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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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Rechtfertigung

In der krisengeschwängerten Atmosphäre der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam vieles auf den Prüfstand, was bis dahin schon dadurch gerechtfertigt war, dass es althergebracht erschien. Das jährliche Schulfest gehörte wohl dazu. Es hatte bereits öfters Ärger gegeben mit Schüler, die über die Stränge schlugen. Ende des 16. Jahrhunderts forderten die Lehrer, das Fest abzuschaffen, weil zuviel Unfug getrieben wurde. Man verbot das Schlagen von Weiden- und anderen Zweigen, schränkte das Mitführen von Waffen ein und den übermäßigen Aufwand an Speisen und Getränken. Und man fragte wohl zum ersten Mal nach dem konkreten Anlass, der das Fest rechtfertigen würde.

Diese Frage nach der Rechtfertigung entsprang nicht nur der ökonomischen Krisensituation. Das protestantische Denken begegnete dem Vergnügen mit Skepsis. Ohne tugendsamen Hintergrund war öffentliche Belustigung anrüchig. Andererseits: Man hatte im reformatorischen Eifer die katholischen Volksfeste, den Karneval, das Fronleichnamsfest und die anderen prächtigen Prozessionen bereits weitgehend verloren. So war man wohl durchaus bemüht, wenigstens die minderen Festereignisse des Jahres zu erhalten.

Die Hussitensage

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstand die Geschichte von der Hussiten-Belagerung als ätiologische Sage. (Das ist eine Erzählung, die den Ursprung von etwas erklärt – ohne dass diese Erklärung auch nur „einen Kern” Wahrheit enthalten muss.)

Die Ausformung der „Sage” geschah, sagentypisch, in Etappen. Schriftlich fixiert tauchte zunächst nur das Gerücht auf, das Kirschfest gehe auf eine wundersame Errettung Naumburgs zurück (1670, Georg Celius). Dann brachte ein Lehrer, der Rektor der städtischen Schule, die Kinder ins Spiel, denen die Rettung zu verdanken sei (Johann Töpfer, 1671).

Schließlich zaubert ein weiterer Lehrer die Hussiten aus dem Hut, von denen die Stadt belagert worden sei und die sich dem Wehklagen der unschuldigen Kindlein geschlagen gegeben hätten (Jakob Franke 1685; Martin Borck, 1746). [Bereits früh begegnete eine konkurrierende Motivvariante, nach der der Vorfall auf den Sächsischen Bruderkrieg zurückginge (Kaspar Eulenberger). Diese fand in periodischen Abständen ihre Liebhaber, konnte sich aber nie durchsetzen.]

Die Funktion dieser anschwellenden Erzählung geht über die Ätiologie hinaus: sie hebt das vorübergehend etwas verwilderte Schulfest auf eine moralisch höhere Stufe und rechtfertigt es damit vor Gott und der Welt.

Interessant ist, dass die Wahl auf die Hussiten fiel: diese waren ja für die katholische Gegenreformation wahre Teufel, während die Protestanten zumindest zu Jan Hus ein positiveres Verhältnis hatten: Das Gemälde in der Naumburger Wenzelskirche „Luther und der Schwan” spielt darauf an, dass man Hus („Gans”) als Vorläufer Luthers sah.

Die Naumburger „Sage” ist nicht originell: sie wandert in der einen oder anderen Ausprägung von Stadt zu Stadt und die Beispiele für solche Rettungsgeschichten sind zahlreich (z.B. die Dinkelsbühler „Kinderzeche”). Sie wurden mündlich weitergetragen, mehr aber noch über das Massenmedium der Zeit: die Flugschriften. Langfristig wirksam waren sie nur, wenn sie schriftliche Form annahmen.

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