche von denen Herren Geistlichen eingegeben / und Wie viel von jeden derselben Beicht-Kinder abgebrannt seyn.

 Dem Hrn. Dom-Prediger 31 Häuser /
Dem Hrn. Mittags- Prediger 114.
Zu St. Othmar 187.
Zu St. Moritz 99.
Summa 431. Häuser.

So aber diejenigen Neben- und Hinterhäuser / worvon die fördersten Wohnhäuser noch stehen / samt denen abgebrannten Scheuren mit darzu gerechnet werden / so dürffte sich die Anzahl biß auf 800. belauffen. Diejenigen / sowohl die Pulver-Leute / als noch viel andere frembde Personen / so darbey verbrannt und ums Leben gekommcn / sollen auch / so viel deren zu erfahren gewesen / beniemet werden.

1. Hr. Christoph Mieth / ein Gastwirth aus Leipzig / hat den ersten Stand hinauff nach der Marien-Kirchen zu gehabt / und Schrote / Pulver / DunstAdelung: Bey den Jägern wird die kleinste Art des Schrotes, womit kleine Vögel geschossen werden, Dunst genannt / Schwärmer / und zugleich auch Schwamm mit feil gehabt: Hat bey dem Sägenschmidt in der Mühlgasse / Mstr. Joh. Georg Lauben / sein Quartier gehabt. Dieser ist den Sonntag darauff den 1. Julii Abends um 9. Uhr mit gewöhnlichen Ceremonien in Begleitung einer kurtzen Procession vom Schneider-Handwerck auff hiesigen Gottes-Acker begraben und von gedachten Handwercke getragen worden. Bey diesem hat das Mensche Maria Dorothea Schwartzin gedienet / so alleine noch am Leben blieben / und von der die wenige Nachricht herrühret.

2. Herr Krug / von Mühlhausen / welcher seinen Sohn und einen Knecht bey sich gehabt / hatte den andern Stand / und sein Quartier bey


san ko vi 013 085dem Tischer gegen über an der Ecken der Mühlgassen / Meister Daniel Schimpffermann / hatte seine eigene CalescheAdelung: Ein  leichter, oben offener Reisewagen / 3 Pferde und KufferAdelung:  ein cylindrischer Kasten mit gewölbtem Deckel und gewölbten Seiten, besonders von mittlerer Größe, so wie man ihn auf Reisen bey sich zu führen pfleget / welches alles zusammen nach geschehenen Unglück und entstandenen Tumulte von einem Manne / welcher sich vor einen Befreundten Hrn. Krugs ausgegeben / weggeführet worden / hat in der Angst die DeistelDeichsel vergessen / und auff dem nechsten Dorffe eine machen lassen / hat auch Hrn. Krugs seiner Frauen die Calesche und Pferde / aber einen leeren zerbrochenen Kuffer gebracht / da doch der Wirth hier in Naumburg aussaget / der Kuffer sey so schwer gewesen / daß seine Lehrjungen solchen hätten müssen helffen auff den Wagen heben; Es soll ein Orgelmacher aus Mühlhausen gewesen seyn. Wie es damit ablauffen wird / lehret die Zeit. Vierzehen Tage nach der Messe kam die Fr. Krugin nach Naumburg / wolte ihres Mannes übrige Sachen holen / da sie sagte: Er hatte 12. Centner Pulver mitgenommen / fand aber unter dem hinausgeschafften Pulver nicht mehr als etwa anderthalben Centner / ob das übrige verkaufft / oder in die Lufft geflogen / weiß man nicht.

  3. Johann Heinrich Zenner / ein Tischer von Leipzig / ein Mann mit weiß-grauen Haaren / und bereits bey Jahren / hat in der Herren-Gasse bey dem Kürschner / Meist. Joh. Andr. Zahnen / sein Quartier gehabt. Dieser ist den 30. Junii Abends um 9 Uhr mit gebräuchlichen Ceremonien auff hiesigen Gottes-Acker mit dem Leichen-Wagen geführet / und wurde von einigen Leipziger Kauffleuten begleitet / dahin begraben. Er soll einen Sohn haben / welcher allda verheyrathet / und ein Handelsmann von guten Mitteln seyn mag.

4. Joh. Christian Gepner / ein Schneider von Zwencke / hat den 4ten Stand und sein Quartier bey dem Schuster / Meister Johann George Heeringen (welchem sein Hauß gantz ruiniret ist) gehabt. Den Sonntag darauff als den 1. Julii kam ein Sohn von diesem Gepner / ein Knabe von etwa 16. Jahren anher in die Fischgasse / und fragte nach seinem Vater; Als er nun die betrübte Nachricht erfuhr / ist leicht zu glauben / daß er hefftig darüber erschrocken / lamentirte sehr erbärmlich / und sagte / daß er gestern Nachts um 10. Uhr von dem Unglück gehöret / wäre darauff von Zwencka ausgegangen / seinen Vater zu suchen / berichtete anbey / sein Vater hätte verschiedene Scripturen und Belege / so zu einer Kirch-Rechnung gehörten / mit sich im Rantzen anhero genommen / meynete / wenn etwa diese unterm Schutte oder Holtze in seinem Quartier bey Heringen gefunden würden / man möchte selbige ihm doch wieder zustellen / es wäre denen Gepners Kindern und Erben gar viel daran gelegen / indem ihr Großvater Kirch-Vorsteher gewesen zu Zwencka / und ihr nunmehro ums Leben gekommene Väter einen Process darüber führen müssen. Es gieng iemand mit diesem Knaben hinaus auff den Gottes-Acker / und ließ ihm die allda hingebrachten Cörper zeigen / ob er seinen Vater darunter antreffen würde / konte aber solchen wegen


san ko vi 013 085Schwärtze von dem Brande nicht erkennen. Als er wieder zurücke in die Stadt kam / fände er unter dem Schutte bey gedachten Herings Hause ein Stücke von seines Vaters gewesenen bräunlichen Rocke / riß einen Lappen davon / sagte / dieses wäre seines Vatern Kleid gewesen / steckte es zu sich.

