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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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Der Kirschfestsagenskribent

Die „Kirschfestsage” wäre wohl längst vergessen, wenn nicht am Ende des 18. Jahrhunderts der ehemalige „Garnisonskinderlehrer” Johann Georg Rauhe daran gegangen wäre, die Geschichte kräftig auszuspinnen. Nachdem Rauhe aus dem Schuldienst ausgeschieden war, lebte er mehr recht als schlecht davon, erfundene „Chroniken” an gutbetuchte Kunden zu verkaufen. Keine dieser umfangreichen, ganz der Phantasie entsprungenen Handschriften wurde jemals gedruckt, mit Ausnahme jener Episode über die hussitische Belagerung der Stadt.

Bis ins kleinste Detail schilderte er in der Schrift „Die Schwachheit über die Stärke” (1782) die Belagerung und wundersame Errettung Naumburgs durch die tapferen Kinderchen. Er führte den „Viertelsmeister” Wolf und den Hussitengeneral Prokop ein. Und so sehr entsprach seine Novelle dem sentimentalischen Zeitgeist, dass sie dem Kirschfest fortan den Stempel aufdrückte.

Doch obwohl Rauhes Ausgestaltung der Fabel rasch zur Folklore wurde, dankte ihm die Nachwelt nicht. Der strenge Carl Peter Lepsius nahm den armen Poeten beim Wort und widerlegte alle seine Erfindungen. Und seither vergeht kein Jahr, in dem niemand die „Hussitensage” als Fälschung entlarvt. (Andererseits findet sich immer wieder ein verständnisvolles Publikum, das die Geschichte so schön findet, dass es durchaus daran glauben will.)

Wenn man sich aber fragt, warum Rauhe so harsche Kritik für seinen sentimentalen Erfindungsgeist einstecken musste, dann wird man wohl den Kern seiner Moralerzählung ins Auge fassen müssen: "Schwachheit über die Stärke", unschuldige Kindlein, angeführt von einem hungerleidenden Lehrer, bewirken mehr als alle kommunalen Leistunsträger. Das ist rührseling, gewiss, es trägt aber auch etwas aufrührerisches in sich. Kein Wunder, dass man sich darüber ärgerte, wie der Landrat Lepsius, oder sich darüber lustig machte, wie der Assessor Seyferth.

Der Kirschfesthymnendichter

Wenig Dank erntete auch der Autor des zweiten literarischen Meisterstücks, das seinem Schöpfer eigentlich hätte Lorbeer bringen sollen. 1832 feierte Naumburg das – vermeintliche – 400. Jubiläum der „Errettung”. Carl Seyferth, ein 23-jähriger Gerichts-Assessor schrieb aus diesem Anlass das „Kirschfest-Lied”, das im „Referendarienzelt” auf der Festwiese als Bänkelsang zum Besten gegeben wurde. Ein Kollege steuerte unbeholfene Illustrationen bei. Der „Bänkelsang” entzweite das Publikum: unschwer als Parodie zu erkennen, kränkte das schlichte Lied jenen Teil des einheimischen Publikums zutiefst, dem die Hussiten-Geschichte zum heiligen Ernst geworden war. Als die – ortsfremden! – Referendare das Lied außerhalb ihres Zeltes vortrugen, kam es zum Volksauflauf und die Fäuste flogen. Das Tableau ging in Flammen auf.

Das Lied, seltsam genug, wurde dennoch wieder und wieder gesungen, so lange und mit zunehmender Inbrunst, bis kaum noch jemand merkte, dass es sich um ein Spottlied handelte.

Der Dichter jedoch verließ Naumburg bald und behielt die Prügel, die er bezogen hatte, in bleibender Erinnerung.

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