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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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Repräsentationsbedürfnisse: Zelte und Umzüge

Kein öffentliches Fest funktioniert auf Dauer alleine um des Vergnügens willen. Immer verbinden sich im Hintergrund wirkende heterogene Bedürfnisse und Interessen. So geriet, je größer das Kirschfest wurde, der ursprüngliche Anlass – Belohnung und Disziplinierung der Schülerschaft, Ehrung und Alimentierung der Lehrer – in den Hintergrund.

Je größer und bedeutsamer das Fest wurde, desto wichtiger wurden die wichtigen Leute. War noch im 18. Jahrhundert kaum ein Erwachsener am Fest beteiligt, so änderte sich dies mit dem Aufkommen der Familienzelte: Die (wohlhabenderen) Eltern der Schüler stellten Zelte auf der Festwiese auf, in denen ihr Sprössling verköstigt wurde. Dann ging man zu Nachmittagskaffeerunden für Verwandte und Bekannte über, dann zu abendlichen Zusammenkünften. Zu den Familienzelten gesellten sich einige „offizielle”, von der Stadt gestellte Zelte: das Lehrerzelt, das Magistratszelt und schließlich das „Referendarienzelt”, in dem sich die zahlreichen Juristen der Naumburger Gerichte trafen und das im gesellschaftlichen Leben fortan eine dominierende Rolle spielte.

Längst war es eine Prestige-Angelegenheit, ein Zelt auf der Festwiese zu besitzen – für die Familien des etablierten Bürgertums eine gesellschaftliche Verpflichtung. Einzuladen und eingeladen zu werden gehörte zum Spiel – natürlich war der Zugang zu den Zelten nicht öffentlich. Das Zelt der Referendare integrierte die zugezogenen Juristen, immerhin. Ansonsten war das Kirschfest in seiner Blütezeit eine exklusive Angelegenheit, das heißt: der größte Teil des Publikums waren ausgeschlossene Fest-Zuschauer. Dies änderte sich nur allmählich, als die Familienzelte durch größere Vereinszelte ersetzt wurden und diese schließlich in die Bewirtschaftung von Gastronomen übergingen.

Folgerichtig nutzten auch die politischen Instanzen die Repräsentationsgelegenheit der Festwiese. Im Magistratszelt empfing die Stadtregierung Ehrengäste und dort feierte sie sich selbst.

Ähnlich verhielt es sich mit den Festumzügen. Die Schüleraufzüge, die den Ausgangspunkt des Kirschfestes gebildet hatten, gerieten immer mehr ins Abseits, während die seit 1928 zelebrierten „historischen” Umzüge schließlich in repräsentativen Szenen auf dem Marktplatz mündeten, wo sie die jeweils bestehende Ordnung feierten. In den Mittelpunkt rückten Szenen, die gewichtige Männer dabei zeigen, wie sie Geschichte machen.

Die "historischen" Umzüge selbst bestehen aus einer Folge von versatzstückhaften "Bildern", deren zentraler Sinn darin zu sehen ist, dass sie die historische Verwurzelung der gegenwärtigen Ordnung herleiten und untermauern - eigenartigerweise über die Systemgrenzen hinaus in erstaunlicher Kontinuität. Diese Umzüge waren und sind spielerisch allenfalls in ihren äußerlichen Merkmalen. Im Wesen sind sie ernst: Insbesondere die Würdenträger fallen (auch durch noch so viel Alkoholkonsum) nicht aus Ihren Rollen, sie stellen sich vornehmlich selbst dar, sie "prangen", wie man das früher nannte. Es verwundert wenig: Wie jedes derartige Fest kann auch das Kirschfest als Inszenierung der herrschenden Verhältnisse gelesen werden.

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