 5. Bernhard Michael Reuter / bürtig von Halle / nebst seinem jungen Sohne / Christian Wilhelmen / von 9. Jahren ohngefehr / hat den 5ten Stand und auch bey Heringen sein Quartier gehabt. Dem folgenden Sonntag / als dem 1. Julii Vormittags um 10. Uhr / kam dieses Reuters älterer Sohn / ein Knabe von etwa 12. biß 13. Jahren / bat seines Vaters Wirth / er möchte mit ihm aufs Rathhauß gehen / daß er wegen seines umgekommenen Vaters und kleinen Bruders ein Attestat bekommen könte / welches auch geschehen.

6. Martin Behende / bürtig von Sondershausen hat den 6ten Stand gehabt / und ist im Quartier gewesen bey George Grossen / sonst Schnecken Görgen genannt.

7. N. Köhler / der ältere / von Heilgen-Stadt / Römisch-Catholischer Religion / hat auch bey Schnecken Görgen geherberget / und den 7den Stand gehabt.

8. N. Köhler / der jüngere / vorigen Köhlers Brudern Sohn / gleicher Religion und daselbst her / hat den achten Stand gehabt / und Logier bey obigem Schnecken Görgen.

9 Hans Follert / bürtig aus dem Amts-Dorffe Königshayn von Wechselburg / ein Mann von 25. Jahren / kleinen schwachen Statur / schwartzen Haaren / in grauer Kleidung / wie sein Pass / welcher nach diesem gefunden / und den viele gesehen und gelesen / benachrichtiget / hat den neundten Stand / und sein Quartier bey offt erwehnten Schnecken Görgen gehabt.

10. Zwey bißher noch unbekante Pulverleute / so auch bey Schnecken Görgen logiret / und wie sie gesagt / zum erstenmahle Pulver allhier feil gehabt hätten.

11. Benjamin von Ottendorff / hat auch allda geherberget / und im letzten Stand am Wasser-BottigteAm mauerseitigen Ende der  Fischgasse befand sich ein Fischkasten an gehabt.

Was sonderlich merckwürdiges dabey vorgegangen / und was vor Cörper noch gefunden worden.

Unter allen ist dieses wohl das Vornehmste / daß der grundgütige GOTT bey diesem grossen und unbeschreiblichen Unglücke und entsetzlichen Anblicke alle drey GOttes-Häuser und Kirchen mitten in der wütenden Gluth erhalten. Denn erstlich ist es ja der Dom-Kirchen so nahe gewesen / da alles herum fast niedergebrennet / ja der eine Thurm / von welchem die Spitze abgetragen / hat würcklich oben gebrennet / daß die Flamme beynahe einer halben Ellen hoch heraus brannte / wurde doch mit göttlicher Hülffe gelöschet. Eben auff diesem Thurme sowohl / als auch auff dem andern / auff welchen erst eine neue Haube gebauet


san ko vi 013 085worden / haben die Glocken-Stühle zweymahl auff beyden Thürmen gebrennet / das Feuer und der Wind hat glüende Kohlen und Brändte wie geballte Fäuste groß hinein geschmissen / welches alles mit der grösten Gefahr gelöschet worden; das Heu / so im Creutzgange gelegen / ist in hellen Brand gerathen / dass es mit der grösten Gefahr gelöschet worden.

Zum Andern ist es der Kirchen zu Sanct Othmar noch näher gewesen / indem die Häuser auff beyden Seiten sammt der Schulen niedergebrannt und in Aschen-Hauffen liegen / da diejenigen Häuser an der Zahl etwa 8. so bey der Schulen gestanden / kaum 10. Ellen breit von der Kirchen abstehen; der Holtz Stall an der Pfarr-Wohnung hat gebrennet; Ja der hölzerne Sims / so unter dem Dache um die Kirche gezogen / ist ein gut Theil hinter der Orgel aus- und zu Kohlen gebrennet; die Gluth von den Häusern hat das eine Fenster hinein getrieben / daß / wenn nicht die dabey stehende grosse Linde / und das unermüdete Giessen u. Wehren sowohl frembder als einheimischer Leute / und vor allen Dingen göttliche Vorsorge die Gluth abgetrieben / die liebe Kirche dergleichen Fatavon lat. fatum: Schicksal / als die dabey stehende Häuser und Schule erfahren müssen.

Drittens / die Kirche zu St. Moritz hat nicht weniger in Gefahr gestanden / indem die Häuser daherum in der Aschen liegen / und die Pfarr-Wohnung dreymahl gebrennet / welche sehr nahe an der Kirchen ist / doch durch göttliche Direction gelöschet / und also das liebe GOttes-Hauß nebst denen andern beyden in dem unmöglich [zu] stillenden Brande erhalten worden. Derjenige / so diesem jämmerlichen Spectacul zugesehen / wird bekennen müssen / daß dem Feuer mit keiner Hülffe beyzukommen gewesen / und dahero alles aus dem Grunde heraus gebrennet hat.

