SMN1

Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
Slider

Ehemalige...

Eindrücke eines Auswärtigen auf dem Naumburger Kirschfest.

Offiziell ist das Naumburger Kirschfest ein Kinderfest. Auf Grund einer alten Sage bedanken sich da die alten Naumburger bei ihren Kindern dafür, dass es noch Naumburger gibt. Vor einigen hundert Jahren sollen nämlich wilde Bauernhorden aus Böhmen (die Hussiten) vor Naumburg gestanden haben. Die trugen sich mit der Absicht, ganz Deutschland dem Erdboden gleichzumachen, weil der deutsche Kaiser Sigismund ihrem Führer Huß, den er mit feierlichen Versprechungen nach Konstanz gelockt hatte, dort jämmerlich verbrennen ließ. Die Naumburger müssen damals schon recht brav und kaisertreu gewesen sein; denn gerade auf sie hatte der Hussitengeneral Prokop eine ganz besondere Wut. Naumburg sollte glatt abrasiert und ausgerottet werden. Die guten alten Naumburger bekamen eine Heidenangst, taten ihren Kindern Stricke um den Hals und schickten sie so ins Feldlager zu dem wilden Prokop, damit sie ihn um Gnade anflehen sollten. Der war darüber so gerührt, dass er sofort mit seinen wilden Scharen wieder davonzog und die Naumburger am Leben ließ.

Leider ist die schöne Geschichte nicht ganz wahr. Die Hussiten sind nämlich, so lehrt die exakte Geschichtswissenschaft, auf ihrem Feldzug gar nicht bis nach Naumburg gekommen. Die Naumburger feiern ihr Dankfest trotzdem, wenn es ihnen auch inzwischen klar geworden sein dürfte, dass die Kinder nicht daran schuld sind, wenn es noch immer Naumburger gibt. Wenigstens nicht aktiv.

Die Kinder scheinen denn auch auf diesem Kinderfest etwas zur Nebensache geworden zu sein. Sie werden am Nachmittag - Montag die Jungens und Donnerstag die Mädchen - historisch angeputzt hinausgeführt und dürfen dort einmal mit einer eisernen Stechtaube nach einem hölzernen Vogel schießen. Damit keine Verwechslungen vorkommen, marschiert jede Schule für sich. Zuerst die Dom- und sonstigen „höheren" Schüler, dann die Bürger- und Mittelschüler, und dann der Plebs, die gewöhnlichen Volksschüler. Wenn alle geschossen haben, dann gehen die Bürgersöhnchen und -töchterchen zu ihren Papas und Mamas in ihr Zelt und tafeln. Die Proletenkinder dürfen draußen vorbeilaufen und sehnsüchtig durch die Zelttüren schielen. Damit das Gefühl für Standesunterschiede lebendig bleibt.

Diese Zelte, das ist die Hauptsache auf dem ganzen Kirschfest. Sie gehören teils angesehenen Bürgern, teils Vereinen. Am Abend tun hier die erwachsenen Proleten dasselbe, was ihre Kinder am Nachmittag taten: Sie laufen draußen vorbei und sehen durch die weit geöffneten Zelttüren zu, wie und was die „feinen Leute" zum Abendbrot essen. Und die Naumburger Spießer hantieren geziert mit Messer und Gabel, schauen hochmütig zur gewöhnlichen Masse hinaus und kommen sich unter ihren spitzen- und gardinenbehangenen Jahrmarktszelten wie kleine Herrgötter vor.

Wir kommen gerade zurecht zu dem allgemeinen öffentlichen Abendbrot und lassen uns treiben von dem an den Zelten vorbeiflutenden Menschenstrom. Über den ganzen Platz hinweg leuchtet ein großes schwarzweißrotes Schild: „ehemalige 38er". Warum sollen die ihren Kindern nicht für die Erhaltung Naumburgs danken und sich dabei einen ansaufen!

„Rechts ran! Verein ehemaliger Infanteristen Generalfeldmarschall von Hindenburg!" Schreit ein anderes Schild, und dann geht es los, Zelt für Zelt: „Verein ehemaliger Artilleristen", „ehemalige 4. Jäger", „ehemalige 55er". „Verein ehemaliger Bürger- und Mittelschüler", und als schönstes: „Verein ehemaliger Sachsen"! Uns wird ganz schwummrig ob soviel Ehemaligkeit. „Kirschfest?" sagt jemand, „da sind wir sicher falsch, hier ist bestimmt der Jahrmarkt der Ehemaligen!" „Es fehlt nur noch der Verein ehemaliger Kinder!" antwortet ein anderer.

Jetzt kommen wir zu einem besonders großen Zelt, das völlig leer steht. An jedem Türpfosten lehnt ein Kellner, die obligatorische Serviette unter den Arm geklemmt und wartet auf Besuch. Scheinbar ein öffentliches Zelt. Aber alles läuft draußen vorbei. Verwundert suchen wir nach der Ursache. Da fällt der Blick auf eine große schwarzrotgoldene Fahne, die über dem Zelt schlapp in der ruhigen Luft hängt. Sie hat auf diesem Jahrmarkt der Ehemaligen die gleiche Wirkung wie ein Schild „Zutritt verboten!" [...]

„Nie wieder Naumburger Kirschfest!" Das ist die einstimmige Meinung, als wir glücklich wieder im Zuge sitzen. Auf der Heimfahrt denkt man dann daran, dass der, den alle diese Ehemaligen im Herzen tragen, Naumburg einmal „die Stadt der alten Esel" genannt hat.

Und mit Verwunderung stellt man fest, dass ein „Verein ehemaliger alter Esel" noch nicht dabei war. Wahrscheinlich fehlt aber nur noch die passende Legende.

kirschfestmaedchen_frei_100i

[Der Volksbote, 4. Juli 1930]

Brotkrumen