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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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Schwarzweißrot statt Schwarzrotgold

Mehrfach musste das Kirschfest aufgrund von Kriegsereignissen und Katastrophen ausfallen und mehrfach war die Wiederaufnahme des Festes ungewiss. Der Erste Weltkrieg bildete eine besondere Zäsur. Mit dem Kaiserreich schien auch jene Welt untergegangen zu sein, in der das Kirschfest fest verankert war. Deswegen war es Anfang der 20er Jahre durchaus strittig, ob und in welcher Form die Festtradition wieder aufgenommen werden sollte.

1921 berief der Magistrat eine „Kirschfestdeputation” unter dem Stadtrat Ernst Bethge, die rasch in Konflikt geriet mit dem konservativen „Kirschfestausschuss von 1885”. Bethge versuchte, das Kirschfest neu zu definieren:
  • Als Lehrer schlug er vor, die Kinder wieder in den Mittelpunkt zu stellen und eine Vielzahl von Angeboten für diese zu entwickeln;
  • als Schriftsteller suchte er die burlesken Elemente der Sagentradition zu betonen (seiner Initiative sind die Notgeldscheine mit den Scherenschnitten von Walter Hege zu danken; auch ein humorvolles Kirschfestspiel entsprang seiner Feder);
  • als Adept der Lebensreformbewegung brachte er Motive der bündischen Jugend ins Spiel (Fackelumzug, Sonnwendfeier);
  • als Sozialdemokrat schließlich machte er den Vorschlag, einen „Festzug der Arbeit” abzuhalten, bei dem sich alle Naumburger Gewerbe präsentieren sollten.

An einem Punkt schieden sich die Geister besonders: Namentlich ein Teil der Lehrerschaft und der Gewerkschaften verwies auf die neu gewonnene Religionsfreiheit und arbeitete darauf hin, den obligatorischen Kirchgang aus dem Festprogramm zu entfernen.

Schließlich entstand auch noch Uneinigkeit über die Dauer des Festes, das die Stadtverordnetenversammlung auf zwei Tage zu verkürzen trachtete, so dass schließlich für 1922 und 1923 die Wiederaufnahme des Kirschfestes abgesagt wurde.

Schon 1922 verlangte die Kirschfestdeputation, dass künftig alle „nationalistischen” Kennzeichen zu vermeiden seien. Als aber 1924 das erste Kirschfest nach dem Krieg durchgeführt wurde, hatten sich die rückwärtsgewandten Kräfte in der Stadt (einer Hochburg der rechtsradikalen DNVP) schon soweit durchgesetzt, dass sie das Kirschfest zu einem Bollwerk gegen die Republik machen konnten. Sie wollte nicht nur das alte Kirschfest wiederhaben, sondern auch gleich noch den alten Kaiser Wilhelm und die dazugehörige Gesellschaftsordnung. Sowohl im Umzug als auch auf der Festwiese waren überall schwarzweißrote Bänder, Wimpel und Fahnen zu sehen. Die Farben der Republik waren explizit für unerwünscht erklärt worden. Ein Teil der Zelte wurde nun von „ehemaligen” Soldatenverbänden betrieben, sogar die Musik kam zum großen Teil – zum Verdruss übrigens der Naumburger Berufsmusiker – von einer „Stahlhelm”-Kapelle.

Als die Bezirksregierung versuchte, das staatsfeindliche Zurschaustellen der Farben des alten Reiches zu unterbinden, verbannte der „Kirschfestausschuss” alle politischen Farben aus dem Festbild, angeblich um der „politischen Neutralität” willen, und ließ nur noch die Stadtfarben rot-weiß (!) zu. Damit erhielten nun auch die traditionellen rotweißen Fähnchen eine antirepublikanische Konnotation.

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