Unter denen Leuten / so damahls bey den Pulverständen gewesen / und verunglücket seyn / von denen sind folgende zu erfahren gewesen:

1. Ein Jäger wurde damahls von dem Pulverschlage in genannten Tischers Schimpffermanns untersten Wohnstube durch das Eck-Fenster gegen über mit solcher Hefftigkeit geschmissen / daß er am andern Ende der Stube aus der Werckstatt gantz zerschmettert gefunden wurde; wie denn die vestigialat. für Spuren noch zu sehen / als am Fenster oben / wo es ihn hinein geschmissen / ist ein Fleck eines Hutes groß Geblüthe und Gehirne / auch gegen über an der Werckstatt / Schubladen darunter / und gantzen Wand und Thüre / wo alles häuffig mit Blute bespritzet / Lunge / Leber / Hertz und Eingeweide lag neben dem Cörper bey der Stuben-Thüre auff der Erden. Dieser soll bey dem Herrn von Perlepsch zu Teuchern in Diensten gewesen seyn. Die Tischerin zeiget einen zerbrochenen Hirschfängerlanges Jagdmesser mit geschliffenen Stahl beschlagen / und ohne Scheide / ob dieser vielleicht obigen Jäger oder einem andern gehöret hat / weiß man biß dato noch nicht eigentlich. Auf die Freyheit in des Bildhauers Hauß ist auch ein Stück von einem Hirschfänger geflogen kommen / und eben die unterste Spitze / als wie an dem / so der Tischer hat / abgebrochen ist.


san ko vi 013 0852. Den 1. Julii kommt ein frembder Mann in eines derer zerschmetterten Häuser / fragte / ob man ihm nicht Nachricht geben könte / wo Leute von Zwencka darum herbergeten? Er könte es nicht erfahren; Er hätte zwey erwachsene Söhne / so Musicanten wären / und ietzo zum erstenmahle nach Naumburg auff die Messe komen / um allhier mit aufzuwarten. Da er nun wegen des Schneiders / Joh. Gepners von Zwencka Nachricht bekam / erschrack er und sagte / wie daß seine beyden Söhne mit diesem Schneider bekant gewesen. Kan wohl seyn / daß diese bey Gepnern damahls vor dem Stande gewesen / als das Unglück geschehen. Man hat von diesem Manne und seinen beyden Söhnen nichts weiter vernommen

 3. Den 30. Jun. Sonnabends / ward der Pulverhändler Köhler Senior / so den 7. Stand gehabt / unterm Schutte bey Schnecken Görgens nebst noch einem andern Cörper an Herings Hause gefunden. Jener / nemlich Köhler / hat 10. Thlr. Geld / und ein Ave Maria oder so genanntes Pater Noster mit einem güldnen Creutzgen noch bey sich gehabt / welches der Schuster auf der Schuster-Herberge / Meister George Schreckfisch / und der Leisten-Schneider auff das Rathhauß getragen.

4. Dis soll Köhler Jun. gewesen seyn / welcher vom Pulverschlag über des Schusters Günthers Hauß in der Fischgassen auff den Stall geschmissen / und ein Stücke vom Dache mit weggenomen hat. Diesen besagten Köhler haben sie noch brennend im Hofe am besagten Stalle / iedoch ohne Füsse / und dergestalt schon verbrannt angetroffen / daß das Eingeweide / an Caldaunen / Lunge / Leber und Hertze bloß im Leibe zu sehen gewesen; Er hat das herum liegende Gehöltze durch seine um sich habende brennende Lumpen von Kleidern angestecket / daß sie auszulöschen genug gehabt / desgleichen man auch auf dem Wohnhause / von einem allda hangend gebliebenen Pulver-Sacke / dem Feuer wehren müssen. Ein gewisser Hoff-Bedienter fande bey vorigen Cörper eine kleine Meßingene Pulver-Probe / steckte selbige zu sich.

5. Den 2. Julii / Morgens früh ohngefehr um 7. Uhr / wurde in Herings Hause unter dem Schutte ein gantz zerschmettertes Rückrad / sammt zerschlagenen beyden Armen gefunden / hatte einen röthlichen Tuch-Kittel angehabt / auch noch den oben Bügel von einem Trag-Korbe / und ein Tragband um den lincken Arm / ein Stück von einem Tischtuche / Hembde und Brüstgen von zwilligner Leinwand / woraus zu judiciren / daß es ein Bauer-Mädgen gewesen sey.

Weiter ist auf der Gasse todt liegend gefunden worden ein Lohgerber von Lauche / Meister Gabriel Später / nebst einen Mädgen / so er bey sich gehabt.

Weiter ein starcker nackender Cörper mitten in der Mühlgassen / so vor des Schusters / Meister Hanß Metzers / Thorfahrt gelegen.

Ein anderer todter Cörper vor Günthers Hause.

Ein anderer vor der Schuster-Herberge.

Ein anderer unter dem Fenster des Stadt-Musicantens / Hn. Gentzmars Wohnstube gegen über / so vor den jungen Krug gehalten worden / davon war ein


san ko vi 013 085Bein weggeschmissen / und vom Kopffe war nichts mehr da als ein wenig Hirnschedel / lag nackend / gantz gebraten / hatte ein Stückgen vom Brustlatze an sich.

Eine Müllerin / Sabina Prüfferin / von Hartzendorff bey Gera / lag unter Schimpffermanns des Tischers Eckstuben.

Noch ein ander Mädgen.

Ein Cörper bey dem Pulverthurme.

Verschiedene eintzelne Füsse / Hände / Köpffe und dergleichen mehr / daselbst um den BornBrunnen herum / und andern Orten / hin und wieder / theils auf der Freyheit / theils auch über der Stadt-Mauren / hinter bemeldten Pulverthurme hieng ein Arm auff der Stadt-Mauer.

Einer Frau / so auff der Herren-Freyheit vor ihrer Hauß-Thür sitzet / kommt / nachdem der unglückliche Schlag geschehen / ein Arm auff die Schulter geflogen.

