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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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„Deutsch-tschechisches Friedensfest”

Erst 1954, nach 14 Jahren Pause, kam es zu einem Neubeginn. Das Drehbuch wurde abermals umgeschrieben, die Spuren des Nazi-Festes beseitigt, die Vorgaben der neuen Herren umgesetzt. Unter den Propagandisten des „Friedensfestes” schrieben in vorderster Linie jene Heimatschriftsteller, die noch vor wenigen Jahren die Hakenkreuzfahne begrüßt hatten.

Das Kirschfest wurde nun zum „Fest der deutsch-tschechischen Freundschaft” umgedeutet, der Festzug sollte „die Vergangenheit und die Gegenwart in ihrer revolutionären Entwicklung darstellen und von der festen Freundschaft zu dem tschechoslowakischen Volke getragen sein. Außerdem muss der ganze Festzug noch unter dem Zeichen des Kampfes gegen den Militarismus in Westdeutschland und die 10-jährige Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik stehen...”

Der schon früher gelegentlich benutzte Titel „Hussiten-Kirschfest” wurde nun offiziell verordnet. Die propagandistische Inanspruchnahme des Festes durch die SED verstärkte sich im Lauf der 50er Jahre, nachdem man sich der Protagonisten der 30er Jahre endlich entledigt hatte. Aus dem Kinderfest wurde ein Pionierfest, die Halstücher der Pioniere prägten das Bild. Der historische Festumzug sollte nun alle drei Jahre stattfinden, er zeigte die altbekannten, nur irgendwie sozialistisch frisierten „historischen Bilder”, ergänzt durch wichtige stadtgeschichtliche Ereignisse wie Oktoberrevolution und SED-Gründung.

Ein Höhepunkt des Kinder-, Pionier- und Friedensfestes bildeten zweifellos das durch einen echten Sowjetsoldaten nachgebildete Treptower Ehrenmahl und erstaunlich echt wirkende Kinderpanzer (1983).

Zwischenzeitlich wurde der historische Festumzug durch einen „Hussitenzug” ersetzt, aber spätestens zur 900-Jahrfeier 1978 war er wieder da. Auch die vorübergehend verbannte „Heroldszene” wurde wiederbelebt, deren Sinn wohl darin liegt, ein Korrektiv zur Kirschfest-Fabel zu schaffen, nach der die Amtsvorgänger der sozialistischen Würdenträger zur Rettung der Stadt ja nichts wesentliches beigetragen hatten.

Der „historische” Festzug näherte sich immer mehr den 1.-Mai-Kundgebungen an und es war 40 DDR-Jahre lang schwierig, genügend Darsteller zu finden. Auch blieben die Kosten des Festzugs erheblich, weil der größte Teil der Kostüme von gewerblichen Kostümverleihen bezogen wurde (eine Eigenheit des Naumburger Umzugs seit seinem Anfang im Jahr 1928).

Das Publikum hatte längst eine ausgesprochen passive Konsumhaltung entwickelt, worüber sich die Fest-Organisatoren jahrein, jahraus beschwerten, so auch Walter Wirth in einem Bericht an die Staatssicherheit (1963):

„Das Kirschfest leidet alljährlich darunter, dass ihm eine breite Massenbasis fehlt... Das Fest ist eine Angelegenheit in der gesamten Vorbereitung des Rates der Stadt und seiner Mitarbeiter geworden. Im Kirschfestausschuß sind meist nur Mitarbeiter des Rates der Stadt tätig, die das Kirschfest als Teil ihres Arbeitsgebietes betrachten. Deshalb läuft zwar die organisatorische Arbeit stets gut an, da aber die Bevölkerung um die Vorbereitung nicht aktiv eingeschaltet wird, sind die Mitarbeiter überlastet, da ja ihre eigentliche Arbeit weitergehen muß... Bürgermeisterin Weinert erklärte, dass in Gesprächen mit der Bevölkerung immer wieder zum Ausdruck käme, dass das Kirschfest nicht mehr das Fest sei, dass die alten Naumburger in Erinnerung hätten. Es fehlten Zelte und die Bratwürste.”

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