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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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Das „Bänderfest” 1938/39

Die Machtübernahme der Nazis in Reich und Stadt änderte für das Kirschfest wenig – es war längst in der Hand der einschlägigen Kreise. Niemand formulierte das besser als der Heimatschriftsteller Friedrich Hoppe, ein Mitläufer der ersten Stunde:

„Nun flattern wieder die verfemt gewesenen Fahnen des Reiches über der Zeltstadt, und als neues Symbol des Aufstiegs das Banner des Dritten Reiches mit dem uralten Sonnenrade unserer Ahnen. Die Lehrer, die vor wenigen Jahren versucht hatten, dem Feldzeichen, unter dem sie gekämpft und geblutet hatten, an ihrem Zelte einen würdigen Platz zu geben und das Fahnentuch aus der Zeit der Schande in den Hintergrund drängten, werden nicht mehr verfolgt, und der Rat der Stadt braucht nicht mehr Berichte an die vorgesetzte Behörde zu entwerfen, um sich gegen die Anwürfe der roten oder schwarz-rotgelben Bonzen zu rechtfertigen.”

Das Kirschfest gedieh unter dem Hakenkreuz wohl, die Anpassung scheint den Organisatoren nicht schwer gefallen zu sein. Parteigliederungen (NSV, KdF, DAF, SA, NSKK etc.) übernahmen Funktionen wie den Verkauf der Kirschfestplaketten, die Musikbegleitung etc., die DAF stellte ein großes Festzelt auf. Der Ablauf des Festes blieb vorerst weitgehend unverändert.

Aber auch im Kontext des Kirschfestes zeichnete sich die „Umwertung aller Werte” ab. Schon seit Beginn der dreißiger Jahre manifestierte sich das Unbehagen der Nationalen an der Hussitengeschichte in der Darstellung Prokops und seiner Männer: diese wurden nun anders dargestellt als früher, als primitiv, barbarisch. Ernst Borkowsky formulierte die chauvinistischen Vorbehalte 1933 so:

„Die ganze Naumburger Hussitengeschichte bleibt eine reine Kindersage - aber entspricht doch nicht dem Geiste des nationalen Aufschwungs unserer Tage, wenn man ein Bürgertum besingt, dem jede Courage fehlte, und wenn man die Großmut und Liebenswürdigkeit eines Helden feiern soll, der ein fanatischer Tscheche und ein wüster Zerstörer des Deutschtums gewesen ist...”

Als schließlich im Jahr 1938 der „Völkische Beobachter”, zwei Wochen vor dem Kirschfest, in einem antitschechischen Hetzartikel auch auf das Naumburger „Hussitenlied” einging und schwere Kritik an Lied, Sage und Fest äußerte, nahm dies Friedrich Uebelhoer, Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter, zum Anlass, in einer Hauruck-Aktion das Kirschfest innerhalb weniger Tage neu erfinden zu lassen. Unter Anleitung der berüchtigten „Landesanstalt für Volkheitskunde” in Halle wurde das Kirschfest-Konzept umgeschrieben, indem man die Hussitensage radikal tilgte:

An der Spitze jeden Spielmannszugs sollte nun ein „Bändermann” die Jugend im Auftrag des „Grünen” zusammenrufen – beides angeblich „alte Symbolgestalten”. Letzterem oblag es, einen Umzug jungvermählter Paare auf den Markt zu führen und sie dort, die „Lebensrute” schwingend, zu umtanzen, während Kinder einen Bändertanz aufführten. Das ganze sollte ein „germanisches Fruchtbarkeitsfest” abgeben, in der „deutschem Brauchtum entsprechenden Form”.

Der organisierte Fremdenverkehr unterstützte das Projekt: Einem KdF-Sonderzug entstiegen 600 Leipziger Gäste und marschierten – viel Kraft, wenig Freude – im Gleichschritt vom Bahnhof zum Kirschfestumzug. Das von den „Heimatforschern” beflissen gerechtfertigte Vorzeitritual fand jedoch beim Naumburger Publikum wenig Anklang: nur vereinzelte frischvermählte Paare waren bereit, sich im Rahmen eines „Fruchtbarkeitsbrauchs” zu exponieren.

Im Jahr darauf wurde der „Grüne” denn auch durch einen „Lebensbaum” in Form einer drögen Bevölkerungsstatistik ersetzt. Knabenfest, Mädchenfest, Vogelschießen, Kirschfestzöpfchen, Fassbrause – das Fest lief größtenteils ab wie früher, aber es hatte seine Unschuld schon vor geraumer Zeit verloren. Der Kirschfestausschuss, dem das Heft längst aus der Hand genommen war, löste sich kurz vor dem Festtermin 1939 auf. Von 1940 an fiel das Kirschfest aus.

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