Noch einer andern Frau / so auch auff der Freyheit an dem Graben der Fischgassen gleich über vor ihrer Hauß-Thür sitzet / und ein wenig Brodt und Käse in dem Schosse auff der Schürtze liegen hat / fällt eine weile nach dem Knalle ein Arm in den Schoß zu ihrem Bißgen Brodt und Käse. Ein Hirnschedel / welcher hinter einem Steine vor einer Haußthür der eingefallenen Häuser eins lag / war so feste zwischen dem Steine / daß derselbe mit Gewalt muste heraus gezogen werden. Ein gewisser Studiosus fand ein membrum virilelat. für männliches Glied welches an dem scrotolat. für Hodensack sehr zerstoßen war / wie denn auch unter denen todten Cörpern sich einer gefunden / an welchem es gemangelt. Gestern noch als den 27. Julii hat man in der Fisch-Gasse in einen Hause ein Stücke Menschen-Ribbe sammt einer Röhre von einem Arm gefunden / das Fleisch an der Ribbe war ganz vermodert. Man meynet / als wären es zwölff Personen / von denen die Stücken hier und da gefunden / und auf den Gottes-Acker in 9. SärgenAnmerkung Ernst Wölfer: 17 Personen 13 Särge bezahlt der Rat an Totengräber Jacob Rothe, Bel. 113 zu den Ratsrechnungen begraben worden.

Johann Philipp Oberälter / welcher Schrote eingekauffet / will deren noch mehr holen / und kommt darüber in das Unglück / daß er sehr erbärmlich zerschmettert und zugerichtet worden; diesem hat man aus der grossen Wunde / so er an dem Bein in der Wade gehabt / nicht alleine Stücken Holtz Fingers lang / und viele andere kleine Splitter / auch Schroot und Kieselstein / sondern auch gar rechten Mist f. v. herausgezogen / ist am 9. Julii gestorben und auff den Gottes-Acker geleget worden; wie auch noch ein anderer von denen Beschädigten ist den 4. Julii gestorben / daß also niemand überblieben / als oben erwehnte Schwarzin / welches billich vor eine Wunderschickung GOttes zu halten / daß diese davon kommen.

Derer Cörper etliche zwantzig seyn / worvon obiger Lohgerber von Lauch nebst einem andern frembden Mädgen / so seine vermeynt-gewese-


san ko vi 013 085ne Tochter seyn sollen. Diese ist von Naumburg nach Laucha gebracht / und mit einer Leichpredigt daselbst / wie man benachrichtiget worden / begraben. Das obige hernach gefundene Bauer-Mägdlein mit dem Tragkorbs-Bügel und Tragbande soll seine rechte Tochter gewesen seyn / welches man aus dem Habit und angehabter und beschriebener Kleidung wahrnehmen und dafür halten wollen. Es will gedachte Schwartzin vor fast gewiß sagen / daß wohl in die 40. Personen bey denen Pulver-Buden gestanden seyn.

 Ferner stehet man an der Stadt-Mauer / daß an zweyen Orten Cörper angeschmissen / indem das Gehirne da geklebet. Hinter dem Fenster-Laden an der Schuster-Herberge hatte es auch einen Cörper angeschlagen / darvon das Zeichen des Gehirns zu sehen.

Ein Kopff stunde bey Schnecken Görgens Hause auf einem Brete / so glatt abgelöset / als hätte es der Nachrichter gethan / war ein zarter Kopff und mehr vor ein Weibs- als Manns-Gesichte gehalten.

An dem Hause des Mäurers / Meister Abrahams / findet man / daß es allda auch einen Kopfs angeschmettert. Es sind verschiedene Mahler da gewesen / welche es angesehen / indem es den gantzen Kopff eines Weibs-Bildes mit fliegenden Haaren praesentiret. An der Ecke des Hauses neben dem Mäurer siehet man / daß es einen Menschen angeschlagen / da denn ein Zeichen einer Ellen lang darbey ist / und wurde selbigen Tages / da das Unglück geschehen / befunden / daß das Zeichen f. v. Menschen-Koth war / woraus zu schließen / mit was vor einer Gewalt der Schlag geschehen sey.

Kurtz: Es ist noch biß dato nach allem angewandten Fleiß nicht zu erfahren gewesen / wird auch vermutlich nimmermehr gantz genau und accurat zu erfahren seyn / auf was Art und Weise eigentlich die Verwahrlosung des Pulvers geschehen / und wie viel Personen verunglücket worden. Dieses kan seyn / daß ihrer viele alsofort durch das Pulver ergriffen / und dergestalt zerschmettert / und von dem Winde in der Lufft die Gebeine weggeführet worden / daß man Reliquienmenschliche Überreste noch hier und da davon findet; wie man denn vermuthet / daß noch davon unter dem annoch stehenden Getraide auff dem Felde liegen / und bey instehender Erndte gefunden werden dürfften.

Nun folgen diejenigen Personen / so in der grossen Feuers-Brunst um das Leben gekommen

1. Meister Hanß Kintzel / Bürger und Leineweber allhier / von


san ko vi 013 085ohngefehr 70. Jahren / retiriretzieht sich zurück sich mit seines Sohnes / auch Bürgers und Leinewebers / Töchterlein / Annen Catharinen / von etwa 6 Jahren / in den Garten und in die allda stehende grünbewachsene Hütte / das Feuer kommt ihm aber auff allen 4. Seiten zu nah / daß er vom Rauch / Hitze und Dampff benebst dem Kinde ersticken müssen; Er hat lang ausgestrecket gelegen / aber an nichts versehret / desgleichen auch das Kind; so die Nachbarn / derer viere in einem Garten / hinter seinem des Kintzels Garten / beysammen gewesen / und sich dahin wegen des brennenden Hauses retiriret hatten sie ihn noch retten können / da doch diese vier Personen in solcher Noth und Angst auch gewesen / daß sie über anderthalbe Stunde nichts anders thun dürffen / als nur eins nach dem andern sich unter dem Brunnen legen / und auf sich Wasser plumben lassen / damit die von Hitze rauchende Kleider nicht angebrennet seynd / und damit solange anhalten müßen / biß alles um sie hernieder gebrennet ist / haben sich auch beym Leben wiewohl mit vieler Angst und Müh erhalten.

 3. und 4. Nicolai Andreae / eines Knopfdrehers in der Moritz-Gasse allhier / beyden Söhne / als Joh. Andreas und Gottfried / beyde noch sehr jung / sind in einen Keller gefallen / und dermassen verbrannt / daß sie eldendiglich gestorben.

