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Stadtmuseum Hohe Lilie Naumburg
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Was ist das: „Kirschfest”?

Es ist gar nicht so einfach, Kriterien festzulegen, die das Kirschfest definieren. Was mag als unveränderliches Merkmal gelten? Was ist das Wesen des „Kirschfestes”?

Die Kirschen? Sind sie das wichtigste am Kirschfest? Von ihnen hat das Fest seinen Namen. Aber oft genug wurde das Kirschfest ohne Kirschen gefeiert, weil die Kirschen noch nicht reif waren, weil die Kirschenzeit schon vorbei war, weil es wegen schlechter Witterung keine Kirschen gab. Es wurde dann anderes Obst an die Kinder verschenkt: Birnen, Äpfel, Trockenobst, sogar Nüsse.

Die Kleidung? Es gibt keinerlei Hinweis auf spezielle Kirschfest-Kleider in der Frühzeit. Die „Kirschfestkleidchen” (sentimentaler: „Sterbekleidchen”) sind der Inszenierung der Rauheschen Kirschfestsage gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu verdanken. Zeitweise trugen alle Schülerinnen weiße Kleidchen, Anfang des 20. Jahrhunderts in Verbindung mit Blumenkränzchen im Haar. Die Knaben hingegen trugen wohl nie weiße Hemdchen. Ihre Kleidung entspricht immer dem vorherrschenden Zeitgeschmack, insbesondere in der Kaiserzeit war sie ausgesprochen militaristisch (also im Widerspruch zur Kirschfestfabel).

Der Termin? Auch der Termin hat sich öfters geändert. Die Längste Zeit beging man das Kirschfest in der Woche nach Jakobi, dem 25. Juli, also Ende Juli/Anfang August. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg sorgte die Lehrerschaft dafür, dass das Fest auf die Woche vor den Sommerferien verschoben wurde. Erst seit den 1990er Jahren ist die letzte Juniwoche als Kirschfestwoche festgelegt.

Der Ort? Die Vogelwiese stand längst nicht immer im Mittelpunkt des Festgeschehens. Zunächst zogen die Naumburger Schulkinder ins Buchholz oder in den Bürgergarten, zur Vogelstange, in den Zwinger der Stadtmauer, manchmal blieben sie auch in der unmittelbaren Umgebung der Schule, um sich dort zu vergnügen. Die Vogelwiese kam erst relativ spät ins Spiel.

Das Vogelschießen? Solange das Vogelschießen ein Wettbewerb der Erwachsenen war - und das war er schon im 14. Jahrhundert und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein – so lange hatte es mit dem Kirschfest nichts zu tun. Erst als das Vogelschießen mit der Armbrust langsam ganz aus der Mode kam, wurde im frühen 19. Jahrhundert das zuvor schon eingeführte Kinder-Vogelschießen aufs Kirschfest verlegt.

Die Zelte? Es ist schwierig zu sagen, wann die typischen Festzelte aufkamen. Es war wohl auch um das Jahr 1800 herum, dass diese erstmals aufgestellt wurden. Davor war davon nichts zu sehen. Allenfalls von Laubhütten ist in den Quellen zu lesen, die sich die Schüler bauten. Auch hatten die zunächst gebräuchlichen "Familienzelte" mit den heutigen großen Festzelten wenig gemein.

Die Hussiten? Tatsächlich liefert die „Hussiten-Sage” seit fast 400 Jahren die geschichtliche Ausschmückung zum Fest, ohne dass sich diese aber in dominanter Form auf die Festgestaltung ausgewirkt hätte. Wobei sicher auch eine Rolle spielt, dass Carl Peter Lepsius schon vor 200 Jahren etwas humorlos nachgewiesen hatte, dass die rührselige Geschichte gänzlich aus der Luft gegriffen war.

Es bleibt: der Kinderumzug. Er scheint das einzige Merkmal zu sein, das tatsächlich Konstanz aufweist. Die Naumburger Schüler – seit Mitte des 18. Jahrhunderts auch die Schülerinnen – ziehen aus der Schule vorzüglich ins Grüne, wo sie Kirschen oder anderes Obst geschenkt bekommen. Das war einmal das Kirschfest.

Aber ist es das heute noch?

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