5. Ein Kind auff dem Weidgarten / Hanß Leonhards Töchterlein von sieben Viertel Jahren / die Mutter ist in der Stadt gewesen / und die Kammer verschlossen / daß also niemand zu dem Kinde kommen können. Es will zwar verlauten / als hätte das Kind können gerettet werden; alleine man hätte etwa eine Thüre geschonet / und dieselbe nicht einschmeissen wollen / da denn das Kind jämmerlich / nachdem oben die Decke über ihm eingefallen / ersticken und verbrennen müssen. Den Kopff / Arme und Füsse samt gantzen Geripgen hat man gefunden / und ist so weiß gebrennet als das schönste Elfenbein. Das Kind hat nur 4 Zähne gehabt / sind auch alle viere gefunden worden.

Es ist auch dieses zu gedencken / daß / als des Herrn Krugs Frau von Mühlhausen hier gewesen / ihr auf hiesigem Rathhause ein paar verbrannte Hosen gezeiget worden / da sie denn alsofort absonderlich an einem Knopffe erkennet / daß sie ihrem Manne zugestanden / da denn in denen Schubsäcken weite Taschen in einem Kleidungsstück 50. Thlr. gestecket; die Schubsäcke sind von der Hitze dermassen zusammen geschrumpffet gewesen / daß selbige haben müssen zerschnitten werden /


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um das Geld heraus zu bekommen / welches gantz schwartz / aber doch unversehret gewesen / und ihr auch zugestellet worden.

Desgleichen ist zu gedencken desjenigen Gebetbuchs / als des seel. Hn. Scrivers güldenen Kleinods / und des seel. Hn. Arnds Paradieß-Gärtgens / welche beyde in einem Bande zusammen gebunden gewesen / daß dieses Buch in einer Küste mitten unter andern Sachen / die alle zu Aschen verbrannt / in der Gluth erhalten. Ich beziehe mich ohne fernere Erzehlung auf die von Tit. Herrn Joh. Martin. Schamelio / Pst. Prim. und Schol. Inspect. gehaltene und auff Begehren in Druck gegebene Brand-Predigt / benennet: Das erschreckliche Unglück in der Stadt Naumburg; allwo der gantze Verlauff gedachten Buches ausführlich erzehlet worden.

Weiter hat man auch dieses / als etwas sonderbares / wahr genommen / da vor dem Saltz-Thor an dem Hospital / welcher sammt dazu gehörigen Kirchlein / und darneben stehenden armen Hospital auch gantz in der Asche lieget / eine starcke eichene Säule stehet / in welcher die Allmosen-Büchse eingemachet; die Säule hat eben ein gutes Theil herunter gebrennet / wie auch unten von der Gluth Schaden gelidten / über der Büchse ist ein Oval-Täfelgen von Tännenholtze / darauff diese Worte stehen:

Armuth / Alter / Unvermögen /
Findest du allhie zugegen /
Diesen gieb was zu der Messe /
Glaubs: GOTT giebt reich Interesse. M. A. R.

Diese vorstehende Worte sind alle sehr unleserlich / und theils gantz schwartz von der Gluth und Hitze geworden; das Wort aber GOTT ist noch vollkommen schön in Golde zu sehen.

Ach! wir können dem grundgütigen Gott nicht genugsam dancken / daß Er das Unglück von der Stadt in Gnaden abgewendet; solte sich der Wind gedrehet und die Flamme herein getrieben haben / wie viel hundert ja tausend würden wegen Menge der Menschen und Pferde seyn ums Leben gekommen! was vor ein unersetzlicher Schade würde seyn an Waaren und Gütern zuschanden gegangen! Wiewohl die gute Stadt Anfangs nicht ausser Gefahr gewesen / denn in der Fischgassen brenneten etzliche Häuser / wurden aber balde wieder gelöschet; fünff Scheunen brannten ab; in der Herren-Gassen wolte es auch angehen / indem bereits 4. Häuser nach einander schon Feuer gefangen; es kommt ein glüender Wagen-Balcken auff des Fleischers Schadens Hauß / und zündet alsofort das Schindel-Dach an; in der Apotheken / bey dem Böttger und Becker haben sie löschen müs-


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sen wie auch bey Hr. Marcus Hoffmannen / da gar eigentlich zu sehen / wie der Schwamm in die Schindeln eingebrennet hat. Ohngeachtet nun dieses erbärmlichen Zustandes haben sich des andern Tages darauf verruchte Buben sonder Zweiffel durch Eingebung des bösen Feindes unterstanden / in der Stadt in einen Strohhauffen brennende Lunde und Schwefel zu legen / man ist es aber bald gewahr worden / und also dem Unglück zuvor kommen.

Endlich ist dieses noch zu gedencken / daß bey Verunglückung so vieler Menschen von dem greulichen Pulverschlage niemand von hiesigen Leuten aus der Stadt geblieben oder beschädiget worden / da doch viele dem Unglück sehr nahe gewesen / wie aus folgenden zu sehen seyn wird; sondern es hat lauter Frembde und Auswärtige betroffen.

1. Drey Kinder sitzen auf einer ChaiseAdelung: eine halbe Kutsche, ein zweysitziger Wagen ohne Thüren und Vorderwände in einem der eingefallenen Häuser und spielen / der Schlag geschiehet / das Hauß fället oben ein / denen Kindern wiederfähret nichts / da doch der Wirth findet / daß das eine Rad an der Chaise zerschmettert / brachte auch eine Speiche davon getragen / an welcher ein Arm und ein Stück von einer Hüffte eines (allem Ansehen nach) kleinen Bauer-Mädgens klebete / alle 3. Kinder sind unversehret.

2. Eine Frau ist in dem Keller / last einen Krug Bier ein / sie höret den Pulverknall / sitzet eben vor dem Fasse / den Augenblick reisset es ihr in dem Keller die Schleppen von dem Kopffe / der Frau ohne Schaden / befinden darnach / daß das Pulver eine grosse Parthie Schrote zu dem Kellerloche hinein geschlagen / und ihr die Schleppen vom Kopffe geschmissen.

3. Weil diese Frau im Keller und Bier holet / so stehet der Mann oben im Hause / hat das kleine Kind solange auff dem Arme / wartet / biß die Frau wieder kommet / als das Pulver loß gehet / schmeißt es den Mann sammt dem Kinde nieder; man fande an der einem Seite des Kindes bey dem Auge einen Schroot kleben / das Hauß fiel ein / dem Manne und Kinde wiederfuhr nichts.

4. Des Herrn Stadt-Musici sein Lehr-Pursche sitzet vor der Thür auff dem Steine / als das Pulver loß gehet / schmeisst es den Purschen von dem Steine herunter und in das Hauß hinein / den Hut vom Kopffe / welcher auch biß dato sich nicht wieder gefunden: Wo dieser nun auf dem Steine gesessen / da siehet man / daß es nicht alleine den Kalck / sondern Stücken Steine abgesplittert / welches von denen Kugeln derer Patronen und Schroten muß geschehen seyn / wie denn unterschiedliche Schrote noch aus der Wand ausgegraben worden. So es den Knaben nicht hätte weggeschmissen / hätte das angeschlagene Bley selbigem ohne Zweiffel den Kopff zerrissen.


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Man kan doch folgende zwey Puncte nicht vorbey gehen / woraus zu sehen / wie einen Theils auch eine hiesige Manns-Person vor Unglück behütet / andern Theils daraus abzunehmen / wie hoch die verunglückten Menschen in die Lufft seyn geschlagen worden:

Einen gewissen Freund / so neben dem Stadtpfeiffer-Purschen in der Haußthür gestanden / schmeisset das loßschlagende Pulver vor des Nachbars Hausthür / ehe er sich recolligiret hat / ist ein wenig Zeit verstrichen / wie er sich auffrichtet / siehet er / daß er vor der unrechten Thür lieget / hilffet sich in der grösten Schwachheit auff / und ob er wohl wegen Erschrecken fast auff keinem Beine stehen könne / ist er doch endlich an seine Thüre mehr gekrochen als gegangen. Als er in das Hauß hinein will / fället der eine Cörper erst neben ihm nieder / derselbe / welcher vor den jungen Krug gehalten wurde. Hieraus kan man judiciren / wie lange der Cörper in der Lufft gewesen / dabey aber auch GOTTes Vorsorge sehen / daß diesem Freunde kein Schade geschehen / ohngeachtet das Pulver etzliche 50. Schritte von ihm auffgegangen; und weil er die Hände auff dem Rücken gehabt / seynd ihm die Finger etzliche Tage vom Pulverdunst schwartz angelauffen gewesen.

Noch ein gewisser Bürger erzehlet / daß er gleich vor seiner Haußthür gesessen / und denjenigen / welcher in der Mühlgassen vor des Schusters Hause niedergefallen / in die Lufft fliegen sehen; Er saget / erstlich wäre es groß und gantz schwartz in dem Feuer gewesen / aber immer kleiner worden / weil es auch endlich so hoch von dem Pulver hinauff getrieben / sey es nicht anders gewesen als wie ein klein Vöglein / hätte auch nicht gemeynet / daß es wieder herunter kommen würde / es hätte sich aber in der Lufft und grossen Höhe immer herum gedrehet / wäre auch endlich wieder grösser worden / ie näher es herab gekommen / biß es gar nieder gefallen / und denn habe er gesehen / daß es ein Mensche sey.

Ein Nachbar auff der Herren-Freyheit / Namens David Ritter / welcher am Othmars-Thore gewohnet / gehet in seinen Keller / etwas hinunter zu räumen / hat aber das Unglück / daß / indem er im Keller ist / des Nachbars Hauß einfällt / und den Keller verdecket; der Mann kan nicht wieder heraus / mercket aber / daß der förderste Keller gantz verschüttet und auch an zu brennen fänget / machet sich erstlich unter die Fasse / kan sich aber keine Hülffe versprechen / dann fällt er nieder auff die Knie / ruffet inbrünstig zu Gott / und befiehlet sich seiner Vater-Treue. Folgenden Tages darauff / als Sonnabends / vermisset die Frau ihren Mann / und die Kinder ihren Vater; endlich spricht die Frau / ihr Mann würde viel


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leicht noch im Keller seyn / sie lässet sich helffen abräumen / findet / daß der fördre Keller ausgebrennet / am hindern Keller auch bereits die Thür gebrennet hat / als sie auffmachen / liegt der Mann noch auf den Knien / und ist rücklings in einen Winckel gefallen / hat einen grossen Gescht vor dem Munde / die Frau lässet ihn heraus und in die Stadt in ein Hauß tragen / welchen der Barbirer vor einen todten Mann angenommen / und ihm eine Ader geöffnet / alleine man hat kein Leben ihm verspüret; weil sie aber endlich gemercket / daß noch etwas Wärme an ihm / so haben sie mit Artzney-eingiessen und anstreichen nicht nachgelassen / da denn erst am Montag früh der Mann wieder zu sich selbst kommen / und noch am Leben ist / so lang als Gott will.

Nun der GOTT / der uns und unsere Stadt vor allem Unglück und gäntzlicher Einäscherung behütet / der halte seine Gnaden-Flügel ferner über uns und unser gantzes Land / behüte uns vor Feuer und Wassers-Noth / er stehe denenjenigen / so das Unglück betroffen / bey / Er erwecke gutthätige mitleidige Hertzen / so ihnen mit einer milden Beysteuer zu Hülffe komme! Er gebe uns allen Fried und Ruh / Gott spreche Ja darzu!

Eigentliche Nachricht / was die Stadt Naumburg durch Feuers-Brünste vor Schaden erlidten

Anno 1336. Ist Naumburg im Feuer verdorben.

1446. Brannte die Stadt aus biß auff die Jacobs-Gasse.

1457. Ist die Stadt wiederum halb abgebrannt.

1463. Desgleichen.

1505. Blieben beydesmahl kaum hundert Häuser stehen / welche das wütende Feuer nicht verzehrete.

1517. Seynd auff St. Ursel Abends 770. Häuser / die Kirche zu St. Wentzel / wie auch das Rathhauß abgebrannt / das Feuer hat gewähret von Abends 8. Uhr an / biß früh 4. Uhr / daß also von gantzen Stadt nur 70. Häuser stehen geblieben.

1532. Den 7. April / zwischen 1. und 2. Uhr Nachmittage / ist die gantze Freyheit / Dom sammt Kirchen Glocken jämmerlich in die Asche geleget worden / so gar / daß man in wenig Stunden von einem Thore zu dem andern sehen können.

Nach der Zeit und über hundert und etzliche Jahr hat der große GOtt die liebe Stadt Naumburg vor so grosse und merckliche Feuers-Brünste behü-


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tet / obgleich iezuweilen bald in der Stadt / bald auff der Freyheit / und absonderlich in den Vorstädten Feuer auskommen / so ist doch solches durch Gottes Gnade und Beystand balde wieder gelöschet worden. Als:

Anno 1690. Ist in der Mühlgassen in des Nagelschmiedts Hause Feuer auskommen / und dis eine Hauß abgebrannt.

1694. Den 4. Nov. früh zwischen 1. und 2. Uhr / kam vor dem Saltzthore in dem Gasthofe zum Scheffel Feuer aus / und brannte der Scheffel gantz ab / nebst noch 7 Häusern und 2. Scheunen.

1699. Gleich am Himmelfahrts Heil. Abende kam des Nachts in der Moritz-Gasse Feuer aus / also / daß etliche Häuser daselbst abbrannten.

1713. Den 2. Januarii kam früh um 2. Uhr in der grossen Neugasse Feuer aus / und brannten 4. Häuser ab.

In eben diesem Jahre den 9. Mart. kam des Nachts um 11. Uhr auff der Herren Freyheit Feuer aus / und brannte ein Hauß biß auf den untersten Stock nieder / wie auch von denen an beyden Seiten dran stehenden Häusern / die Hintergebäude und eine Scheune. Es ist alles wieder auffgebauet gewesen / aber in diesem

1714. Jahre durch den entstandenen grossen Brand am Petri und Pauli Tage / als den 29. Jun. von neuen und fast die gantze Freyheit in die traurige Asche geleget worden / also / daß nicht mehr stehen blieben als 25. Häuser / Domprobstey / sammt den 2 daran gebauten Häusern / der Hospital zu St. Lorentz / der Hospital am Freyheitischen Gottes-Acker / und wenig Scheunen hinter der Mauer.

Der sehr kostbare und weitberühmte Wertherische Garten aber ist zusammt den schönsten Früchten und Gewächs-Häusern dergestalt ruiniret und vom Feuer verderbet worden / daß man den Verlust und Schaden auf etliche tausend Thlr. schätzet. Die daran stossenden und gantz neu erbauten Scheunen seynd alle mit verbrannt / in deren zweyen / ohne das darinnen gelegene Getraide und Stroh / 150. Klafftern Scheit- und 300. Schock Reiß-Holtz gestanden / als selbiges in den Brand gerieth / war Sonnabends früh zwischen 2. und 3. Uhr / machte es eine solche Gluth / daß die Flamme 10. biß 12. Ellen höher schiene als die Thürme an der Dom-Kirche / doch hat GOtt das förder und Wohnhauß in Gnaden behütet.


san ko vi 013 085In denen Vorstädten stehen noch 88. Häuser / etzliche Scheunen / und die gantze Georgen-Gasse.

In Summa: Freyheit und Vorstädte zehlen 113. Häuser / so noch stehen / darunter auch diejenigen gerechnet / von welchen die Dächer abgerissen worden.

Dieses ist / geneigter Leser / was man demselben mit Warheit specificiren wollen / anbey versichernde / daß man sich keine Mühe verdriessen lassen / von allem gründliche und wahrhaffte Erkundgung einzuholen / und derer meist-erwehnten Sachen ein restis ocularis gewesen / und so viel sich thun lassen / selbst in Augenschein genommen. Der. G. L. lebe wohl und befreyet von allem Unglücke / damit man

Ihm mit einer erfreulichern Materi inskünfftige aufwarten kan.

Folgende Chronosticha hat eine gelehrte Feder entworffen.

nVMbVrgenses InCenDIo CItatI. V+M+V+I+C+D+I+C+I+I = 1714
Das FeVer Des GöttLIChen Zorns Ist an DIesen
Petro-PaVLI Tage ergangen.D+V+D+L+I+C+I+D+I+V+L+I = 1714

 

Pulverschlag-Stele

Gedenkstein für Johann Heinrich Zenner

Am 29. Juni 1714, während der Peter-Pauls-Messe, ereignete sich in der Fischstraße ein gewaltiges Unglück. Einer der dort aufgestellten Verkaufsstände mit Schwarzpulver fing Feuer, die Pulverfässer explodierten und setzten die umliegenden Häuser in Flammen. Der Wind trieb die Feuersbrunst die Fischstraße hinunter und über die trennende Mauer zur Domfreiheit, wo der Brand größten Schaden anrichtete. Insgesamt sollen dem Feuer über 20 Menschen zum Opfer gefallen sein und eine sehr große Zahl von Gebäuden – über 400? – brannten ganz oder teilweise ab.

Schnell verbreiteten reißerisch verfasste Flugschriften die Nachricht von dem schrecklichen Geschehen im ganzen Land.

Die Verwandten des Pulverhändlers Zenner aus Leipzig, von dessen Messestand das Unglück ausgegangen und der sein erstes Opfer war, ließen zu seinem Andenken eine Gedenkstele auf dem Friedhof der Wenzelsgemeinde errichten.
Der Friedhof wurde bei den Bombenangriffen im April 1945 weitgehend zerstört (heute befindet sich dort der Stadtpark). Die stark in Mitleidenschaft gezogene Stele konnte geborgen und in den Garten des Heimatmuseums versetzt werden, wo sie weiterhin an die Katastrophe von 1714 erinnern sollte. Aufgrund ihres schlechten Zustands wurde sie 2017 in das Stadtmuseum verbracht.

Noch 1881 waren die Inschriften der Stele gut lesbar:
Auf einem Vorhange an der Nordseite liest man in eingegrabenen Zügen:
„Dieser Stein bedeckt die Gebeine Herrn Johann Heinrich Zenners des Ältern aus Leipzig, welcher den 24. Febr. Anno 1642 gebohren. den 29. Juni als den P. Pauls Tag Ao. 1714 aber durch Entzündung des Pulvers seinen Geist aufgeben muste.“
Ein ovales Schild an der Südwestseite enthält die Worte:
„Ich bin nicht wo ich war, und war nicht wo ich bin, und wo ich itzund bin, komt nicht ein ieder hin.“
Nach Südosten zu auf einem gleichen Schilde steht:
„Des Feuers Macht ist schuld daran das ich zum Sternen steigen kann.“
Endlich steht auf zwei Seiten des Fußes der Pyramide in sächsischem Latein:
„HODIE MICHI“ (heute mir) – „CRAS DIBI“ (morgen dir) – „MEMENTO MORI“ (gedenke des Todes).
[Paul Mitzschke, Naumburger Inschriften, 1881, S. 390/391]

Eine ausführliche Schilderung des Pulverschlags von 1714 findet sich in der Flugschrift Balthasar Bossögels.

Avers: Bischof/Kardinal
CONSTITUES EOS PRINCIPES SUPER OMNEM TERRAM REX [Du wirst sie bestellen als Herrscher über die Erde, Psalm 44,17)
Revers: Kaiser/Papst
LETABITUR IVSTVS IN VIRTUTE TVA [Herr, der König freuet sich in deiner Kraft (Psalm 21,1)]

Avers: Papst/Teufel
Revers: Kardinal/Narr
Ohne Beschriftung

Avers: Papst/Teufel
ECCLESIA PERVERSA TENET FACIEM DIABOLI
Revers: Kardinal/Narr
ALIQVUANDO SAPIENTES STULTI

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    Reformationspropaganda für den Geldbeutel

    Spottmedaillen

    Kehr- oder Doppelkopfmedaillen waren ein beliebtes Mittel der Reformationspolemik. Sie nahmen wahrscheinlich das Vorbild päpstlicher Schaumünzen auf, die seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert Papstbildnisse trugen und verkehrten deren propagandistische Wirkung ins Gegenteil. Durch die Drehung der Kehrmedaillen um 180 Grad wird beispielsweise aus dem Papst- ein Teufelskopf. In der Regel – nicht immer – verstärken die überwiegend lateinischen Umschriften die ohnehin grob polemische Bildwirkung noch, indem die Grundaussage, die lutherische Gleichsetzung des Papstes mit dem Antichristen, verbal und unmissverständlich variiert wird. Die Kehrseiten der Medaillen zeigen in der Regel eine Kombination aus Kardinal und Narr, wobei der Narr in seiner traditionellen Bedeutung als dummer, törichter Mensch zu verstehen ist, der den Willen Gottes nicht zu erkennen vermag.

    Der Großteil dieser Spottmedaillen wurde wohl in den beiden Jahrzehnten nach 1539 hergestellt. Die Bildmotive wurden mehrfach kopiert und variiert und die Legenden finden sich in verschiedenen Kombinationen, so dass man vermuten kann, dass die Spottmedaillen in der Zeit der heftigsten konfessionellen Auseinandersetzungen ein gutes Zusatzgeschäft für ihre Hersteller bildeten, zumal nicht zuletzt die lateinischen Legenden auf ein gebildetes und damit zahlungskräftiges Zielpublikum schließen lassen. Ein Zusammenhang mit dem Naumburger Bischofsstreit wurde oft vermutet und Nikolaus von Amsdorf direkt als Initiator genannt. So habe Amsdorf eine hier nicht vertretene Doppelkopf-Medaille (Kardinal/Narr, revers ohne Bild) mit der Legende „EFFIGIES CARDINUM MUNDI/ EFFEMINATI DOMINABVNTUR EIS 1544“ von „Monstranz und Kirchenornat“ des Domes schlagen lassen. [Köhler, Münz-Belustigung, S. 244] Unsere Inv.-Nr. SG02177, deren ungewöhnliche Bildzusammenstellung Bischof/Kardinal – Kaiser/Papst in Verbindung mit den Legenden („Du wirst sie bestellen als Herrscher über die Erde“) mit unerwartet feinsinniger Ironie daherzukommen scheint, wurde ebenfalls Amsdorfs Initiative zugeordnet, ohne dass dies allerdings nachweisbar wäre. Es ist kaum möglich einzelne – oder gar alle – Spottmedaillen der Reformationszeit konkret auf diesen Ursprung zurückzuführen. Wenige – hier nicht vertretene – Exemplare werden bekannten Medailleuren wie Friedrich Hagenauer (um 1500-1546), Peter Flötner (um 1485/90-1546) und Hans Reinhart d. Ä. (um 1510-1581) zugeschrieben, in den meisten Fällen bleiben jedoch sowohl Medailleure als auch Hersteller und Herstellungsorte unbekannt.

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